Art and Politics, Empfehlung

Herzliche Einladung: Wir stellen Kinderbücher vor!

Am 17. Mai ist IDAHOT, der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. Aus diesem Anlass findet in Basel vom 11.-18. Mai 2019 die Themenwoche Bunt! Basel divers statt. In diesen Tagen werden Reihe von Veranstaltungen zum Thema LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual) im Raum Basel stattfinden. Unterschiedliche Institutionen und Organisationen partizipieren mit einem Beitrag – so auch wir:

Am Mittwoch, den 15.5.19, findet um 18:00 die Veranstaltung Bunt & vielfältig. Kinderbücher Heute in der Alten Markthalle Basel statt.
Die moderne Lebensrealität von Kindern sieht bunt aus. Doch was macht diese Vielfalt aus? Und wie kann es gelingen, mit Kindern auf möglichst vorurteilsbewusste, gendersensible Art über Zuschreibungen, Ideale und Identifikationen zu sprechen sowie vielfältige Lebensweisen und Familienmodelle zu thematisieren – ohne diese besonders hervorzuheben? «The Art of Intervention» stellt ausgewählte Bücher für Kinder im Vorschulalter vor, welche die Vielschichtigkeit von Rollenmodellen für Kinder und von Lebens- und Familienentwürfen beinhalten.

Organisiert wird Bunt! Basel divers vom Verein BAS3L.org, der sich für den Austausch zu aktuellen gesellschaftlichen Themen einsetzt. Ziel von BAS3L.org ist es, Plattformen zu schaffen, die gegenseitiges Wissen und Verständnis für unterschiedliche Positionen generieren und dadurch einen breiten Diskurs ermöglichen.

Weitere Informationen und Links
Programm Bunt! Basel divers als PDF und als Facebook-Event.
Veranstaltungsdetails Bunt & vielfältig. Kinderbücher Heute kompakt auf GayBasel.org.

Ein Argument in Bildern: read feminist books von Caroline Frett (2019).


Art and Politics

Aussprechen mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Im folgenden Eintrag findet eine Auseinandersetzung mit dem Aussprechen der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit statt.

Ich gelange immer wieder zu der Überzeugung, dass ich das, was mir am Wichtigsten ist, aussprechen muss. In Worten ausdrücken und mitteilen muss, auch wenn ich damit das Risiko eingehe, dass es verborgen oder missverstanden wird. Dass mich mein Sprechen bereichert, über alle anderen möglichen Auswirkungen hinaus. –Valiente nach Lorde 2015

Mit dem vorangestellten Zitat beginnt die Poetin Audre Lorde eines ihrer Kapitel und ich meinen Kommentar zur Veranstaltung „Wer interveniert? Gedanken aus kunst/kultur_aktivistischer Perspektive“ (27.11.18) mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi. Die beiden Frauen sprechen über Erfahrungen im Alltag und ihre Arbeit bei Bla*Sh (Black She), einem Netzwerk von Schwarzen* Frauen*. Der Einstieg erfolgt aus verschiedenen Gründen mit dem Zitat von Lorde. So wird die Poetin, welche sich in vielen ihrer Werke mit der eigenen Identität als schwarze, lesbische Frau auseinandersetzt, auch von den Referentinnen im Verlaufe des Gesprächs angesprochen und mit einer ähnlichen Stelle zitiert. Die beiden Kulturschaffenden und Aktivistinnen arbeiten ausserdem im Rahmen der Veranstaltung viel mit Zitaten. Die Zitate, welche von schwarzen Frauen stammen, werden wie Überthemen vor einem gewissen Abschnitt des Gespräches gelesen. Dabei geben ihnen Owens und El-Maawi bewusst Raum, indem jedes Zitat von ein paar Sekunden Schweigen begleitet wird. So sollen die Zitate  und ihre emotionale Wirkung aufgenommen werden können. In ihrem Zitat geht Lorde auf die bereichernde Kraft des Sprechens und Aussprechens ein. Dies weist auf eines der zentralen Themen des Abends hin: das Sprechen. So ist das Sprechen für die Veranstaltung formgebend, da der Dialog zwischen Owens und El-Maawi ihr eigentliches Format bildet. Owen und El-Maawi sprechen miteinander, das Publikum hört zu. Auch so wurde Bla*Sh gegründet, man traf sich am Küchentisch, brachte Bücher mit, teilte Alltagserfahrungen, und hörte sich zu: das Private ist politisch.

