Art and Politics

Männerwelt

Frauen sind in der Schweizer Musik untervertreten. Zahlen gibt es aber kaum. Um die Schieflage zu verstehen und zu verändern braucht es eine Studie. Ein Bericht von Andrea Zimmermann:

Auf dem Weg zu mehr
Geschlechtergerechtigkeit

Das Ergebnis der 2018 vom Popförder- und Musiknetzwerk RFV veröffentlichten Vorstudie «Frauenanteil in Basler Bands» war ernüchternd: Nur 10% der knapp 3000 aktiven Musiker*innen in Basler Bands sind weiblich*. Diese Situation entspricht nicht nur einer Momentaufnahme. Seit 10 Jahren ist die Basler Popmusik fest in männlicher Musikerhand […].

Um die derzeitige Situation, ihre Ursachen und Zusammenhänge besser zu verstehen, braucht es [aber] mehr als das Zusammentragen statistischer Daten. Es gilt darüber hinaus, den verschiedenen Akteur*innen aufmerksam zuzuhören, um mehr über jene Momente ihrer Biografie zu erfahren, an denen wichtige Entscheidungen pro oder contra Karriere gefällt werden und um aufzuschlüsseln, was zu Erfolg oder Misserfolg beiträgt. Ohne diese biographische Perspektive würde die Analyse zu kurz greifen. Dies möchte ich im Folgenden anhand des Beispiels vom Gender Pay Gap verdeutlichen. Hier weiterlesen.



Mehr zum Thema am 29 Oktober um 9:02 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur mit Mona Somm und Andrea Zimmermann:

#MeToo in der Klassikwelt

Als Teil eines grossen Gefüges aus Macht und Abhängigkeiten sind sexuelle Übergriffe – von Belästigung bis Missbrauch – auch in der Szene der klassischen Musik Thema. Die Problematik ist vielschichtig, die Gemengelage verzwickt, eindeutige Schuldzuweisungen nicht immer möglich. Hier mehr erfahren.


Foto von Pixabay.

Art and Politics, Veranstaltung / Event

News: Progrrramm Herbst 2019

GRRRLS GRRRLS GRRRLS. Eine Reihe mit Basler Bräuten und ihren Geschwistern

Zum ersten Mal streikten die Schweizer Frauen 1991, der zweite Frauenstreik fand 2019 statt. Die einzelnen Forderungen mögen in den jeweiligen Jahren etwas variiert haben, dennoch ist die Grundaussage identisch: Wir stehen nicht mehr zur Verfügung.
Frauen wollen nicht mehr ungefragt zur Verfügung stehen, nicht dafür, ihre Zeit auf die alleinige Erledigung der Hausarbeit und Kindererziehung zu verwenden, damit ihr Partner auch mit Familie seiner Karriere nachgehen kann; nicht dafür, gleiche Arbeit für weniger Gehalt zu verrichten; nicht dafür, einen Mann sexuell zu befriedigen, ohne den Anspruch auf die eigene Befriedigung zu erheben; nicht dafür, sich zu Objekten degradieren zu lassen, nicht für den Profit der Schönheits- und Sexindustrie.

Dass sich Frauen aktiv den ihnen auferlegten «Pflichten» entziehen, dass die #MeToo-Debatte massenwirksam den Machtmissbrauch von Männern thematisiert, der lange verschwiegen, weggelächelt oder bagatellisiert wurde, sind aktuelle Fortschritte in der Reihe von Errungenschaften während der nunmehr über hundert Jahre bestehenden Frauenbewegung. Trotz der – auch von vielen Männern – gesellschaftlich eingeforderten und formal bestehenden Gleichberechtigung sind patriarchale Machtstrukturen jedoch keineswegs gänzlich überwunden. Betrachtet man zudem die Selbstinszenierung vieler junger Menschen auf Social Media, wo Männer ihre Stärke und Frauen ihre Schönheit ausstellen, kann man kaum glauben, dass wir uns bereits in der dritten Welle des Feminismus befinden.

