Art and Politics, Exhibition reviews

Eine Konfrontation mit privilegierten Positionen

Gedanken zu Richard Mosses Grid in der Ausstellung Circular Flow im Kunstmuseum Basel | Gegenwart.

Beim Eintreten in die grosse, helle Eingangshalle des Kunstmuseums Basel | Gegenwart fallen mir die schwarz-weissen Bilder der Videoinstallation von Richard Mosse sofort auf, sie ziehen meinen Blick an und ich nähere mich den sechszehn grossformatigen Flachbildschirmen, die wechselnd dieselben Aufnahmen zeigen. Aus der Beobachtungsperspektive bieten die Bildschirme einen Blick auf das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos. Unwohl, bedrückt, wütend, nehme ich wahr, wo ich stehe, was ich sehe und welche Perspektive ich dabei einnehme. Die Videoinstallation nimmt viel Raum ein, wirkt fesselnd auf mich, durch die ruckartig nach rechts ziehenden Bilder, von Bildschirm zu Bildschirm.

Richard Mosse, Grid (Moria), 2016-2017, 16 channel video installation. © Courtesy the artist

Mosses Werk zeigt Filmmaterial aus seinem mehrjährigen Aufenthalt auf Lesbos, wo er mit einer Überwachungs- und Wärmebildkamera das „Flüchtlingslager“ Moria filmte. Aufnahmen die es kaum erlauben, Gesichter zu erkennen, Aufnahmen, die ein Stück Persönlichkeit wegnehmen: „Dabei werden die Gefilmten nicht als Individuen wahrgenommen, sondern lediglich als zum Thermobild geronnene Abstraktion“[1], wie im Saal-Text zu lesen ist. In diesen entmenschlichten Bildern auf den sechszehn Flachbildschirmen wird „unsere“ Geschichte – geprägt von Imperialismus, Nationalismus, Kolonialismus und Sklaverei und Ausbeutung – sichtbar. Sie zeigt sich in den schwarz-weissen Aufnahmen, die mit Stacheldraht abgezäunte „Lager“, in denen sich bis zu dreimal so viele Menschen in Räumen bewegen als für die es eigentlich gebaut wurde. In der abstrakten Darstellung der Menschen, die nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern als fremde bedrohende Masse inszeniert werden.

Die Perspektive des:der Betrachter:in übergeht fliessend in die des:der Überwacher:in. Eine Perspektive, welche die meisten Menschen aus West-Europa genauso gut durch die Medien kennen. Eine Distanz entsteht zwischen hier und dort, „uns“ und „den Andern“. Eine Distanz, die durch bemitleidende Worte und spezifisch ausgewählte Bilder der Medien – ich erinnere an die Flut von Fotos überfüllter „Schlepperboote“ sowie die kürzlich erschienenen Dokumentationen der Zustände an den europäischen Aussengrenzen – noch verstärkt wird. Doch wer sind „die Andern“? In Mosses Videoinstallation sind es die Menschen in Moria. Ein Schauen auf „die Andern“, wie es bei „denen“ aussieht, wie es „denen“ geht, mit dem beruhigenden Wissen, dass bei „uns“ alles gut sein wird. Worte aus privilegierten Mündern, Gedanken aus privilegierten Köpfen, die sich nicht um ihre Existenz sorgen müssen.

Die kritische Selbstperspektive, die Mosse durch sein Werk hervorzurufen versucht, bringt die betrachtenden Museumsbesuchenden in eine unangenehme Situation, er fordert sie auf, sich mit ihrer Position auseinanderzusetzten, diese zu reflektieren und zu erkennen. Eine Konfrontation, die nicht da ist, um das schlechte Gewissen zu kitzeln, sondern als Anregung gesehen werden sollte, die aktuellen Hierarchien und Machtverhältnisse zu erkennen und zu hinterfragen, die eigenen Privilegien zu reflektieren, sich möglicherweise gar Gedanken darüber zu machen, wie ein Zusammenleben anders aussehen könnte. Was wäre, wenn eine Welt ohne Grenzen und (Bewegungs-)Freiheit für Alle nicht als utopische Zukunftsfantasie belächelt, sondern als entscheidender Schritt ernst genommen würde, um die globale Ökonomie der Ungleichheit auszuhebeln?

Wenn ich mir das Kunstwerk von Mosse anschaue, dann löst das in mir Wut, Ekel, Trauer und Hilflosigkeit aus. Ich frage mich, wo uns die Veränderungen der Vergangenheit hingebracht haben. Sind wir je weggekommen von menschenverachtenden Verhältnissen, von Sklaverei und Kolonialismus? Wie kann ich meine Wut ‘produktiv’ nutzen, um in diese historischen Ungleichheitsverhältnisse, die unsere Gesellschaft, unser Verhalten und Handeln bis heute so strak prägen, zu intervenieren?

