Kunst, Literatur

10½ Gründe, Mascha Kaléko neu zu lesen

Von Nina Kunz. Dieser Text ist Teil der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» im Rahmen von «Schreibweisen, Genres und die Verhältnisse der Geschlechter» von Art of Intervention.

1. Vor Mascha Kaléko habe ich nie Lyrik gelesen. Denn Lyrik wurde mir in der Schule verdorben. Mein Deutschlehrer war nämlich sehr streng und erpicht darauf, dass wir alle mindestens Goethe zitieren können. Also trug er uns auf, Gedichte wie «Prometheus» auswendig zu lernen. Ich kann es immer noch im Schlaf:

Bedecke deinen Himmel Zeus,
mit Wolkendunst,
und übe, dem Knaben gleich,
der Disteln köpft,
an Eichen dich und Bergeshöhn.

2. Jedenfalls dachte ich, Lyrik sei lame. Lyrik sei was von und für tote Männer. Doch dann schenkte mir ein Freund auf meinen 17. Geburtstag «Das lyrische Stenogrammheft» von Mascha Kaléko und mein Hirn explodierte, weil ich dachte: Diese Worte sind so klar, so frisch, so präzise, so melancholisch, so frei von jeder Genie-Pose und darum genial. Diese Worte sind für mich! Zum Beispiel:

Ich sitz in meinem Stammcafé
Es ist schon spät. Ich gähne…
Ich habe Sehnsucht nach René
Und ausserdem Migräne.

3. Zuerst zum Erfreulichen: Mascha Kaléko wird am 7. Juli 1907 in Chrzanów (Österreich-Ungarn) geboren und zieht 1918 mit ihren Eltern nach Berlin-Spandau. 1925 beginnt Mascha im Büro der «Arbeitsfürsorge der jüdischen Organisationen Deutschlands» eine Lehre, nebenbei besucht sie Abendkurse in Philosophie und Psychologie. 1928 heiratet sie den Philologen Saul Aron Kaléko, und in dieser Zeit frequentiert Kaléko auch das «Romanische Café», wo sie die Avantgarde Berlins trifft: Else Lasker-Schüler, Joachim Ringelnatz, Alfred Döblin. Sie beginnt ihre eigenen Gedichte im «Berliner Tagblatt» zu publizieren, 1933 erscheint im Rowohlt-Verlang «Das lyrische Stenogrammheft». Das Buch wird ein Erfolg, sie zur literarischen Berühmtheit. 1959 wird der Philosoph Martin Heidegger an sie schreiben: «Ihr Stenogrammheft sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.»

4. Die Themen von Kaléko sind das Grossstadtleben und die gewöhnlichen Leute, die sich durch den Alltag schlagen. Ich glaube, manche würden ihren Stil als schnoddrig oder lapidar bezeichnen. Vielleicht auch als sentimental. Aber genau das fasziniert mich so an diesen Texten. Kaléko scheut die Einfachheit nicht. Und es gibt doch dieses berühmte Stendhal-Zitat: «Nur ein grosser Geist wagt es, einfach im Stil zu sein.» Genau das trifft hier zu. Einer meiner Lieblingsverse geht so:

Die Dächer glühn als lägen sie im Fieber.
Es schlägt der vielgerühmte Puls der Stadt.
Grell sticht Fassadenlicht. Und hoch darüber
Erscheint der Vollmond schlechtrasiert und matt.

4.1 Und… ich meine, haben Sie diese Zeilen gelesen? Wie krass ist die Originalität, die Beobachtungsgabe und die Verdichtungsarbeit, die Kaléko hier zeigt? Sie schafft es, mit acht Wörtern eine ganze Szene lebendig zu schreiben, in die man hineinspringen möchte. Und so eine Formulierung wie die mit dem schlechtrasierten Mondgesicht bleibt einem doch im Kopf kleben wie Kaugummi. Ich verehre sie dafür.

Porträt von Mascha Kaléko
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

5. Mascha Kalékos Werk wird der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Das ist eine künstlerische Strömung, die nach dem Ersten Weltkrieg (in der Weimarer Republik, 1918 – 1933) begann, sich mit sozialkritischen Themen auseinandersetzt und versucht, die Gegenwart (mit all ihren Problemen) nüchtern zu betrachten.  In der Malerei sind George Grosz oder Otto Dix wichtig. In der Literatur sind Erich Kästner («Fabian»), Bertolt Brecht («Dreigroschenoper») und Kurt Tucholsky («Angestellte») die Stars. Kaléko ist zwar nie ganz in Vergessenheit geraten, aber sie wurde auch nie so abgefeiert wie die Autoren. Stattdessen wurde sie als «weiblicher Ringelnatz» oder «weiblicher Kästner» bezeichnet. Das sollte man ändern.

6. Ein weiterer Grund, Mascha Kaléko neu zu lesen, sind ihre Liebesgedichte. Diese entziehen sich nämlich allen Erwartungen an die romantische Liebe und brechen mit heteronormativen Stereotypen. So würde ich das heute formulieren. Als Teenager dachte ich einfach: Diese Erzählstimmen sind souverän, selbstbewusst, witzig, geistreich, nicht rührselig. So ganz anders als die Frauenfiguren in Hollywood-Rom-Coms und TV-Serien wie «O.C. California». In «Großstadtliebe» dichtet Kaléko etwa:

Man schenkt sich keine Rosen und Narzissen,
Und schickt auch keinen Pagen sich ins Haus.
– Hat man genug von Weekendfahrt und Küssen,
Läßt mans einander durch die Reichspost wissen
Per Stenographenschrift ein Wörtchen: «aus»!