Die interdisziplinäre Reihe grrrls grrrls grrrls möchte mit unterschiedlichsten künstlerischen Formaten und im engen Austausch mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs die Frage stellen: Wie gleichberechtigt sind wir heute tatsächlich? Dazu gehört eine Rückschau der Regisseurin Katrin Hammerl auf die Arbeit der Schweizer Frauenrechtlerin Iris von Roten genauso wie die Erforschung des Modebegriffs «toxische Männlichkeit» durch den jungen Regisseur Matthias Köhler. Denn ja – die mittlerweile legendäre Monkey Bar, die sich aktuell unter weiblicher Leitung und in einem neuen Gewand von Frederik C. Schweizer präsentiert, öffnet ihre Türen für alle, auch für Sie und Ihre Perspektiven.

Bei all dem ist der Titel der Reihe grrrls grrrls grrrls, angelehnt an die feministische Punkszene in den USA zu Beginn der 1990er-Jahre, natürlich immer auch Programm. Denn, um es mit den Worten von Laurel Gilbert zu sagen: «Grrrl bringt das Knurren zurück in unsere Miezekatzenkehlen. Grrrl zielt darauf, die ungezogenen, selbstsicheren und neugierigen Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren, bevor uns die Gesellschaft klarmachte, dass es Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und Jungs zu spielen, sondern sich darauf zu konzentrieren, ein ‹girl› zu werden, das heisst eine anständige Lady, die die Jungs später mögen würden.»

Eine Kooperation von Theater Basel, Zentrum Gender Studies, FHNW und Art of Intervention.

Alle Veranstaltungen im Überblick
Veranstaltungsort: Monkey Bar, Klosterberg 6, 4051 Basel

23. Oktober, 20 Uhr: Antigone, Desdemona und Hedda.
Repräsentation von Weiblichkeit auf der Bühne. Ein Gespräch mit Dr. Andrea Zimmermann und Darja Stocker. Spielplan Theater Basel (URL)
25. Oktober, 21 Uhr: Projekt Schooriiil – Klimawandel
Von und mit Anne Haug, Melanie Schmidli und Kai Wido Meyer (Video). Spielplan Theater Basel (URL)
14. November, 20 Uhr: Männlichkeit – am Ende ihrer Performance?
Gespräch mit Matthias Luterbach, Matthias Köhler und Jonas Gillmann (Moderation Andrea Zimmermann). Spielplan Theater BAsel (URL)
22. November, 22 Uhr: Masculinity Fragility
Textfassung und Inszenierung von Matthias Köhler. Spielplan Theater Basel (URL)
12. Dezember: „Die schönste Liebe ist die unerfüllte“
Gespräch mit Anna Gien und Fleur Weibel (Moderation Dominique Grisard).

Weitere empfehlenswerte Premieren am Theater Basel diesen Herbst

18. Oktober: Hundert Jahre weinen oder hundert Bomben werfen (Uraufführung)
Geschichte eines Verdingbubs und Fremdenlegionärs. Schauspiel von Darja Stocker und Mohamedali Ltaief. Spielplan Theater Basel (URL)
16. November: In den Gärten oder Lysistatra Teil 2 (Uraussführung)
Fortsetzung des antiken Stücks Lysistrata. Schauspiel von Sibylle Berg nach Aristophanes. Spielplan Theater Basel (URL)


Bild: grrrls grrrls grrrls. © Theater Basel

Art and Politics, Veranstaltung / Event

Publikumsgespräch «WE BODIES»

WE BODIES ist eine Tanz-Performance, welche auf  Körperprojektionen aufmerksam macht und durch das Motiv des Monsters eine kritische Begegnung mit Normen und Körperpraxen zulässt. Im Publikumsgespräch mit den PerformerInnen erfahren wir deren Gedanken, Arbeitsweise und Ideen zu ihrer Performance.