Ein zentraler Schritt dabei ist die Wut, welche diese Ungerechtigkeiten in mir auslösen, anzuerkennen, sie auf- und umzuarbeiten, sodass daraus die Kraft und Motivation entsteht, mich mit den hegemonialen Strukturen tiefgreifend auseinanderzusetzten. Anstelle die Wut nach innen zu richten und daraus in eine Art Resignation zu fallen, die Wut nach aussen zu tragen, umgeformt in Kritik an den aktuellen Verhältnissen, diese ansprechen und thematisieren, laut, bestimmt und berührt, sodass diese nicht weiter ignoriert werden können. Statt dass die Konfrontation mit meinen Privilegien mich handlungsunfähig macht, meine Privilegien nutzen, um die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, von denen ich nicht betroffen bin zu benennen, anzuerkennen und dafür zu kämpfen diese zu verändern. Die Wut wird so zum Motor, mich den Ungerechtigkeiten zu stellen, diese genauer zu betrachten und mich dabei zu fragen, was ich mit meinen Mitteln tun kann, um diese nicht weiter zu reproduzieren.

Denn ich sehe diese Bilder, wie sich die Machtverhältnisse in ihnen spiegeln, wie eine Welt gezeigt wird, in der nicht jedes Menschenleben gleich viel Wert hat und nicht jeder Mord als gleich tragisch gesehen wird.

Und wir schauen zu.

Sind Teil davon.


Text von Mara Ursprung.

Bild: Richard Mosse, Grid (Moria), 2016-2017, 16 channel video installation. © Courtesy the artist


[1] Saaltext zu Grid von Richard Mosse, Circular Flow. Zur Ökonomie der Ungleichheit, Kunstmuseum Basel Gegenwart, 2020.

Politics

Black Lives Matter: Wie steht es um Rassismus in der Schweiz?

Seit der Afroamerikaner George Floyd am 25. Mai 2020 durch brutale Polizeigewalt in Minneapolis ermordet wurde, protestieren weltweit Menschen gegen Rassismus.
Der Vorfall wurde gefilmt, ging viral und löste eine Welle von Protesten und Aufständen aus, die abertausende von Menschen jeglicher Gesellschaftsschicht, People of Color, Black People und Menschen mit weisser Hautfarbe auf die Strasse führt, um gegen Rassismus und gegen institutionelle Polizeigewalt zu protestieren. Weltweit finden nun Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen statt, mit dem Ziel die Black Community sichtbar und hörbar zu machen. Auch in der Schweiz. Georg Floyd ist zum Symbol gegen Rassismus geworden. Dieser Blogeintrag wurde aus einer Schwarzen Femme Perspektive geschrieben.

In den Berichterstattungen über die USA ist oft von strukturellem oder institutionellem Rassismus die Rede. Was bedeutet das genau? Wie Sozialanthropologin Serena Dankwa in einem Interview mit SRF unlängst erklärt:

«Von struktureller Diskriminierung redet man, wenn staatliche oder auch private Institutionen bestimmte Regeln und Prozesse aufweisen, die automatisch zu einer Diskriminierung bestimmter Menschengruppen führen. Etwa wenn die Polizei systematisch nach «people of color» Ausschau hält. Obwohl dies oft verneint wird, bei sogenannten Migrationskontrollen ist das sehr wohl der Fall.»

– Serena Dankwa, 3.6.2020

Viele Menschen in der Schweiz glauben, dass Rassismus nur in den USA ein grosses Problem sei, hierzulande jedoch nicht unbedingt. Ein Trugschluss: Der Rassismus in der Schweiz äussert sich nicht so offensichtlich wie in den USA, wo Schwarze Menschen auf offener Strasse durch white supremacists oder Polizeigewalt getötet werden. Doch auch in der Schweiz gibt es immer wieder Menschen, die in Polizeigewahrsam sterben. Das Gefährliche daran ist, dass dies weniger vor den Augen der Öffentlichkeit geschieht, sondern in Gefängnissen und Asylzentren, und somit eine grosse Möglichkeit besteht dies durch Institutionen zu vertuschen und unsichtbar zu machen. In den letzten zwanzig Jahren starben in der Schweiz pro Jahr mindesten zwei Menschen durch Polizeigewalt (Baile, Helvetzid, 2019).

Der jüngst erschienene Sammelband Racial Profiling. Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand (Baile, u.a., 2019) macht deutlich: In der Schweiz ist «Racial Profiling» ein grundlegendes Problem und im institutionellen Wesen tief verankert. «Racial Profiling» beschreibt alle Formen von polizeilichen Handlungen gegenüber Personengruppen, die aufgrund der äusseren Erscheinung als «Fremde» angesehen und gewertet werden. Wie Mutombo Kanyana, Experte für Internationale Beziehungen und Direktor von CRAN Carrefour de Réfléxion et d’Action Contre le Racisme Anti-Noir, gegenüber Swiss-Info betont: Schwarze sind tagtäglich Durchsuchungen, Festnahmen und Abklärungen der Identität ausgesetzt. Ethnisch motivierte polizeiliche Kontrollen, bei denen spezifisch nicht-weisse Menschen häufiger durch die Polizei kontrolliert werden als weisse Menschen, stellt eine klare Benachteiligung von Minderheiten dar.

