Politics, Veranstaltung / Event

BOYS DON’T CRY

Ein Gespräch mit Matthias Luterbach, Männlichkeitsforscher, wissenschaftlicher Assistent und Doktorand am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Text als PDF lesen.

Es scheint, als würde die Geschlechterzugehörigkeit auch heute noch das am meisten identitätsstiftende Merkmal sein – kann Identität ohne Geschlechterzugehörigkeit gedacht werden?

Es gibt sicherlich auch andere Dimensionen, die ebenso zentral Lebensläufe und Selbstverständnisse formen. Diese sind mit Geschlecht oft konstitutiv verbunden. Ich denke da insbesondere an Sexualität, Ethnizität/Race und Klasse. Wobei sich diese Gewichtungen je nach Kontext verschieben können. Geschlecht gehört aber sicherlich als ein sehr zentrales Verhältnis dazu und zieht sich durch die Verhältnisse hindurch.

Wie Sie richtig sagen, ist das nicht nur Effekt eines Verhältnisses, das von aussen auf die Menschen wirkt, sondern auch ein Ergebnis eines Verhältnisses, das Personen zu sich selber haben, etwa weil sie wichtige Aspekte ihrer Identität an Geschlecht festmachen. Nicht nur, dass wir Identität an Geschlecht festmachen, sondern vor allem auch, wie wir Geschlechtszugehörigkeit denken und nach wie vor denken müssen, nämlich als binär, heterosexuell und hierarchisch strukturiert, engt ja die Möglichkeiten, wie wir überhaupt existieren können, extrem stark ein.

Ihre Frage weist darauf hin, dass es eine bestimmte Offenheit geben könnte, welche Rolle die Geschlechtszugehörigkeit für das Selbst in Zukunft haben wird. Damit nimmt diese Frage gegenwärtige Debatten auf. Transorganisationen wie beispielsweise das Transgender Network Switzerland (TGNS) setzen sich nicht ohne Erfolg dafür ein, dass man das Geschlecht einer Person unabhängig von medizinischen und körperlichen Eingriffen oder psychopathologischen Zuschreibungen anerkennt, also das Geschlecht anerkennt, als das eine Person sich selbst fühlt. Damit existieren offiziell Männer mit Klitoris und Vagina und Frauen mit Penissen. Das bedeutet eine grosse Infragestellung und Erweiterung des Denkhorizonts von Geschlechtszugehörigkeit.

Nicht zuletzt würde ich sagen, dass sich mit dieser Infragestellung und Vervielfältigung nicht unbedingt eine abnehmende Bedeutung von Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit feststellen lässt. Diese nimmt vielmehr gegenwärtig eher zu. Gleichzeitig ist die Frage der Zugehörigkeit und inhaltlichen Bestimmung komplexer geworden, und die Möglichkeiten haben sich erweitert. Vielleicht verändert sich zudem derzeit auch der Bezug des Selbst zur Identität, und wir denken uns zunehmend fluider und veränderlicher, was ich einen mindestens ebenso grundlegenden Aspekt finde.

Die Reaktionen auf die zunehmende Emanzipation der Frau sind unterschiedlichster Natur: Zuspruch, aber eben auch Verunsicherung oder Aggressivität. Was ist so provokant an dem Bild einer starken und unabhängigen Frau?

Das muss man aus den Veränderungen im Geschlechterverhältnis in den letzten fünfzig Jahren verstehen. Unter anderem durch die Emanzipation der Frauen, die Sie ansprechen, stellen sich ja ganz viele Fragen der sozialen Organisation und des alltäglichen Zusammenlebens neu. So wird inzwischen die familiale Arbeitsteilung – also wer wovon wie viel macht, bezogen auf die Kinderbetreuung oder den Haushalt – gemeinsam entschieden. Auch der Umgang in der Beziehung und der Sexualität, bis hin zur Frage, wie überhaupt Familie gelebt wird, muss neu verhandelt und gestaltet werden.

Viele Männer wachsen mit der Vorstellung auf, dass sie ein Anrecht auf eine bestimmte Normalität haben.

Dabei sind eine ganze Reihe von früheren Ansprüchen von Männern nun infrage gestellt. Einige Aspekte, woran Männlichkeit im 20. Jahrhundert festgemacht wurde, wie etwa Familienoberhaupt oder Familienernährer zu sein oder heterosexuell, haben inzwischen praktisch und normativ an Selbstverständlichkeit verloren. Mir ist an dieser Stelle auch wichtig zu sagen, dass viele Männer, wie wir in unseren Forschungen feststellen konnten, etwa die Zeit mit ihren Kindern für sich als wichtigen Gewinn an Lebensqualität formulieren und diese Veränderungen nicht nur erleiden, sondern auch von sich aus, anders als früher und oft in expliziter Abgrenzung zu ihren Vätern, wollen.

Auch in anderen Feldern wie dem Beruf oder der Politik hat wachsende Präsenz und das Selbstbewusstsein von Frauen zu Veränderungen geführt. Ich verstehe die Reaktionen also als Ergebnis, dass bisherige Lebensweisen und Selbstverständnisse infrage gestellt sind und einige Männer verunsichert sind.

Allerdings beschäftigt es mich schon sehr, warum so viele Männer auf diese Herausforderungen des sozialen Wandels eigentlich eher negativ und auch ziemlich dysfunktional reagieren. Sie weigern sich ja geradezu, gesellschaftlich Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und versuchen, sich dieser zu entziehen, gleichzeitig beanspruchen sie eine gewisse Führungsrolle. Das erscheint ja paradox. Momentan gehe ich davon aus, dass dies mit bisherigen Anforderungen an Männlichkeit zu tun hat. Viele haben diese sowohl als notwendig zu erfüllen, aber auch als eine Art Anrecht verinnerlicht.

So wachsen viele Männer mit der Vorstellung auf, dass sie ein Anrecht auf eine bestimmte Normalität haben. Diese besteht u. a. aus einem Job, der ihnen erlaubt, eine Familie zu haben, einer Frau, die sich vornehmlich um Kinder und Haushalt kümmert, regelmässigem Sex usw. Wenn sich diese Dinge nicht wie in ihrer Vorstellung erfüllen, fühlen sie sich betrogen. Ich denke also, dass die aggressiven Reaktionen auch mit einer sehr geschlechtsspezifischen Konformität zu tun haben, die die Männer als Zwang verinnerlichen und der sie sich und andere unterwerfen. Wenn sie diese nicht erfüllen, fühlen sie sich in ihrer Männlichkeit infrage gestellt. Die Vorstellung von Gestaltbarkeit ist an dieser Stelle gerade auch für jene Männer in Machtpositionen klein.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um Männlichkeit fällt häufig der Begriff «toxische Männlichkeit». Was ist darunter genau zu verstehen?

Ich verstehe den Begriff «toxische Männlichkeit» als Ausdruck gegenwärtiger gesellschaftlicher Veränderungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Perspektive auf Männlichkeit. Zunehmend werden gesellschaftlich die negativen Folgen oder eben die «toxischen», giftigen/vergiftenden Aspekte der vorherrschenden Anforderungen an Männlichkeit diskutiert.

Der Begriff wird zwar schon mindestens seit den Siebzigerjahren gebraucht, aber erst jetzt ist er sehr zentral geworden in der Debatte, nicht zuletzt auch, weil Männer selber diesen Begriff als Kritik an traditioneller Männlichkeit benutzen. Unter anderem prägte ja der Autor Jack Urwin mit seinem international gut verkauften Buch «Boys don’t cry» den Begriff. Darin setzt er sich nach dem Tod seines Vaters an einer Herzattacke u. a. damit auseinander, dass Männer deutlich weniger oft medizinische Hilfe für sich in Anspruch nehmen und für sie gilt, stets stark und mutig zu sein.

Ich bin der festen Überzeugung, dass mit der zunehmenden Kritik an der herrschenden Geschlechterordnung auch Männer noch vermehrter formulieren werden, wie sie sich durch die geschlechtsspezifischen Anforderungen unter Druck gesetzt fühlen und unter ihnen leiden.