Dominique Grisard von The Art of Intervention moderiert das Publikumsgespräch. Bei der kurzen Vorstellungsrunde wird bekannt, dass Michael Turinsky, Teresa Vittucci und Claire Vivianne Sobottke alle als ChoreografInnen und PerformerInnen in Wien tätig sind. Tian Rotteveel, welcher die Musik des Stücks gemacht hat, stellt sich als Bewegungskünstler und Tanzmacher vor.

Das Publikumsgespräch wird mit der Frage zur Arbeit mit dem Monströsen eröffnet.  Die PerformerInnen erzählen, wie das Monster als Figur erst im Verlauf des Probenprozesses Form angenommen hat. Erst später haben sie dazu recherchiert. Die Thematik ist aus einer Kollaboration aus drei Menschen entstanden mit unterschiedlichen Zugängen zu diesen Fragen und zum Monster. Besonders reizt sie an der Thematik, dass das Monster nicht kategorisierbar ist, „the monster always escapes“. Das Monster ist „das Undenkbare“ und daher performativ eine interessante Figur. Es entzieht sich den Dualismen Tier/Mensch und Frau/Mann, womit es Identität aufbrechen kann. Durch seine Differenzen und Kuriositäten stellt das Monster die Konstruktion der Realität in Frage. Es hat eine bestimmte Art der Artikulation von Affekt und Lust, die über den normierten Ausdruck hinausschiesst. Es geht nicht darum sich zusammenzureissen, sondern über die Normierung und Regulierung hinauszugehen. Dies hat mit Monstrosität und mit diversen Körpern zu tun, die das Ideal der wohlgeordneten Regulation sprengen. Das Monster, das nicht nur Dualismen aufhebt sondern auch alles beinhaltet, hat eine gewisse Narrenfreiheit, Leute in ihrer konstruierten Vorstellung von Norm zu konfrontieren, den Spiegel vorzuhalten und zu erschrecken.

Grisard stellte daraufhin die Frage, ob es das Ziel der Performer*innen gewesen sei, die Anforderungen an die Souveränität des Körpers zu hinterfragen oder gar aufzulösen. Für die PerformerInnen liess sich dies nicht eindeutig beantworten. Denn sie wollten Sachen zeigen mit denen sie sich in der Gesellschaft stossen. Es gehe ihnen nicht darum mit bestimmten Szenen spezifische Mitteilungen zu machen, sondern vielmehr darum, sichtbar zu machen, wie sie zusammen arbeiten. Der Prozess der Zusammenarbeit hat vor fünf Jahren begonnen, als sie sich zuerst viel mit Intimität befasst haben und damit, was es für ihre drei doch sehr unterschiedlich wahrgenommenen Körper bedeutet. Im Fokus steht die Projektion, welche auf ihre Körper gelegt wird. Teresa wird beispielsweise im Tanzkontext oft als ‚fett‘ bezeichnet, womit viele Konnotationen einhergehen wie faul, kann sich nicht kontrollieren, schüchtern, gut im Bett und gute Blowjobs. Diese Projektionen wirken auch auf die eigene Wahrnehmung von Person und Körper ein und fliessen in den Umgang mit Anderen ein. Michaels Körper wird wiederum assoziiert mit geistig behindert, pervers und infantil. Sich diesen Projektionen zu stellen und mit denen zu arbeiten bezeichnen sie als Exorzismen, die Projektionen werden zurückgeschossen.

Die eigenen, ja intimsten Wünsche sind häufig verwoben mit dem, was von aussen an Bildern tagtäglich an einen herangetragen wird.

Sie geben in ihrer Performance Souveränität also nicht auf, sondern spielen mit Fantasien, Wünschen und Bildern, die verwoben sind mit diesen Projektionen. Die eigenen, ja intimsten Wünsche sind häufig verwoben mit dem, was von aussen an Bildern tagtäglich an einen herangetragen wird. Die Performance kann als Spiel verstanden werden mit diesen im Körper abgelagerten Schichten, als Momentaufnahme und Reflektion der Verwobenheit von Körper und Gesellschaft.