So sitzen nun Owen und El-Maawi vor uns, lesen Zitate und reden. Sie reden über Community, Safespaces, Role-Making, Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit und Selfcare. Alles sind wichtige Themen ihres „Struggles“, so wie es Owens nennt, aber auch ihres alltäglichen Lebens. Besonders komplex wirkt das ambivalente Erleben der gleichzeitigen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. So scheinen schwarze Frauen* gerade in Bereichen der Wissenschaft, Kultur oder der Kunst unsichtbar zu sein: ihre Namen tauchen seltener auf. In Kinderbüchern, Filmen oder Werbungen erscheinen sie seltener und wenn dann oft in einer erklärten Sonderstellung: sie gehören nicht zum Normalen oder Selbstverständlichen. In der Filmindustrie bspw. wird erklärt und verhandelt, wieso jetzt gerade eine schwarze Frau* eine bestimmte Rolle spielt oder spielen darf. Hier beginnt schon die Ambivalenz der Sichtbarkeit: Auf der anderen Seite sind sie nämlich sehr wohl sichtbar, zum Beispiel als „Exotinnen“ oder als „Auffällige“ bei einer Sicherheitskontrolle. Identitätsbilder und Stereotypen werden von aussen zugeschrieben. So wird der eigenen Identitätssuche die Angst gegenübergestellt, gerade diese Stereotypen zu bedienen.

Die Praktiken und Strategien von Bla*Sh: Räume gestalten, Communitys bilden, Kunstformen erproben, kulturelle und politische Interventionen durchführen, versuchen auf Lücken und Leerstände hinzuweisen und diese zu füllen. Dazu gehört auch, Fremdzuschreibungen zu erkennen, zu reflektieren und diesen entgegenzuwirken. Die Praktiken von Bla*Sh sind aufgrund der Ambivalenz von Erfahrungen des Sichtbaren und Unsichtbaren sowohl nach innen sowie nach aussen gerichtet. In der Community und im Safespace kann reflektiert, Kraft gesammelt, und sich ausgetauscht werden. Nach aussen wirkend wird eine Adressierbarkeit erreicht, es wird interveniert und Identität und Repräsentation in einem gesellschaftlichen Diskurs verhandelt. Das Aussprechen und Mitteilen, aber auch das Zuhören, sind in beiden Sphären grundlegend.

Text von Noah Lopez.

Literatur
Valiente, AnouchK Ibacka (Hg.): Vertrauen, Kraft & Wiederstand. Kurze Texte und Reden von Audre Lorde. Berlin 2015.

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Bla*Sh

Der Name scheint einem Comic entnommen: Bla*sh.

Blash!

Nach Lärm und Aufstand klingt das.

Das Wort ‚Aktivismus‘ findet sich aber nicht in der Beschreibung von Bla*sh. Und trotzdem würden sie sich als Aktivistinnen sehen, sagt Rahel El-Maawi, Freischaffende in der Sozio- und Bewegungskultur. Zusammen mit Sarah Owens spricht sie an diesem Abend im Kunstmuseum Gegenwart über soziales, kulturelles und politisches Empowerment und darüber, was es heisst, als Schwarz[1] wahrgenommen zu werden.

Das hat wenig mit dem lautem Protest zu tun, wie wir ihn zum Beispiel von Bildern des BlackLivesMatter-Movements kennen. Das Engagement von Bla*Sh scheint alltäglicher – deswegen ist es nicht weniger wichtig. Bla*Sh (für Black She mit Gendersternchen) engagiert sich zum Beispiel im Bereich der Wissensproduktion. Im Netzwerk gibt es seit Beginn einen Austausch über Schwarze Autorinnen und Journalistinnen. Zudem suchen sie nach Kinderbüchern, welche nicht nur den weissen, heteronormativen Teil der Schweizer Gesellschaft abbilden. Sie organisieren Diskussionen, Kulturveranstaltungen oder beteiligen sich am öffentlichen Diskurs, wie eben im Kunstmuseum Basel.

„Gegen Innen gibt uns Bla*Sh einen geschützten Raum. Das ist wichtig, um mit diskriminierenden Erfahrungen im Alltag nicht alleine dazustehen und um diese Erfahrungen im Gespräch auch einordnen zu können“, sagt Sarah Owens, Dozentin an der Hochschule der Künste in Zürich. Bla*Sh sei ein Netzwerk, welches den Erfahrungen Schwarzer Frauen eine Sprache verleihe.

