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Empfehlung

Empfehlung: Mimesia (Miriam Coretta Schulte)

Vom 16.-20.3.2019 findet in der Kaserne Basel Mimesia von Miriam Coretta Schulte statt und verspricht fünf Abende, die sich ganz der Kraft der Imitation widmen. Um es in den poetischen Worten des Programms der Kaserne Basel wieder zu geben:

Sie schaffen in neuer Konstellation Anleitungen und Muster, um sich gegenseitig zu beeinflussen. Sie schauen sich um und imitieren. Sie bauen Podeste für andere statt für sich selbst. Sie tanzen auf der Grenze von Unkontrollierbarkeit und radikaler Entschiedenheit, um ihre und unsere Identitäten zu erweitern. Das kann danach weitergehen – auf der Bühne und im realen Leben. Wir werden uns also verändern, aber sicher nicht allein.

Am 18.3.2019 um 19.30 Uhr findet zudem eine Einführung mit dem Titel Das Spiel der Mimesis – Einführende Überlegungen zu einer Kritik der Geschlechterordnungvon Dominique Grisard (Swiss Center vor Social Research) und Andrea Zimmermann (Zentrum Gender Studies, Universität Basel) statt.

Weitere Informationen finden Sie hier.

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Kino ist etwas aus dem Leben – „Art War Displacement“

Im folgenden Eintrag wird die Arbeit der Film Akademie und Film Kommune Rojava beleuchtet an welcher der Drehbuchautor und Filmproduzent Önder Çakar beteiligt ist und auch unterrichtet. Dabei wird vor allem auf das Selbstverständnis und die Werte dieser Filmschaffenden eingegangen. In einem weiteren Schritt wird versucht die Praktiken der Rojava Film Kommune mit Ausschnitten aus Hito Steyerls Buch Duty Free Art (2017) in einen grösseren Kontext des globalen Kapitalismus und seiner Kunstwelt zu stellen.

Die letzte Veranstaltung vom 29.11.18 trägt den Titel „Art War Displacement“. An dem Abend ist die Künstlerin, Filmemacherin und Schriftstellerin Hito Steyerl anwesend, die sich in vielen ihrer Arbeiten mit Krieg, Postkolonialismus und Feminismus auseinandersetzt. Mit ihr gekommen sind die Kultur- und Kunstschaffenden Heja Netrik, Önder Çakar und Şener Özmen. Sie alle stehen in einer gewissen Beziehung zu Steyerl. Sie stellt uns die Kulturschaffenden kurz vor und beschreibt sie als ihre Freund*Innen, aber auch als das Netzwerk, in das ihre eigenen Arbeiten und sie selbst verwoben sind. Daher finden sich ihre Namen in den Krediten unterschiedlicher Arbeiten. Sie selbst steht also an diesem Abend nicht im Vordergrund. Sie gibt vielmehr den Rahmen, den Hintergrund, welcher von den anwesenden Kulturschaffenden mit ihren Erzählungen, Filmen und ihrer Musik bespielt wird.

Önder Çakar ist Drehbuchautor, Schauspieler und Filmproduzent. Er unterrichtet derzeit an der Rojava Film Academy und ist Teil der Rojava Film Kommune. Çakar lebte in der Türkei als der Angriff auf den kurdischen Kanton Kobanê in der selbstverwalteten Region Rojava stattfand – für ihn ein Ereignis das die ganze Welt betrifft. Çakar machte sich auf den Weg in die betroffenen Gebiete und wurde schwer verletzt. Nachdem er von Erfolgen des Wiederstandes hörte während er in der Türkei behandelt wurde, kehrte er nach Kobe zurück und beteiligte sich am Aufbau einer Kunst und Filmschule und an der Etablierung einer alternativen Kino- und Filmkultur. Aufgrund der Dringlichkeiten der dortigen Gegebenheiten erscheint dies im ersten Moment etwas zweitrangig. Doch Çakar erzählt von den Wünschen und Träumen der Leute dort und ihrem Kampf, der nicht nur Kobanê betrifft, sondern eine neue Welt vor Augen hat. Und Träume können nicht ohne Kunst erreicht werden, so Çakar. Auf einer Webseite, welche die Kommune beschreibt, steht: „[…] the Commune aims to reclaim cinema and film as a central space of reimagining society: democratising and revolutionising imagination itself.[1] Die Kunst soll dabei die Gesellschaft zum Thema haben. Es geht nicht um ein elitäres Kino, sondern um ein populäres. So findet sich auf dem alternativen Medienportal ANF News ein Interview mit einem weiteren Kommunenmitglied Alberto Garcia. Dieser sagt zum Kino: „Kino ist etwas aus dem Leben. Es macht das Leben zum Thema. Es sollte darauf fokussiert sein, den Menschen die Gelegenheit zu geben, sich einander und ihre Geschichten kennenzulernen und eine gute Zeit zu verbringen.“[2] Das Kino verbindet und bildet Netzwerke, zwischen Kunst- und Kulturschaffenden aber auch zwischen Kunst- und Kulturkonsumierenden.