Gesprächsstoff liefert auch die Rolle der Musik. Während ein eingängiges Stück seit fünf Jahren Requisit und Architektur der Performance darstellt, ist die restliche Musik erst spät entstanden. Denn erst drei Monate vor der Uraufführung stiess der Musiker Tian Rotteveel zur Truppe. Im Gespräch erklärt er, dass es ihm darum ging, mit seiner Musik die Exorzismen zu betonen und die bewegenden Körper zu dezentrieren. Die Bewegungsprozesse werden stimuliert und die sich ständig wandelnden Rhythmen geben eine pulsierende Energie. Durch die Mikrotonalität dekonstruierte er die klassische Idee von Schönheit der Musik. 

Gesprächsteilnehmende im Publikum waren von der Langsamkeit am Anfang des Stücks fasziniert. Tatsächlich war für die PerformerInnen die unterschiedlichen Tempi zwischen langsam und schnell zentral. Langsamkeit funktioniert als Statement an sich. Sie wollten damit aber auch zeigen, wie unterschiedlich jeder Körper getaktet ist. Gleichzeitig hat der langsame und einleitende Anfang pragmatische Gründe, denn Michael könnte gar nicht eine Stunde durchpreschen.

Bei der Arbeit mit unterschiedlichen Körpern muss eine gemeinsame Zeitlichkeit konstruiert werden. Beispielsweise mussten die PerformerInnen sich damit konfrontieren, wie sie sich zusammen aufwärmen, wobei sie auf die Practice fast and slow gestossen sind. Dabei werden Dinge schneller gemacht als man denkt, oder viel langsamer. Dabei wird Langsamkeit innerlich sehr schnell erlebt, es gibt ganz viele innerliche und äusserliche Impulse und Gedanken.

Micheal arbeitet mit diesen Projektionen, welche durch das Publikum auf seinen Körper gemacht werden. Er erzählt von einer Praxis, die er unterrichtet, das «crip vogueing». Dabei werden Bilder von der Modefotografie durch Minoritäten angeeignet. Herkömmliches Vogueing ist bekanntlich eine extrem schnelle Art zu tanzen, Michael will so die Praxis für andere Körperlichkeiten öffnen und interessiert sich dafür, wie sich diese verändert, wenn sie mit anderer Gelenkartikulation und Raumebenen praktiziert wird. Seine «crip» Aneignung des Vogueing ist humor- und lustvoll und birgt das Potential einer Intervention in herkömmliche Performance-Praktiken.

Das Gespräch bot einen ausführlichen Einblick in die Hintergründe und Ideen zu der aufreibenden Performance, an welche mit diesem neuen Wissen aus anderen Perspektiven erinnert werden kann. Lasst uns Monströses zelebrieren!

Text von Andrina Imboden.

Foto: We Bodies. © Anna Breit.

Art and Politics, Veranstaltung / Event

Klage um Queen Kagiso Maema in der Basler Theodorskirche

Zur Performance Elegy von Gabrielle Goliath im Rahmen der Dokumentartage It’s the real thing von der Kaserne Basel.

Der Eintritt in die Theodorskirche ist frei, beim Einlass wird jeder Person ein Dokument ausgehändigt. Es ist ein ungewöhnliches Format und dickes Papier. Gleichzeitig wird dazu aufgefordert, sich möglichst weit nach vorne zu setzen. Ich wähle einen seitlichen Platz in der ersten Reihe.

Das ausgeteilte Blatt ist im schummrigen Licht schwer zu lesen, weshalb ich es erst nach der Performance eingehend lese. Die eine Seite ist mit einem Text von Wilhelmina Maema bedruckt, in dem sie Kagiso Maema gedenkt. Auf der anderen Seite werden das Projekt und dessen Anliegen erläutert, darunter Informationen zu Kagiso Maemas Tod. Es ist jedoch nicht möglich alles durchzulesen, da bald das Licht in der hohen Kirche ausgeht und nur noch ein Scheinwerfer den Saal erhellt. Er ist auf ein Podest gerichtet, welches das Licht grell reflektiert. Ein hölzernes Podest auf dem Holzboden der Kirche.