Wie offen Sarah Owens und Rahel El-Maawi über eigene Erfahrungen sprechen ist eindrücklich. Sie tun das ruhig, mit einer gewissen Distanz, über einige besonders absurde Erlebnisse können sie lachen. Deswegen verlieren die Themen nicht an Brisanz. Owens erzählt davon, dass sie in Diskussionen immer und immer wieder erklären müsse, dass sie ja Dozentin an einer Hochschule der Gestaltung sei und darum durchaus über Design und Ästhetik sprechen könne. El-Maawi erzählt von ähnlichen Erfahrungen: Solange es um eine Meinung zum Schwarz-sein-in-der-Schweiz gehe, sei Bla*Sh eine oft adressierte Gruppe. Doch sobald sie sich unabhängig von diesem Netzwerk und in einem anderen Themenfeld bewege, müsse sie sich dafür rechtfertigen.

Sichtbar sein und Unsichtbar sein wollen, Unsichtbar sein und Sichtbar sein wollen, dies sind die Themen, denen Owens und El-Maawi viel Platz einräumen. Es gäbe Situationen in ihrem Alltag, da wünsche sie sich unsichtbar zu sein, sagt Owens, sie werde wegen ihrer Hautfarbe ständig als anders wahrgenommen. Umgekehrt sind Schwarze Frauen in den genannten Kinderbüchern oder aber in der Politik nicht oder nur schlecht repräsentiert und bleiben unsichtbar.

Wohl werden Ownens und El-Maawi auch in ihrem Dialog im Museum für Gegenwartskunst vor allem als Schwarze Frauen wahrgenommen, denn sie sprechen ja über ihre Erfahrungen damit, als sichtbar ‚anders‘ wahrgenommen zu werden. Und doch soll genau dieses Wahrnehmungsraster schlussendlich überwunden werden. Das wird paradoxerweise nur gelingen, wenn sich Menschen wie Owens oder El-Maawi in die Öffentlichkeit stellen, über ihre Erfahrungen sprechen und sich damit erneut den Zuschreibungen aussetzen. Doch gleichzeitig setzen sie diesen Zuschreibungen auch etwas entgegen.

Es scheint das Dilemma zu sein, in welchem sich diese Diskussion ständig bewegt.

„Wo sind die Schwarzen Frauen?“, habe Audre Lorde an einer Vorlesung in Zürich in den 90er Jahren gefragt. Der Weisse Feminismus habe sich sehr für sie interessiert, doch damit sei Blackness lange ein Weisser Diskurs geblieben.

Im Kunstmuseum Gegenwart sassen letzte Woche, mich eingenommen, fast ausschliesslich Weisse Menschen. Dies ist im Umfeld der Universität und der Museen in Basel nicht ungewöhnlich, doch im Kontext des Talks zum Netzwerk schwarzer Frauen tritt dieser Umstand noch deutlicher hervor.

Nach 10 Minuten standen zwei Weisse Männer auf und verliessen den Raum. Am Ende des Vortrags erklärte eine Weisse Frau im Publikum, als Jüdin könne sie sich in die Situation der beiden Referentinnen hineinversetzen. Vor 20 oder 30 Jahren sei sie auf diesem Stuhl gesessen, vielleicht auf einem Podium wie diesem. Diese Wortmeldung empfand ich als unangebracht: Obwohl die Frau wohl ihre Solidarität ausdrücken wollte, wirkte ihr Kommentar herablassend. „Wir“ waren einmal dort, wo „ihr“ jetzt seid. Diese Zuschreibungen verstärken meines Erachtens die Lücken zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Ausserdem generiert der Kommentar eine stringente Entwicklung, welche früher oder später für scheinbar alle gesellschaftlichen Teile einsetzen wird: ‚So wie uns wird es auch euch geschehen.’ Nicht zuletzt übersieht der Kommentar, dass jene negativen Zuschreibungen, welche Schwarze Frauen in der Schweiz durch ihre ständige Sichtbarkeit im Alltag erhalten, auf eine jüdische Frau nicht im selben Ausmass zutreffen kann.

Diese Beobachtung führt im weitesten Sinne zur Frage, wer wie über wen sprechen darf: Dürfen Menschen, die einer Minderheit oder einem diskriminierten Gesellschaftsteil angehören eher über andere, ebenfalls diskriminierte Teile der Gesellschaft urteilen?

Text by Juri Schmidhauser.


