Art and Politics, Veranstaltung / Event

Klage um Queen Kagiso Maema in der Basler Theodorskirche

Zur Performance Elegy von Gabrielle Goliath im Rahmen der Dokumentartage It’s the real thing von der Kaserne Basel.

Der Eintritt in die Theodorskirche ist frei, beim Einlass wird jeder Person ein Dokument ausgehändigt. Es ist ein ungewöhnliches Format und dickes Papier. Gleichzeitig wird dazu aufgefordert, sich möglichst weit nach vorne zu setzen. Ich wähle einen seitlichen Platz in der ersten Reihe.

Das ausgeteilte Blatt ist im schummrigen Licht schwer zu lesen, weshalb ich es erst nach der Performance eingehend lese. Die eine Seite ist mit einem Text von Wilhelmina Maema bedruckt, in dem sie Kagiso Maema gedenkt. Auf der anderen Seite werden das Projekt und dessen Anliegen erläutert, darunter Informationen zu Kagiso Maemas Tod. Es ist jedoch nicht möglich alles durchzulesen, da bald das Licht in der hohen Kirche ausgeht und nur noch ein Scheinwerfer den Saal erhellt. Er ist auf ein Podest gerichtet, welches das Licht grell reflektiert. Ein hölzernes Podest auf dem Holzboden der Kirche.

Die Plätze der Zuschauer*innen sind hufeisenförmig um das Podest angeordnet. Das Publikum verstummt, Blicke suchen fragend die Kirche ab, wann und woher die Performer*innen die Bühne wohl betreten. Diese lassen sich jedoch Zeit, bevor dann sieben Personen durch eine Türe durch das Dunkel auf den Lichtkegel beim Podest zusteuern. Sie gehen hintereinander in einer Reihe, der Boden knarrt laut unter ihren Schritten.

Die Performerinnen* tragen verschiedene Kostüme, manche Hosen, manche Kleider, welche jedoch alle schwarz sind. Alle Kostüme unterscheiden sich voneinander und verbinden die Performerinnen* doch in dem trauernden schwarz. Bereits in dieser Kostümwahl wird das Zusammenspiel von Individualität und Kollektiv hervorgehoben, welches sich als Thema durch die Performance zieht.

Die erste Person betritt das Podest und beginnt einen hohen Ton zu singen, wendet sich dann vom Publikum ab und tritt vom Podest, dabei beendet sie den Gesang. Gleichzeitig steigt die nächste Person auf das Podest, wobei sie den Ton der Vorgängerin* bereits aufgenommen hat und denselben Ton auf ihre Art zu singen beginnt. Und so wird der Ton weitergereicht von Perfomerin* zu Performerin*. Nach dem Verlassen des Podests reihen sich die Performerinnen* jeweils wieder in die Schlange vor dem Podest ein.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung.

Dieser Ablauf, welcher an ein Ritual erinnert, wiederholt sich etliche Male, etwa eine Stunde lang, bis eine der Personen vom Podest weggeht und sich auf eine Bank im Dunkeln niederlässt. Das Ritual geht weiter, der Ton bleibt konstant in den Ohren der Zuschauer*innen schwingend. Nach und nach, sehr langsam folgen vereinzelt die weiteren Performerinnen*, bis nur noch eine Person auf dem Podest steht und den Ton ausklingen lässt. Zu siebt verlassen sie den Kirchsaal durch dieselbe Tür, durch die sie herein gekommen sind. Der Applaus verhallt über der leeren Bühne, das Licht in der Kirche wird wieder heller, die Zuschauer*innen verlassen ihre Plätze.

Die Performance schafft einen intimen Raum der Verwundbarkeit, viel geht in mir vor. Meine Gedanken können nicht davon ablassen, ständig nach Bedeutung und Interpretationsansätzen zu suchen, sich zu fragen, um der Situation weniger ausgeliefert zu sein. Ob ich wohl etwas Wichtiges verpasst habe, was zum besseren Verständnis der Performance verhelfen würde? Die Bedeutung verliert sich in meiner ständigen Suche nach Bedeutung, denn vermutlich könnte ich mehr von der Mitteilung begreifen, wenn ich davon ablassen würde, ständig nach Anhaltspunkten für eine allfällige Interpretation zu suchen.