Die Plätze der Zuschauer*innen sind hufeisenförmig um das Podest angeordnet. Das Publikum verstummt, Blicke suchen fragend die Kirche ab, wann und woher die Performer*innen die Bühne wohl betreten. Diese lassen sich jedoch Zeit, bevor dann sieben Personen durch eine Türe durch das Dunkel auf den Lichtkegel beim Podest zusteuern. Sie gehen hintereinander in einer Reihe, der Boden knarrt laut unter ihren Schritten.

Die Performerinnen* tragen verschiedene Kostüme, manche Hosen, manche Kleider, welche jedoch alle schwarz sind. Alle Kostüme unterscheiden sich voneinander und verbinden die Performerinnen* doch in dem trauernden schwarz. Bereits in dieser Kostümwahl wird das Zusammenspiel von Individualität und Kollektiv hervorgehoben, welches sich als Thema durch die Performance zieht.

Die erste Person betritt das Podest und beginnt einen hohen Ton zu singen, wendet sich dann vom Publikum ab und tritt vom Podest, dabei beendet sie den Gesang. Gleichzeitig steigt die nächste Person auf das Podest, wobei sie den Ton der Vorgängerin* bereits aufgenommen hat und denselben Ton auf ihre Art zu singen beginnt. Und so wird der Ton weitergereicht von Perfomerin* zu Performerin*. Nach dem Verlassen des Podests reihen sich die Performerinnen* jeweils wieder in die Schlange vor dem Podest ein.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung.

Dieser Ablauf, welcher an ein Ritual erinnert, wiederholt sich etliche Male, etwa eine Stunde lang, bis eine der Personen vom Podest weggeht und sich auf eine Bank im Dunkeln niederlässt. Das Ritual geht weiter, der Ton bleibt konstant in den Ohren der Zuschauer*innen schwingend. Nach und nach, sehr langsam folgen vereinzelt die weiteren Performerinnen*, bis nur noch eine Person auf dem Podest steht und den Ton ausklingen lässt. Zu siebt verlassen sie den Kirchsaal durch dieselbe Tür, durch die sie herein gekommen sind. Der Applaus verhallt über der leeren Bühne, das Licht in der Kirche wird wieder heller, die Zuschauer*innen verlassen ihre Plätze.

Die Performance schafft einen intimen Raum der Verwundbarkeit, viel geht in mir vor. Meine Gedanken können nicht davon ablassen, ständig nach Bedeutung und Interpretationsansätzen zu suchen, sich zu fragen, um der Situation weniger ausgeliefert zu sein. Ob ich wohl etwas Wichtiges verpasst habe, was zum besseren Verständnis der Performance verhelfen würde? Die Bedeutung verliert sich in meiner ständigen Suche nach Bedeutung, denn vermutlich könnte ich mehr von der Mitteilung begreifen, wenn ich davon ablassen würde, ständig nach Anhaltspunkten für eine allfällige Interpretation zu suchen.

Die bedeutungsschwangere Kirche und die Kleidung der Performerinnen* kreieren eine schwere und dunkle Stimmung. Der gesungene Ton und die Beleuchtung auf dem Podest bilden dazu einen grellen und hellen Kontrast. Der Vibrato im Gesang einiger Stimmen nimmt einen aufrüttelnden und fast schon alarmierenden Klang an.

