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BOYS DON’T CRY

Ein Gespräch mit Matthias Luterbach, Männlichkeitsforscher, wissenschaftlicher Assistent und Doktorand am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Text als PDF lesen.

Es scheint, als würde die Geschlechterzugehörigkeit auch heute noch das am meisten identitätsstiftende Merkmal sein – kann Identität ohne Geschlechterzugehörigkeit gedacht werden?

Es gibt sicherlich auch andere Dimensionen, die ebenso zentral Lebensläufe und Selbstverständnisse formen. Diese sind mit Geschlecht oft konstitutiv verbunden. Ich denke da insbesondere an Sexualität, Ethnizität/Race und Klasse. Wobei sich diese Gewichtungen je nach Kontext verschieben können. Geschlecht gehört aber sicherlich als ein sehr zentrales Verhältnis dazu und zieht sich durch die Verhältnisse hindurch.

Wie Sie richtig sagen, ist das nicht nur Effekt eines Verhältnisses, das von aussen auf die Menschen wirkt, sondern auch ein Ergebnis eines Verhältnisses, das Personen zu sich selber haben, etwa weil sie wichtige Aspekte ihrer Identität an Geschlecht festmachen. Nicht nur, dass wir Identität an Geschlecht festmachen, sondern vor allem auch, wie wir Geschlechtszugehörigkeit denken und nach wie vor denken müssen, nämlich als binär, heterosexuell und hierarchisch strukturiert, engt ja die Möglichkeiten, wie wir überhaupt existieren können, extrem stark ein.

Ihre Frage weist darauf hin, dass es eine bestimmte Offenheit geben könnte, welche Rolle die Geschlechtszugehörigkeit für das Selbst in Zukunft haben wird. Damit nimmt diese Frage gegenwärtige Debatten auf. Transorganisationen wie beispielsweise das Transgender Network Switzerland (TGNS) setzen sich nicht ohne Erfolg dafür ein, dass man das Geschlecht einer Person unabhängig von medizinischen und körperlichen Eingriffen oder psychopathologischen Zuschreibungen anerkennt, also das Geschlecht anerkennt, als das eine Person sich selbst fühlt. Damit existieren offiziell Männer mit Klitoris und Vagina und Frauen mit Penissen. Das bedeutet eine grosse Infragestellung und Erweiterung des Denkhorizonts von Geschlechtszugehörigkeit.

Nicht zuletzt würde ich sagen, dass sich mit dieser Infragestellung und Vervielfältigung nicht unbedingt eine abnehmende Bedeutung von Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit feststellen lässt. Diese nimmt vielmehr gegenwärtig eher zu. Gleichzeitig ist die Frage der Zugehörigkeit und inhaltlichen Bestimmung komplexer geworden, und die Möglichkeiten haben sich erweitert. Vielleicht verändert sich zudem derzeit auch der Bezug des Selbst zur Identität, und wir denken uns zunehmend fluider und veränderlicher, was ich einen mindestens ebenso grundlegenden Aspekt finde.

Die Reaktionen auf die zunehmende Emanzipation der Frau sind unterschiedlichster Natur: Zuspruch, aber eben auch Verunsicherung oder Aggressivität. Was ist so provokant an dem Bild einer starken und unabhängigen Frau?

Das muss man aus den Veränderungen im Geschlechterverhältnis in den letzten fünfzig Jahren verstehen. Unter anderem durch die Emanzipation der Frauen, die Sie ansprechen, stellen sich ja ganz viele Fragen der sozialen Organisation und des alltäglichen Zusammenlebens neu. So wird inzwischen die familiale Arbeitsteilung – also wer wovon wie viel macht, bezogen auf die Kinderbetreuung oder den Haushalt – gemeinsam entschieden. Auch der Umgang in der Beziehung und der Sexualität, bis hin zur Frage, wie überhaupt Familie gelebt wird, muss neu verhandelt und gestaltet werden.

Viele Männer wachsen mit der Vorstellung auf, dass sie ein Anrecht auf eine bestimmte Normalität haben.

Dabei sind eine ganze Reihe von früheren Ansprüchen von Männern nun infrage gestellt. Einige Aspekte, woran Männlichkeit im 20. Jahrhundert festgemacht wurde, wie etwa Familienoberhaupt oder Familienernährer zu sein oder heterosexuell, haben inzwischen praktisch und normativ an Selbstverständlichkeit verloren. Mir ist an dieser Stelle auch wichtig zu sagen, dass viele Männer, wie wir in unseren Forschungen feststellen konnten, etwa die Zeit mit ihren Kindern für sich als wichtigen Gewinn an Lebensqualität formulieren und diese Veränderungen nicht nur erleiden, sondern auch von sich aus, anders als früher und oft in expliziter Abgrenzung zu ihren Vätern, wollen.

Auch in anderen Feldern wie dem Beruf oder der Politik hat wachsende Präsenz und das Selbstbewusstsein von Frauen zu Veränderungen geführt. Ich verstehe die Reaktionen also als Ergebnis, dass bisherige Lebensweisen und Selbstverständnisse infrage gestellt sind und einige Männer verunsichert sind.

Allerdings beschäftigt es mich schon sehr, warum so viele Männer auf diese Herausforderungen des sozialen Wandels eigentlich eher negativ und auch ziemlich dysfunktional reagieren. Sie weigern sich ja geradezu, gesellschaftlich Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und versuchen, sich dieser zu entziehen, gleichzeitig beanspruchen sie eine gewisse Führungsrolle. Das erscheint ja paradox. Momentan gehe ich davon aus, dass dies mit bisherigen Anforderungen an Männlichkeit zu tun hat. Viele haben diese sowohl als notwendig zu erfüllen, aber auch als eine Art Anrecht verinnerlicht.