Der Begriff zeigt, dass die Diskussion über Männlichkeit inzwischen in der Mitte der Gesellschaft geführt wird. Inhaltlich werden damit sehr unterschiedliche Gesichtspunkte angesprochen: Mit der Debatte um #MeToo wurde ja öffentlich noch mal sehr deutlich, dass sexuelle Belästigungen und sexuelle Gewalt sehr verbreitete Erfahrungen von Frauen sind, und dieses Problem ein strukturelles, eng mit herkömmlicher Männlichkeit verbundenes ist, es also einen sozialen Ursprung hat. Männlichkeitsvorstellungen sind dabei allemal sehr zentral.

Mit dem Begriff «toxische Männlichkeit» wird aber auch thematisiert, wie herkömmliche Anforderungen an Männlichkeit auch für die Männer selbst «toxisch» sind. Etwa, was ihren Umgang mit Gesundheit und mit ihrem eigenen Körper betrifft. Auch wird kritisiert, dass sich ein grosser Teil der Gewalt von Männern unter Männern abspielt, vom Mobbing auf dem Schulhof bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Auch die Rigidität der Anforderungen und damit die bereits angesprochenen Konformitätszwänge werden thematisiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass mit der zunehmenden Kritik an der herrschenden Geschlechterordnung auch Männer noch vermehrter formulieren werden, wie sie sich durch die geschlechtsspezifischen Anforderungen unter Druck gesetzt fühlen und unter ihnen leiden.

Allerdings hat der Begriff «toxische Männlichkeit» die Tendenz, die ganze Frage der Männlichkeit als gesellschaftlicher Norm und auch als Machtverhältnis unter Männern, wie es in der kritischen Männlichkeitsforschung seit Längerem untersucht wird, zu wenig ernst zu nehmen und es als Problem der individuellen Lebensweise und des Lebensstils zu diskutieren, statt als strukturelles Problem.

Die eigentliche Bedrohung liegt doch nicht in der Aufweichung von Geschlechterstereotypen, sondern vielmehr in dem Leidensdruck, «so oder so sein zu müssen». Was können wir als Gesellschaft tun, damit die gegenwärtig stattfindenden Veränderungen als das gesehen werden, was sie sein könnten – eine Chance sich von dem Gefängnis heteronormativer Zuschreibungen freizumachen. Wäre zum Beispiel ein Fach «Gender» bereits in der Schule ein möglicher Schritt?

Ja, das wäre ein wichtiger Schritt, in der Schule vermehrt Fragen um Geschlecht zu thematisieren – wenn das auch nicht einfach ist. Ich denke, dass die Schulen darum über kurz oder lang ohnehin nicht mehr herumkommen werden. Fragen um Sexualität und Geschlecht werden für Kinder und Jugendliche inzwischen immer früher ein zentrales Thema. Die Schule wird daher einen Umgang mit diesem Thema finden müssen, damit die Kinder diesen vielen Geschlechterbildern aus den Medien, der Werbung und der Pornografie nicht mehr unkommentiert und ohne systematische Reflexion ausgesetzt sind. Allerdings kann sich die Geschlechterordnung nicht nur an einem Ort verändern. Es ist – wie anfangs gesagt – eine Struktur, die alles durchzieht. Entsprechend müssen wir die Fragen von Geschlecht auch in anderen Bereichen thematisieren.

Interview mit Matthias Luterbach aus dem Begleitheft zu GRRRLS GRRRLS GRRRLS, S.48-53.

Mehr zum Thema gibt es am 14. November um 20 Uhr in der Monkey Bar:
Männlichkeit – am Ende ihrer Performance?
Ein Gespräch mit Matthias Luterbach, Matthias Köhler und Jonas Gillmann (Moderation Andrea Zimmermann). Weitere Informationen hier.


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Politics, Veranstaltung / Event

DETOX DEINE WEIBLICHKEIT

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Wer kennt sie nicht, die gespielt erwartungsvolle Haltung, in die manche weiblich sozialisierte Person «wie automatisch» verfällt, wenn ein ausgewiesener Mann beginnt, etwas in deplatzierter Breite zu erklären? Wer kennt nicht das reflexhafte, entwaffnende Lächeln in Reaktion auf einen verletzenden Spruch? Wer nicht das ohnmächtige Erstarren in Anbetracht des Wutanfalls eines Vorgesetzten, Kollegen oder «Familienoberhaupts» – und wer kennt nicht die betretene Stille danach und das klein-leise, hastige Zurückkehren in die «Normalität»?

Alle Bilder von der Veranstaltung Antigone, Desdemona und Hedda der Reihe GRRRLS GRRRLS GRRRLS. Repräsentation von Weiblichkeit auf der Bühne. Ein Gespräch mit Dr. Andrea Zimmermann und Darja Stocker am 23.10.2019 in der Monkey Bar des Theater Basel. © Privat.


Wie oft hat man solche Szenen mehr oder minder schamerfüllt beobachtet und sich in ihnen fremd gefühlt – wie oft hat man sich selbst nicht gekannt, wenn man diejenige war, die sich so gehorsamst aus der Zeit gefallen verhielt, ohne zu wissen, warum.

Was, wenn eine Ansammlung antrainierten «weiblichen» Verhaltens noch immer das dysfunktionale patriarchale System unterstützt? Warum sind gerade diese Muster so schwer aufzugeben?

Von Simone de Beauvoir und Judith Butler wissen wir, dass «Weiblichkeit» kein angeborenes Verhalten ist, sondern eine Performance, eine Art und Weise zu agieren, die von spezifischen gesellschaftlichen Erwartungen sowie von Machtverhältnissen geprägt und im Laufe des Aufwachsens verfestigt wird. Eine Person wird deswegen als «weiblich» erkannt, weil sie das ihr zugeschriebene Geschlecht darstellt, bestimmte Verhaltensweisen wiederholt und damit ihrer Aussenwelt in jedem Moment versichert, sich nicht über die Grenzen «ihrer» Rolle hinwegzubewegen.

Das Weglassen gewisser, das «freie» Individuum verfälschende Verhaltensmuster ist […] aber nicht nur ein zu erwartender Effekt von Gleichberechtigung, sondern gleichzeitig der Weg dahin.

Die Motivation, die Phänomene geschlechtlich gefärbter Muster zu untersuchen, ist eine politische. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass das antrainierte weiblichen, Verhalten ein System unterstützt, das täglich Gewalt produziert, und man dieses destruktive Zusammenspiel, einmal entlarvt, zum Stillstand bringen könnte – und endlich aufbrechen zu einem gleichberechtigten Leben.

Aber warum bestehen nebst den äusseren auch so viele innere Hürden? Und warum ist es so gravierend, wenn bestimmte Verhalten unbewusst weiter praktiziert werden? Schon Olympe de Gouges hielt im 17. Jahrhundert gewisses Verhalten von Frauen als verzichtbar, so etwa Lächeln, Schmeicheln und Verführen mit dem Ziel, das männliche Gegenüber «schwach» und kontrollierbar zu machen. Zu einer Zeit, als das Wahlrecht und die gleiche Schulbildung für alle schon einmal zur Debatte standen und sämtliche sinnentleerten Hierarchien öffentlich angeprangert wurden, schienen ihr diese Verhaltensweisen als überholte Mittel, als Frau Macht zu erlangen.

Das weibliche Taktieren war für sie ein Symptom der Entrechtung und somit eines Daseins, das es zu überwinden gelte. Wären Frauen erst einmal in denselben einflussreichen Positionen wie Männer «und würden in ihren Ämtern gleich gewürdigt», so wäre ein solches Verbiegen nicht mehr nötig. Das Weglassen gewisser, das «freie» Individuum verfälschende Verhaltensmuster ist für sie aber nicht nur ein zu erwartender Effekt von Gleichberechtigung, sondern gleichzeitig der Weg dahin, eine Aktion, ein Initiieren von Transformation im Hier und Jetzt.

In einer Realität, in der viele Thematiken wahlweise Ohnmacht oder Panik auslösen, ist das eigene Verhalten einer der wenigen Bereiche, der unter gewissen Bedingungen der eigenen Handlungsmacht unterliegt. Die Entscheidung, sich innerhalb einer Familie, eines Betriebs anders als gewohnt auszudrücken, hat das Potenzial, strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Radikaler Wandel wäre also nicht nur überfällig, sondern auch möglich.