Die bedeutungsschwangere Kirche und die Kleidung der Performerinnen* kreieren eine schwere und dunkle Stimmung. Der gesungene Ton und die Beleuchtung auf dem Podest bilden dazu einen grellen und hellen Kontrast. Der Vibrato im Gesang einiger Stimmen nimmt einen aufrüttelnden und fast schon alarmierenden Klang an.

Zwischen den Performerinnen* findet keine direkte Interaktion statt, jede* ist für sich, der Blick ist meist gesenkt. Die einzige Begegnung findet statt im gegenseitigen Abnehmen des Tones und im Sich-wieder-in-die-Reihe-Stellen. Auch zum Publikum wird kein (Augen-) Kontakt aufgenommen, die Verbindung besteht lediglich in der Übertragung des Tones, im Teilen des Raumes. So wirken die Performerinnen* nicht wie ein Chor, der gemeinsam ein Trauerlied anstimmt, sondern es sind einzelne Personen, die um einzelne Personen trauern, die Individualität tritt in den Vordergrund.  Auch das ungleichzeitige Aufhören der Performerinnen* deutet auf die unterschiedlichen Kapazitäten und individuellen Körper hin, denn jede Person performt, solange sie möchte und kann.

Durch das Zirkulieren und den jeweiligen ‚Soli‘ der Performerinnen* kommt die Assoziation mit einem Vorsingen für eine Prüfung. Dieses Bild wird gestützt durch das Fehlen eines Gemeinschafts- oder Chor-Gefühls, jedoch ist die Stimmung auch keineswegs kompetitiv. Dennoch hinterlässt es einen starken Eindruck der Austauschbarkeit und gleichzeitig der Einzigartigkeit der Performerinnen*.

Auch der Ton wird auf ganz verschiedene Weisen gesungen, sodass die Performance von einem Ton durchzogen wird, welcher zwar immer auf derselben Tonhöhe bleibt, jedoch aus vielen verschiedenen, individuellen Tönen besteht. Das Ende des Gesanges ist nicht absehbar, es gilt, auf Veränderung zu warten und zu wünschen, dass sich was tut. Wann endet der Ton, wann endet die Trauer, wann endet die Gewalt, die hier betrauert wird? Auch der Ton unterstreicht also die Gleichzeitigkeit von Individualität und Kollektiv und verbietet es, Verhältnisse einfach hinzunehmen, ohne sich Veränderung zu wünschen.

In meinen rastlosen Gedanken tauchen Fragen über Fragen auf. Die Form des Quadrates scheint eine Rolle zu spielen, liege ich da richtig? Wenn ja welche? Welchen Ton singen sie und welche Bedeutung hat er? Was spüren die Performerinnen*? Sind sie wütend, traurig oder vorwurfsvoll? Weshalb scheint die Stimmung der meisten so neutral? Wie fühle ich mich? Wer sind die Performerinnen*? Auf der Wange einer Person ist gegen Ende der Performance eine Träne zu sehen. Hat sie Queen Kagiso Maema gekannt? Kennen sie sie alle? Ist die Performance, ist der Ton ein Vorwurf? Eine Strafe?  Entzieht sich eine Performance wie diese jeglichen Analyserastern und Interpretationsversuchen?

Das Rätseln über die Performance und das Sehnen nach dem Ende oder der Veränderung des Tones, welcher sich nach späterer Recherche (vermutlich) als ein h herausstellt, ist vielleicht analog zu denken zur Verständnislosigkeit der Femizide und Gewalt an LGBTQI+ Menschen und der Wunsch nach einer gewaltloseren Welt.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung. Durch die Anwesenheit werden die Zuschauer*innen Teil von einem Trauerritual, sie werden miteingeschlossen und partizipieren durch ihr gemeinsames Gedenken. Die Performance nimmt durch ihr Format mit verschiedenen Auftritten in verschiedenen Städten ein Ritual von gewisser Globalität an. So nehmen Menschen aus aller Welt an der Trauer teil, welche der Ton der Performance transportiert.