Bei der #BlackOutTuesday-Kampagne haben sich in den letzten Tagen viele Menschen mit der Black- Lives- Matter Bewegung auf den sozialen Medien solidarisiert und aktiv gegen Rassismus und institutionelle Diskriminierung ausgesprochen. Die schwarzen Quadrate der #BlackOutTuesday- Kampagne ist als solidarische Geste der Unterhaltungsindustrie zu verstehen. Ziel war es, eine Pause einzulegen und darüber zu reflektieren, wie stark die Unterhaltungsindustrie, von Schwarzer Kultur, besonders im musikalischen Bereich profitiert. Es stellt sich jedoch die Frage, wie sinnvoll solche Solidaritätskampagnen im Netz sind und inwiefern diese nachhaltig etwas verändern können. Für Kulturwissenschaftlerin Jovita dos Santos Pinto, schaffen solche Aktionen Sichtbarkeit, aber damit sei es nicht getan. Es sei wichtig, auf unterschiedlichen Wegen zu protestieren – sowohl in der Schweiz wie auch an anderen Orten. Es ist einfach Solidarität zu zeigen, indem man schwarze Quadrate auf den sozialen Medien postet und es ist auch einfach sich zu entrüsten, wenn Videos von Polizeigewalt an Schwarzen Menschen in den Medien zirkulieren.

Ein Plädoyer für informierte Solidarität

Dos Santos Pinto plädiert für eine informierte Solidarität. Sich auf eine solche nachhaltig und seriös einzulassen, sei für viele immer noch schwierig. Informierte Solidarität bedeutet genau zuhören und Unterstützung anbieten. Wie kann ich Schwarze Aktivist*innen und Organisationen unterstützen? Wie kann ich als weisse Person meine Privilegien teilen und diese für marginalisierte Identitäten zur Verfügung stellen? Denn gute Absichten reichen bei weitem nicht aus, wenn kein Austausch stattfindet. Dabei ist wichtig Schwarze Menschen zu inkludieren und miteinzubeziehen. Unterstützung ist gut, aber es ist entscheidender, Schwarzen Menschen zuzuhören und sich zu informieren, ohne dies auf Kosten der Energie und Zeit von marginalisierten Identitäten zu tun. Besonders weisse Menschen sollten über ihre Privilegien in der Gesellschaft reflektieren und eine anti- rassistische Haltung einnehmen. Im politischen Kontext ist es wichtig, dass weisse Organisationen mit nicht-weissen Organisationen zusammenarbeiten. Wie Jovita dos Santos Pinto pointiert:

«Ja natürlich, unterstützt uns. Aber hört uns zu, informiert euch. Arbeitet mit uns, nicht über unsere Köpfe hinweg».

– Jovita dos Santos Pinto, 4.6.2020


Text von Katerine Omole.

Art and Politics

Aussprechen mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Im folgenden Eintrag findet eine Auseinandersetzung mit dem Aussprechen der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit statt.

Ich gelange immer wieder zu der Überzeugung, dass ich das, was mir am Wichtigsten ist, aussprechen muss. In Worten ausdrücken und mitteilen muss, auch wenn ich damit das Risiko eingehe, dass es verborgen oder missverstanden wird. Dass mich mein Sprechen bereichert, über alle anderen möglichen Auswirkungen hinaus. –Valiente nach Lorde 2015

Mit dem vorangestellten Zitat beginnt die Poetin Audre Lorde eines ihrer Kapitel und ich meinen Kommentar zur Veranstaltung „Wer interveniert? Gedanken aus kunst/kultur_aktivistischer Perspektive“ (27.11.18) mit Sarah Owens und Rahel El-Maawi. Die beiden Frauen sprechen über Erfahrungen im Alltag und ihre Arbeit bei Bla*Sh (Black She), einem Netzwerk von Schwarzen* Frauen*. Der Einstieg erfolgt aus verschiedenen Gründen mit dem Zitat von Lorde. So wird die Poetin, welche sich in vielen ihrer Werke mit der eigenen Identität als schwarze, lesbische Frau auseinandersetzt, auch von den Referentinnen im Verlaufe des Gesprächs angesprochen und mit einer ähnlichen Stelle zitiert. Die beiden Kulturschaffenden und Aktivistinnen arbeiten ausserdem im Rahmen der Veranstaltung viel mit Zitaten. Die Zitate, welche von schwarzen Frauen stammen, werden wie Überthemen vor einem gewissen Abschnitt des Gespräches gelesen. Dabei geben ihnen Owens und El-Maawi bewusst Raum, indem jedes Zitat von ein paar Sekunden Schweigen begleitet wird. So sollen die Zitate  und ihre emotionale Wirkung aufgenommen werden können. In ihrem Zitat geht Lorde auf die bereichernde Kraft des Sprechens und Aussprechens ein. Dies weist auf eines der zentralen Themen des Abends hin: das Sprechen. So ist das Sprechen für die Veranstaltung formgebend, da der Dialog zwischen Owens und El-Maawi ihr eigentliches Format bildet. Owen und El-Maawi sprechen miteinander, das Publikum hört zu. Auch so wurde Bla*Sh gegründet, man traf sich am Küchentisch, brachte Bücher mit, teilte Alltagserfahrungen, und hörte sich zu: das Private ist politisch.