Die erfolgreichen Unterbrüche von stereotypen Zuständen […][machen] die Ödnis der Norm sichtbar, die Dynamik der Veränderung begehrenswert.

Aktuelle feministische und queere Bewegungen zeigen, dass es durchaus eine Perspektive darstellt, kollektiv und langfristig stereotypes Verhalten zu unterbrechen. Dabei entstehen neue Realitäten, in denen Geschlechtergrenzen aufgeweicht und Machtmechanismen infrage gestellt oder ausgehebelt werden. Die Überwindung der dualen Ordnung bleibt kein ästhetisches, innerhalb einer Blase gelebtes Phänomen, sondern führt vielerorts nach jahrelanger Beharrlichkeit auch zu Gesetzesänderungen. Die Bedingungen, innerhalb derer alle «Geschlechter-un-zugehörigkeit» wählen können, ändern sich.

Die tatsächlich gelebten Machtbeziehungen verändern sich aber nicht zwingend. Vor allem dann nicht, wenn die neuen Rahmenbedingungen nur von wenigen genutzt werden und die festgefahrenen Muster weiterhin dominieren.

Die erfolgreichen Unterbrüche von stereotypen Zuständen erreichen hauptsächlich in ihrer visuellen Erscheinung eine breitere Masse: queere Märsche, die viral gehen, Individuen, die mit ihrer Selbstpräsentation die Verstocktheit des binären Blicks freilegen. Durch sie wird die Ödnis der Norm sichtbar, die Dynamik der Veränderung begehrenswert. Dem eindimensionalen Lustverständnis werden autonom gestaltete, breit gefächerte Lusträume entgegengestellt. Feminismus und Queerness erscheinen in diesem Kontext nicht nur als politische Positionierung mit Konsequenzen, sondern auch als Lifestyles unter vielen, denen man sich anschliessen kann, sofern man* sich dort mehr persönliche Freiheit und Akzeptanz verspricht.

Tatsächlich sind zeitgenössische feministische und queere Kontexte inklusiver, als es ihr die Gegenstimmen attestieren: das Reproduzieren von Stereotypen wird nicht per se ausgeschlossen, um gemeinsam den Weg fern von patriarchalen Strukturen zu gehen. Entscheidend ist die Frage der Selbstermächtigung: wenn es dir guttut, jeden Tag ein Selfie mit Schmollmund zu posten, dann mach es.

In Zeiten eines Neoliberalismus, der sich ohnehin jede originäre Selbstinszenierung einverleibt, reproduziert und konsumierbar macht, scheint dies erst einmal folgerichtig: die Formate des Markts zu benutzen, um sich in Szene zu setzen. Die ständig neu zutreffende Wahl der eigenen Repräsentation ist im besten Falle nicht nur ein Selbstinszenieren und Verfestigen von Rollenbildern, sondern trägt die Option in sich, zu irritieren – Zuschreibungen heute zu bestätigen, um sie morgen zu erschüttern.

Geschlechtsüberschreitendes Verhalten, das sich in den sozialen Netzwerken abspielt, scheint im mitteleuropäischen Kontext mit weniger Hürden behaftet zu sein, als dieses im situativen, täglichen Leben zu praktizieren, sei es innerhalb von Institutionen oder in der Familie.

Dass «l’homme est né libre» nur für die männliche, weisse Bevölkerung galt und nicht etwa für die Menschheit, das war zu de Gouges Zeiten kein konservatives Phänomen, sondern ein erbitterter Kampf […].

Trotz global vernetzter, sich in ihrer Wirkung medial potenzierender Bewegungen und Diskurse haben als Mann positionierte Personen noch immer eine Prozentzahl an Leitungsposten inne, die einen glauben machen könnte, die Vorstellung des menschlichen Körpers sei bei Aristoteles stehen geblieben. Oder in der von der Antike inspirierten, bereits erwähnten Aufklärung, wo Frauen nach ein paar hoffnungsvollen Jahren auf Bildung und Wahlrecht mittels biologistischer Argumente die Teilhabe am öffentlich-politischen Leben verweigert wurde.

Dass «l’homme est né libre» nur für die männliche, weisse Bevölkerung galt und nicht etwa für die Menschheit, das war zu de Gouges Zeiten kein konservatives Phänomen, sondern ein erbitterter Kampf, den jene gewannen, die bereit waren, die Guillotine einzusetzen. De Gouges und viele andere kamen für ihre Überzeugungen, dass auch Frauen und die kolonisierte Bevölkerung gleiche Rechte haben sollten, aufs Schafott.

Die physiognomisch-faschistoiden Rechtfertigungen der Konservativen überlebten, so absurd sie schon damals waren, bis heute und werden von hohen Politikern bis zu angesehenen Künstlern weiterhin dazu benutzt, nicht weiss männlich positionierte Personen zu diskriminieren.

So sprach etwa eine männliche Theaterlegende noch 2018 den «Frauen» das Talent ab, Regie führen zu können – mit der Begründung, dass Männer auch besser Fussball spielen würden als Frauen. Er wiederholte das biologistische Argument von der höheren Leistung des stärkeren Körpers, das schon in der Aufklärung dazu benutzt wurde, Frauen von gleichen Chancen fernzuhalten. Ein Senator einer grossen Partei wiederum nannte eine jüngere Kollegin eine «süsse Maus» und suggerierte, dass sie sich hochgeschlafen habe – damit gab er ihr zu verstehen, dass sich ihr aus seiner Sicht verobjektivierter Körper an einem falschen Platz befinde. Diese Beispiele stehen für eine im jeweiligen Bereich dominierende «Kultur».

Auch wenn Frauen in der europäischen Mittelschicht ihre Biografien heute stärker selbst bestimmen können, haben nur wenige Positionen inne, in denen visionäre Handlungen
möglich sind, die dann auch entsprechend gewürdigt werden. Spätestens nach dem zweiten Kind landet die Mehrheit dieser Frauen im Ernährermodell, da der Energieverlust am Arbeitsplatz in den unteren Etagen zu hoch ist – oder im Prekariat, wenn der Ernährer fehlt.

[Man sollte G]eschichtsvergessen im «Hier und Jetzt» präsent sein und Sehnsüchte nach einer Zukunftsvision als störende Ängste beiseiteschieben.

Transformative Diskurse und Begehren weckende Bilder, die eine Realität fern von Rollenzuschreibungen greifbar machen, sind ein wichtiges Fundament für die Forderungen nach anderen Verhältnissen. Um einen tiefer greifenden Wandel herbeizuführen, braucht es aber kollektiven Druck und radikal geäusserte, solidarisch getragene Kritik, die sich machterhaltenden Ritualen ebenso beharrlich und aktiv entgegenstellt, wie diese es im Jetzt auch sind.

Sicher kann man immer anführen, dass als Erstes das neoliberal-kapitalistische System mit seiner gewinnbringend in Stellung gebrachten sexistischen Abwertung abzuschaffen wäre, um die Fremdbestimmung des weiblichen Körpers zu durchbrechen. Dass breit getragene Manifeste, utopische Pamphlete und kollektive intersektionale, globale Massenproteste nötig sind, um Strukturen zu bewegen.

Und zweifellos muss die Sicht auf das grosse Ganze ständig mitgedacht werden. Wenn de Gouges aber inmitten einer Revolution das Verhalten der Damen in den Salons kritisiert, macht das ebenso Sinn. Denn der Umbau von Machtpositionen in überschaubaren Einheiten führt dazu, dass sich die Anliegen dieser jeweiligen Institutionen und Familien auch leichter mit den Protestbewegungen «draussen» verbinden lassen, weil der Graben zwischen den Wirklichkeiten nicht mehr so gross ist.

Gibt es an einem Theater ein Führungsteam aus Persönlichkeiten, die unterschiedliche
Diskriminierungserfahrungen haben, ist die Solidarisierung mit Bewegungen, die soziale oder Gendergerechtigkeit fordern, einfacher und weiterführender, als wenn sie von einer homogenen, dominierenden Gruppe «herabformuliert» wird. Sind in einer Familie beide Partner_innen ökonomisch autonom, fordern sie folgerichtig gleichberechtige Löhne und werden sich solidarisch mit den entsprechenden gesellschaftlichen Forderungen zeigen.