Bei erneutem Durchlesen des Handouts (PDF) nach der Performance verstehe ich ihre Intention ein wenig besser, zugleich ergeben auch gewisse Worte im Text nach der Erfahrung mehr Sinn. Beispielsweise wird die Performance als physisch herausforderndes Stück beschrieben, was mir erst einleuchtet, nachdem ich etwa 75 Minuten mit dem hohen h konfrontiert wurde. Oder:

„Die Performances öffnen einen alternativen, intersektionalen Raum, in dem das Trauern als sozial und politisch konstruktive Kraft wirkt – nicht im Sinne einer Heilung oder eines ‚Abschluss-Findens‘, sondern als notwendige und anhaltende Behauptung einer Unauflösbarkeit.“

Darin wird mein Eindruck des Gesanges als gleichzeitiges Anklagen und Beklagen bestätigt.

Die beschriebene Unauflösbarkeit erkenne ich auch in dem Ton, welcher auch nach Ende des Gesanges in meinem Kopf nachhallt. Zurück bleibt ein hilfloses, aufgewühltes Gefühl. Nach der Performance bin ich seltsam konzentriert. Zudem habe ich eine Zeile eines Ska-Liedes im Ohr, welche mich von der Kirche bis nach Hause und ins Bett verfolgt: No, I won’t be the one who’s gonna suffer.

Text von Andrina Imboden.

Foto: Elegy / Eunice Ntombifuthi Dube, Centre for the Less Good Idea, Johannesburg, 2018. © Stella Tate

Art and Politics

Aussprechen mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Im folgenden Eintrag findet eine Auseinandersetzung mit dem Aussprechen der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit statt.

Ich gelange immer wieder zu der Überzeugung, dass ich das, was mir am Wichtigsten ist, aussprechen muss. In Worten ausdrücken und mitteilen muss, auch wenn ich damit das Risiko eingehe, dass es verborgen oder missverstanden wird. Dass mich mein Sprechen bereichert, über alle anderen möglichen Auswirkungen hinaus. –Valiente nach Lorde 2015

Mit dem vorangestellten Zitat beginnt die Poetin Audre Lorde eines ihrer Kapitel und ich meinen Kommentar zur Veranstaltung „Wer interveniert? Gedanken aus kunst/kultur_aktivistischer Perspektive“ (27.11.18) mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi. Die beiden Frauen sprechen über Erfahrungen im Alltag und ihre Arbeit bei Bla*Sh (Black She), einem Netzwerk von Schwarzen* Frauen*. Der Einstieg erfolgt aus verschiedenen Gründen mit dem Zitat von Lorde. So wird die Poetin, welche sich in vielen ihrer Werke mit der eigenen Identität als schwarze, lesbische Frau auseinandersetzt, auch von den Referentinnen im Verlaufe des Gesprächs angesprochen und mit einer ähnlichen Stelle zitiert. Die beiden Kulturschaffenden und Aktivistinnen arbeiten ausserdem im Rahmen der Veranstaltung viel mit Zitaten. Die Zitate, welche von schwarzen Frauen stammen, werden wie Überthemen vor einem gewissen Abschnitt des Gespräches gelesen. Dabei geben ihnen Owens und El-Maawi bewusst Raum, indem jedes Zitat von ein paar Sekunden Schweigen begleitet wird. So sollen die Zitate  und ihre emotionale Wirkung aufgenommen werden können. In ihrem Zitat geht Lorde auf die bereichernde Kraft des Sprechens und Aussprechens ein. Dies weist auf eines der zentralen Themen des Abends hin: das Sprechen. So ist das Sprechen für die Veranstaltung formgebend, da der Dialog zwischen Owens und El-Maawi ihr eigentliches Format bildet. Owen und El-Maawi sprechen miteinander, das Publikum hört zu. Auch so wurde Bla*Sh gegründet, man traf sich am Küchentisch, brachte Bücher mit, teilte Alltagserfahrungen, und hörte sich zu: das Private ist politisch.