So sitzen nun Owen und El-Maawi vor uns, lesen Zitate und reden. Sie reden über Community, Safespaces, Role-Making, Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit und Selfcare. Alles sind wichtige Themen ihres „Struggles“, so wie es Owens nennt, aber auch ihres alltäglichen Lebens. Besonders komplex wirkt das ambivalente Erleben der gleichzeitigen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. So scheinen schwarze Frauen* gerade in Bereichen der Wissenschaft, Kultur oder der Kunst unsichtbar zu sein: ihre Namen tauchen seltener auf. In Kinderbüchern, Filmen oder Werbungen erscheinen sie seltener und wenn dann oft in einer erklärten Sonderstellung: sie gehören nicht zum Normalen oder Selbstverständlichen. In der Filmindustrie bspw. wird erklärt und verhandelt, wieso jetzt gerade eine schwarze Frau* eine bestimmte Rolle spielt oder spielen darf. Hier beginnt schon die Ambivalenz der Sichtbarkeit: Auf der anderen Seite sind sie nämlich sehr wohl sichtbar, zum Beispiel als „Exotinnen“ oder als „Auffällige“ bei einer Sicherheitskontrolle. Identitätsbilder und Stereotypen werden von aussen zugeschrieben. So wird der eigenen Identitätssuche die Angst gegenübergestellt, gerade diese Stereotypen zu bedienen.

Die Praktiken und Strategien von Bla*Sh: Räume gestalten, Communitys bilden, Kunstformen erproben, kulturelle und politische Interventionen durchführen, versuchen auf Lücken und Leerstände hinzuweisen und diese zu füllen. Dazu gehört auch, Fremdzuschreibungen zu erkennen, zu reflektieren und diesen entgegenzuwirken. Die Praktiken von Bla*Sh sind aufgrund der Ambivalenz von Erfahrungen des Sichtbaren und Unsichtbaren sowohl nach innen sowie nach aussen gerichtet. In der Community und im Safespace kann reflektiert, Kraft gesammelt, und sich ausgetauscht werden. Nach aussen wirkend wird eine Adressierbarkeit erreicht, es wird interveniert und Identität und Repräsentation in einem gesellschaftlichen Diskurs verhandelt. Das Aussprechen und Mitteilen, aber auch das Zuhören, sind in beiden Sphären grundlegend.

Text von Noah Lopez.

Literatur
Valiente, AnouchK Ibacka (Hg.): Vertrauen, Kraft & Wiederstand. Kurze Texte und Reden von Audre Lorde. Berlin 2015.

Art and Politics

The fourth lecture: Sarah Owens und Rahel El-Maawi

Der Vortrag von Owens und El-Maawi war mehr Dialog, als Monolog, wirkte offen und porös, statt glatt und durchgetaktet. Sie sprachen von ihren Erfahrungen als Aktivistinnen und Forscherinnen in Bezug auf Blackness, Gemeinschaft und Kunst in der Schweiz und darüber hinaus. Hier kann ihrem Gespräch, Wer interveniert? Gedanken aus kunst_ / kultur_aktivistischer Perspektive, zugehört werden:

Sarah Owens und Rahel El-Maawi, 27.11.2018

Fotos: Impressions from the lecture. © Private.

Art and Politics

Jack Halberstam: Unbuilding Gender – Neue Architekten braucht die Welt

Das Museum für Gegenwartskunst in Basel ist an diesem Dienstagabend packend voll. Jack Halberstam präsentiert «Unbuilding Gender: Trans* Anarchitectures In and Beyond the Work of Gordon Matta-Clark». Viel vorstellen konnte ich mir unterdiesem Titel nicht – aber Halberstam schaffte es das Publikum innert Sekunden mitzureissen und für keine Sekunde zu verlieren. Besonders bleibend waren die Ausführungen wie scheinbar kleine Dinge wie z.B. Toiletten die Zweigeschlechtlichkeit unserer Gesellschaft entscheidend mitformen. Am Ende des Abends ging ich nicht nur mit neuem Wissen aus dem Vortrag, sondern erlebte einrichtiges «Aha!-Erlebnis».

Jack Halberstam präsentierte seinen*ihren Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung «The Art of Intervention». Die bereits erarbeiteten Leistungen sind beachtlich und verdienen einen Blog-Eintrag für sich selber; er*sie ist nicht nur ein*e angesehene*r Professor an der University of Columbia in New York, sondern unter anderem auch sechsfache*r Autor*in (ich ermutige den*die Leser*in Jack Halberstam selber noch einmal nachzuschlagen).

Generell bewegte sich Jack Halberstam innerhalb diverser Themen im Arbeitsbereich von Gordon Matta-Clark so schnell, dass man als Zuschauer*in kaum folgen konnte. Ich habe mich daher bewusst entschieden, nur einen Teil seines*ihres Vortrages abzudecken, der mich persönlich am meisten beschäftigt hat; «Unbuilding Genders – Gendered Architectures».