So wachsen viele Männer mit der Vorstellung auf, dass sie ein Anrecht auf eine bestimmte Normalität haben. Diese besteht u. a. aus einem Job, der ihnen erlaubt, eine Familie zu haben, einer Frau, die sich vornehmlich um Kinder und Haushalt kümmert, regelmässigem Sex usw. Wenn sich diese Dinge nicht wie in ihrer Vorstellung erfüllen, fühlen sie sich betrogen. Ich denke also, dass die aggressiven Reaktionen auch mit einer sehr geschlechtsspezifischen Konformität zu tun haben, die die Männer als Zwang verinnerlichen und der sie sich und andere unterwerfen. Wenn sie diese nicht erfüllen, fühlen sie sich in ihrer Männlichkeit infrage gestellt. Die Vorstellung von Gestaltbarkeit ist an dieser Stelle gerade auch für jene Männer in Machtpositionen klein.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um Männlichkeit fällt häufig der Begriff «toxische Männlichkeit». Was ist darunter genau zu verstehen?

Ich verstehe den Begriff «toxische Männlichkeit» als Ausdruck gegenwärtiger gesellschaftlicher Veränderungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Perspektive auf Männlichkeit. Zunehmend werden gesellschaftlich die negativen Folgen oder eben die «toxischen», giftigen/vergiftenden Aspekte der vorherrschenden Anforderungen an Männlichkeit diskutiert.

Der Begriff wird zwar schon mindestens seit den Siebzigerjahren gebraucht, aber erst jetzt ist er sehr zentral geworden in der Debatte, nicht zuletzt auch, weil Männer selber diesen Begriff als Kritik an traditioneller Männlichkeit benutzen. Unter anderem prägte ja der Autor Jack Urwin mit seinem international gut verkauften Buch «Boys don’t cry» den Begriff. Darin setzt er sich nach dem Tod seines Vaters an einer Herzattacke u. a. damit auseinander, dass Männer deutlich weniger oft medizinische Hilfe für sich in Anspruch nehmen und für sie gilt, stets stark und mutig zu sein.

Ich bin der festen Überzeugung, dass mit der zunehmenden Kritik an der herrschenden Geschlechterordnung auch Männer noch vermehrter formulieren werden, wie sie sich durch die geschlechtsspezifischen Anforderungen unter Druck gesetzt fühlen und unter ihnen leiden.

Der Begriff zeigt, dass die Diskussion über Männlichkeit inzwischen in der Mitte der Gesellschaft geführt wird. Inhaltlich werden damit sehr unterschiedliche Gesichtspunkte angesprochen: Mit der Debatte um #MeToo wurde ja öffentlich noch mal sehr deutlich, dass sexuelle Belästigungen und sexuelle Gewalt sehr verbreitete Erfahrungen von Frauen sind, und dieses Problem ein strukturelles, eng mit herkömmlicher Männlichkeit verbundenes ist, es also einen sozialen Ursprung hat. Männlichkeitsvorstellungen sind dabei allemal sehr zentral.

Mit dem Begriff «toxische Männlichkeit» wird aber auch thematisiert, wie herkömmliche Anforderungen an Männlichkeit auch für die Männer selbst «toxisch» sind. Etwa, was ihren Umgang mit Gesundheit und mit ihrem eigenen Körper betrifft. Auch wird kritisiert, dass sich ein grosser Teil der Gewalt von Männern unter Männern abspielt, vom Mobbing auf dem Schulhof bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Auch die Rigidität der Anforderungen und damit die bereits angesprochenen Konformitätszwänge werden thematisiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass mit der zunehmenden Kritik an der herrschenden Geschlechterordnung auch Männer noch vermehrter formulieren werden, wie sie sich durch die geschlechtsspezifischen Anforderungen unter Druck gesetzt fühlen und unter ihnen leiden.

Allerdings hat der Begriff «toxische Männlichkeit» die Tendenz, die ganze Frage der Männlichkeit als gesellschaftlicher Norm und auch als Machtverhältnis unter Männern, wie es in der kritischen Männlichkeitsforschung seit Längerem untersucht wird, zu wenig ernst zu nehmen und es als Problem der individuellen Lebensweise und des Lebensstils zu diskutieren, statt als strukturelles Problem.

Die eigentliche Bedrohung liegt doch nicht in der Aufweichung von Geschlechterstereotypen, sondern vielmehr in dem Leidensdruck, «so oder so sein zu müssen». Was können wir als Gesellschaft tun, damit die gegenwärtig stattfindenden Veränderungen als das gesehen werden, was sie sein könnten – eine Chance sich von dem Gefängnis heteronormativer Zuschreibungen freizumachen. Wäre zum Beispiel ein Fach «Gender» bereits in der Schule ein möglicher Schritt?

Ja, das wäre ein wichtiger Schritt, in der Schule vermehrt Fragen um Geschlecht zu thematisieren – wenn das auch nicht einfach ist. Ich denke, dass die Schulen darum über kurz oder lang ohnehin nicht mehr herumkommen werden. Fragen um Sexualität und Geschlecht werden für Kinder und Jugendliche inzwischen immer früher ein zentrales Thema. Die Schule wird daher einen Umgang mit diesem Thema finden müssen, damit die Kinder diesen vielen Geschlechterbildern aus den Medien, der Werbung und der Pornografie nicht mehr unkommentiert und ohne systematische Reflexion ausgesetzt sind. Allerdings kann sich die Geschlechterordnung nicht nur an einem Ort verändern. Es ist – wie anfangs gesagt – eine Struktur, die alles durchzieht. Entsprechend müssen wir die Fragen von Geschlecht auch in anderen Bereichen thematisieren.

Interview mit Matthias Luterbach aus dem Begleitheft zu GRRRLS GRRRLS GRRRLS, S.48-53.

Mehr zum Thema gibt es am 14. November um 20 Uhr in der Monkey Bar:
Männlichkeit – am Ende ihrer Performance?
Ein Gespräch mit Matthias Luterbach, Matthias Köhler und Jonas Gillmann (Moderation Andrea Zimmermann). Weitere Informationen hier.


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Politics, Veranstaltung / Event

DETOX DEINE WEIBLICHKEIT

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Wer kennt sie nicht, die gespielt erwartungsvolle Haltung, in die manche weiblich sozialisierte Person «wie automatisch» verfällt, wenn ein ausgewiesener Mann beginnt, etwas in deplatzierter Breite zu erklären? Wer kennt nicht das reflexhafte, entwaffnende Lächeln in Reaktion auf einen verletzenden Spruch? Wer nicht das ohnmächtige Erstarren in Anbetracht des Wutanfalls eines Vorgesetzten, Kollegen oder «Familienoberhaupts» – und wer kennt nicht die betretene Stille danach und das klein-leise, hastige Zurückkehren in die «Normalität»?