Zwischen den Performerinnen* findet keine direkte Interaktion statt, jede* ist für sich, der Blick ist meist gesenkt. Die einzige Begegnung findet statt im gegenseitigen Abnehmen des Tones und im Sich-wieder-in-die-Reihe-Stellen. Auch zum Publikum wird kein (Augen-) Kontakt aufgenommen, die Verbindung besteht lediglich in der Übertragung des Tones, im Teilen des Raumes. So wirken die Performerinnen* nicht wie ein Chor, der gemeinsam ein Trauerlied anstimmt, sondern es sind einzelne Personen, die um einzelne Personen trauern, die Individualität tritt in den Vordergrund.  Auch das ungleichzeitige Aufhören der Performerinnen* deutet auf die unterschiedlichen Kapazitäten und individuellen Körper hin, denn jede Person performt, solange sie möchte und kann.

Durch das Zirkulieren und den jeweiligen ‚Soli‘ der Performerinnen* kommt die Assoziation mit einem Vorsingen für eine Prüfung. Dieses Bild wird gestützt durch das Fehlen eines Gemeinschafts- oder Chor-Gefühls, jedoch ist die Stimmung auch keineswegs kompetitiv. Dennoch hinterlässt es einen starken Eindruck der Austauschbarkeit und gleichzeitig der Einzigartigkeit der Performerinnen*.

Auch der Ton wird auf ganz verschiedene Weisen gesungen, sodass die Performance von einem Ton durchzogen wird, welcher zwar immer auf derselben Tonhöhe bleibt, jedoch aus vielen verschiedenen, individuellen Tönen besteht. Das Ende des Gesanges ist nicht absehbar, es gilt, auf Veränderung zu warten und zu wünschen, dass sich was tut. Wann endet der Ton, wann endet die Trauer, wann endet die Gewalt, die hier betrauert wird? Auch der Ton unterstreicht also die Gleichzeitigkeit von Individualität und Kollektiv und verbietet es, Verhältnisse einfach hinzunehmen, ohne sich Veränderung zu wünschen.

In meinen rastlosen Gedanken tauchen Fragen über Fragen auf. Die Form des Quadrates scheint eine Rolle zu spielen, liege ich da richtig? Wenn ja welche? Welchen Ton singen sie und welche Bedeutung hat er? Was spüren die Performerinnen*? Sind sie wütend, traurig oder vorwurfsvoll? Weshalb scheint die Stimmung der meisten so neutral? Wie fühle ich mich? Wer sind die Performerinnen*? Auf der Wange einer Person ist gegen Ende der Performance eine Träne zu sehen. Hat sie Queen Kagiso Maema gekannt? Kennen sie sie alle? Ist die Performance, ist der Ton ein Vorwurf? Eine Strafe?  Entzieht sich eine Performance wie diese jeglichen Analyserastern und Interpretationsversuchen?

Das Rätseln über die Performance und das Sehnen nach dem Ende oder der Veränderung des Tones, welcher sich nach späterer Recherche (vermutlich) als ein h herausstellt, ist vielleicht analog zu denken zur Verständnislosigkeit der Femizide und Gewalt an LGBTQI+ Menschen und der Wunsch nach einer gewaltloseren Welt.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung. Durch die Anwesenheit werden die Zuschauer*innen Teil von einem Trauerritual, sie werden miteingeschlossen und partizipieren durch ihr gemeinsames Gedenken. Die Performance nimmt durch ihr Format mit verschiedenen Auftritten in verschiedenen Städten ein Ritual von gewisser Globalität an. So nehmen Menschen aus aller Welt an der Trauer teil, welche der Ton der Performance transportiert.

Bei erneutem Durchlesen des Handouts (PDF) nach der Performance verstehe ich ihre Intention ein wenig besser, zugleich ergeben auch gewisse Worte im Text nach der Erfahrung mehr Sinn. Beispielsweise wird die Performance als physisch herausforderndes Stück beschrieben, was mir erst einleuchtet, nachdem ich etwa 75 Minuten mit dem hohen h konfrontiert wurde. Oder:

„Die Performances öffnen einen alternativen, intersektionalen Raum, in dem das Trauern als sozial und politisch konstruktive Kraft wirkt – nicht im Sinne einer Heilung oder eines ‚Abschluss-Findens‘, sondern als notwendige und anhaltende Behauptung einer Unauflösbarkeit.“

Darin wird mein Eindruck des Gesanges als gleichzeitiges Anklagen und Beklagen bestätigt.