Foto: Visible, 2017. Source.

Die Rojava Film Akademie und Kommune öffnet einen Diskurs, der nach Aufgaben und Möglichkeiten der Kunst fragt. In diesem Diskurs treffen sich Steyerl und Çakar wieder, wie sie es auch schon in Nordsyrien gemacht haben. In ihrem Buch Duty Free Art beschäftigt sich Hito Steyerl mit den Verknüpfungen zwischen Kunst, KünstlerInnen, KuratorInnen, dem neoliberalen Kapitalmarkt und dem weltweiten Bürgerkrieg. Im Kapitel „If You Don`t Have Bread, Eat Art! Contemporary Art and Derivative Fascisms“ beschreibt sie das Verkommen der Kunst zu einer alternativen Währungsform: „In times in which financial institutions and even whole political enteties may just dissolve into fluffy glitter, investment in art seems somehow more real.“[3] Sie beobachtet dadurch eine Entfremdung der Kunst von ihren eigentlichen Werten und Netzwerken und appelliert:

Ask yourself: Do you want global capitalism with a facist face? Do you want to artwash more insane weather, insane leaders, posionous and rising water, crumbling infrastructures, and brand-new walls? How can people geuinely share what they need? […] How can artistic (and art-related) autonomy evolve from haughty sovereignty to modest networked devolution? How can platform cooperatives contribute to this? Can art institutions follow the lead of new municipialist networks and alliances of “rebel cities“? In the face of deriviate fascisms, can local forms of life be reimagined beyond blood, soil, nation, and coroption, as networks of neighborhoods, publics, layered constituencies?“[4]

Folgt man dieser Passage ist auch für Hito Steyerl die Re-Organisierung von Netzwerken und die Re-Imaginierung von Zusammenleben der Schlüssel zu einer neuen Welt. Und genauso wie bei der Rojava Film Kommune verschmelzen dabei die Sphären der Kunst mit jenen der Gesellschaft. So könnten also Kunst-Projekte, wie die Film Kommune Rojava, einerseits helfen die Kunstwelt aus den Zwängen des globalen Kapitalismus zu befreien und in neue Netzwerke zu integrieren, andererseits bilden sie gleichzeitig auch Austauschplattformen, auf denen neue Gesellschaftsmodelle und Formen von Zusammenleben ausgehandelt werden können.

Text von Noah Lopez.


[1] Visible 2017

[2] ÇAKSU 2018

[3] Steyerl 2017: S. 182.

[4] Steyerl 2017: S. 188-189.Q

Literatur
Çaksu Ersin: Film-Kommune von Rojava: Alternative zum elitären Kino. ANF News 2018. URL [eingesehen am 01.12.18].
Steyerl, Hito: Duty Free Art. Art in the Age of Planetary Civil War. London, New York 2017.
Visible. Rojava Film Academy – Rojava Film Commune, 2017. URL [eingesehen an 01.12.18].

Art and Politics

Aussprechen mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Im folgenden Eintrag findet eine Auseinandersetzung mit dem Aussprechen der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit statt.