Das eigene transformative Verhalten kann von sozialen Bewegungen inspiriert oder getragen sein. Entweder wird die selbst initiierte Veränderung ohne Widerstand angenommen, da der Weg dahin schon geebnet war, oder aber sie wird als Protest bewertet und muss zu einer Forderung führen, aus der im besten Falle eine Solidarität und das Anstossen von weiteren Veränderungsprozessen erfolgt.

Wird man selbst nicht direkt diskriminiert, könnte man zudem meinen, dass das eine oder andere Wiederholen eingeübter Verhaltensmuster an sich noch keine destruktive Tat darstellt.

Die Möglichkeit der Veränderung wird aber aktuell auch da nicht genutzt, wo sie bereits im Raum steht. Ein oft gehörtes Argument ist, dass «Frauen» sich in bestimmten Situationen nicht wehren oder positionieren, weil sie sich in einer «schwachen» Position befänden. Sicher ist, dass die Bekämpfung von Protest jene am härtesten trifft, die sich in der strukturell schwächsten Position befinden, und die Konsequenzen, die daraus folgen, Jahre, manchmal Generationen nachwirken. Es liegt daher nahe, dass jemand, der eine prekäre Position innehat, sich eher nicht wehrt und versuchen wird, in den Strukturen weiter zu bestehen.

Immer wieder zeigt sich allerdings, dass sich Individuen und Gruppen gerade aus einer verwundbaren Position heraus einer Machtdynamik verweigern oder sich ihr entziehen, da kein anderer Ausweg mehr besteht als Protest oder Weggang. Wer ohnehin bereits von Diskriminierung betroffen ist, ökonomisch prekär dasteht und von den Machtpositionen abhängig ist, wird öfters Ziel von lang anhaltendem Machtmissbrauch als jemand, der das Privileg hat, abgesichert aus der Institution auszuscheiden. Viele nichtprivilegierte Personen sind schlicht nicht im Besitz der Ressourcen, die es bräuchte, den Machtmissbrauch über längere Zeit auszuhalten. So erstaunt es nicht, dass viele Protestbewegungen von schwarzen Menschen, Frauen, POCs oder Arbeiter_innen initiiert wurden.

Jene Individuen, die sich nicht positionieren und die Struktur mit unterstützendem Verhalten am Laufen halten, sind also eher nicht diejenigen, die strukturell am schwächsten dastehen, sondern eher solche, die ihre Ressourcen dazu nutzen, trotz der strukturellen Gewalt weiterhin am System teilzuhaben.

Medienaktivist_innen kritisieren zu Recht den beispiellose Meditations- und Mindfulnessboom, der das aktive Dissoziieren von realen Ungerechtigkeiten als «the healthy way» verkauft. Stattdessen solle man geschichtsvergessen im «Hier und Jetzt» präsent sein und Sehnsüchte nach einer Zukunftsvision als störende Ängste beiseiteschieben.

Eine entscheidende Anzahl von potenziell Wandel anstossenden Menschen wird demnach ermutigt, den berechtigten Ärger wegzumeditieren und den Trott weiterzumachen – statt sich unter Betroffenen zu solidarisieren.

Dabei entsteht eine soziale Bewegung, wie Gloria Steinem es formulierte, genau in dem Moment, wo eine Gruppe von Menschen gleichzeitig feststellt: nicht ich bin falsch, sondern das System.

Möchte man die Flucht in Wogen glättende Apps pessimistisch betrachten, könnte man sagen, dass diese Form von Sich-innerlich-Loslösen von den widrigen Umständen eine Strategie ist, das morsche Boot, das einen trägt, solange wie möglich mit über Wasser zu halten –- grad bis zur Rente, um dann erschöpft abzudanken.

Wird man selbst nicht direkt diskriminiert, könnte man zudem meinen, dass das eine oder andere Wiederholen eingeübter Verhaltensmuster an sich noch keine destruktive Tat darstellt. Dann lächelte sie, ich halt! Es lohnt sich, noch mal zu vergegenwärtigen, dass es aber gerade diese Verhaltensweisen sind, die dazu erlernt wurden, Gewalt zu verschleiern und die Dynamik, die diese weiter produziert, am Laufen zu halten. Es ist gerade dieses Darüberhinweglächeln, dieses Wegblicken, dieses Sichenthalten, dieses Beschwichtigen, dieses Ensemble an harmlosen, verharmlosenden Aktionen, das die Fortführung des Machtmissbrauchs möglich macht, mit allen Konsequenzen billigt und legitimiert.

Das Verhalten, das von Frauen in diesem System erwartet wird, sind jene Gesten, Reaktionen, Tätigkeiten, die benötigt werden, um Machtstrukturen weiter aufrechtzuerhalten.

Struktureller Ausschluss, Mobbing, systematisches Niederhalten in der Arbeitswelt bedeutet, dass die Qualität leidet, sich Mittelmass durchsetzt, dass inspirierende Reibungsflächen fehlen, dass der Lerneffekt ausbleibt, der dort entsteht, wo mehrere Perspektiven aufeinandertreffen. Wo die patriarchale Macht die Oberhand hat, herrscht Sexismus, und wo Sexismus herrscht, ist immer auch Rassismus anzutreffen. Das Verhalten, das von Frauen in diesem System erwartet wird, sind jene Gesten, Reaktionen, Tätigkeiten, die benötigt werden, um Machtstrukturen weiter aufrechtzuerhalten.

Selbst erlebte Grenzübertritte sollen spielend weggesteckt werden. Sowohl im Kulturbetrieb als auch in der Politik und vielen anderen Bereichen wie der Wissenschaft etc. herrscht daher noch heute eine äusserst wirksame Schweigekultur – und das sogar dann, wenn es um schwere Vergehen geht.

Diesen verheerenden Reaktionsmustern gegenüber steht, so die Feministin und Literaturwissenschaftlerin bell hooks, «Authentizität» und «Wahrheit». Sie nennt das anpasserische Verhalten eine Entfremdung von sich selbst, seinem eigentlichen Empfinden. Weiblich sozialisierte Personen würden sich selbst nicht kennen und wüssten nicht, was sie wollten und fühlten, da ihr authentisches Ich ständig von ihrem eigenen künstlichen Verhalten überspielt würde. So hätten Frauen oft kaum Zugang zu wahrhaftigen Entscheidungen und Impulsen, da sie dafür belohnt werden, «falsch» zu sein – und dafür bestraft, sich selbst zu sein. Dass «Frauen» sich ihrem Menschen selbst fremd seien, sieht sie als Hauptgrund, dass sie in ihrem Verhalten verhaftet bleiben. Denn der Ort, von dem aus sie dieses steuern könnten, sei verschüttet.

Warum auch Frauen ihre Muster kaum unterbrechen, die keine existenzielle Bestrafung zu befürchten hätten, erklärt sich mit der Kontinuität an Gewalt, mit der Geschlechterrollen konstruiert wurden. Eine Gewalt, die bis heute nachwirkt.

Dass Traumen über mehrere Generationen über die DNA und unbewusste Schemata der Eltern übertragen werden, ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen. Traumen sind oft ein persönliches Thema, es sei denn, es handelt sich um eine kriegsbetroffene Gruppe. Dabei wird ausgeklammert, dass Traumen immer innerhalb sozialer Bedingungen, gesellschaftlicher Zustände und politischer Realitäten stattfinden.

So hatten bis in die Sechzigerjahre Mütter, die sich trennten oder scheiden liessen, keinen Anspruch auf das Sorgerecht für ihre Kinder, Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe galten nicht als Straftaten. Nicht das patriarchale Familiensystem wurde als dysfunktional identifiziert, sondern das Verhalten des weiblichen Ehepartners als normabweichend eingestuft. Frauen wurden für schuldig befunden und bestraft – juristisch, aber auch sozial – und befanden sich in einer Art rechtfreiem Raum. Qua Geschlechtszugehörigkeit war ihnen eine Reihe von Verboten auferlegt, und sie hatten einen Katalog an Geboten zu befolgen. Dieser war etwa so bindend wie der Dekalog in der Kirche.