Die beschriebene Unauflösbarkeit erkenne ich auch in dem Ton, welcher auch nach Ende des Gesanges in meinem Kopf nachhallt. Zurück bleibt ein hilfloses, aufgewühltes Gefühl. Nach der Performance bin ich seltsam konzentriert. Zudem habe ich eine Zeile eines Ska-Liedes im Ohr, welche mich von der Kirche bis nach Hause und ins Bett verfolgt: No, I won’t be the one who’s gonna suffer.

Text von Andrina Imboden.

Foto: Elegy / Eunice Ntombifuthi Dube, Centre for the Less Good Idea, Johannesburg, 2018. © Stella Tate

Art and Politics, Empfehlung

Herzliche Einladung: Wir stellen Kinderbücher vor!

Am 17. Mai ist IDAHOT, der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. Aus diesem Anlass findet in Basel vom 11.-18. Mai 2019 die Themenwoche Bunt! Basel divers statt. In diesen Tagen werden Reihe von Veranstaltungen zum Thema LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual) im Raum Basel stattfinden. Unterschiedliche Institutionen und Organisationen partizipieren mit einem Beitrag – so auch wir:

Am Mittwoch, den 15.5.19, findet um 18:00 die Veranstaltung Bunt & vielfältig. Kinderbücher Heute in der Alten Markthalle Basel statt.
Die moderne Lebensrealität von Kindern sieht bunt aus. Doch was macht diese Vielfalt aus? Und wie kann es gelingen, mit Kindern auf möglichst vorurteilsbewusste, gendersensible Art über Zuschreibungen, Ideale und Identifikationen zu sprechen sowie vielfältige Lebensweisen und Familienmodelle zu thematisieren – ohne diese besonders hervorzuheben? «The Art of Intervention» stellt ausgewählte Bücher für Kinder im Vorschulalter vor, welche die Vielschichtigkeit von Rollenmodellen für Kinder und von Lebens- und Familienentwürfen beinhalten.

Organisiert wird Bunt! Basel divers vom Verein BAS3L.org, der sich für den Austausch zu aktuellen gesellschaftlichen Themen einsetzt. Ziel von BAS3L.org ist es, Plattformen zu schaffen, die gegenseitiges Wissen und Verständnis für unterschiedliche Positionen generieren und dadurch einen breiten Diskurs ermöglichen.

Weitere Informationen und Links
Programm Bunt! Basel divers als PDF und als Facebook-Event.
Veranstaltungsdetails Bunt & vielfältig. Kinderbücher Heute kompakt auf GayBasel.org.

Ein Argument in Bildern: read feminist books von Caroline Frett (2019).


Art and Politics

Aussprechen mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Im folgenden Eintrag findet eine Auseinandersetzung mit dem Aussprechen der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit statt.

Ich gelange immer wieder zu der Überzeugung, dass ich das, was mir am Wichtigsten ist, aussprechen muss. In Worten ausdrücken und mitteilen muss, auch wenn ich damit das Risiko eingehe, dass es verborgen oder missverstanden wird. Dass mich mein Sprechen bereichert, über alle anderen möglichen Auswirkungen hinaus. –Valiente nach Lorde 2015