Alle Bilder von der Veranstaltung Antigone, Desdemona und Hedda der Reihe GRRRLS GRRRLS GRRRLS. Repräsentation von Weiblichkeit auf der Bühne. Ein Gespräch mit Dr. Andrea Zimmermann und Darja Stocker am 23.10.2019 in der Monkey Bar des Theater Basel. © Privat.


Wie oft hat man solche Szenen mehr oder minder schamerfüllt beobachtet und sich in ihnen fremd gefühlt – wie oft hat man sich selbst nicht gekannt, wenn man diejenige war, die sich so gehorsamst aus der Zeit gefallen verhielt, ohne zu wissen, warum.

Was, wenn eine Ansammlung antrainierten «weiblichen» Verhaltens noch immer das dysfunktionale patriarchale System unterstützt? Warum sind gerade diese Muster so schwer aufzugeben?

Von Simone de Beauvoir und Judith Butler wissen wir, dass «Weiblichkeit» kein angeborenes Verhalten ist, sondern eine Performance, eine Art und Weise zu agieren, die von spezifischen gesellschaftlichen Erwartungen sowie von Machtverhältnissen geprägt und im Laufe des Aufwachsens verfestigt wird. Eine Person wird deswegen als «weiblich» erkannt, weil sie das ihr zugeschriebene Geschlecht darstellt, bestimmte Verhaltensweisen wiederholt und damit ihrer Aussenwelt in jedem Moment versichert, sich nicht über die Grenzen «ihrer» Rolle hinwegzubewegen.

Das Weglassen gewisser, das «freie» Individuum verfälschende Verhaltensmuster ist […] aber nicht nur ein zu erwartender Effekt von Gleichberechtigung, sondern gleichzeitig der Weg dahin.

Die Motivation, die Phänomene geschlechtlich gefärbter Muster zu untersuchen, ist eine politische. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass das antrainierte weiblichen, Verhalten ein System unterstützt, das täglich Gewalt produziert, und man dieses destruktive Zusammenspiel, einmal entlarvt, zum Stillstand bringen könnte – und endlich aufbrechen zu einem gleichberechtigten Leben.

Aber warum bestehen nebst den äusseren auch so viele innere Hürden? Und warum ist es so gravierend, wenn bestimmte Verhalten unbewusst weiter praktiziert werden? Schon Olympe de Gouges hielt im 17. Jahrhundert gewisses Verhalten von Frauen als verzichtbar, so etwa Lächeln, Schmeicheln und Verführen mit dem Ziel, das männliche Gegenüber «schwach» und kontrollierbar zu machen. Zu einer Zeit, als das Wahlrecht und die gleiche Schulbildung für alle schon einmal zur Debatte standen und sämtliche sinnentleerten Hierarchien öffentlich angeprangert wurden, schienen ihr diese Verhaltensweisen als überholte Mittel, als Frau Macht zu erlangen.

Das weibliche Taktieren war für sie ein Symptom der Entrechtung und somit eines Daseins, das es zu überwinden gelte. Wären Frauen erst einmal in denselben einflussreichen Positionen wie Männer «und würden in ihren Ämtern gleich gewürdigt», so wäre ein solches Verbiegen nicht mehr nötig. Das Weglassen gewisser, das «freie» Individuum verfälschende Verhaltensmuster ist für sie aber nicht nur ein zu erwartender Effekt von Gleichberechtigung, sondern gleichzeitig der Weg dahin, eine Aktion, ein Initiieren von Transformation im Hier und Jetzt.

In einer Realität, in der viele Thematiken wahlweise Ohnmacht oder Panik auslösen, ist das eigene Verhalten einer der wenigen Bereiche, der unter gewissen Bedingungen der eigenen Handlungsmacht unterliegt. Die Entscheidung, sich innerhalb einer Familie, eines Betriebs anders als gewohnt auszudrücken, hat das Potenzial, strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Radikaler Wandel wäre also nicht nur überfällig, sondern auch möglich.

Die erfolgreichen Unterbrüche von stereotypen Zuständen […][machen] die Ödnis der Norm sichtbar, die Dynamik der Veränderung begehrenswert.

Aktuelle feministische und queere Bewegungen zeigen, dass es durchaus eine Perspektive darstellt, kollektiv und langfristig stereotypes Verhalten zu unterbrechen. Dabei entstehen neue Realitäten, in denen Geschlechtergrenzen aufgeweicht und Machtmechanismen infrage gestellt oder ausgehebelt werden. Die Überwindung der dualen Ordnung bleibt kein ästhetisches, innerhalb einer Blase gelebtes Phänomen, sondern führt vielerorts nach jahrelanger Beharrlichkeit auch zu Gesetzesänderungen. Die Bedingungen, innerhalb derer alle «Geschlechter-un-zugehörigkeit» wählen können, ändern sich.

Die tatsächlich gelebten Machtbeziehungen verändern sich aber nicht zwingend. Vor allem dann nicht, wenn die neuen Rahmenbedingungen nur von wenigen genutzt werden und die festgefahrenen Muster weiterhin dominieren.

Die erfolgreichen Unterbrüche von stereotypen Zuständen erreichen hauptsächlich in ihrer visuellen Erscheinung eine breitere Masse: queere Märsche, die viral gehen, Individuen, die mit ihrer Selbstpräsentation die Verstocktheit des binären Blicks freilegen. Durch sie wird die Ödnis der Norm sichtbar, die Dynamik der Veränderung begehrenswert. Dem eindimensionalen Lustverständnis werden autonom gestaltete, breit gefächerte Lusträume entgegengestellt. Feminismus und Queerness erscheinen in diesem Kontext nicht nur als politische Positionierung mit Konsequenzen, sondern auch als Lifestyles unter vielen, denen man sich anschliessen kann, sofern man* sich dort mehr persönliche Freiheit und Akzeptanz verspricht.