Wurde eine gebotene Handlungsweise nicht ausgeführt, setzte es Strafe und Ausschluss aus der Gemeinschaft. Das gewünschte weibliche Verhalten an den Tag zu legen, diente nicht nur dazu, als Frau angesehen zu werden, sondern auch, um sich vor Repressionen zu schützen.

Nebst dem, dass Frauen dafür gemassregelt wurden, den gewalttätigen Lauf der Dinge zu unterbrechen, wurden sie im gleichen Zug gezwungen, die Schuld nicht nur des Unterbruchs, sondern auch der Gewalttat, die diesen Unterbruch hervorrief, auf sich zu nehmen – und deren Konsequenzen.

Über Generationen wurde von weiblichen Personen erwartet, sich im Angesicht gewalttätiger Ausbrüche und Praktiken so zu verhalten, dass das Weiterfunktionieren der Abläufe in Familie und Gemeinde garantiert war. Dies galt vom Überhören von verbalen Entgleisungen bis hin zum Decken von sexualisierter Gewalt. Frauen hatten die Rolle inne, die Katastrophen eines dysfunktionalen Systems in doppelter Weise zu entschärfen: Einerseits zu beschwichtigen und den Fokus woanders hinzurichten, und andererseits das, was eigentlich passierte, unscharf zu stellen, um möglichst schnell zur Routine, der Carearbeit, der Politur des Äusseren zurückzukehren.

Weder das Protestieren noch das Sichsolidarisieren, sondern bereits der Unterbruch des affirmativen Verhaltens wurde als oppositionelle Handlung betrachtet. Die reflexhafte Zäsur, das Stocken, passiert entwicklungspsychologisch gesehen am meisten bei Kindern und jungen Erwachsenen, da diese noch keine ausgewachsene Impulskontrolle besitzen. Weibliche Personen, die den Geboten der Weiblichkeit zu Beginn noch intuitiv versagten, wurden von klein auf als trotzig und widerspenstig bezeichnet, sie wurden kritisiert und abgelehnt.

Das heutige Unterbrechen von konditioniertem Verhalten ist deswegen mit komplexen Blockaden verbunden, weil es seit Generationen in ebenso komplexer, perfider Weise bestraft wurde: Nebst dem, dass Frauen dafür gemassregelt wurden, den gewalttätigen Lauf der Dinge zu unterbrechen, wurden sie im gleichen Zug gezwungen, die Schuld nicht nur des Unterbruchs, sondern auch der Gewalttat, die diesen Unterbruch hervorrief, auf sich zu nehmen – und deren Konsequenzen. Ein heroisches Bestraftwerden, weil man sich aufgelehnt hatte, wurde verhindert, indem der Person öffentlich die Verantwortung für das übertragen wurde, was eigentlich das Verbrechen eines Machtträgers war. All dies, um die Ruhe und das Funktionieren sicherzustellen.

Diese Art von Schuldübertragung stellt eine ständig praktizierte Ablenkung von dem dar, was eigentlich vor sich geht. Von dem immensen Schaden, der durch Gewalt – verbal, physisch, psychisch, sexuell oder strukturell – entsteht. Frauen* wurden über Generationen davon abgelenkt, mit einer Reihe von Verboten und Geboten, mit absurden Bestrafungen, aktiv den Lauf der Dinge zu unterbrechen, Veränderungen zu initiieren, Visionen zu kreieren. Abgelenkt aber auch davon, die Gewalt, die geschah, zu benennen und die tiefe Einsicht in deren Funktionsweise für sich zu beanspruchen.

Um der ständigen Ablenkung zu entkommen, so bell hooks, mit aktiver innerer Arbeit das verfälschte, widersprüchliche Ich ablegen.

Öffnete sich mit dem Unterbruch die Möglichkeit zu einer Veränderung, zu einem Raum des nichtgeschlechtskonformen Verhaltens und also zu einem Anfang von Queerness, so taten Machtträger alles dafür, den Unterbruch in ein Erstarren umzuwandeln. Kaum gestockt, geschockt den Trott unterbrochen – so setzt beinahe gleichzeitig die innere Erstarrung ein, aus Angst vor der Strafe, dem Ausschluss, der Kritik, Stigmatisierung und dem Auseinanderfallen der Struktur.

Es ist diese Erstarrung, die so viele in den Generationen vor uns mit sich herumtrugen, die unter so vielen oberflächlichen Handlungen liegt, die sich weitervererbt und anscheinend noch immer so viele Personen daran hindert, in der Unterbrechung einen realen Ausweg zu finden.

Persönlichkeiten wie Olympe de Gouges, die ihre eigene Erstarrung bewusst hinter sich gelassen haben und im Unterbruch einen Lebensweg kreierten, verbrachten ihre Zeit damit, die irrwitzigen Argumente, mit denen jegliche Unterdrückung rationalisiert wurde, in ihre Bestandteile zu zerlegen. Eine der Begründungen, de Gouges aufs Schafott zu schicken, war: «Frauen, die rational argumentieren, weichen von ihrer Gattung ab, sie sind Monster.»

Um der ständigen Ablenkung zu entkommen, so bell hooks, müsse man mit aktiver innerer Arbeit das verfälschte, widersprüchliche Ich ablegen. Wie aber die Ängste, die mit der Konditionierung sogenannt «weiblichen» Verhaltens einhergingen, abbauen? Es gibt darauf weder eine rein individuelle noch eine rein kollektive Antwort.

Dass sich Leute massenhaft in die private Umgebung von Meditations- und Mindful-Apps zurückziehen, könnte aber unter diesen Vorzeichen hoffnungsvoller eingeordnet werden: statt einer Ablenkung von den eigentlich zu führenden Kämpfen erst einmal als Unterbruch, ein Sichherausnehmen aus dem System. Denn zumindest wird in diesem Bereich des Selfcare weder Diskriminierung betrieben noch ein verfälschtes Verhalten abverlangt, sondern eben einfach: nichts. Und vielleicht ist es dieses Nichts, auf dem aufgebaut werden könnte, diese Verbindung zu sich selbst. Das Lösen der inneren Erstarrung in einer Zeit des Unterbruchs.

Das Unterbrechen zugeschriebener Geschlechterzugehörigkeit ist immer eine Weigerung, trotz gewalttätiger Mechanismen in seiner Rolle weiter zu funktionieren. Ob der Sprung in die direkte politische Aktion gelingt, ist von vielen Faktoren abhängig. Das Stocken, die Zäsur, der Rückzug auf sich selbst ist aber fast jederzeit auf noch die kleinste Weise möglich. Und sosehr ihm wahlweise etwas pathologisch-depressives oder egoistisch-individualistisches anhaftet, sosehr könnte man in ihm auch das Potenzial sehen, in ihm einen Ort für selbstinitiierendes Handeln zu erschaffen – und dies nicht nur für sich selbst.

Das Stocken, dem man einen Raum gibt, statt es in die Erstarrung zu pressen, ist ein Ausscheren aus dem bekannten Pfad. Im Stocken, im Unterbruch steckt das intuitive Wissen, dass ein entwertendes Wort, ein grenzüberschreitendes Verhalten, so subtil es sich auch zeigt, immer die Perspektive der Gewalt in sich trägt, der Destruktion, des Todes, symbolisch oder konkret. Die Zäsur und das Festhalten an ihr braucht Unterstützung – sind diese nicht vorhanden, tun es vielleicht am Anfang sogar neoliberale Tools, die eigentlich für etwas anderes gedacht waren.

Der selbstinitiierte Unterbruch und sein vorläufiges Aussitzen ist ein aktives Hinterfragen einer Richtung, ein Sichloslösen von einer Ideologie, die ins Desaster führt. Es ist der Beginn eines Quergangs jenseits der Erwartung an das eigene, zugeschriebene Geschlecht. Es entsteht ein Ort der inneren Neupositionierung, des Fundaments politischen Handelns.

Text von Darja Stocker aus dem Begleitheft zu GRRRLS GRRRLS GRRRLS, S.61-63.
Weiter empfehlen wir gerne diese Texte von Darja Stocker zu Sexismus in der Ausbildung.

