Art and Politics, Literatur

10 Gründe, Irmgard Keun neu zu lesen

Von Michelle Steinbeck. Dieser Text ist Teil der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» im Rahmen von «Schreibweisen, Genres und die Verhältnisse der Geschlechter» von Art of Intervention.

1. Ich erinnere mich genau an den Augenblick, in dem ich mich in Keun verliebt habe: «Das war gestern abend so um zwölf, als ich fühlte, dass etwas Grossartiges in mir vorging.» Der allererste Satz im «Kunstseidenen Mädchen» (1932). Ich sass im Mitternachtszug nachhause und zerriss während der Fahrt eine Gratiszeitung, um all die genialen Stellen zu markieren, die auf diesen ersten Satz folgten, der direkt für mich geschrieben schien. Daraufhin verwendete ich einige Zeit, all ihre Publikationen zu besorgen, was damals noch schwierig war: Sie waren vergriffen. Mit jedem Buch mehr, das ich von ihr las, war mir unverständlicher, dass ich zuvor nie von ihr gehört hatte. Wie kann es sein, dass Irmgard Keun keine Berühmtheit ist?

2. In den letzten Jahren wurden einige ihrer Bücher neu aufgelegt, zeitgleich mit der Erscheinung von Volker Weidermanns «Ostende» (2014), über die gemeinsame Exilzeit von Schreibenden wie Joseph Roth, Stephan Zweig und eben auch Irmgard Keun. Ausserdem erschien 2017 die Gesamtausgabe ihres Werkes. Das grosse Wiederentdecken blieb jedoch aus. Selbst in literaturwissenschaftlichen Kontexten scheint Keun noch immer in der Ecke der «schreibenden Frauen» der Weimarer Republik zu stehen, die angeblich vornehmlich die sogenannte «Frauenfrage» behandeln.

3. Keun arbeitete in der Zwischenkriegszeit als Stenotypistin und am Theater. Ihr erster Roman «Gilgi» erschien 1931 und war ein grosser Erfolg. Ein Jahr später folgte «Das kunstseidene Mädchen», ebenfalls ein Verkaufsschlager. Mit der sogenannten Machtübernahme wurden ihre Bücher verboten und ihre Karriere vorzeitig ausgebremst. 1936 ging sie als Deutsche mehr oder weniger freiwillig ins Exil, umgeben von jüdischen Intellektuellen. Dort schrieb sie weiter und publizierte in deutschsprachigen Exil-Verlagen in den Niederlanden. Ihre damalige Lebenswelt – das Leben auf Pump in Hotels, die Diskussionen mit ihrem Liebhaber Joseph Roth und anderen Schreibenden, der Alkoholismus – ist besonders anschaulich in dem (Jugend-)Roman «Kind aller Länder» und in den lebendigen Briefen an ihren Verlobten Arnold Strauss im amerikanischen Exil zu lesen.

Berliner Gedenktafel zu Irmgard Keun, Meinekestraße 6, Berlin-Charlottenburg, Deutschland. OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

4. Ihre ersten drei Romane, die ich hier vornehmlich bespreche, handeln von ehrgeizigen jungen Frauen, die sich ein besseres Leben erarbeiten wollen: Das Ziel ist, ein «Glanz» zu werden. Sie arbeiten im Büro, trainieren ihren Körper, bilden sich in der Abendschule weiter; sie gehen aus, verlieren sich in Liebschaften mit Männern, die sie runterziehen.
Hintergrund dieser Geschichten ist der aufkommende Faschismus: Langweilige Nazi-Aufmärsche, Radiogeplärr, absurde Gespräche am Stammtisch und an Parties – mit scharfem Witz wird die um sich greifende Ideologie entlarvt. Anders als ihre Kollegen im Exil, die versuchen, mit historischen Romanen unter dem politischen Radar zu fliegen, schreibt Keun unerschrocken kritisch über das direkte Zeitgeschehen.

5. Das für mich vielleicht Erstaunlichste bei Keun: dass mir ihr Schreiben auf Anhieb so nah war. Gerade stilistisch ist da nichts Altmodisches, keine Verstaubtheit, die vielen ihrer Zeitgenossen (sic), die wir etwa im Gymnasium lesen mussten, anhaftet. Sie schreibt direkt und doch verspielt, zugänglich, aber nicht banal. Das kunstseidene Mädchen Doris «will schreiben wie Film», und das tut sie äusserst kunstvoll. Fast unheimlich, wie sehr sich meine Erfahrungen mit einer Protagonistin von 1932 deckten, wie unsere Gedankenwelten ineinander übergingen. Als wäre zwischen uns kein Abgrund, weder zeitlich noch geschichtlich.

6. Keun beschreibt die damalige Welt aus der Sicht junger Frauen (oder kleiner Mädchen, etwa in «Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften». (1936)) In den 1920ern bis 1933 verbreitete sich die Idee der sogenannten «neuen Frau», die sich nicht mit der herkömmlichen Rolle als untergebene Hausfrau und Mutter zufriedengibt. Die «neue Frau» will etwa Unabhängigkeit durch Berufstätigkeit, Selbstverwirklichung und eine aktive Sexualität. Die Themen, die damit in Keuns Romanen aufkommen, könnten aktueller nicht sein: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, ungewollte Schwangerschaft, Stigmatisierung «leichter Mädchen», aber auch der Zwang zur Selbstoptimierung.
Was mir besonders auffiel, sind auch Beschreibungen weiblicher Lust – da muss sich die Protagonistin schon mal rostige Sicherheitsnadeln in den BH stecken, um nicht bereits beim ersten Date mit einem zu schlafen.
Dabei hat sich Keun nicht als Feministin bezeichnet. Ihre Figuren suchen den Weg nach oben nicht selten über die Gunst mächtiger Männer. Interessant sind auch die Beschreibungen von Frauenfreundschaften, die mitnichten nur aus gegenseitiger Unterstützung, sondern ebenso aus Gehässigkeiten und im Kern misogynen Vergleichen bestehen: Wer hat welche Problemzonen, wer kommt wie gut an, etc. Solches scheint mir aber ebenso bezeichnend für die Lebenswelt sehr junger Frauen in patriarchalen Strukturen – damals wie heute – wie etwa Übergriffe durch ältere Männer.