So sitzen nun Owen und El-Maawi vor uns, lesen Zitate und reden. Sie reden über Community, Safespaces, Role-Making, Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit und Selfcare. Alles sind wichtige Themen ihres „Struggles“, so wie es Owens nennt, aber auch ihres alltäglichen Lebens. Besonders komplex wirkt das ambivalente Erleben der gleichzeitigen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. So scheinen schwarze Frauen* gerade in Bereichen der Wissenschaft, Kultur oder der Kunst unsichtbar zu sein: ihre Namen tauchen seltener auf. In Kinderbüchern, Filmen oder Werbungen erscheinen sie seltener und wenn dann oft in einer erklärten Sonderstellung: sie gehören nicht zum Normalen oder Selbstverständlichen. In der Filmindustrie bspw. wird erklärt und verhandelt, wieso jetzt gerade eine schwarze Frau* eine bestimmte Rolle spielt oder spielen darf. Hier beginnt schon die Ambivalenz der Sichtbarkeit: Auf der anderen Seite sind sie nämlich sehr wohl sichtbar, zum Beispiel als „Exotinnen“ oder als „Auffällige“ bei einer Sicherheitskontrolle. Identitätsbilder und Stereotypen werden von aussen zugeschrieben. So wird der eigenen Identitätssuche die Angst gegenübergestellt, gerade diese Stereotypen zu bedienen.

Die Praktiken und Strategien von Bla*Sh: Räume gestalten, Communitys bilden, Kunstformen erproben, kulturelle und politische Interventionen durchführen, versuchen auf Lücken und Leerstände hinzuweisen und diese zu füllen. Dazu gehört auch, Fremdzuschreibungen zu erkennen, zu reflektieren und diesen entgegenzuwirken. Die Praktiken von Bla*Sh sind aufgrund der Ambivalenz von Erfahrungen des Sichtbaren und Unsichtbaren sowohl nach innen sowie nach aussen gerichtet. In der Community und im Safespace kann reflektiert, Kraft gesammelt, und sich ausgetauscht werden. Nach aussen wirkend wird eine Adressierbarkeit erreicht, es wird interveniert und Identität und Repräsentation in einem gesellschaftlichen Diskurs verhandelt. Das Aussprechen und Mitteilen, aber auch das Zuhören, sind in beiden Sphären grundlegend.

Text von Noah Lopez.

Literatur
Valiente, AnouchK Ibacka (Hg.): Vertrauen, Kraft & Wiederstand. Kurze Texte und Reden von Audre Lorde. Berlin 2015.

Exhibition reviews

Medienspiegel zur Ausstellung (2)

Hier die letzten Artikel zur Ausstellung Martha Rosler & Hito Steyerl War Games. Das Fazit: Eine fulminante Ausstellung voller Denkanstösse.

1.8.2018 Springerin: Martha Rosler/Hito Steyerl War Games

5.9.2018 Brooklyn Rail: Martha Rosler and Hito Steyerl: War Games

1.10.2018 Kunstbulletin: Martha Rosler & Hito Steyerl — Böse Spiele

30.12.2018 NZZ am Sonntag: Der Krieg der Bilder

Unabhängig voneinander und in ihrer Gegenwartsanalyse doch eng verwandt, sagen beide Künstlerinnen jeder Hingabe an den Weltschmerz den Kampf an. Das Werk der Jüngeren gewinnt mit Rosler ein bis in die 1960er-Jahre zurückreichendes Fundament. Und wenn die Ältere, lange unter dem Vorzeichen feministischer Kunst gesehen, die Zukunft der US-amerikanischen Kampfdrohnen in den Blick nimmt, findet sie in Steyerl eine ebenso unerschrockene Komplizin. –Isabel Zürcher, Kunstbulletin

Art and Politics, Empfehlung

Empfehlung: Konzert mit Bla*Sh in der Kaserne

Im Rahmen der Woche gegen Rassismus (18.-24.3.19) findet am 28.3.19 um 18.30 Uhr in der Kaserne Basel ein Konzert mit Bla*Sh, Legion Seven und Brandy Butler statt. Eine vielversprechend genussvolle Art der Intervention!

Hier finden sie mehr Informationen zum Konzert und zur Woche gegen Rassismus.

Art and Politics

The fourth lecture: Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Der Vortrag von Owens und El-Maawi war mehr Dialog, als Monolog, wirkte offen und porös, statt glatt und durchgetaktet. Sie sprachen von ihren Erfahrungen als Aktivistinnen und Forscherinnen in Bezug auf Blackness, Gemeinschaft und Kunst in der Schweiz und darüber hinaus. Hier kann ihrem Gespräch, Wer interveniert? Gedanken aus kunst_ / kultur_aktivistischer Perspektive, zugehört werden:

Sarah Owens und Rahel El-Maawi, 27.11.2018

Fotos: Impressions from the lecture. © Private.