Mit dem vorangestellten Zitat beginnt die Poetin Audre Lorde eines ihrer Kapitel und ich meinen Kommentar zur Veranstaltung „Wer interveniert? Gedanken aus kunst/kultur_aktivistischer Perspektive“ (27.11.18) mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi. Die beiden Frauen sprechen über Erfahrungen im Alltag und ihre Arbeit bei Bla*Sh (Black She), einem Netzwerk von Schwarzen* Frauen*. Der Einstieg erfolgt aus verschiedenen Gründen mit dem Zitat von Lorde. So wird die Poetin, welche sich in vielen ihrer Werke mit der eigenen Identität als schwarze, lesbische Frau auseinandersetzt, auch von den Referentinnen im Verlaufe des Gesprächs angesprochen und mit einer ähnlichen Stelle zitiert. Die beiden Kulturschaffenden und Aktivistinnen arbeiten ausserdem im Rahmen der Veranstaltung viel mit Zitaten. Die Zitate, welche von schwarzen Frauen stammen, werden wie Überthemen vor einem gewissen Abschnitt des Gespräches gelesen. Dabei geben ihnen Owens und El-Maawi bewusst Raum, indem jedes Zitat von ein paar Sekunden Schweigen begleitet wird. So sollen die Zitate  und ihre emotionale Wirkung aufgenommen werden können. In ihrem Zitat geht Lorde auf die bereichernde Kraft des Sprechens und Aussprechens ein. Dies weist auf eines der zentralen Themen des Abends hin: das Sprechen. So ist das Sprechen für die Veranstaltung formgebend, da der Dialog zwischen Owens und El-Maawi ihr eigentliches Format bildet. Owen und El-Maawi sprechen miteinander, das Publikum hört zu. Auch so wurde Bla*Sh gegründet, man traf sich am Küchentisch, brachte Bücher mit, teilte Alltagserfahrungen, und hörte sich zu: das Private ist politisch.

So sitzen nun Owen und El-Maawi vor uns, lesen Zitate und reden. Sie reden über Community, Safespaces, Role-Making, Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit und Selfcare. Alles sind wichtige Themen ihres „Struggles“, so wie es Owens nennt, aber auch ihres alltäglichen Lebens. Besonders komplex wirkt das ambivalente Erleben der gleichzeitigen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. So scheinen schwarze Frauen* gerade in Bereichen der Wissenschaft, Kultur oder der Kunst unsichtbar zu sein: ihre Namen tauchen seltener auf. In Kinderbüchern, Filmen oder Werbungen erscheinen sie seltener und wenn dann oft in einer erklärten Sonderstellung: sie gehören nicht zum Normalen oder Selbstverständlichen. In der Filmindustrie bspw. wird erklärt und verhandelt, wieso jetzt gerade eine schwarze Frau* eine bestimmte Rolle spielt oder spielen darf. Hier beginnt schon die Ambivalenz der Sichtbarkeit: Auf der anderen Seite sind sie nämlich sehr wohl sichtbar, zum Beispiel als „Exotinnen“ oder als „Auffällige“ bei einer Sicherheitskontrolle. Identitätsbilder und Stereotypen werden von aussen zugeschrieben. So wird der eigenen Identitätssuche die Angst gegenübergestellt, gerade diese Stereotypen zu bedienen.

Die Praktiken und Strategien von Bla*Sh: Räume gestalten, Communitys bilden, Kunstformen erproben, kulturelle und politische Interventionen durchführen, versuchen auf Lücken und Leerstände hinzuweisen und diese zu füllen. Dazu gehört auch, Fremdzuschreibungen zu erkennen, zu reflektieren und diesen entgegenzuwirken. Die Praktiken von Bla*Sh sind aufgrund der Ambivalenz von Erfahrungen des Sichtbaren und Unsichtbaren sowohl nach innen sowie nach aussen gerichtet. In der Community und im Safespace kann reflektiert, Kraft gesammelt, und sich ausgetauscht werden. Nach aussen wirkend wird eine Adressierbarkeit erreicht, es wird interveniert und Identität und Repräsentation in einem gesellschaftlichen Diskurs verhandelt. Das Aussprechen und Mitteilen, aber auch das Zuhören, sind in beiden Sphären grundlegend.

Text von Noah Lopez.

Literatur
Valiente, AnouchK Ibacka (Hg.): Vertrauen, Kraft & Wiederstand. Kurze Texte und Reden von Audre Lorde. Berlin 2015.