7. Und weiter: Im Gedicht «Zeitgemäßer Liebesbrief» wird eine «Elli» angeschrieben und die erzählende Person gesteht, dass sie nun arbeitslos ist. Die Subjekte bei Kaléko erfahren also keine transzendierende Liebe, die sie aus allen Bezüglichkeiten reisst wie in einem Sturm-und-Drang-Gedicht. Die Beziehungen finden nicht in einem luftleeren Raum statt – was wiederum ein Thema ist, das gerade aktueller scheint, denn je. Daher mein Tipp: Kaléko studieren und nebenher das fantastische Buch «Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist» von Şeyda Kurt lesen – in dem die 1992 geborene Autorin das Ideal der romantischen Liebe dekonstruiert und erklärt, warum es misogyn, rassistisch und homophob ist.

8. Nun zum herzbrechenden Teil: 1937 wird «Das lyrische Stenogrammheft» auf die «Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums» des nationalsozialistischen Regimes gesetzt, der Rowohlt-Verlag stellt den Vertrieb ein und Kaléko unterliegt einem Berufsverbot. Kurz vor der Reichspogrom-Nacht flieht Kaléko mit ihrem zweiten Ehemann und ihrem Sohn nach New York, wo sie als Webetexterin Arbeit findet. 1945 erscheint ihr Exil-Gedichtband «Verse für Zeitgenossen», welches erst 1958 vom Rowohlt-Verlag veröffentlicht wird. In den Sechzigerjahren zieht Kaléko mit ihrer Familie nach Jerusalem. Binnen weniger Jahre stirbt ihr Sohn wie ihr Ehemann. In ihren letzten Lebensjahren erscheinen gleich vier Gedichtbände von ihr, unter anderem: «Verse in Dur und Moll».

9. Schon im «Lyrischen Stenogramm-Heft» beschreibt Kaléko das Gefühl von Verlassenheit und Heimatlosigkeit. Ein Thema, bei dem sie uns das Zuhören und die Demut lehrt:

Ich bin als Emigrantenkind geboren
In einer kleinen, klatschbeflissnen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Und später beschreibt sie diese Gefühle so pointiert, dass es einen erschaudern (und über die Gegenwart nachdenken) lässt:

Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Nur Gott. Den haben sie mit uns vertrieben.
Von all den vielen ist nur er geblieben.
Sonst keiner, der in Treue zu uns hält.

10. Mascha Kaléko ist im Januar 1975 auf der Durchreise in Zürich gestorben. Sie ist auf dem Israelitischen Friedhof Friesenberg begraben. Ich wollte da schon lange mal hin, um ihr zu sagen, dass sie die Lyrik für mich – und mich vor Goethe – gerettet hat.     

Nina Kunz wurde 1993 geboren, studierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Zürich und arbeitet seit 2017 als Kolumnistin und Journalistin für Das Magazin des Tagesanzeigers. Ihre Texte erschienen bereits in der Neuen Zürcher Zeitung, der ZEIT und dem ZEITmagazin. 2018 und 2020 wurde sie zur »Kolumnistin des Jahres« gewählt.

«10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen»

Warum werden runde Geburtstage von Frauen so oft vergessen? Und warum werden diese Jubiläen, wenn überhaupt im bescheidenen Rahmen begangen, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt?
Wie kommt es, dass Schriftstellerinnen vergessen werden? Dass ihre Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen aufliegen? Dass ihre Stimmen aus dem Feuilleton verschwinden?
Es ist nicht wahr, dass es früher keine schreibenden Frauen gab, und es waren auch nicht wenige, wie die feministische Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten zu zeigen nicht müde wird. Aber wie lässt sich der Zirkel des Vergessens und «Wiederfindens» durchbrechen?

Bis heute werden Bücher von Frauen seltener und deutlich kürzer besprochen, erhalten Frauen weniger Vorschuss für die nächste Neuerscheinung als Männer. Und das, obwohl die gesamte Kette des Literaturbetriebs von der Verlegerin über die Buchhändlerin bis hin zur Leserin vorwiegend weiblich ist.
Diese Mechanismen entbehren jeglicher Logik. Und sie zu durchbrechen, kostet viel Mühe und Arbeit – auch viel unbezahlte Arbeit, die zumeist von Frauen geleistet wird.

Mit der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» wollen wir uns auf diesem Blog an Autorinnen erinnern, sie bekannt machen und Bewusstsein schaffen für Geschlechter-ungleichheiten im Literaturbetrieb. Dafür haben wir verschiedene Autor*innen, Akademiker*innen und Künstler*innen eingeladen, über eine Autorin zu schreiben, die ihnen viel bedeutet. Kennst auch DU eine Autorin, die dir viel bedeutet und an die du gerne erinnern möchtest? Hier findest du eine Anleitung (PDF). Bei Fragen schreib uns hier: info@theartofintervention.blog

Bild: Porträt von Mascha Kaléko (Ausschnitt). © Deutsches Literaturarchiv Marbach

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