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Jack Halberstam: Unbuilding Gender – Neue Architekten braucht die Welt

Das Museum für Gegenwartskunst in Basel ist an diesem Dienstagabend packend voll. Jack Halberstam präsentiert «Unbuilding Gender: Trans* Anarchitectures In and Beyond the Work of Gordon Matta-Clark». Viel vorstellen konnte ich mir unterdiesem Titel nicht – aber Halberstam schaffte es das Publikum innert Sekunden mitzureissen und für keine Sekunde zu verlieren. Besonders bleibend waren die Ausführungen wie scheinbar kleine Dinge wie z.B. Toiletten die Zweigeschlechtlichkeit unserer Gesellschaft entscheidend mitformen. Am Ende des Abends ging ich nicht nur mit neuem Wissen aus dem Vortrag, sondern erlebte einrichtiges «Aha!-Erlebnis».

Jack Halberstam präsentierte seinen*ihren Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung «The Art of Intervention». Die bereits erarbeiteten Leistungen sind beachtlich und verdienen einen Blog-Eintrag für sich selber; er*sie ist nicht nur ein*e angesehene*r Professor an der University of Columbia in New York, sondern unter anderem auch sechsfache*r Autor*in (ich ermutige den*die Leser*in Jack Halberstam selber noch einmal nachzuschlagen).

Generell bewegte sich Jack Halberstam innerhalb diverser Themen im Arbeitsbereich von Gordon Matta-Clark so schnell, dass man als Zuschauer*in kaum folgen konnte. Ich habe mich daher bewusst entschieden, nur einen Teil seines*ihres Vortrages abzudecken, der mich persönlich am meisten beschäftigt hat; «Unbuilding Genders – Gendered Architectures».

Die Vergeschlechtlichung von Architektur war in Gordon Matta-Clark’s Projekten immer wieder ein Thema. So befasste er sich in mehreren Projekten mit dem Thema «unbuilding». Matta-Clark war auch eine für den Begriff «Anarchitektur» prägende Person. Dabei wird die Elementarschicht der Architektur problematisiert. Vereinfacht bedeutet dieser Begriff «Gegen-Architektur» – was es aber genau bedeutet scheint nicht ganz klar zu sein und ruft Uneinigkeit hervor. Bekannte Beispiele für «unbuilding architecture» sind «Splitting: Four Corners» und «Day’s End» (Pier 52 in New York). Jack Halberstam ergänzte in seinem*ihrem Vortrag immer wieder, dass Architektur von Männern regiert ist und sich das in den Bauten lesen lässt.
Architektur ist «gendered» ob wir es wollen oder nicht. Wir laufen dieser gesellschaftlichen Norm ständig über den Weg. Teilweise begegnen wir ihr auf subtiler weise, oftmals jedoch sehr krass und direkt. Trotzdem werden diese Normen gesellschaftlich akzeptiert und selten bis gar nie hinterfragt. Warum ist das so? Und wie kommt es, dass das auch heutzutage nicht hinterfragt wird?

Die Toilette. Es gibt kaum ein Raum, der von beiden Geschlechtern fast gleich identisch genutzt wird, als das Badezimmer. Dennoch – sobald wir in den öffentlichen Raum treten – ist es ein Raum der am striktesten getrennt ist. Wie Jack Halberstam das so schön formulierte: «absurd representation» von Gendertrennung, die es gar nicht wirklich braucht. Wer hat entschieden, dass es auf einmal zwei verschiedene Toiletten braucht? Eine für Damen und eine für Herren. Und wieso? Was ist geschehen, dass dieser Ort geschlechtergetrennt werden musste? Gerade dank einzelner Kabinen in den öffentlichen Toiletten macht es kaum Sinn. Der einzige Begegnungsort der Geschlechter wäre beim Anstehen und beim Hände waschen. Und ich kann mir nichts Gewöhnlicheres vorstellen als die vorhin genannten Tätigkeiten.

