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Kino ist etwas aus dem Leben – „Art War Displacement“

Im folgenden Eintrag wird die Arbeit der Film Akademie und Film Kommune Rojava beleuchtet an welcher der Drehbuchautor und Filmproduzent Önder Çakar beteiligt ist und auch unterrichtet. Dabei wird vor allem auf das Selbstverständnis und die Werte dieser Filmschaffenden eingegangen. In einem weiteren Schritt wird versucht die Praktiken der Rojava Film Kommune mit Ausschnitten aus Hito Steyerls Buch Duty Free Art (2017) in einen grösseren Kontext des globalen Kapitalismus und seiner Kunstwelt zu stellen.

Die letzte Veranstaltung vom 29.11.18 trägt den Titel „Art War Displacement“. An dem Abend ist die Künstlerin, Filmemacherin und Schriftstellerin Hito Steyerl anwesend, die sich in vielen ihrer Arbeiten mit Krieg, Postkolonialismus und Feminismus auseinandersetzt. Mit ihr gekommen sind die Kultur- und Kunstschaffenden Heja Netrik, Önder Çakar und Şener Özmen. Sie alle stehen in einer gewissen Beziehung zu Steyerl. Sie stellt uns die Kulturschaffenden kurz vor und beschreibt sie als ihre Freund*Innen, aber auch als das Netzwerk, in das ihre eigenen Arbeiten und sie selbst verwoben sind. Daher finden sich ihre Namen in den Krediten unterschiedlicher Arbeiten. Sie selbst steht also an diesem Abend nicht im Vordergrund. Sie gibt vielmehr den Rahmen, den Hintergrund, welcher von den anwesenden Kulturschaffenden mit ihren Erzählungen, Filmen und ihrer Musik bespielt wird.

Önder Çakar ist Drehbuchautor, Schauspieler und Filmproduzent. Er unterrichtet derzeit an der Rojava Film Academy und ist Teil der Rojava Film Kommune. Çakar lebte in der Türkei als der Angriff auf den kurdischen Kanton Kobanê in der selbstverwalteten Region Rojava stattfand – für ihn ein Ereignis das die ganze Welt betrifft. Çakar machte sich auf den Weg in die betroffenen Gebiete und wurde schwer verletzt. Nachdem er von Erfolgen des Wiederstandes hörte während er in der Türkei behandelt wurde, kehrte er nach Kobe zurück und beteiligte sich am Aufbau einer Kunst und Filmschule und an der Etablierung einer alternativen Kino- und Filmkultur. Aufgrund der Dringlichkeiten der dortigen Gegebenheiten erscheint dies im ersten Moment etwas zweitrangig. Doch Çakar erzählt von den Wünschen und Träumen der Leute dort und ihrem Kampf, der nicht nur Kobanê betrifft, sondern eine neue Welt vor Augen hat. Und Träume können nicht ohne Kunst erreicht werden, so Çakar. Auf einer Webseite, welche die Kommune beschreibt, steht: „[…] the Commune aims to reclaim cinema and film as a central space of reimagining society: democratising and revolutionising imagination itself.[1] Die Kunst soll dabei die Gesellschaft zum Thema haben. Es geht nicht um ein elitäres Kino, sondern um ein populäres. So findet sich auf dem alternativen Medienportal ANF News ein Interview mit einem weiteren Kommunenmitglied Alberto Garcia. Dieser sagt zum Kino: „Kino ist etwas aus dem Leben. Es macht das Leben zum Thema. Es sollte darauf fokussiert sein, den Menschen die Gelegenheit zu geben, sich einander und ihre Geschichten kennenzulernen und eine gute Zeit zu verbringen.“[2] Das Kino verbindet und bildet Netzwerke, zwischen Kunst- und Kulturschaffenden aber auch zwischen Kunst- und Kulturkonsumierenden.

Foto: Visible, 2017. Source.

Die Rojava Film Akademie und Kommune öffnet einen Diskurs, der nach Aufgaben und Möglichkeiten der Kunst fragt. In diesem Diskurs treffen sich Steyerl und Çakar wieder, wie sie es auch schon in Nordsyrien gemacht haben. In ihrem Buch Duty Free Art beschäftigt sich Hito Steyerl mit den Verknüpfungen zwischen Kunst, KünstlerInnen, KuratorInnen, dem neoliberalen Kapitalmarkt und dem weltweiten Bürgerkrieg. Im Kapitel „If You Don`t Have Bread, Eat Art! Contemporary Art and Derivative Fascisms“ beschreibt sie das Verkommen der Kunst zu einer alternativen Währungsform: „In times in which financial institutions and even whole political enteties may just dissolve into fluffy glitter, investment in art seems somehow more real.“[3] Sie beobachtet dadurch eine Entfremdung der Kunst von ihren eigentlichen Werten und Netzwerken und appelliert:

Ask yourself: Do you want global capitalism with a facist face? Do you want to artwash more insane weather, insane leaders, posionous and rising water, crumbling infrastructures, and brand-new walls? How can people geuinely share what they need? […] How can artistic (and art-related) autonomy evolve from haughty sovereignty to modest networked devolution? How can platform cooperatives contribute to this? Can art institutions follow the lead of new municipialist networks and alliances of “rebel cities“? In the face of deriviate fascisms, can local forms of life be reimagined beyond blood, soil, nation, and coroption, as networks of neighborhoods, publics, layered constituencies?“[4]

Folgt man dieser Passage ist auch für Hito Steyerl die Re-Organisierung von Netzwerken und die Re-Imaginierung von Zusammenleben der Schlüssel zu einer neuen Welt. Und genauso wie bei der Rojava Film Kommune verschmelzen dabei die Sphären der Kunst mit jenen der Gesellschaft. So könnten also Kunst-Projekte, wie die Film Kommune Rojava, einerseits helfen die Kunstwelt aus den Zwängen des globalen Kapitalismus zu befreien und in neue Netzwerke zu integrieren, andererseits bilden sie gleichzeitig auch Austauschplattformen, auf denen neue Gesellschaftsmodelle und Formen von Zusammenleben ausgehandelt werden können.

Text von Noah Lopez.


[1] Visible 2017

[2] ÇAKSU 2018

[3] Steyerl 2017: S. 182.

[4] Steyerl 2017: S. 188-189.Q

Literatur
Çaksu Ersin: Film-Kommune von Rojava: Alternative zum elitären Kino. ANF News 2018. URL [eingesehen am 01.12.18].
Steyerl, Hito: Duty Free Art. Art in the Age of Planetary Civil War. London, New York 2017.
Visible. Rojava Film Academy – Rojava Film Commune, 2017. URL [eingesehen an 01.12.18].

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