Art and Politics, Veranstaltung / Event

News: Progrrramm Herbst 2019

GRRRLS GRRRLS GRRRLS. Eine Reihe mit Basler Bräuten und ihren Geschwistern

Zum ersten Mal streikten die Schweizer Frauen 1991, der zweite Frauenstreik fand 2019 statt. Die einzelnen Forderungen mögen in den jeweiligen Jahren etwas variiert haben, dennoch ist die Grundaussage identisch: Wir stehen nicht mehr zur Verfügung.
Frauen wollen nicht mehr ungefragt zur Verfügung stehen, nicht dafür, ihre Zeit auf die alleinige Erledigung der Hausarbeit und Kindererziehung zu verwenden, damit ihr Partner auch mit Familie seiner Karriere nachgehen kann; nicht dafür, gleiche Arbeit für weniger Gehalt zu verrichten; nicht dafür, einen Mann sexuell zu befriedigen, ohne den Anspruch auf die eigene Befriedigung zu erheben; nicht dafür, sich zu Objekten degradieren zu lassen, nicht für den Profit der Schönheits- und Sexindustrie.

Dass sich Frauen aktiv den ihnen auferlegten «Pflichten» entziehen, dass die #MeToo-Debatte massenwirksam den Machtmissbrauch von Männern thematisiert, der lange verschwiegen, weggelächelt oder bagatellisiert wurde, sind aktuelle Fortschritte in der Reihe von Errungenschaften während der nunmehr über hundert Jahre bestehenden Frauenbewegung. Trotz der – auch von vielen Männern – gesellschaftlich eingeforderten und formal bestehenden Gleichberechtigung sind patriarchale Machtstrukturen jedoch keineswegs gänzlich überwunden. Betrachtet man zudem die Selbstinszenierung vieler junger Menschen auf Social Media, wo Männer ihre Stärke und Frauen ihre Schönheit ausstellen, kann man kaum glauben, dass wir uns bereits in der dritten Welle des Feminismus befinden.

Die interdisziplinäre Reihe grrrls grrrls grrrls möchte mit unterschiedlichsten künstlerischen Formaten und im engen Austausch mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs die Frage stellen: Wie gleichberechtigt sind wir heute tatsächlich? Dazu gehört eine Rückschau der Regisseurin Katrin Hammerl auf die Arbeit der Schweizer Frauenrechtlerin Iris von Roten genauso wie die Erforschung des Modebegriffs «toxische Männlichkeit» durch den jungen Regisseur Matthias Köhler. Denn ja – die mittlerweile legendäre Monkey Bar, die sich aktuell unter weiblicher Leitung und in einem neuen Gewand von Frederik C. Schweizer präsentiert, öffnet ihre Türen für alle, auch für Sie und Ihre Perspektiven.

Bei all dem ist der Titel der Reihe grrrls grrrls grrrls, angelehnt an die feministische Punkszene in den USA zu Beginn der 1990er-Jahre, natürlich immer auch Programm. Denn, um es mit den Worten von Laurel Gilbert zu sagen: «Grrrl bringt das Knurren zurück in unsere Miezekatzenkehlen. Grrrl zielt darauf, die ungezogenen, selbstsicheren und neugierigen Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren, bevor uns die Gesellschaft klarmachte, dass es Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und Jungs zu spielen, sondern sich darauf zu konzentrieren, ein ‹girl› zu werden, das heisst eine anständige Lady, die die Jungs später mögen würden.»

Eine Kooperation von Theater Basel, Zentrum Gender Studies, FHNW und Art of Intervention.

Alle Veranstaltungen im Überblick
Veranstaltungsort: Monkey Bar, Klosterberg 6, 4051 Basel

23. Oktober, 20 Uhr: Antigone, Desdemona und Hedda.
Repräsentation von Weiblichkeit auf der Bühne. Ein Gespräch mit Dr. Andrea Zimmermann und Darja Stocker. Spielplan Theater Basel (URL)
25. Oktober, 21 Uhr: Projekt Schooriiil – Klimawandel
Von und mit Anne Haug, Melanie Schmidli und Kai Wido Meyer (Video). Spielplan Theater Basel (URL)
14. November, 20 Uhr: Männlichkeit – am Ende ihrer Performance?
Gespräch mit Matthias Luterbach, Matthias Köhler und Jonas Gillmann (Moderation Andrea Zimmermann). Spielplan Theater BAsel (URL)
22. November, 22 Uhr: Masculinity Fragility
Textfassung und Inszenierung von Matthias Köhler. Spielplan Theater Basel (URL)
12. Dezember: „Die schönste Liebe ist die unerfüllte“
Gespräch mit Anna Gien und Fleur Weibel (Moderation Dominique Grisard).

Weitere empfehlenswerte Premieren am Theater Basel diesen Herbst

18. Oktober: Hundert Jahre weinen oder hundert Bomben werfen (Uraufführung)
Geschichte eines Verdingbubs und Fremdenlegionärs. Schauspiel von Darja Stocker und Mohamedali Ltaief. Spielplan Theater Basel (URL)
16. November: In den Gärten oder Lysistatra Teil 2 (Uraussführung)
Fortsetzung des antiken Stücks Lysistrata. Schauspiel von Sibylle Berg nach Aristophanes. Spielplan Theater Basel (URL)


Bild: grrrls grrrls grrrls. © Theater Basel

Art and Politics, Veranstaltung / Event

Publikumsgespräch «WE BODIES»

WE BODIES ist eine Tanz-Performance, welche auf  Körperprojektionen aufmerksam macht und durch das Motiv des Monsters eine kritische Begegnung mit Normen und Körperpraxen zulässt. Im Publikumsgespräch mit den PerformerInnen erfahren wir deren Gedanken, Arbeitsweise und Ideen zu ihrer Performance.

Dominique Grisard von The Art of Intervention moderiert das Publikumsgespräch. Bei der kurzen Vorstellungsrunde wird bekannt, dass Michael Turinsky, Teresa Vittucci und Claire Vivianne Sobottke alle als ChoreografInnen und PerformerInnen in Wien tätig sind. Tian Rotteveel, welcher die Musik des Stücks gemacht hat, stellt sich als Bewegungskünstler und Tanzmacher vor.

Das Publikumsgespräch wird mit der Frage zur Arbeit mit dem Monströsen eröffnet.  Die PerformerInnen erzählen, wie das Monster als Figur erst im Verlauf des Probenprozesses Form angenommen hat. Erst später haben sie dazu recherchiert. Die Thematik ist aus einer Kollaboration aus drei Menschen entstanden mit unterschiedlichen Zugängen zu diesen Fragen und zum Monster. Besonders reizt sie an der Thematik, dass das Monster nicht kategorisierbar ist, „the monster always escapes“. Das Monster ist „das Undenkbare“ und daher performativ eine interessante Figur. Es entzieht sich den Dualismen Tier/Mensch und Frau/Mann, womit es Identität aufbrechen kann. Durch seine Differenzen und Kuriositäten stellt das Monster die Konstruktion der Realität in Frage. Es hat eine bestimmte Art der Artikulation von Affekt und Lust, die über den normierten Ausdruck hinausschiesst. Es geht nicht darum sich zusammenzureissen, sondern über die Normierung und Regulierung hinauszugehen. Dies hat mit Monstrosität und mit diversen Körpern zu tun, die das Ideal der wohlgeordneten Regulation sprengen. Das Monster, das nicht nur Dualismen aufhebt sondern auch alles beinhaltet, hat eine gewisse Narrenfreiheit, Leute in ihrer konstruierten Vorstellung von Norm zu konfrontieren, den Spiegel vorzuhalten und zu erschrecken.