Tatsächlich sind zeitgenössische feministische und queere Kontexte inklusiver, als es ihr die Gegenstimmen attestieren: das Reproduzieren von Stereotypen wird nicht per se ausgeschlossen, um gemeinsam den Weg fern von patriarchalen Strukturen zu gehen. Entscheidend ist die Frage der Selbstermächtigung: wenn es dir guttut, jeden Tag ein Selfie mit Schmollmund zu posten, dann mach es.

In Zeiten eines Neoliberalismus, der sich ohnehin jede originäre Selbstinszenierung einverleibt, reproduziert und konsumierbar macht, scheint dies erst einmal folgerichtig: die Formate des Markts zu benutzen, um sich in Szene zu setzen. Die ständig neu zutreffende Wahl der eigenen Repräsentation ist im besten Falle nicht nur ein Selbstinszenieren und Verfestigen von Rollenbildern, sondern trägt die Option in sich, zu irritieren – Zuschreibungen heute zu bestätigen, um sie morgen zu erschüttern.

Geschlechtsüberschreitendes Verhalten, das sich in den sozialen Netzwerken abspielt, scheint im mitteleuropäischen Kontext mit weniger Hürden behaftet zu sein, als dieses im situativen, täglichen Leben zu praktizieren, sei es innerhalb von Institutionen oder in der Familie.

Dass «l’homme est né libre» nur für die männliche, weisse Bevölkerung galt und nicht etwa für die Menschheit, das war zu de Gouges Zeiten kein konservatives Phänomen, sondern ein erbitterter Kampf […].

Trotz global vernetzter, sich in ihrer Wirkung medial potenzierender Bewegungen und Diskurse haben als Mann positionierte Personen noch immer eine Prozentzahl an Leitungsposten inne, die einen glauben machen könnte, die Vorstellung des menschlichen Körpers sei bei Aristoteles stehen geblieben. Oder in der von der Antike inspirierten, bereits erwähnten Aufklärung, wo Frauen nach ein paar hoffnungsvollen Jahren auf Bildung und Wahlrecht mittels biologistischer Argumente die Teilhabe am öffentlich-politischen Leben verweigert wurde.

Dass «l’homme est né libre» nur für die männliche, weisse Bevölkerung galt und nicht etwa für die Menschheit, das war zu de Gouges Zeiten kein konservatives Phänomen, sondern ein erbitterter Kampf, den jene gewannen, die bereit waren, die Guillotine einzusetzen. De Gouges und viele andere kamen für ihre Überzeugungen, dass auch Frauen und die kolonisierte Bevölkerung gleiche Rechte haben sollten, aufs Schafott.

Die physiognomisch-faschistoiden Rechtfertigungen der Konservativen überlebten, so absurd sie schon damals waren, bis heute und werden von hohen Politikern bis zu angesehenen Künstlern weiterhin dazu benutzt, nicht weiss männlich positionierte Personen zu diskriminieren.

So sprach etwa eine männliche Theaterlegende noch 2018 den «Frauen» das Talent ab, Regie führen zu können – mit der Begründung, dass Männer auch besser Fussball spielen würden als Frauen. Er wiederholte das biologistische Argument von der höheren Leistung des stärkeren Körpers, das schon in der Aufklärung dazu benutzt wurde, Frauen von gleichen Chancen fernzuhalten. Ein Senator einer grossen Partei wiederum nannte eine jüngere Kollegin eine «süsse Maus» und suggerierte, dass sie sich hochgeschlafen habe – damit gab er ihr zu verstehen, dass sich ihr aus seiner Sicht verobjektivierter Körper an einem falschen Platz befinde. Diese Beispiele stehen für eine im jeweiligen Bereich dominierende «Kultur».

Auch wenn Frauen in der europäischen Mittelschicht ihre Biografien heute stärker selbst bestimmen können, haben nur wenige Positionen inne, in denen visionäre Handlungen
möglich sind, die dann auch entsprechend gewürdigt werden. Spätestens nach dem zweiten Kind landet die Mehrheit dieser Frauen im Ernährermodell, da der Energieverlust am Arbeitsplatz in den unteren Etagen zu hoch ist – oder im Prekariat, wenn der Ernährer fehlt.

[Man sollte G]eschichtsvergessen im «Hier und Jetzt» präsent sein und Sehnsüchte nach einer Zukunftsvision als störende Ängste beiseiteschieben.

Transformative Diskurse und Begehren weckende Bilder, die eine Realität fern von Rollenzuschreibungen greifbar machen, sind ein wichtiges Fundament für die Forderungen nach anderen Verhältnissen. Um einen tiefer greifenden Wandel herbeizuführen, braucht es aber kollektiven Druck und radikal geäusserte, solidarisch getragene Kritik, die sich machterhaltenden Ritualen ebenso beharrlich und aktiv entgegenstellt, wie diese es im Jetzt auch sind.

Sicher kann man immer anführen, dass als Erstes das neoliberal-kapitalistische System mit seiner gewinnbringend in Stellung gebrachten sexistischen Abwertung abzuschaffen wäre, um die Fremdbestimmung des weiblichen Körpers zu durchbrechen. Dass breit getragene Manifeste, utopische Pamphlete und kollektive intersektionale, globale Massenproteste nötig sind, um Strukturen zu bewegen.

Und zweifellos muss die Sicht auf das grosse Ganze ständig mitgedacht werden. Wenn de Gouges aber inmitten einer Revolution das Verhalten der Damen in den Salons kritisiert, macht das ebenso Sinn. Denn der Umbau von Machtpositionen in überschaubaren Einheiten führt dazu, dass sich die Anliegen dieser jeweiligen Institutionen und Familien auch leichter mit den Protestbewegungen «draussen» verbinden lassen, weil der Graben zwischen den Wirklichkeiten nicht mehr so gross ist.