Die Vergeschlechtlichung von Architektur war in Gordon Matta-Clark’s Projekten immer wieder ein Thema. So befasste er sich in mehreren Projekten mit dem Thema «unbuilding». Matta-Clark war auch eine für den Begriff «Anarchitektur» prägende Person. Dabei wird die Elementarschicht der Architektur problematisiert. Vereinfacht bedeutet dieser Begriff «Gegen-Architektur» – was es aber genau bedeutet scheint nicht ganz klar zu sein und ruft Uneinigkeit hervor. Bekannte Beispiele für «unbuilding architecture» sind «Splitting: Four Corners» und «Day’s End» (Pier 52 in New York). Jack Halberstam ergänzte in seinem*ihrem Vortrag immer wieder, dass Architektur von Männern regiert ist und sich das in den Bauten lesen lässt.
Architektur ist «gendered» ob wir es wollen oder nicht. Wir laufen dieser gesellschaftlichen Norm ständig über den Weg. Teilweise begegnen wir ihr auf subtiler weise, oftmals jedoch sehr krass und direkt. Trotzdem werden diese Normen gesellschaftlich akzeptiert und selten bis gar nie hinterfragt. Warum ist das so? Und wie kommt es, dass das auch heutzutage nicht hinterfragt wird?

Die Toilette. Es gibt kaum ein Raum, der von beiden Geschlechtern fast gleich identisch genutzt wird, als das Badezimmer. Dennoch – sobald wir in den öffentlichen Raum treten – ist es ein Raum der am striktesten getrennt ist. Wie Jack Halberstam das so schön formulierte: «absurd representation» von Gendertrennung, die es gar nicht wirklich braucht. Wer hat entschieden, dass es auf einmal zwei verschiedene Toiletten braucht? Eine für Damen und eine für Herren. Und wieso? Was ist geschehen, dass dieser Ort geschlechtergetrennt werden musste? Gerade dank einzelner Kabinen in den öffentlichen Toiletten macht es kaum Sinn. Der einzige Begegnungsort der Geschlechter wäre beim Anstehen und beim Hände waschen. Und ich kann mir nichts Gewöhnlicheres vorstellen als die vorhin genannten Tätigkeiten.

Die unhinterfragte architektonische Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum und den Institutionen hat letztens auch für negative Schlagzeilen gesorgt. Bei einer Massenschiesserei an einer amerikanischen High-School waren sich die Lehrer nicht einig, ob sie die Trans*Person, die sie an der Schule haben, in die Männer- oder Frauen-Sportumkleide lassen sollten, die in einem solchen Fall aus Sicherheitsgründen aufgesucht werden muss. Dies endete mit dem Tod des*der Schülers*in, da die Trans*Person auf dem Gang zurückgelassen wurde.

Als Aufklärung; es handelte sich dabei «nur» um eine«Shooter drill» Übung für den Ernstfall. Dabei wurden keine Personen wirklich getötet oder verletzt. Doch selbst unter diesen ernsten Umständen konnten und wollten sich die Lehrer nicht festlegen und liessen am Ende den*die Schüler*in auf dem Gang zurück – was in einem echten Fall dann wirklich zum Tode des*derSchülers*in geführt hätte. [1]

Diese gesellschaftliche Norm ist in uns allen tief verankert– auch wenn man sich liberal und offen nennt. So erhielt ich z.B. erst gerade vor ein paar Wochen im Büro eine E-Mail mit der Nachricht, dass die Herrentoilette defekt sei und ich (als einzige Frau) doch Verständnis haben soll, wenn sich Herren auf der Damentoilette befinden. Damals habe ich mich gefragt; Verständnis wofür? Muss ich in diesem E-Mail namentlich erwähnt und gewarnt werden, dass sich Herren für einen Nachmittag auf der Damentoilette aufhalten werden? Ist aus der Nachricht, dass die Herrentoilette defekt ist nicht automatisch klar, dass sie die Damentoilette benutzen dürfen und auch sollen?
Und doch habe ich einen double-take im Starbucks letzte Woche gemacht, als mir eine männlich aussehende Person auf der Damentoilette entgegengekommen ist – weil ich dachte, dass ich mich in der Tür geirrt habe.

Diese Verinnerlichung von Gendertrennung an unnötigen Orten ist in unserer Gesellschaft so tief verankert, dass sie reflexartig an die Oberfläche treten – auch wenn man sich bemüht, diese Vorurteile hinter sich zulassen. Oder wie der Soziologe Erving Goffman, der sich mit der «institutionellen Reflexivität» von Toiletten im Spezifischen und Architektur im Allgemeinen auseinander setzte, so schön sagte: „Die Trennung der Toiletten wird als natürliche Folge des Unterschieds zwischen den Geschlechtskategorien hingestellt, obwohl sie tatsächlich mehr ein Mittel zur Anerkennung, wenn nicht gar zur Erschaffung dieses Unterschieds ist“ (Goffman 1977, 134[2]).

Jack Halberstam, erwähnte so schön; es sind nicht «more creative signs» oder «alterning signs» notwendig. Es sind gar keine Schilder nötig. Es ist auch nicht nötig, die Räume nach neuen Zwecken zu kategorisieren (z.B. Räume wo man nur pinkelt, oder nur die Nummer 2 verrichte. Oder dem Kind die Brust gibt).

Wir sollten die Toilette als erstes zurückerobern und neue Standards festlegen. Und zwar den Standard von nichts.

Und wenn wir das erst einmal hinter uns haben, dann erobern wir den Rest des Hauses, die Strasse und die Welt!

Text by Rahel Liviero.


[1] https://www.rt.com/usa/440720-transgender-student-shooting-lockdown/

[2]Erving Goffman Das Arrangement der Geschlechter von 1977 sowie den Ausschnitt im Anhang vom Handbuch Soziologie von Nina Baur et al.