Grisard stellte daraufhin die Frage, ob es das Ziel der Performer*innen gewesen sei, die Anforderungen an die Souveränität des Körpers zu hinterfragen oder gar aufzulösen. Für die PerformerInnen liess sich dies nicht eindeutig beantworten. Denn sie wollten Sachen zeigen mit denen sie sich in der Gesellschaft stossen. Es gehe ihnen nicht darum mit bestimmten Szenen spezifische Mitteilungen zu machen, sondern vielmehr darum, sichtbar zu machen, wie sie zusammen arbeiten. Der Prozess der Zusammenarbeit hat vor fünf Jahren begonnen, als sie sich zuerst viel mit Intimität befasst haben und damit, was es für ihre drei doch sehr unterschiedlich wahrgenommenen Körper bedeutet. Im Fokus steht die Projektion, welche auf ihre Körper gelegt wird. Teresa wird beispielsweise im Tanzkontext oft als ‚fett‘ bezeichnet, womit viele Konnotationen einhergehen wie faul, kann sich nicht kontrollieren, schüchtern, gut im Bett und gute Blowjobs. Diese Projektionen wirken auch auf die eigene Wahrnehmung von Person und Körper ein und fliessen in den Umgang mit Anderen ein. Michaels Körper wird wiederum assoziiert mit geistig behindert, pervers und infantil. Sich diesen Projektionen zu stellen und mit denen zu arbeiten bezeichnen sie als Exorzismen, die Projektionen werden zurückgeschossen.

Die eigenen, ja intimsten Wünsche sind häufig verwoben mit dem, was von aussen an Bildern tagtäglich an einen herangetragen wird.

Sie geben in ihrer Performance Souveränität also nicht auf, sondern spielen mit Fantasien, Wünschen und Bildern, die verwoben sind mit diesen Projektionen. Die eigenen, ja intimsten Wünsche sind häufig verwoben mit dem, was von aussen an Bildern tagtäglich an einen herangetragen wird. Die Performance kann als Spiel verstanden werden mit diesen im Körper abgelagerten Schichten, als Momentaufnahme und Reflektion der Verwobenheit von Körper und Gesellschaft.

Gesprächsstoff liefert auch die Rolle der Musik. Während ein eingängiges Stück seit fünf Jahren Requisit und Architektur der Performance darstellt, ist die restliche Musik erst spät entstanden. Denn erst drei Monate vor der Uraufführung stiess der Musiker Tian Rotteveel zur Truppe. Im Gespräch erklärt er, dass es ihm darum ging, mit seiner Musik die Exorzismen zu betonen und die bewegenden Körper zu dezentrieren. Die Bewegungsprozesse werden stimuliert und die sich ständig wandelnden Rhythmen geben eine pulsierende Energie. Durch die Mikrotonalität dekonstruierte er die klassische Idee von Schönheit der Musik. 

Gesprächsteilnehmende im Publikum waren von der Langsamkeit am Anfang des Stücks fasziniert. Tatsächlich war für die PerformerInnen die unterschiedlichen Tempi zwischen langsam und schnell zentral. Langsamkeit funktioniert als Statement an sich. Sie wollten damit aber auch zeigen, wie unterschiedlich jeder Körper getaktet ist. Gleichzeitig hat der langsame und einleitende Anfang pragmatische Gründe, denn Michael könnte gar nicht eine Stunde durchpreschen.

Bei der Arbeit mit unterschiedlichen Körpern muss eine gemeinsame Zeitlichkeit konstruiert werden. Beispielsweise mussten die PerformerInnen sich damit konfrontieren, wie sie sich zusammen aufwärmen, wobei sie auf die Practice fast and slow gestossen sind. Dabei werden Dinge schneller gemacht als man denkt, oder viel langsamer. Dabei wird Langsamkeit innerlich sehr schnell erlebt, es gibt ganz viele innerliche und äusserliche Impulse und Gedanken.

Micheal arbeitet mit diesen Projektionen, welche durch das Publikum auf seinen Körper gemacht werden. Er erzählt von einer Praxis, die er unterrichtet, das «crip vogueing». Dabei werden Bilder von der Modefotografie durch Minoritäten angeeignet. Herkömmliches Vogueing ist bekanntlich eine extrem schnelle Art zu tanzen, Michael will so die Praxis für andere Körperlichkeiten öffnen und interessiert sich dafür, wie sich diese verändert, wenn sie mit anderer Gelenkartikulation und Raumebenen praktiziert wird. Seine «crip» Aneignung des Vogueing ist humor- und lustvoll und birgt das Potential einer Intervention in herkömmliche Performance-Praktiken.

Das Gespräch bot einen ausführlichen Einblick in die Hintergründe und Ideen zu der aufreibenden Performance, an welche mit diesem neuen Wissen aus anderen Perspektiven erinnert werden kann. Lasst uns Monströses zelebrieren!

Text von Andrina Imboden.

Foto: We Bodies. © Anna Breit.

Art and Politics, Veranstaltung / Event

Klage um Queen Kagiso Maema in der Basler Theodorskirche

Zur Performance Elegy von Gabrielle Goliath im Rahmen der Dokumentartage It’s the real thing von der Kaserne Basel.

Der Eintritt in die Theodorskirche ist frei, beim Einlass wird jeder Person ein Dokument ausgehändigt. Es ist ein ungewöhnliches Format und dickes Papier. Gleichzeitig wird dazu aufgefordert, sich möglichst weit nach vorne zu setzen. Ich wähle einen seitlichen Platz in der ersten Reihe.

Das ausgeteilte Blatt ist im schummrigen Licht schwer zu lesen, weshalb ich es erst nach der Performance eingehend lese. Die eine Seite ist mit einem Text von Wilhelmina Maema bedruckt, in dem sie Kagiso Maema gedenkt. Auf der anderen Seite werden das Projekt und dessen Anliegen erläutert, darunter Informationen zu Kagiso Maemas Tod. Es ist jedoch nicht möglich alles durchzulesen, da bald das Licht in der hohen Kirche ausgeht und nur noch ein Scheinwerfer den Saal erhellt. Er ist auf ein Podest gerichtet, welches das Licht grell reflektiert. Ein hölzernes Podest auf dem Holzboden der Kirche.

Die Plätze der Zuschauer*innen sind hufeisenförmig um das Podest angeordnet. Das Publikum verstummt, Blicke suchen fragend die Kirche ab, wann und woher die Performer*innen die Bühne wohl betreten. Diese lassen sich jedoch Zeit, bevor dann sieben Personen durch eine Türe durch das Dunkel auf den Lichtkegel beim Podest zusteuern. Sie gehen hintereinander in einer Reihe, der Boden knarrt laut unter ihren Schritten.

Die Performerinnen* tragen verschiedene Kostüme, manche Hosen, manche Kleider, welche jedoch alle schwarz sind. Alle Kostüme unterscheiden sich voneinander und verbinden die Performerinnen* doch in dem trauernden schwarz. Bereits in dieser Kostümwahl wird das Zusammenspiel von Individualität und Kollektiv hervorgehoben, welches sich als Thema durch die Performance zieht.

Die erste Person betritt das Podest und beginnt einen hohen Ton zu singen, wendet sich dann vom Publikum ab und tritt vom Podest, dabei beendet sie den Gesang. Gleichzeitig steigt die nächste Person auf das Podest, wobei sie den Ton der Vorgängerin* bereits aufgenommen hat und denselben Ton auf ihre Art zu singen beginnt. Und so wird der Ton weitergereicht von Perfomerin* zu Performerin*. Nach dem Verlassen des Podests reihen sich die Performerinnen* jeweils wieder in die Schlange vor dem Podest ein.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung.

Dieser Ablauf, welcher an ein Ritual erinnert, wiederholt sich etliche Male, etwa eine Stunde lang, bis eine der Personen vom Podest weggeht und sich auf eine Bank im Dunkeln niederlässt. Das Ritual geht weiter, der Ton bleibt konstant in den Ohren der Zuschauer*innen schwingend. Nach und nach, sehr langsam folgen vereinzelt die weiteren Performerinnen*, bis nur noch eine Person auf dem Podest steht und den Ton ausklingen lässt. Zu siebt verlassen sie den Kirchsaal durch dieselbe Tür, durch die sie herein gekommen sind. Der Applaus verhallt über der leeren Bühne, das Licht in der Kirche wird wieder heller, die Zuschauer*innen verlassen ihre Plätze.