Gibt es an einem Theater ein Führungsteam aus Persönlichkeiten, die unterschiedliche
Diskriminierungserfahrungen haben, ist die Solidarisierung mit Bewegungen, die soziale oder Gendergerechtigkeit fordern, einfacher und weiterführender, als wenn sie von einer homogenen, dominierenden Gruppe «herabformuliert» wird. Sind in einer Familie beide Partner_innen ökonomisch autonom, fordern sie folgerichtig gleichberechtige Löhne und werden sich solidarisch mit den entsprechenden gesellschaftlichen Forderungen zeigen.

Das eigene transformative Verhalten kann von sozialen Bewegungen inspiriert oder getragen sein. Entweder wird die selbst initiierte Veränderung ohne Widerstand angenommen, da der Weg dahin schon geebnet war, oder aber sie wird als Protest bewertet und muss zu einer Forderung führen, aus der im besten Falle eine Solidarität und das Anstossen von weiteren Veränderungsprozessen erfolgt.

Wird man selbst nicht direkt diskriminiert, könnte man zudem meinen, dass das eine oder andere Wiederholen eingeübter Verhaltensmuster an sich noch keine destruktive Tat darstellt.

Die Möglichkeit der Veränderung wird aber aktuell auch da nicht genutzt, wo sie bereits im Raum steht. Ein oft gehörtes Argument ist, dass «Frauen» sich in bestimmten Situationen nicht wehren oder positionieren, weil sie sich in einer «schwachen» Position befänden. Sicher ist, dass die Bekämpfung von Protest jene am härtesten trifft, die sich in der strukturell schwächsten Position befinden, und die Konsequenzen, die daraus folgen, Jahre, manchmal Generationen nachwirken. Es liegt daher nahe, dass jemand, der eine prekäre Position innehat, sich eher nicht wehrt und versuchen wird, in den Strukturen weiter zu bestehen.

Immer wieder zeigt sich allerdings, dass sich Individuen und Gruppen gerade aus einer verwundbaren Position heraus einer Machtdynamik verweigern oder sich ihr entziehen, da kein anderer Ausweg mehr besteht als Protest oder Weggang. Wer ohnehin bereits von Diskriminierung betroffen ist, ökonomisch prekär dasteht und von den Machtpositionen abhängig ist, wird öfters Ziel von lang anhaltendem Machtmissbrauch als jemand, der das Privileg hat, abgesichert aus der Institution auszuscheiden. Viele nichtprivilegierte Personen sind schlicht nicht im Besitz der Ressourcen, die es bräuchte, den Machtmissbrauch über längere Zeit auszuhalten. So erstaunt es nicht, dass viele Protestbewegungen von schwarzen Menschen, Frauen, POCs oder Arbeiter_innen initiiert wurden.

Jene Individuen, die sich nicht positionieren und die Struktur mit unterstützendem Verhalten am Laufen halten, sind also eher nicht diejenigen, die strukturell am schwächsten dastehen, sondern eher solche, die ihre Ressourcen dazu nutzen, trotz der strukturellen Gewalt weiterhin am System teilzuhaben.

Medienaktivist_innen kritisieren zu Recht den beispiellose Meditations- und Mindfulnessboom, der das aktive Dissoziieren von realen Ungerechtigkeiten als «the healthy way» verkauft. Stattdessen solle man geschichtsvergessen im «Hier und Jetzt» präsent sein und Sehnsüchte nach einer Zukunftsvision als störende Ängste beiseiteschieben.

Eine entscheidende Anzahl von potenziell Wandel anstossenden Menschen wird demnach ermutigt, den berechtigten Ärger wegzumeditieren und den Trott weiterzumachen – statt sich unter Betroffenen zu solidarisieren.

Dabei entsteht eine soziale Bewegung, wie Gloria Steinem es formulierte, genau in dem Moment, wo eine Gruppe von Menschen gleichzeitig feststellt: nicht ich bin falsch, sondern das System.

Möchte man die Flucht in Wogen glättende Apps pessimistisch betrachten, könnte man sagen, dass diese Form von Sich-innerlich-Loslösen von den widrigen Umständen eine Strategie ist, das morsche Boot, das einen trägt, solange wie möglich mit über Wasser zu halten –- grad bis zur Rente, um dann erschöpft abzudanken.

Wird man selbst nicht direkt diskriminiert, könnte man zudem meinen, dass das eine oder andere Wiederholen eingeübter Verhaltensmuster an sich noch keine destruktive Tat darstellt. Dann lächelte sie, ich halt! Es lohnt sich, noch mal zu vergegenwärtigen, dass es aber gerade diese Verhaltensweisen sind, die dazu erlernt wurden, Gewalt zu verschleiern und die Dynamik, die diese weiter produziert, am Laufen zu halten. Es ist gerade dieses Darüberhinweglächeln, dieses Wegblicken, dieses Sichenthalten, dieses Beschwichtigen, dieses Ensemble an harmlosen, verharmlosenden Aktionen, das die Fortführung des Machtmissbrauchs möglich macht, mit allen Konsequenzen billigt und legitimiert.

Das Verhalten, das von Frauen in diesem System erwartet wird, sind jene Gesten, Reaktionen, Tätigkeiten, die benötigt werden, um Machtstrukturen weiter aufrechtzuerhalten.

Struktureller Ausschluss, Mobbing, systematisches Niederhalten in der Arbeitswelt bedeutet, dass die Qualität leidet, sich Mittelmass durchsetzt, dass inspirierende Reibungsflächen fehlen, dass der Lerneffekt ausbleibt, der dort entsteht, wo mehrere Perspektiven aufeinandertreffen. Wo die patriarchale Macht die Oberhand hat, herrscht Sexismus, und wo Sexismus herrscht, ist immer auch Rassismus anzutreffen. Das Verhalten, das von Frauen in diesem System erwartet wird, sind jene Gesten, Reaktionen, Tätigkeiten, die benötigt werden, um Machtstrukturen weiter aufrechtzuerhalten.

Selbst erlebte Grenzübertritte sollen spielend weggesteckt werden. Sowohl im Kulturbetrieb als auch in der Politik und vielen anderen Bereichen wie der Wissenschaft etc. herrscht daher noch heute eine äusserst wirksame Schweigekultur – und das sogar dann, wenn es um schwere Vergehen geht.