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Today! «Art, War, Displacement» Roundtable Conversation with Hito Steyerl, Heja Niturk, Sener Özmen and Önder Çakar

We’re very much looking forward to the final event of our lecture series, a roundtable talk on „Art, War, Displacement“ with Hito Steyerl, Heja Niturk, Sener Özmen and Önder Çakar, moderated by Bilgin Ayata and with an introduction by Sören Grammel. Please join us at Kunstmuseum Basel | Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, 4052 Basel at 6 pm.

The talk will be held English, German, Kurdish and Turkish with translations in German available.

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Intervention with the Body

Michèle Magema is a Congolese-French artist who deals with questions of identity, race,colonialism and femininity in her work. Although she is a multi-media artist, she herself states that performance is her favorite medium, because it is most“real” and can never be replicated identically, duplicated or viewed twice. Similarly, her presentation on 13th November at Museum for Gegenwartskunst mirrors this statement. Instead of giving a talk about the body or theory behind her work, her talk seems to be more of a performance in which she stages her identity:“identité multiple et complex” (“multiple and complex identity”). This is what she performs in her talk, where she uses fragments of words that define her and her experience as a woman, Congolese, African and European. She performs these identities in a form of rhythmic speech: “Congo. L’Idée. Exploité.(…) Génocide Oublié.” (Congo. The idea. Exploited. Forgotton Genocide). In the beginningof her speech, she says she is “Congolese, French, Parisienne,” categorizing herself with words that on the one hand may reflect contradictions but on the other hand which define her reality and her experience. In colonialism, and in post-colonial societies, the non-white and the colonial subject is othered and can thus never be truly “European,” or “French”. Nevertheless, although colonial ideology perpetuates a dichotomy between the European and the “other,” reality, especially because of and in post-colonial societies, prove that identities are always mixed and fragmented rather than categorical. Identities can be fractured, layered, mixed, and woven into one, and Magema represents this through her body and her work. She proves her own existence by deconstructing those dichotomies, through performing with her body. Therefore, she herself acts as a form of resistance: “Je veux laisser des traces. Je resiste” (I wantto leave traces. I resist). Resistance is formed by portraying an experience that is more complex and real than dominant political ideologies and propaganda. Through her performances and her body, she takes up space, proving and marking her existence.

The use of the body, as generally with performances, is central to Magema’s work. This is evident, for example, in her famous piece two-channel video installation “Oyé Oyé.” One channel shows the artist miming a military march with her head cut off, the other channel shows public images from the Mobutu Era, including parades with young women. In her analysis of the work, N’Goné Fall writes: “In both, the African female body is shown as an instrument of propaganda. By parodying the political concept of identity, Magema forces us to reconsider a country’s past”.[1]Therefore, not only her body itself, but also the body in its female form acts as a catalyst for rereading both the past and present. Through being active in the performance, Magema takes control of herself and herself as a subject rather than being an instrument of propaganda.

In one of her newer works, “Derrière la Mer”(Behind the Ocean) from 2016, Magema also shows a woman, probably herself, walking out into the ocean on a two-frame scene, with rhythmic singing playing in the background. In the second half of the video, the woman returns to the coast, putting signs up in the sand. The signs are encrypted, although still illegibly. The video switches between two and three different frames, while sometime the frame is merely mirrored in the second frame. At four minutes into the video, the frame darkens. After the darkness, we see a body lying at the shore between the signs which read “Past” and “Truth”. Uploaded on her Vimeo channel only one year after the Europe-wide debate on refugees, this video can be read as a commentary on the increased death toll of refugees drowning in the Mediterranean. However, in light of her overall body of work and her position as an artist, this video seems more complex. Rather, it could also be understood as personal revelation, where Magema embodies perhaps both herself as well as other people whose existence and identities are fractured by the Mediterreanean, or what borders represent. It is open to the interpreter whether truth is to be found or lost in the past.

Text by Fabienne Bieri.


[1] https://feministartblog.files.wordpress.com/2014/08/fall_global-feminisms_providing-a-space-of-freedom.pdf

Art and Politics

The third lecture: Michèle Magema

In her speech, Michèle Magema reflects on the difficulty of positioning oneself and others in a postcolonial world with a haunting past and complex contemporary realities. Her lecture, Performing in public space at the time of identity claims and political resistances, can be listened to here:

Michèle Magema, 13.11.2018

The next lecture will be by Sarah Owens and Rahel El-Maawi and is called Wer interveniert? Gedanken aus kunst/kultur_aktivistischer Perspektive in which they will give insights on taking an intersectional perspective in their artistic and activist work.

For more information, please see also the program of the lecture series.

Fotos: Impressions from the lecture. © Private.

Art and Politics

NOTHING WORKS, but how?

Making nothing out of something works – it does something. Revisiting New Yorker (An-)architect Gordon Matta-Clark’s Conical Intersect (1975) and Splitting (1974) and discussing Bologna based street artist Blu’s intentional destruction of his own murals in 2014 and 2016, I further explore the idea of making nothing and how this can function as an intervention, in architecture, art and gender.