Die unhinterfragte architektonische Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum und den Institutionen hat letztens auch für negative Schlagzeilen gesorgt. Bei einer Massenschiesserei an einer amerikanischen High-School waren sich die Lehrer nicht einig, ob sie die Trans*Person, die sie an der Schule haben, in die Männer- oder Frauen-Sportumkleide lassen sollten, die in einem solchen Fall aus Sicherheitsgründen aufgesucht werden muss. Dies endete mit dem Tod des*der Schülers*in, da die Trans*Person auf dem Gang zurückgelassen wurde.

Als Aufklärung; es handelte sich dabei «nur» um eine«Shooter drill» Übung für den Ernstfall. Dabei wurden keine Personen wirklich getötet oder verletzt. Doch selbst unter diesen ernsten Umständen konnten und wollten sich die Lehrer nicht festlegen und liessen am Ende den*die Schüler*in auf dem Gang zurück – was in einem echten Fall dann wirklich zum Tode des*derSchülers*in geführt hätte. [1]

Diese gesellschaftliche Norm ist in uns allen tief verankert– auch wenn man sich liberal und offen nennt. So erhielt ich z.B. erst gerade vor ein paar Wochen im Büro eine E-Mail mit der Nachricht, dass die Herrentoilette defekt sei und ich (als einzige Frau) doch Verständnis haben soll, wenn sich Herren auf der Damentoilette befinden. Damals habe ich mich gefragt; Verständnis wofür? Muss ich in diesem E-Mail namentlich erwähnt und gewarnt werden, dass sich Herren für einen Nachmittag auf der Damentoilette aufhalten werden? Ist aus der Nachricht, dass die Herrentoilette defekt ist nicht automatisch klar, dass sie die Damentoilette benutzen dürfen und auch sollen?
Und doch habe ich einen double-take im Starbucks letzte Woche gemacht, als mir eine männlich aussehende Person auf der Damentoilette entgegengekommen ist – weil ich dachte, dass ich mich in der Tür geirrt habe.

Diese Verinnerlichung von Gendertrennung an unnötigen Orten ist in unserer Gesellschaft so tief verankert, dass sie reflexartig an die Oberfläche treten – auch wenn man sich bemüht, diese Vorurteile hinter sich zulassen. Oder wie der Soziologe Erving Goffman, der sich mit der «institutionellen Reflexivität» von Toiletten im Spezifischen und Architektur im Allgemeinen auseinander setzte, so schön sagte: „Die Trennung der Toiletten wird als natürliche Folge des Unterschieds zwischen den Geschlechtskategorien hingestellt, obwohl sie tatsächlich mehr ein Mittel zur Anerkennung, wenn nicht gar zur Erschaffung dieses Unterschieds ist“ (Goffman 1977, 134[2]).

Jack Halberstam, erwähnte so schön; es sind nicht «more creative signs» oder «alterning signs» notwendig. Es sind gar keine Schilder nötig. Es ist auch nicht nötig, die Räume nach neuen Zwecken zu kategorisieren (z.B. Räume wo man nur pinkelt, oder nur die Nummer 2 verrichte. Oder dem Kind die Brust gibt).

Wir sollten die Toilette als erstes zurückerobern und neue Standards festlegen. Und zwar den Standard von nichts.

Und wenn wir das erst einmal hinter uns haben, dann erobern wir den Rest des Hauses, die Strasse und die Welt!

Text by Rahel Liviero.


[1] https://www.rt.com/usa/440720-transgender-student-shooting-lockdown/

[2]Erving Goffman Das Arrangement der Geschlechter von 1977 sowie den Ausschnitt im Anhang vom Handbuch Soziologie von Nina Baur et al.

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Today! «Art, War, Displacement» Roundtable Conversation with Hito Steyerl, Heja Niturk, Sener Özmen and Önder Çakar

We’re very much looking forward to the final event of our lecture series, a roundtable talk on „Art, War, Displacement“ with Hito Steyerl, Heja Niturk, Sener Özmen and Önder Çakar, moderated by Bilgin Ayata and with an introduction by Sören Grammel. Please join us at Kunstmuseum Basel | Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, 4052 Basel at 6 pm.

The talk will be held English, German, Kurdish and Turkish with translations in German available.