Diesen verheerenden Reaktionsmustern gegenüber steht, so die Feministin und Literaturwissenschaftlerin bell hooks, «Authentizität» und «Wahrheit». Sie nennt das anpasserische Verhalten eine Entfremdung von sich selbst, seinem eigentlichen Empfinden. Weiblich sozialisierte Personen würden sich selbst nicht kennen und wüssten nicht, was sie wollten und fühlten, da ihr authentisches Ich ständig von ihrem eigenen künstlichen Verhalten überspielt würde. So hätten Frauen oft kaum Zugang zu wahrhaftigen Entscheidungen und Impulsen, da sie dafür belohnt werden, «falsch» zu sein – und dafür bestraft, sich selbst zu sein. Dass «Frauen» sich ihrem Menschen selbst fremd seien, sieht sie als Hauptgrund, dass sie in ihrem Verhalten verhaftet bleiben. Denn der Ort, von dem aus sie dieses steuern könnten, sei verschüttet.

Warum auch Frauen ihre Muster kaum unterbrechen, die keine existenzielle Bestrafung zu befürchten hätten, erklärt sich mit der Kontinuität an Gewalt, mit der Geschlechterrollen konstruiert wurden. Eine Gewalt, die bis heute nachwirkt.

Dass Traumen über mehrere Generationen über die DNA und unbewusste Schemata der Eltern übertragen werden, ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen. Traumen sind oft ein persönliches Thema, es sei denn, es handelt sich um eine kriegsbetroffene Gruppe. Dabei wird ausgeklammert, dass Traumen immer innerhalb sozialer Bedingungen, gesellschaftlicher Zustände und politischer Realitäten stattfinden.

So hatten bis in die Sechzigerjahre Mütter, die sich trennten oder scheiden liessen, keinen Anspruch auf das Sorgerecht für ihre Kinder, Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe galten nicht als Straftaten. Nicht das patriarchale Familiensystem wurde als dysfunktional identifiziert, sondern das Verhalten des weiblichen Ehepartners als normabweichend eingestuft. Frauen wurden für schuldig befunden und bestraft – juristisch, aber auch sozial – und befanden sich in einer Art rechtfreiem Raum. Qua Geschlechtszugehörigkeit war ihnen eine Reihe von Verboten auferlegt, und sie hatten einen Katalog an Geboten zu befolgen. Dieser war etwa so bindend wie der Dekalog in der Kirche.

Wurde eine gebotene Handlungsweise nicht ausgeführt, setzte es Strafe und Ausschluss aus der Gemeinschaft. Das gewünschte weibliche Verhalten an den Tag zu legen, diente nicht nur dazu, als Frau angesehen zu werden, sondern auch, um sich vor Repressionen zu schützen.

Nebst dem, dass Frauen dafür gemassregelt wurden, den gewalttätigen Lauf der Dinge zu unterbrechen, wurden sie im gleichen Zug gezwungen, die Schuld nicht nur des Unterbruchs, sondern auch der Gewalttat, die diesen Unterbruch hervorrief, auf sich zu nehmen – und deren Konsequenzen.

Über Generationen wurde von weiblichen Personen erwartet, sich im Angesicht gewalttätiger Ausbrüche und Praktiken so zu verhalten, dass das Weiterfunktionieren der Abläufe in Familie und Gemeinde garantiert war. Dies galt vom Überhören von verbalen Entgleisungen bis hin zum Decken von sexualisierter Gewalt. Frauen hatten die Rolle inne, die Katastrophen eines dysfunktionalen Systems in doppelter Weise zu entschärfen: Einerseits zu beschwichtigen und den Fokus woanders hinzurichten, und andererseits das, was eigentlich passierte, unscharf zu stellen, um möglichst schnell zur Routine, der Carearbeit, der Politur des Äusseren zurückzukehren.

Weder das Protestieren noch das Sichsolidarisieren, sondern bereits der Unterbruch des affirmativen Verhaltens wurde als oppositionelle Handlung betrachtet. Die reflexhafte Zäsur, das Stocken, passiert entwicklungspsychologisch gesehen am meisten bei Kindern und jungen Erwachsenen, da diese noch keine ausgewachsene Impulskontrolle besitzen. Weibliche Personen, die den Geboten der Weiblichkeit zu Beginn noch intuitiv versagten, wurden von klein auf als trotzig und widerspenstig bezeichnet, sie wurden kritisiert und abgelehnt.

Das heutige Unterbrechen von konditioniertem Verhalten ist deswegen mit komplexen Blockaden verbunden, weil es seit Generationen in ebenso komplexer, perfider Weise bestraft wurde: Nebst dem, dass Frauen dafür gemassregelt wurden, den gewalttätigen Lauf der Dinge zu unterbrechen, wurden sie im gleichen Zug gezwungen, die Schuld nicht nur des Unterbruchs, sondern auch der Gewalttat, die diesen Unterbruch hervorrief, auf sich zu nehmen – und deren Konsequenzen. Ein heroisches Bestraftwerden, weil man sich aufgelehnt hatte, wurde verhindert, indem der Person öffentlich die Verantwortung für das übertragen wurde, was eigentlich das Verbrechen eines Machtträgers war. All dies, um die Ruhe und das Funktionieren sicherzustellen.

Diese Art von Schuldübertragung stellt eine ständig praktizierte Ablenkung von dem dar, was eigentlich vor sich geht. Von dem immensen Schaden, der durch Gewalt – verbal, physisch, psychisch, sexuell oder strukturell – entsteht. Frauen* wurden über Generationen davon abgelenkt, mit einer Reihe von Verboten und Geboten, mit absurden Bestrafungen, aktiv den Lauf der Dinge zu unterbrechen, Veränderungen zu initiieren, Visionen zu kreieren. Abgelenkt aber auch davon, die Gewalt, die geschah, zu benennen und die tiefe Einsicht in deren Funktionsweise für sich zu beanspruchen.

Um der ständigen Ablenkung zu entkommen, so bell hooks, mit aktiver innerer Arbeit das verfälschte, widersprüchliche Ich ablegen.