[1] Schwarz soll in diesem Text ebenso verwendet werden, wie das Sarah Owens und Rahel El-Maawi von Bla*Sh in ihrem Talk tun: Schwarz ist eine Zuschreibung welche zu Stigmatisierungen dieser Menschen führt. Schwarzsein soll aber Selbstbestimmt sein.

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Empfehlung: Konzert mit Bla*Sh in der Kaserne

Im Rahmen der Woche gegen Rassismus (18.-24.3.19) findet am 28.3.19 um 18.30 Uhr in der Kaserne Basel ein Konzert mit Bla*Sh, Legion Seven und Brandy Butler statt. Eine vielversprechend genussvolle Art der Intervention!

Hier finden sie mehr Informationen zum Konzert und zur Woche gegen Rassismus.

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The fourth lecture: Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Der Vortrag von Owens und El-Maawi war mehr Dialog, als Monolog, wirkte offen und porös, statt glatt und durchgetaktet. Sie sprachen von ihren Erfahrungen als Aktivistinnen und Forscherinnen in Bezug auf Blackness, Gemeinschaft und Kunst in der Schweiz und darüber hinaus. Hier kann ihrem Gespräch, Wer interveniert? Gedanken aus kunst_ / kultur_aktivistischer Perspektive, zugehört werden:

Sarah Owens und Rahel El-Maawi, 27.11.2018

Fotos: Impressions from the lecture. © Private.

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Jack Halberstam: Unbuilding Gender – Neue Architekten braucht die Welt

Das Museum für Gegenwartskunst in Basel ist an diesem Dienstagabend packend voll. Jack Halberstam präsentiert «Unbuilding Gender: Trans* Anarchitectures In and Beyond the Work of Gordon Matta-Clark». Viel vorstellen konnte ich mir unterdiesem Titel nicht – aber Halberstam schaffte es das Publikum innert Sekunden mitzureissen und für keine Sekunde zu verlieren. Besonders bleibend waren die Ausführungen wie scheinbar kleine Dinge wie z.B. Toiletten die Zweigeschlechtlichkeit unserer Gesellschaft entscheidend mitformen. Am Ende des Abends ging ich nicht nur mit neuem Wissen aus dem Vortrag, sondern erlebte einrichtiges «Aha!-Erlebnis».

Jack Halberstam präsentierte seinen*ihren Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung «The Art of Intervention». Die bereits erarbeiteten Leistungen sind beachtlich und verdienen einen Blog-Eintrag für sich selber; er*sie ist nicht nur ein*e angesehene*r Professor an der University of Columbia in New York, sondern unter anderem auch sechsfache*r Autor*in (ich ermutige den*die Leser*in Jack Halberstam selber noch einmal nachzuschlagen).

Generell bewegte sich Jack Halberstam innerhalb diverser Themen im Arbeitsbereich von Gordon Matta-Clark so schnell, dass man als Zuschauer*in kaum folgen konnte. Ich habe mich daher bewusst entschieden, nur einen Teil seines*ihres Vortrages abzudecken, der mich persönlich am meisten beschäftigt hat; «Unbuilding Genders – Gendered Architectures».

Die Vergeschlechtlichung von Architektur war in Gordon Matta-Clark’s Projekten immer wieder ein Thema. So befasste er sich in mehreren Projekten mit dem Thema «unbuilding». Matta-Clark war auch eine für den Begriff «Anarchitektur» prägende Person. Dabei wird die Elementarschicht der Architektur problematisiert. Vereinfacht bedeutet dieser Begriff «Gegen-Architektur» – was es aber genau bedeutet scheint nicht ganz klar zu sein und ruft Uneinigkeit hervor. Bekannte Beispiele für «unbuilding architecture» sind «Splitting: Four Corners» und «Day’s End» (Pier 52 in New York). Jack Halberstam ergänzte in seinem*ihrem Vortrag immer wieder, dass Architektur von Männern regiert ist und sich das in den Bauten lesen lässt.
Architektur ist «gendered» ob wir es wollen oder nicht. Wir laufen dieser gesellschaftlichen Norm ständig über den Weg. Teilweise begegnen wir ihr auf subtiler weise, oftmals jedoch sehr krass und direkt. Trotzdem werden diese Normen gesellschaftlich akzeptiert und selten bis gar nie hinterfragt. Warum ist das so? Und wie kommt es, dass das auch heutzutage nicht hinterfragt wird?

