Art and Politics, Exhibition reviews

Eine Konfrontation mit privilegierten Positionen

Gedanken zu Richard Mosses Grid in der Ausstellung Circular Flow im Kunstmuseum Basel | Gegenwart.

Beim Eintreten in die grosse, helle Eingangshalle des Kunstmuseums Basel | Gegenwart fallen mir die schwarz-weissen Bilder der Videoinstallation von Richard Mosse sofort auf, sie ziehen meinen Blick an und ich nähere mich den sechszehn grossformatigen Flachbildschirmen, die wechselnd dieselben Aufnahmen zeigen. Aus der Beobachtungsperspektive bieten die Bildschirme einen Blick auf das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos. Unwohl, bedrückt, wütend, nehme ich wahr, wo ich stehe, was ich sehe und welche Perspektive ich dabei einnehme. Die Videoinstallation nimmt viel Raum ein, wirkt fesselnd auf mich, durch die ruckartig nach rechts ziehenden Bilder, von Bildschirm zu Bildschirm.

Richard Mosse, Grid (Moria), 2016-2017, 16 channel video installation. © Courtesy the artist

Mosses Werk zeigt Filmmaterial aus seinem mehrjährigen Aufenthalt auf Lesbos, wo er mit einer Überwachungs- und Wärmebildkamera das „Flüchtlingslager“ Moria filmte. Aufnahmen die es kaum erlauben, Gesichter zu erkennen, Aufnahmen, die ein Stück Persönlichkeit wegnehmen: „Dabei werden die Gefilmten nicht als Individuen wahrgenommen, sondern lediglich als zum Thermobild geronnene Abstraktion“[1], wie im Saal-Text zu lesen ist. In diesen entmenschlichten Bildern auf den sechszehn Flachbildschirmen wird „unsere“ Geschichte – geprägt von Imperialismus, Nationalismus, Kolonialismus und Sklaverei und Ausbeutung – sichtbar. Sie zeigt sich in den schwarz-weissen Aufnahmen, die mit Stacheldraht abgezäunte „Lager“, in denen sich bis zu dreimal so viele Menschen in Räumen bewegen als für die es eigentlich gebaut wurde. In der abstrakten Darstellung der Menschen, die nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern als fremde bedrohende Masse inszeniert werden.

Die Perspektive des:der Betrachter:in übergeht fliessend in die des:der Überwacher:in. Eine Perspektive, welche die meisten Menschen aus West-Europa genauso gut durch die Medien kennen. Eine Distanz entsteht zwischen hier und dort, „uns“ und „den Andern“. Eine Distanz, die durch bemitleidende Worte und spezifisch ausgewählte Bilder der Medien – ich erinnere an die Flut von Fotos überfüllter „Schlepperboote“ sowie die kürzlich erschienenen Dokumentationen der Zustände an den europäischen Aussengrenzen – noch verstärkt wird. Doch wer sind „die Andern“? In Mosses Videoinstallation sind es die Menschen in Moria. Ein Schauen auf „die Andern“, wie es bei „denen“ aussieht, wie es „denen“ geht, mit dem beruhigenden Wissen, dass bei „uns“ alles gut sein wird. Worte aus privilegierten Mündern, Gedanken aus privilegierten Köpfen, die sich nicht um ihre Existenz sorgen müssen.

Die kritische Selbstperspektive, die Mosse durch sein Werk hervorzurufen versucht, bringt die betrachtenden Museumsbesuchenden in eine unangenehme Situation, er fordert sie auf, sich mit ihrer Position auseinanderzusetzten, diese zu reflektieren und zu erkennen. Eine Konfrontation, die nicht da ist, um das schlechte Gewissen zu kitzeln, sondern als Anregung gesehen werden sollte, die aktuellen Hierarchien und Machtverhältnisse zu erkennen und zu hinterfragen, die eigenen Privilegien zu reflektieren, sich möglicherweise gar Gedanken darüber zu machen, wie ein Zusammenleben anders aussehen könnte. Was wäre, wenn eine Welt ohne Grenzen und (Bewegungs-)Freiheit für Alle nicht als utopische Zukunftsfantasie belächelt, sondern als entscheidender Schritt ernst genommen würde, um die globale Ökonomie der Ungleichheit auszuhebeln?

Wenn ich mir das Kunstwerk von Mosse anschaue, dann löst das in mir Wut, Ekel, Trauer und Hilflosigkeit aus. Ich frage mich, wo uns die Veränderungen der Vergangenheit hingebracht haben. Sind wir je weggekommen von menschenverachtenden Verhältnissen, von Sklaverei und Kolonialismus? Wie kann ich meine Wut ‘produktiv’ nutzen, um in diese historischen Ungleichheitsverhältnisse, die unsere Gesellschaft, unser Verhalten und Handeln bis heute so strak prägen, zu intervenieren?

Ein zentraler Schritt dabei ist die Wut, welche diese Ungerechtigkeiten in mir auslösen, anzuerkennen, sie auf- und umzuarbeiten, sodass daraus die Kraft und Motivation entsteht, mich mit den hegemonialen Strukturen tiefgreifend auseinanderzusetzten. Anstelle die Wut nach innen zu richten und daraus in eine Art Resignation zu fallen, die Wut nach aussen zu tragen, umgeformt in Kritik an den aktuellen Verhältnissen, diese ansprechen und thematisieren, laut, bestimmt und berührt, sodass diese nicht weiter ignoriert werden können. Statt dass die Konfrontation mit meinen Privilegien mich handlungsunfähig macht, meine Privilegien nutzen, um die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, von denen ich nicht betroffen bin zu benennen, anzuerkennen und dafür zu kämpfen diese zu verändern. Die Wut wird so zum Motor, mich den Ungerechtigkeiten zu stellen, diese genauer zu betrachten und mich dabei zu fragen, was ich mit meinen Mitteln tun kann, um diese nicht weiter zu reproduzieren.

Denn ich sehe diese Bilder, wie sich die Machtverhältnisse in ihnen spiegeln, wie eine Welt gezeigt wird, in der nicht jedes Menschenleben gleich viel Wert hat und nicht jeder Mord als gleich tragisch gesehen wird.

Und wir schauen zu.

Sind Teil davon.


Text von Mara Ursprung.

Bild: Richard Mosse, Grid (Moria), 2016-2017, 16 channel video installation. © Courtesy the artist


[1] Saaltext zu Grid von Richard Mosse, Circular Flow. Zur Ökonomie der Ungleichheit, Kunstmuseum Basel Gegenwart, 2020.