Öffnete sich mit dem Unterbruch die Möglichkeit zu einer Veränderung, zu einem Raum des nichtgeschlechtskonformen Verhaltens und also zu einem Anfang von Queerness, so taten Machtträger alles dafür, den Unterbruch in ein Erstarren umzuwandeln. Kaum gestockt, geschockt den Trott unterbrochen – so setzt beinahe gleichzeitig die innere Erstarrung ein, aus Angst vor der Strafe, dem Ausschluss, der Kritik, Stigmatisierung und dem Auseinanderfallen der Struktur.

Es ist diese Erstarrung, die so viele in den Generationen vor uns mit sich herumtrugen, die unter so vielen oberflächlichen Handlungen liegt, die sich weitervererbt und anscheinend noch immer so viele Personen daran hindert, in der Unterbrechung einen realen Ausweg zu finden.

Persönlichkeiten wie Olympe de Gouges, die ihre eigene Erstarrung bewusst hinter sich gelassen haben und im Unterbruch einen Lebensweg kreierten, verbrachten ihre Zeit damit, die irrwitzigen Argumente, mit denen jegliche Unterdrückung rationalisiert wurde, in ihre Bestandteile zu zerlegen. Eine der Begründungen, de Gouges aufs Schafott zu schicken, war: «Frauen, die rational argumentieren, weichen von ihrer Gattung ab, sie sind Monster.»

Um der ständigen Ablenkung zu entkommen, so bell hooks, müsse man mit aktiver innerer Arbeit das verfälschte, widersprüchliche Ich ablegen. Wie aber die Ängste, die mit der Konditionierung sogenannt «weiblichen» Verhaltens einhergingen, abbauen? Es gibt darauf weder eine rein individuelle noch eine rein kollektive Antwort.

Dass sich Leute massenhaft in die private Umgebung von Meditations- und Mindful-Apps zurückziehen, könnte aber unter diesen Vorzeichen hoffnungsvoller eingeordnet werden: statt einer Ablenkung von den eigentlich zu führenden Kämpfen erst einmal als Unterbruch, ein Sichherausnehmen aus dem System. Denn zumindest wird in diesem Bereich des Selfcare weder Diskriminierung betrieben noch ein verfälschtes Verhalten abverlangt, sondern eben einfach: nichts. Und vielleicht ist es dieses Nichts, auf dem aufgebaut werden könnte, diese Verbindung zu sich selbst. Das Lösen der inneren Erstarrung in einer Zeit des Unterbruchs.

Das Unterbrechen zugeschriebener Geschlechterzugehörigkeit ist immer eine Weigerung, trotz gewalttätiger Mechanismen in seiner Rolle weiter zu funktionieren. Ob der Sprung in die direkte politische Aktion gelingt, ist von vielen Faktoren abhängig. Das Stocken, die Zäsur, der Rückzug auf sich selbst ist aber fast jederzeit auf noch die kleinste Weise möglich. Und sosehr ihm wahlweise etwas pathologisch-depressives oder egoistisch-individualistisches anhaftet, sosehr könnte man in ihm auch das Potenzial sehen, in ihm einen Ort für selbstinitiierendes Handeln zu erschaffen – und dies nicht nur für sich selbst.

Das Stocken, dem man einen Raum gibt, statt es in die Erstarrung zu pressen, ist ein Ausscheren aus dem bekannten Pfad. Im Stocken, im Unterbruch steckt das intuitive Wissen, dass ein entwertendes Wort, ein grenzüberschreitendes Verhalten, so subtil es sich auch zeigt, immer die Perspektive der Gewalt in sich trägt, der Destruktion, des Todes, symbolisch oder konkret. Die Zäsur und das Festhalten an ihr braucht Unterstützung – sind diese nicht vorhanden, tun es vielleicht am Anfang sogar neoliberale Tools, die eigentlich für etwas anderes gedacht waren.

Der selbstinitiierte Unterbruch und sein vorläufiges Aussitzen ist ein aktives Hinterfragen einer Richtung, ein Sichloslösen von einer Ideologie, die ins Desaster führt. Es ist der Beginn eines Quergangs jenseits der Erwartung an das eigene, zugeschriebene Geschlecht. Es entsteht ein Ort der inneren Neupositionierung, des Fundaments politischen Handelns.

Text von Darja Stocker aus dem Begleitheft zu GRRRLS GRRRLS GRRRLS, S.61-63.
Weiter empfehlen wir gerne diese Texte von Darja Stocker zu Sexismus in der Ausbildung.

Politics, Veranstaltung / Event

Auf zum Streik!

Morgen findet der zweite nationale Frauen*streik in der Schweiz statt! Ihr wollt dabei sein, wisst aber nicht was wo wie abgeht oder wie ihr euch am besten beteiligen könnt? Hier ein paar wichtige Eckdaten im Raum Basel:

Ab 10 Uhr finden die ersten Aktionen statt. Hier gehts zum Überblick.
Um 11 Uhr sind Mitarbeiterinnen* der kantonalen Verwaltung dazu eingeladen, sich zu einer gemeinsamen Pause mit kurzen Ansprachen im Hof des Rathauses einzufinden.
Um 15:24 Uhr sind alle Frauen* dazu aufgefordert, ihre Arbeit niederzulegen und sich auf den Theaterplatz zu begeben.
Um 17 Uhr beginnt die Demo ab Theaterplatz.

Weiterführende Links:
Website des nationalen Frauen*streiks
Website des feministischen Streiks in Basel
◉ Was sagt die Basler Verwaltung? Hier können Sie es nachlesen
◉ Was geschah morgen vor genau 28 Jahren? Das Schweizerische Sozialarchiv wirft einen Blick zurück

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Bla*Sh

Der Name scheint einem Comic entnommen: Bla*sh.

Blash!

Nach Lärm und Aufstand klingt das.

Das Wort ‚Aktivismus‘ findet sich aber nicht in der Beschreibung von Bla*sh. Und trotzdem würden sie sich als Aktivistinnen sehen, sagt Rahel El-Maawi, Freischaffende in der Sozio- und Bewegungskultur. Zusammen mit Sarah Owens spricht sie an diesem Abend im Kunstmuseum Gegenwart über soziales, kulturelles und politisches Empowerment und darüber, was es heisst, als Schwarz[1] wahrgenommen zu werden.