Ich gelange immer wieder zu der Überzeugung, dass ich das, was mir am Wichtigsten ist, aussprechen muss. In Worten ausdrücken und mitteilen muss, auch wenn ich damit das Risiko eingehe, dass es verborgen oder missverstanden wird. Dass mich mein Sprechen bereichert, über alle anderen möglichen Auswirkungen hinaus. –Valiente nach Lorde 2015

Mit dem vorangestellten Zitat beginnt die Poetin Audre Lorde eines ihrer Kapitel und ich meinen Kommentar zur Veranstaltung „Wer interveniert? Gedanken aus kunst/kultur_aktivistischer Perspektive“ (27.11.18) mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi. Die beiden Frauen sprechen über Erfahrungen im Alltag und ihre Arbeit bei Bla*Sh (Black She), einem Netzwerk von Schwarzen* Frauen*. Der Einstieg erfolgt aus verschiedenen Gründen mit dem Zitat von Lorde. So wird die Poetin, welche sich in vielen ihrer Werke mit der eigenen Identität als schwarze, lesbische Frau auseinandersetzt, auch von den Referentinnen im Verlaufe des Gesprächs angesprochen und mit einer ähnlichen Stelle zitiert. Die beiden Kulturschaffenden und Aktivistinnen arbeiten ausserdem im Rahmen der Veranstaltung viel mit Zitaten. Die Zitate, welche von schwarzen Frauen stammen, werden wie Überthemen vor einem gewissen Abschnitt des Gespräches gelesen. Dabei geben ihnen Owens und El-Maawi bewusst Raum, indem jedes Zitat von ein paar Sekunden Schweigen begleitet wird. So sollen die Zitate  und ihre emotionale Wirkung aufgenommen werden können. In ihrem Zitat geht Lorde auf die bereichernde Kraft des Sprechens und Aussprechens ein. Dies weist auf eines der zentralen Themen des Abends hin: das Sprechen. So ist das Sprechen für die Veranstaltung formgebend, da der Dialog zwischen Owens und El-Maawi ihr eigentliches Format bildet. Owen und El-Maawi sprechen miteinander, das Publikum hört zu. Auch so wurde Bla*Sh gegründet, man traf sich am Küchentisch, brachte Bücher mit, teilte Alltagserfahrungen, und hörte sich zu: das Private ist politisch.

So sitzen nun Owen und El-Maawi vor uns, lesen Zitate und reden. Sie reden über Community, Safespaces, Role-Making, Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit und Selfcare. Alles sind wichtige Themen ihres „Struggles“, so wie es Owens nennt, aber auch ihres alltäglichen Lebens. Besonders komplex wirkt das ambivalente Erleben der gleichzeitigen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. So scheinen schwarze Frauen* gerade in Bereichen der Wissenschaft, Kultur oder der Kunst unsichtbar zu sein: ihre Namen tauchen seltener auf. In Kinderbüchern, Filmen oder Werbungen erscheinen sie seltener und wenn dann oft in einer erklärten Sonderstellung: sie gehören nicht zum Normalen oder Selbstverständlichen. In der Filmindustrie bspw. wird erklärt und verhandelt, wieso jetzt gerade eine schwarze Frau* eine bestimmte Rolle spielt oder spielen darf. Hier beginnt schon die Ambivalenz der Sichtbarkeit: Auf der anderen Seite sind sie nämlich sehr wohl sichtbar, zum Beispiel als „Exotinnen“ oder als „Auffällige“ bei einer Sicherheitskontrolle. Identitätsbilder und Stereotypen werden von aussen zugeschrieben. So wird der eigenen Identitätssuche die Angst gegenübergestellt, gerade diese Stereotypen zu bedienen.

Die Praktiken und Strategien von Bla*Sh: Räume gestalten, Communitys bilden, Kunstformen erproben, kulturelle und politische Interventionen durchführen, versuchen auf Lücken und Leerstände hinzuweisen und diese zu füllen. Dazu gehört auch, Fremdzuschreibungen zu erkennen, zu reflektieren und diesen entgegenzuwirken. Die Praktiken von Bla*Sh sind aufgrund der Ambivalenz von Erfahrungen des Sichtbaren und Unsichtbaren sowohl nach innen sowie nach aussen gerichtet. In der Community und im Safespace kann reflektiert, Kraft gesammelt, und sich ausgetauscht werden. Nach aussen wirkend wird eine Adressierbarkeit erreicht, es wird interveniert und Identität und Repräsentation in einem gesellschaftlichen Diskurs verhandelt. Das Aussprechen und Mitteilen, aber auch das Zuhören, sind in beiden Sphären grundlegend.

Text von Noah Lopez.