Unbuilding – Nothing as space

In a captivating talk on October 16th, Jack Halberstam introduced the audience in the KuMu Basel to interesting connections of the ideas of Anarchitecture and Unbuilding Gender. He referenced works by Matta-Clark in the 1970-ies, such as the piece Conical Intersect (1975), made for the Biennale de Paris, which entailed cutting a cone-shaped hole into two old townhouses from the 17th century. They were to be torn down in order to make room for the new Centre Georges Pompidou.

conical intersect
Gordon Matta-Clark and Gerry Hovagimyan working on Conical Intersect, 1975. Source.

The piece opened a space within the townhouses that enabled new perspectives into the buildings and also new perspectives onto the surrounding neighbourhood. It called attention to the change that was about to take place by performing the possibility of deconstructing and opening space for construction. Being able to have a look into the skeleton of these massive buildings laid bare their constructedness and emphasised the moment of being ‘in-between’ – of the ‘nothing’ that will be filled again – in a way that is not yet clear.

Matta-Clark’s previous piece Splitting (1974) entailed splitting a detached single family house into two and thereby also laying bare the inside, the constructedness of the house and making it completely unfunctional for its original purpose. Seeing the house split intervenes with the whole sense of the bourgeois nuclear family.

splitting
Gordon Matta-Clark Splitting, 1974. © Courtesy The Estate of Gordon Matta-Clark and David Zwirner, New York/London/Hong Kong. Source.


Unpainting
– Nothing as surface

A further and rather current example of making nothing out of something are the destructions of street artist Blu’s murals in Bologna and in Berlin. Blu is a Bologna based artist whose impressive, political murals have been appearing on facades in European cities and in South, Central and North America since 1999, critically addressing capitalism, consumerism and the destruction of nature. When in 2016 Blu’s hometown was hosting the exhibition “Street Art – Banksy & Co.” the street art scene was irritated by a sudden change of attitude from despising street art as vandalism to cherishing and institutionalising it into the museum. Having already been displeased with the commercial tourist guide tours around the street art in Bologna, Blu took action when the curators for said exhibition took down seven of his big murals in the industrial neighbourhood and transported them into the museum – without asking the artist’s permission: Blu covered up all his street art in Bologna with gray paint, before the exhibition opened.

A similar case happened in Berlin, where Blu covered up his two famous murals at Cuvrystraße after learning that a housing complex would be built next to the spot with a plain view on the paintings – this location would increase the value of the apartments and therefore commodify the mural. As the artist wanted to destroy the painting, I am only showing the result here, a big black surface, ready to be painted anew.

blu berlin
© Nerdcore. Source.

Both these interventions by the artist via destruction and creation of nothing are a clear statement against the cities capitalizing on his artwork. They penalize the profiteers and the admirers of the artwork at the same time and call attention to the institutionalizing and commodifying of public and locally rooted art. They point towards the original idea of a right to the city. #rechtaufstadt!

Undoing – Erasing gender-roles

I would like to close coming back to the quote by Richard Buckminster Fuller by which Jack Halberstam opened his talk:

I live on earth at present, and I don’t know what I am. I know that I am not a category. I am not a thing – a noun. I seem to be a verb, an evolutionary process – an integral function of the universe.

Being able to unbuild gender, to break down gender roles, ‘making them nothing’ would mean opening up a free space for action and performance for everyone, without specific performances putting the performers into specific, constricting, fixed categories. We are all in constant evolution and should be allowed to build and unbuild our performances of being in the world as we want – as we are our own authors.

Surely, ‘nothing’ is a space of creativity and implies being in process. Be it in architecture, art or gender, a moment of destruction of original structures, productions and roles creates an atmosphere in which a constant building and unbuilding can take place on various levels. In a utopia, individuals are not sanctioned for this, but are rather enriching each other. So, let us unbuild and then create away! And then destruct, intervene, again!

Text by Stephanie Zundel.

 

Sources (regarding Blu):
Neue Zürcher Zeitung (23.3.16): Gehört Street-Art ins Museum?, URL [accessed on 30.10.18].
The Guardian (17.3.16): Blu v Bologna: new shades of grey in the street art debate, URL [accessed on 30.10.18].
Urban Shit (14.3.16): Urban Art Künstler Blu übermalt alle seine Bilder auf den Straßen von Bologna, URL [accessed on 30.10.18].
– (11.12.14): Blu lässt Wandbilder auf der Cuvrybrache in Berlin schwarz übermalen, URL [accessed on 30.10.18].
Wikipedia: Blu (artist), URL [accessed on 3.11.18].
Wu Ming Foundation: Street Artist #Blu Is Erasing All The Murals He Painted in #Bologna, URL [accessed on 30.10.18].

 

 

Art and Politics

Von zersägten Häusern und der Macht des Nichts

Gordon Matta-Clark schloss ein Architekturstudium ab. Doch anstatt Häuser zu bauen, sägte er sie auseinander: Er schnitt grosse runde Löcher in die Wände und Böden oder teilte die Gebäude in der Mitte entzwei.