Die Toilette. Es gibt kaum ein Raum, der von beiden Geschlechtern fast gleich identisch genutzt wird, als das Badezimmer. Dennoch – sobald wir in den öffentlichen Raum treten – ist es ein Raum der am striktesten getrennt ist. Wie Jack Halberstam das so schön formulierte: «absurd representation» von Gendertrennung, die es gar nicht wirklich braucht. Wer hat entschieden, dass es auf einmal zwei verschiedene Toiletten braucht? Eine für Damen und eine für Herren. Und wieso? Was ist geschehen, dass dieser Ort geschlechtergetrennt werden musste? Gerade dank einzelner Kabinen in den öffentlichen Toiletten macht es kaum Sinn. Der einzige Begegnungsort der Geschlechter wäre beim Anstehen und beim Hände waschen. Und ich kann mir nichts Gewöhnlicheres vorstellen als die vorhin genannten Tätigkeiten.

Die unhinterfragte architektonische Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum und den Institutionen hat letztens auch für negative Schlagzeilen gesorgt. Bei einer Massenschiesserei an einer amerikanischen High-School waren sich die Lehrer nicht einig, ob sie die Trans*Person, die sie an der Schule haben, in die Männer- oder Frauen-Sportumkleide lassen sollten, die in einem solchen Fall aus Sicherheitsgründen aufgesucht werden muss. Dies endete mit dem Tod des*der Schülers*in, da die Trans*Person auf dem Gang zurückgelassen wurde.

Als Aufklärung; es handelte sich dabei «nur» um eine«Shooter drill» Übung für den Ernstfall. Dabei wurden keine Personen wirklich getötet oder verletzt. Doch selbst unter diesen ernsten Umständen konnten und wollten sich die Lehrer nicht festlegen und liessen am Ende den*die Schüler*in auf dem Gang zurück – was in einem echten Fall dann wirklich zum Tode des*derSchülers*in geführt hätte. [1]

Diese gesellschaftliche Norm ist in uns allen tief verankert– auch wenn man sich liberal und offen nennt. So erhielt ich z.B. erst gerade vor ein paar Wochen im Büro eine E-Mail mit der Nachricht, dass die Herrentoilette defekt sei und ich (als einzige Frau) doch Verständnis haben soll, wenn sich Herren auf der Damentoilette befinden. Damals habe ich mich gefragt; Verständnis wofür? Muss ich in diesem E-Mail namentlich erwähnt und gewarnt werden, dass sich Herren für einen Nachmittag auf der Damentoilette aufhalten werden? Ist aus der Nachricht, dass die Herrentoilette defekt ist nicht automatisch klar, dass sie die Damentoilette benutzen dürfen und auch sollen?
Und doch habe ich einen double-take im Starbucks letzte Woche gemacht, als mir eine männlich aussehende Person auf der Damentoilette entgegengekommen ist – weil ich dachte, dass ich mich in der Tür geirrt habe.

Diese Verinnerlichung von Gendertrennung an unnötigen Orten ist in unserer Gesellschaft so tief verankert, dass sie reflexartig an die Oberfläche treten – auch wenn man sich bemüht, diese Vorurteile hinter sich zulassen. Oder wie der Soziologe Erving Goffman, der sich mit der «institutionellen Reflexivität» von Toiletten im Spezifischen und Architektur im Allgemeinen auseinander setzte, so schön sagte: „Die Trennung der Toiletten wird als natürliche Folge des Unterschieds zwischen den Geschlechtskategorien hingestellt, obwohl sie tatsächlich mehr ein Mittel zur Anerkennung, wenn nicht gar zur Erschaffung dieses Unterschieds ist“ (Goffman 1977, 134[2]).

Jack Halberstam, erwähnte so schön; es sind nicht «more creative signs» oder «alterning signs» notwendig. Es sind gar keine Schilder nötig. Es ist auch nicht nötig, die Räume nach neuen Zwecken zu kategorisieren (z.B. Räume wo man nur pinkelt, oder nur die Nummer 2 verrichte. Oder dem Kind die Brust gibt).

Wir sollten die Toilette als erstes zurückerobern und neue Standards festlegen. Und zwar den Standard von nichts.

Und wenn wir das erst einmal hinter uns haben, dann erobern wir den Rest des Hauses, die Strasse und die Welt!

Text by Rahel Liviero.


[1] https://www.rt.com/usa/440720-transgender-student-shooting-lockdown/

[2]Erving Goffman Das Arrangement der Geschlechter von 1977 sowie den Ausschnitt im Anhang vom Handbuch Soziologie von Nina Baur et al.