Literatur
Valiente, AnouchK Ibacka (Hg.): Vertrauen, Kraft & Wiederstand. Kurze Texte und Reden von Audre Lorde. Berlin 2015.

Exhibition reviews

Medienspiegel zur Ausstellung (2)

Hier die letzten Artikel zur Ausstellung Martha Rosler & Hito Steyerl War Games. Das Fazit: Eine fulminante Ausstellung voller Denkanstösse.

1.8.2018 Springerin: Martha Rosler/Hito Steyerl War Games

5.9.2018 Brooklyn Rail: Martha Rosler and Hito Steyerl: War Games

1.10.2018 Kunstbulletin: Martha Rosler & Hito Steyerl — Böse Spiele

30.12.2018 NZZ am Sonntag: Der Krieg der Bilder

Unabhängig voneinander und in ihrer Gegenwartsanalyse doch eng verwandt, sagen beide Künstlerinnen jeder Hingabe an den Weltschmerz den Kampf an. Das Werk der Jüngeren gewinnt mit Rosler ein bis in die 1960er-Jahre zurückreichendes Fundament. Und wenn die Ältere, lange unter dem Vorzeichen feministischer Kunst gesehen, die Zukunft der US-amerikanischen Kampfdrohnen in den Blick nimmt, findet sie in Steyerl eine ebenso unerschrockene Komplizin. –Isabel Zürcher, Kunstbulletin

Art and Politics, Politics

Bla*Sh

Der Name scheint einem Comic entnommen: Bla*sh.

Blash!

Nach Lärm und Aufstand klingt das.

Das Wort ‚Aktivismus‘ findet sich aber nicht in der Beschreibung von Bla*sh. Und trotzdem würden sie sich als Aktivistinnen sehen, sagt Rahel El-Maawi, Freischaffende in der Sozio- und Bewegungskultur. Zusammen mit Sarah Owens spricht sie an diesem Abend im Kunstmuseum Gegenwart über soziales, kulturelles und politisches Empowerment und darüber, was es heisst, als Schwarz[1] wahrgenommen zu werden.

Das hat wenig mit dem lautem Protest zu tun, wie wir ihn zum Beispiel von Bildern des BlackLivesMatter-Movements kennen. Das Engagement von Bla*Sh scheint alltäglicher – deswegen ist es nicht weniger wichtig. Bla*Sh (für Black She mit Gendersternchen) engagiert sich zum Beispiel im Bereich der Wissensproduktion. Im Netzwerk gibt es seit Beginn einen Austausch über Schwarze Autorinnen und Journalistinnen. Zudem suchen sie nach Kinderbüchern, welche nicht nur den weissen, heteronormativen Teil der Schweizer Gesellschaft abbilden. Sie organisieren Diskussionen, Kulturveranstaltungen oder beteiligen sich am öffentlichen Diskurs, wie eben im Kunstmuseum Basel.

„Gegen Innen gibt uns Bla*Sh einen geschützten Raum. Das ist wichtig, um mit diskriminierenden Erfahrungen im Alltag nicht alleine dazustehen und um diese Erfahrungen im Gespräch auch einordnen zu können“, sagt Sarah Owens, Dozentin an der Hochschule der Künste in Zürich. Bla*Sh sei ein Netzwerk, welches den Erfahrungen Schwarzer Frauen eine Sprache verleihe.

Wie offen Sarah Owens und Rahel El-Maawi über eigene Erfahrungen sprechen ist eindrücklich. Sie tun das ruhig, mit einer gewissen Distanz, über einige besonders absurde Erlebnisse können sie lachen. Deswegen verlieren die Themen nicht an Brisanz. Owens erzählt davon, dass sie in Diskussionen immer und immer wieder erklären müsse, dass sie ja Dozentin an einer Hochschule der Gestaltung sei und darum durchaus über Design und Ästhetik sprechen könne. El-Maawi erzählt von ähnlichen Erfahrungen: Solange es um eine Meinung zum Schwarz-sein-in-der-Schweiz gehe, sei Bla*Sh eine oft adressierte Gruppe. Doch sobald sie sich unabhängig von diesem Netzwerk und in einem anderen Themenfeld bewege, müsse sie sich dafür rechtfertigen.