Das hat wenig mit dem lautem Protest zu tun, wie wir ihn zum Beispiel von Bildern des BlackLivesMatter-Movements kennen. Das Engagement von Bla*Sh scheint alltäglicher – deswegen ist es nicht weniger wichtig. Bla*Sh (für Black She mit Gendersternchen) engagiert sich zum Beispiel im Bereich der Wissensproduktion. Im Netzwerk gibt es seit Beginn einen Austausch über Schwarze Autorinnen und Journalistinnen. Zudem suchen sie nach Kinderbüchern, welche nicht nur den weissen, heteronormativen Teil der Schweizer Gesellschaft abbilden. Sie organisieren Diskussionen, Kulturveranstaltungen oder beteiligen sich am öffentlichen Diskurs, wie eben im Kunstmuseum Basel.

„Gegen Innen gibt uns Bla*Sh einen geschützten Raum. Das ist wichtig, um mit diskriminierenden Erfahrungen im Alltag nicht alleine dazustehen und um diese Erfahrungen im Gespräch auch einordnen zu können“, sagt Sarah Owens, Dozentin an der Hochschule der Künste in Zürich. Bla*Sh sei ein Netzwerk, welches den Erfahrungen Schwarzer Frauen eine Sprache verleihe.

Wie offen Sarah Owens und Rahel El-Maawi über eigene Erfahrungen sprechen ist eindrücklich. Sie tun das ruhig, mit einer gewissen Distanz, über einige besonders absurde Erlebnisse können sie lachen. Deswegen verlieren die Themen nicht an Brisanz. Owens erzählt davon, dass sie in Diskussionen immer und immer wieder erklären müsse, dass sie ja Dozentin an einer Hochschule der Gestaltung sei und darum durchaus über Design und Ästhetik sprechen könne. El-Maawi erzählt von ähnlichen Erfahrungen: Solange es um eine Meinung zum Schwarz-sein-in-der-Schweiz gehe, sei Bla*Sh eine oft adressierte Gruppe. Doch sobald sie sich unabhängig von diesem Netzwerk und in einem anderen Themenfeld bewege, müsse sie sich dafür rechtfertigen.

Sichtbar sein und Unsichtbar sein wollen, Unsichtbar sein und Sichtbar sein wollen, dies sind die Themen, denen Owens und El-Maawi viel Platz einräumen. Es gäbe Situationen in ihrem Alltag, da wünsche sie sich unsichtbar zu sein, sagt Owens, sie werde wegen ihrer Hautfarbe ständig als anders wahrgenommen. Umgekehrt sind Schwarze Frauen in den genannten Kinderbüchern oder aber in der Politik nicht oder nur schlecht repräsentiert und bleiben unsichtbar.

Wohl werden Ownens und El-Maawi auch in ihrem Dialog im Museum für Gegenwartskunst vor allem als Schwarze Frauen wahrgenommen, denn sie sprechen ja über ihre Erfahrungen damit, als sichtbar ‚anders‘ wahrgenommen zu werden. Und doch soll genau dieses Wahrnehmungsraster schlussendlich überwunden werden. Das wird paradoxerweise nur gelingen, wenn sich Menschen wie Owens oder El-Maawi in die Öffentlichkeit stellen, über ihre Erfahrungen sprechen und sich damit erneut den Zuschreibungen aussetzen. Doch gleichzeitig setzen sie diesen Zuschreibungen auch etwas entgegen.

Es scheint das Dilemma zu sein, in welchem sich diese Diskussion ständig bewegt.

„Wo sind die Schwarzen Frauen?“, habe Audre Lorde an einer Vorlesung in Zürich in den 90er Jahren gefragt. Der Weisse Feminismus habe sich sehr für sie interessiert, doch damit sei Blackness lange ein Weisser Diskurs geblieben.

Im Kunstmuseum Gegenwart sassen letzte Woche, mich eingenommen, fast ausschliesslich Weisse Menschen. Dies ist im Umfeld der Universität und der Museen in Basel nicht ungewöhnlich, doch im Kontext des Talks zum Netzwerk schwarzer Frauen tritt dieser Umstand noch deutlicher hervor.

Nach 10 Minuten standen zwei Weisse Männer auf und verliessen den Raum. Am Ende des Vortrags erklärte eine Weisse Frau im Publikum, als Jüdin könne sie sich in die Situation der beiden Referentinnen hineinversetzen. Vor 20 oder 30 Jahren sei sie auf diesem Stuhl gesessen, vielleicht auf einem Podium wie diesem. Diese Wortmeldung empfand ich als unangebracht: Obwohl die Frau wohl ihre Solidarität ausdrücken wollte, wirkte ihr Kommentar herablassend. „Wir“ waren einmal dort, wo „ihr“ jetzt seid. Diese Zuschreibungen verstärken meines Erachtens die Lücken zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Ausserdem generiert der Kommentar eine stringente Entwicklung, welche früher oder später für scheinbar alle gesellschaftlichen Teile einsetzen wird: ‚So wie uns wird es auch euch geschehen.’ Nicht zuletzt übersieht der Kommentar, dass jene negativen Zuschreibungen, welche Schwarze Frauen in der Schweiz durch ihre ständige Sichtbarkeit im Alltag erhalten, auf eine jüdische Frau nicht im selben Ausmass zutreffen kann.

Diese Beobachtung führt im weitesten Sinne zur Frage, wer wie über wen sprechen darf: Dürfen Menschen, die einer Minderheit oder einem diskriminierten Gesellschaftsteil angehören eher über andere, ebenfalls diskriminierte Teile der Gesellschaft urteilen?

Text by Juri Schmidhauser.


[1] Schwarz soll in diesem Text ebenso verwendet werden, wie das Sarah Owens und Rahel El-Maawi von Bla*Sh in ihrem Talk tun: Schwarz ist eine Zuschreibung welche zu Stigmatisierungen dieser Menschen führt. Schwarzsein soll aber Selbstbestimmt sein.