 Leerstehende, zerfallende Piers in New York City oder Einfamilienhäuser, die im Bauboom der Nachkriegszeit gebaut wurden und nun neuen Gebäuden weichen sollten. Als Mitglied in der New Yorker anarchitecture group der 1970er Jahre dachte Matta-Clark nicht an Konstruktion sondern an Dekonstruktion. Ihn interessierten die Leere und das Zwischendrin – das Nothing, wie er es auch nannte. „Nothing Works“ notierte sich Matta-Clark auf einem kleinen Zettel, den Genderforscher Jack Halberstam später im Canadian Architecture Museum fand. In dieser Bemerkung Nothing Works sieht Halberstam die Essenz von Matta-Clarks Arbeit: „He makes nothing out of something. It is not minimalism, it is not cutting away until you have something small left. It is cutting away to have nothing.“ Ein Anarchitekt, der wegschneidet, um zum Nichts zu gelangen.

Doch was interessiert Jack Halberstam, Professor für Genderstudies aus New York, an diesem Nichts?

Jack Halberstam
Jack Halberstam während seinem Vortrag im Kunstmuseum Gegenwart am 16.10.18. © Privat.

Für Halberstam ist der Ausdruck Nothing Works mehrdeutig. Entweder meint es die – etwas mystisch formulierte – Macht des Nichts. Das Nichts ist ein Vakuum und hat ebenso eine Kraft wie das Etwas. Weiter meint es: Das Nichts funktioniert, es hat eine Funktion als Hinweis auf Veränderungen, Neuordnungen oder Zustände. Oder es heisst: nichts funktioniert und unsere wirtschaftsliberale, patriarchale Gesellschaft ist gescheitert.

Die letzte der drei Deutungsweisen, nichts funktioniert, überschneidet sich mit einem Ansatz der Genderstudies: Diese fordern unter anderem dazu auf, die bestehenden Machtstrukturen unserer Welt zu hinterfragen und zu verändern, um schliesslich das Patriarchat und die Konstruktion der Geschlechterrollen aufzulösen.

„Take it, destroy it, remake it“, fasst Halberstam zusammen und zieht weitere Parallelen zur Architektur und zur Kunst. Die Künstlerin Louise Bourgeois, beispielsweise, malte den weiblichen Körper als ein „house out of which other bodies come“, wie Halberstam sagt. „For Bourgeois this was a trap and she wanted to paint her way out of it.“

Louise Bourgeois
Louise Bourgeois: Femme Maison (1945-47). Link zur Quelle.

Audre Lord wiederum sah das Haus als Symbol für das Patriarchat und das Niederreissen des Hauses als Kampf gegen dieses Patriarchat. Lord schrieb: „For the master’s tools will never dismantle the master’s house“. Und meinte: Bleiben wir innerhalb des bestehenden gesellschaftlichen Systems, werden wir das System selbst nie überwinden.

Das Haus wird als abzulehnendes Symbol für den weiblichen Körper gesehen, aber auch als Modell für das ganze patriarchale System. Mit diesen Beispielen rückt Halberstam die moderne und zeitgenössische Architektur nahe an die Theorien der Geschlechterrollen. Auch „gender is a social construction“ und wir sollten dieses Konstrukt auch wieder dekonstruieren. Aus build folge unbuild. Das beziehe sich aber nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auch auf unsere Körper: Vor allem im Bezug auf Transsexualität plädiert Halberstam dafür, nicht mehr von einer Reise vom Mann zur Frau oder umgekehrt zu sprechen, sondern von einer De- oder Rekonstruktion des Körpers. Denn Transgender bedeute nicht, irgendwann am „Ziel anzukommen“, sondern sich in einem fluiden Raum zu bewegen.

Dieser Raum wiederum sei vergleichbar mit Matta-Clarks Arbeit. Matta-Clark habe sich vor allem für den „Moment between upright an collapsing“ interessiert, sagt Halberstam. Also für den Moment, an dem das Haus nicht mehr steht, aber auch noch nicht in sich zusammenfällt: Ein Schwebezustand. Ein Plädoyer für das Dazwischen, welches sich dem „Entweder-Oder“ entzieht. Es ist hier weder alles ganz, noch ganz zerstört. Dieser Zustand sei es, der uns daran erinnert, dass wir unsere Welt konstruieren und folglich auch wieder dekonstruieren können.

Nicht immer sind die Bezüge, die Halberstam zwischen Architektur und Gender herstellt, für mich überzeugend. So tragen die Vergleiche zwischen Dekonstruktion und Transgender auch eine negativ aufgeladene, zerstörerische Ebene in sich. Obwohl Halberstam bewusst von der Dekonstruktion und nicht von einer Zerstörung spricht, ist das Licht, welches dieser Vergleich auf die Thematik wirft, düster. Klarer wirken hingegen die Aufforderungen zur Dekonstruktion des patriarchalischen Hauses: Sowohl die Beispiele aus der Kunst des 20. Jahrhunderts, als auch das Mantra Nothing Works tragen für mich – seltsamerweise – einen konstruktiven Ansatz in sich.

Das Bestehende abreissen, um es neu zu bauen. So würde ich den Ansatz von Jack Halberstam zusammenfassen. Eine Utopie ist dies aber nicht. Denn um sehen zu können, was als nächstes kommt, müssten wir zuerst die alte Welt abreissen, sagt Halberstam.

Text von Juri Schmidhauser.