Sichtbar sein und Unsichtbar sein wollen, Unsichtbar sein und Sichtbar sein wollen, dies sind die Themen, denen Owens und El-Maawi viel Platz einräumen. Es gäbe Situationen in ihrem Alltag, da wünsche sie sich unsichtbar zu sein, sagt Owens, sie werde wegen ihrer Hautfarbe ständig als anders wahrgenommen. Umgekehrt sind Schwarze Frauen in den genannten Kinderbüchern oder aber in der Politik nicht oder nur schlecht repräsentiert und bleiben unsichtbar.

Wohl werden Ownens und El-Maawi auch in ihrem Dialog im Museum für Gegenwartskunst vor allem als Schwarze Frauen wahrgenommen, denn sie sprechen ja über ihre Erfahrungen damit, als sichtbar ‚anders‘ wahrgenommen zu werden. Und doch soll genau dieses Wahrnehmungsraster schlussendlich überwunden werden. Das wird paradoxerweise nur gelingen, wenn sich Menschen wie Owens oder El-Maawi in die Öffentlichkeit stellen, über ihre Erfahrungen sprechen und sich damit erneut den Zuschreibungen aussetzen. Doch gleichzeitig setzen sie diesen Zuschreibungen auch etwas entgegen.

Es scheint das Dilemma zu sein, in welchem sich diese Diskussion ständig bewegt.

„Wo sind die Schwarzen Frauen?“, habe Audre Lorde an einer Vorlesung in Zürich in den 90er Jahren gefragt. Der Weisse Feminismus habe sich sehr für sie interessiert, doch damit sei Blackness lange ein Weisser Diskurs geblieben.

Im Kunstmuseum Gegenwart sassen letzte Woche, mich eingenommen, fast ausschliesslich Weisse Menschen. Dies ist im Umfeld der Universität und der Museen in Basel nicht ungewöhnlich, doch im Kontext des Talks zum Netzwerk schwarzer Frauen tritt dieser Umstand noch deutlicher hervor.

Nach 10 Minuten standen zwei Weisse Männer auf und verliessen den Raum. Am Ende des Vortrags erklärte eine Weisse Frau im Publikum, als Jüdin könne sie sich in die Situation der beiden Referentinnen hineinversetzen. Vor 20 oder 30 Jahren sei sie auf diesem Stuhl gesessen, vielleicht auf einem Podium wie diesem. Diese Wortmeldung empfand ich als unangebracht: Obwohl die Frau wohl ihre Solidarität ausdrücken wollte, wirkte ihr Kommentar herablassend. „Wir“ waren einmal dort, wo „ihr“ jetzt seid. Diese Zuschreibungen verstärken meines Erachtens die Lücken zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Ausserdem generiert der Kommentar eine stringente Entwicklung, welche früher oder später für scheinbar alle gesellschaftlichen Teile einsetzen wird: ‚So wie uns wird es auch euch geschehen.’ Nicht zuletzt übersieht der Kommentar, dass jene negativen Zuschreibungen, welche Schwarze Frauen in der Schweiz durch ihre ständige Sichtbarkeit im Alltag erhalten, auf eine jüdische Frau nicht im selben Ausmass zutreffen kann.

Diese Beobachtung führt im weitesten Sinne zur Frage, wer wie über wen sprechen darf: Dürfen Menschen, die einer Minderheit oder einem diskriminierten Gesellschaftsteil angehören eher über andere, ebenfalls diskriminierte Teile der Gesellschaft urteilen?

Text by Juri Schmidhauser.


[1] Schwarz soll in diesem Text ebenso verwendet werden, wie das Sarah Owens und Rahel El-Maawi von Bla*Sh in ihrem Talk tun: Schwarz ist eine Zuschreibung welche zu Stigmatisierungen dieser Menschen führt. Schwarzsein soll aber Selbstbestimmt sein.

Art and Politics, Empfehlung

Empfehlung: Konzert mit Bla*Sh in der Kaserne

Im Rahmen der Woche gegen Rassismus (18.-24.3.19) findet am 28.3.19 um 18.30 Uhr in der Kaserne Basel ein Konzert mit Bla*Sh, Legion Seven und Brandy Butler statt. Eine vielversprechend genussvolle Art der Intervention!

Hier finden sie mehr Informationen zum Konzert und zur Woche gegen Rassismus.