Portrait von Irmgard Keun 5.3.1980.
Quelle: Keystone / Sueddeutsche Zeitung Photo / Brigitte Friedrich.

7. Keuns Werke werden der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Diese Strömung der Weimarer Republik fokussierte auf die Gesellschaft und aktuelle Themen wie Technik (bei Keun kommen prominent Grammofon, Radio und die Wochenschau vor), Erotik und Wirtschaftskrise. Als Vertreter gelten etwa Hans Fallada, Erich Kästner oder Ödön von Horvath, aber auch Mascha Kaléko, die ebenfalls Stenotypistin war und u.a. über das Leben im Büro und Liebschaften schrieb – allerdings in ganz anderem Stil.

8. Auf den Buchrücken von Keuns Werken steht meist ein Satz von Tucholsky: «Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an». Damit ist eigentlich alles gesagt.
Der Erfolg ihrer Bücher sprach für sich, aber die literarische und gesellschaftliche Bedeutung wurden ihnen systematisch abgesprochen, indem sie als reine «Unterhaltung» und «Kleinmädchenliteratur» abgetan wurden und teilweise heute noch werden. Immerhin: 2017 nannte der Deutschlandfunk sie die «witzigste Autorin der Weimarer Republik».

9. 1940 täuschte Keun ihren Selbstmord vor und kehrte heimlich nach Köln zurück, wo sie sich im Keller ihres Elternhauses versteckte. Nach dem Krieg erschien «Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen» (1950), das jedoch nicht an ihre früheren Erfolge anknüpfen konnte. Die Zurückwerfung der «neuen Frau» in die vom Nationalsozialismus propagierte «traditionelle» Frauenrolle mag ihren Beitrag dazu geleistet haben.
Keun war alkoholkrank und verarmte zusehends. In den 60er Jahren wurde sie gar entmündigt und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, in der sie einige Jahre verbrachte. Ende der 70er Jahre, kurz vor ihrem Tod 1982, wurde ihr Werk wiederentdeckt und erfolgreich neu aufgelegt. Sie gab noch einzelne legendäre Lesungen, bevor sie starb und ihre Bücher aufs Neue in Vergessenheit gerieten.

10. Keun schrieb wenig über schreibende Frauen, ihr Umfeld war ein männliches. Heute wird sie in literaturgeschichtlichen Kontexten manchmal mit ihren Zeitgenossinnen Marieluise Fleisser oder Gabriele Tergit genannt.
Wer wohl ihre Vorbilder waren? Die historischen Romane, über denen etwa Zweig und Roth im Exil brüteten, fand sie jedenfalls todlangweilig.

Michelle Steinbeck ist Autorin, leitende Redakteurin der Fabrikzeitung und Kolumnistin der WOZ. Von ihr erschienen 2016 Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch und 2018 Eingesperrte Vögel singen mehr. Ihre literarischen und journalistischen Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Sie ist Mitbegründerin des Autorinnenkollektivs RAUF.

«10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen»

Warum werden runde Geburtstage von Frauen so oft vergessen? Und warum werden diese Jubiläen, wenn überhaupt im bescheidenen Rahmen begangen, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt?
Wie kommt es, dass Schriftstellerinnen vergessen werden? Dass ihre Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen aufliegen? Dass ihre Stimmen aus dem Feuilleton verschwinden?
Es ist nicht wahr, dass es früher keine schreibenden Frauen gab, und es waren auch nicht wenige, wie die feministische Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten zu zeigen nicht müde wird. Aber wie lässt sich der Zirkel des Vergessens und «Wiederfindens» durchbrechen?

Bis heute werden Bücher von Frauen seltener und deutlich kürzer besprochen, erhalten Frauen weniger Vorschuss für die nächste Neuerscheinung als Männer. Und das, obwohl die gesamte Kette des Literaturbetriebs von der Verlegerin über die Buchhändlerin bis hin zur Leserin vorwiegend weiblich ist.
Diese Mechanismen entbehren jeglicher Logik. Und sie zu durchbrechen, kostet viel Mühe und Arbeit – auch viel unbezahlte Arbeit, die zumeist von Frauen geleistet wird.

Mit der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» wollen wir uns auf diesem Blog an Autorinnen erinnern, sie bekannt machen und Bewusstsein schaffen für Geschlechter-ungleichheiten im Literaturbetrieb. Dafür haben wir verschiedene Autor*innen, Akademiker*innen und Künstler*innen eingeladen, über eine Autorin zu schreiben, die ihnen viel bedeutet. Kennst auch DU eine Autorin, die dir viel bedeutet und an die du gerne erinnern möchtest? Hier findest du eine Anleitung (PDF). Bei Fragen schreib uns hier: info@theartofintervention.blog

Bild: Portrait von Irmgard Keun 5.3.1980. Quelle: Keystone / Sueddeutsche Zeitung Photo / Brigitte Friedrich.

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