Die Performance schafft einen intimen Raum der Verwundbarkeit, viel geht in mir vor. Meine Gedanken können nicht davon ablassen, ständig nach Bedeutung und Interpretationsansätzen zu suchen, sich zu fragen, um der Situation weniger ausgeliefert zu sein. Ob ich wohl etwas Wichtiges verpasst habe, was zum besseren Verständnis der Performance verhelfen würde? Die Bedeutung verliert sich in meiner ständigen Suche nach Bedeutung, denn vermutlich könnte ich mehr von der Mitteilung begreifen, wenn ich davon ablassen würde, ständig nach Anhaltspunkten für eine allfällige Interpretation zu suchen.

Die bedeutungsschwangere Kirche und die Kleidung der Performerinnen* kreieren eine schwere und dunkle Stimmung. Der gesungene Ton und die Beleuchtung auf dem Podest bilden dazu einen grellen und hellen Kontrast. Der Vibrato im Gesang einiger Stimmen nimmt einen aufrüttelnden und fast schon alarmierenden Klang an.

Zwischen den Performerinnen* findet keine direkte Interaktion statt, jede* ist für sich, der Blick ist meist gesenkt. Die einzige Begegnung findet statt im gegenseitigen Abnehmen des Tones und im Sich-wieder-in-die-Reihe-Stellen. Auch zum Publikum wird kein (Augen-) Kontakt aufgenommen, die Verbindung besteht lediglich in der Übertragung des Tones, im Teilen des Raumes. So wirken die Performerinnen* nicht wie ein Chor, der gemeinsam ein Trauerlied anstimmt, sondern es sind einzelne Personen, die um einzelne Personen trauern, die Individualität tritt in den Vordergrund.  Auch das ungleichzeitige Aufhören der Performerinnen* deutet auf die unterschiedlichen Kapazitäten und individuellen Körper hin, denn jede Person performt, solange sie möchte und kann.

Durch das Zirkulieren und den jeweiligen ‚Soli‘ der Performerinnen* kommt die Assoziation mit einem Vorsingen für eine Prüfung. Dieses Bild wird gestützt durch das Fehlen eines Gemeinschafts- oder Chor-Gefühls, jedoch ist die Stimmung auch keineswegs kompetitiv. Dennoch hinterlässt es einen starken Eindruck der Austauschbarkeit und gleichzeitig der Einzigartigkeit der Performerinnen*.

Auch der Ton wird auf ganz verschiedene Weisen gesungen, sodass die Performance von einem Ton durchzogen wird, welcher zwar immer auf derselben Tonhöhe bleibt, jedoch aus vielen verschiedenen, individuellen Tönen besteht. Das Ende des Gesanges ist nicht absehbar, es gilt, auf Veränderung zu warten und zu wünschen, dass sich was tut. Wann endet der Ton, wann endet die Trauer, wann endet die Gewalt, die hier betrauert wird? Auch der Ton unterstreicht also die Gleichzeitigkeit von Individualität und Kollektiv und verbietet es, Verhältnisse einfach hinzunehmen, ohne sich Veränderung zu wünschen.

In meinen rastlosen Gedanken tauchen Fragen über Fragen auf. Die Form des Quadrates scheint eine Rolle zu spielen, liege ich da richtig? Wenn ja welche? Welchen Ton singen sie und welche Bedeutung hat er? Was spüren die Performerinnen*? Sind sie wütend, traurig oder vorwurfsvoll? Weshalb scheint die Stimmung der meisten so neutral? Wie fühle ich mich? Wer sind die Performerinnen*? Auf der Wange einer Person ist gegen Ende der Performance eine Träne zu sehen. Hat sie Queen Kagiso Maema gekannt? Kennen sie sie alle? Ist die Performance, ist der Ton ein Vorwurf? Eine Strafe?  Entzieht sich eine Performance wie diese jeglichen Analyserastern und Interpretationsversuchen?

Das Rätseln über die Performance und das Sehnen nach dem Ende oder der Veränderung des Tones, welcher sich nach späterer Recherche (vermutlich) als ein h herausstellt, ist vielleicht analog zu denken zur Verständnislosigkeit der Femizide und Gewalt an LGBTQI+ Menschen und der Wunsch nach einer gewaltloseren Welt.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung. Durch die Anwesenheit werden die Zuschauer*innen Teil von einem Trauerritual, sie werden miteingeschlossen und partizipieren durch ihr gemeinsames Gedenken. Die Performance nimmt durch ihr Format mit verschiedenen Auftritten in verschiedenen Städten ein Ritual von gewisser Globalität an. So nehmen Menschen aus aller Welt an der Trauer teil, welche der Ton der Performance transportiert.

Bei erneutem Durchlesen des Handouts (PDF) nach der Performance verstehe ich ihre Intention ein wenig besser, zugleich ergeben auch gewisse Worte im Text nach der Erfahrung mehr Sinn. Beispielsweise wird die Performance als physisch herausforderndes Stück beschrieben, was mir erst einleuchtet, nachdem ich etwa 75 Minuten mit dem hohen h konfrontiert wurde. Oder:

„Die Performances öffnen einen alternativen, intersektionalen Raum, in dem das Trauern als sozial und politisch konstruktive Kraft wirkt – nicht im Sinne einer Heilung oder eines ‚Abschluss-Findens‘, sondern als notwendige und anhaltende Behauptung einer Unauflösbarkeit.“

Darin wird mein Eindruck des Gesanges als gleichzeitiges Anklagen und Beklagen bestätigt.

Die beschriebene Unauflösbarkeit erkenne ich auch in dem Ton, welcher auch nach Ende des Gesanges in meinem Kopf nachhallt. Zurück bleibt ein hilfloses, aufgewühltes Gefühl. Nach der Performance bin ich seltsam konzentriert. Zudem habe ich eine Zeile eines Ska-Liedes im Ohr, welche mich von der Kirche bis nach Hause und ins Bett verfolgt: No, I won’t be the one who’s gonna suffer.

Text von Andrina Imboden.

Foto: Elegy / Eunice Ntombifuthi Dube, Centre for the Less Good Idea, Johannesburg, 2018. © Stella Tate

Politics, Veranstaltung / Event

Auf zum Streik!

Morgen findet der zweite nationale Frauen*streik in der Schweiz statt! Ihr wollt dabei sein, wisst aber nicht was wo wie abgeht oder wie ihr euch am besten beteiligen könnt? Hier ein paar wichtige Eckdaten im Raum Basel:

Ab 10 Uhr finden die ersten Aktionen statt. Hier gehts zum Überblick.
Um 11 Uhr sind Mitarbeiterinnen* der kantonalen Verwaltung dazu eingeladen, sich zu einer gemeinsamen Pause mit kurzen Ansprachen im Hof des Rathauses einzufinden.
Um 15:24 Uhr sind alle Frauen* dazu aufgefordert, ihre Arbeit niederzulegen und sich auf den Theaterplatz zu begeben.
Um 17 Uhr beginnt die Demo ab Theaterplatz.

Weiterführende Links:
Website des nationalen Frauen*streiks
Website des feministischen Streiks in Basel
◉ Was sagt die Basler Verwaltung? Hier können Sie es nachlesen
◉ Was geschah morgen vor genau 28 Jahren? Das Schweizerische Sozialarchiv wirft einen Blick zurück

Empfehlung, Veranstaltung / Event

Wildwuchs Festival 2019: We Bodies

Dominique Grisard und Andrea Zimmermann moderieren heute das Publikumsgespräch im Anschluss an We Bodies.

Wann: Montag, 27. Mai 2019, 20 Uhr
Wo: Kaserne Basel, Rossstall 1

We Bodies setzt sich mit der Figur des Monsters auseinander. Denn das Monster kann Vorstellungen von Normalität ausser Kraft setzen und gleicht damit dem Wunder. Auch ein Wunder stellt durch sein Auftreten unsere natürliche Ordnung in Frage. Ein Monster ist ein Mischwesen: Weder Mann noch Frau, weder Tier noch Mensch, weder natürlich noch künstlich.
Teresa Vittucci, Michael Turinsky und Claire Vivianne Sobottke erschaffen in ihrer Performance, ausgehend von ihren eigenen Einschränkungen und Zuschreibungen, eine neue Bewegungssprache. Das vermeintliche Scheitern wird zur Möglichkeit und die Begegnung der drei wird zum politisch-sozialen Forschungsfeld.