Politics, Veranstaltung / Event

family*issues: Gespräch in der Kaserne Basel

Familie* ist eine Lebensform in Bewegung. Im Fokus dieses Gesprächs stehen die sich aktuell stark wandelnden, zunehmend translokalen Arrangements von Patchwork-, Regenbogen-, Pflege-, Flüchtlings- und migrantischen Familiennetzwerken sowie die Grenzen und Widerstände, denen diese neuen Familienpraxen begegnen.
Familie* ist auch geprägt von Ambivalenzen. Wir sprechen über Familie als Erfahrungsraum der Geborgenheit, der Intimität und der gegenseitigen Zuwendung und Sorge füreinander aber auch als Ort der Gewalt, des Missbrauchs, der Vernachlässigung und der Reproduktion von Ungleichheitsverhältnissen. Ziel ist es, die Bedeutung der aktuellen Prozesse rund um Familie aus Sicht von Wissenschaft und Praxis kritisch einzuschätzen.

Am Sonntag, dem 22.3. um 15 Uhr in der Kaserne Basel, Rossstall II. Eintritt frei.

Es diskutieren: Reto Schgoer und Hasnain (Pflegefamilie); Jana Häberlein, (Soziologie Universität Basel & Co-Präsidium Anlaufstelle für Sans Papiers Basel (angefragt)), Recha la Dous (stv. Theaterleitung und Öffentlichkeitsarbeit Freies Theater Tempus Fugit, Lörrach), Andrea Zimmermann (The Art of Intervention & Gender Studies Universität Basel)
Moderation: Dominique Grisard (The Art of Intervention & Gender Studies Universität Basel)

Eine Veranstaltung im Rahmen von What Is Human – ein Abend über und mit Familie* in der Kaserne Basel.

Bild von Pixabay.

Art and Politics, Veranstaltung / Event

Ankündigung

Diesen Donnerstag Nachmittag finden ab 16 Uhr eine ganze Reihe von Veranstaltungen in der Ausstellung Circular Flow im Kunstmuseum Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, statt:


Studentische Fokusführungen

Die Führungen wurden von Studierenden im Rahmen eines Kompetenzkurses der Gender Studies konzipiert. Die Führungen sind kostenlos und frei zugänglich. Sie können ohne Voranmeldung besucht werden. Die Teilnehmer*innenzahl ist auf 20 Personen pro Führung beschränkt. First come, first serve!

Termine und Themen:
12. März, 16.00-17.00 Uhr, zum Thema Money Flow
12. März, 17.00-18.00 Uhr, zum Thema Body Flow
12. März, 17.00-18.00 Uhr, zum Thema Black Flow
26. März, 16.00-17.00 Uhr, zum Thema Postcolonial Flow


Podiumsdiskussionen

Money Flow. Markt, Macht und Männlichkeit
12. März, 18.15-20.00 Uhr, Kunstmuseum Gegenwart

ACHTUNG: DIE VERANSTALTUNG WURDE LEIDER ABGESAGT!
Falls möglich, werden wir die Veranstaltung nachholen. Wir werden hier zu gegebener Zeit informieren. Wir wünschen euch alle eine gute Gesundheit!

An diesem Abend geht es um die Zusammenhänge zwischen Markt, Macht und Männlichkeit ausloten. Wir werden Beobachtungen aus der Perspektive der Kunst und aktueller empirischer Forschung zusammenbringen und die Konsequenzen neoliberaler Gewinnmentalität hinsichtlich der damit verbundenen gesellschaftlichen Konfliktfelder und der Auswirkungen auf die einzelnen Akteure beleuchten.

Der Abend wird eröffnet mit einer szenischen Lesung von Texten von Kathrin Röggla, die vom Theater Basel eingerichtet wird.
Schauspieler*innen: Isabelle Menke und Mario Fuchs
Einrichtung der Lesung: Selina Peter

Es diskutieren:
Kathrin Röggla (Autorin und Vize-Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin)
Stefan Leins (Juniorprofessor in Ethnologie an der Universität Konstanz)
Anika Thym (Wirtschaftswissenschaften, Gender Studies & Soziologie, G3S, Universität Basel)
Moderation: Andrea Zimmermann (Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Zentrum Gender Studies der Universität Basel und Mitbegründerin und Kuratorin der Veranstaltungsreihe The Art of Intervention)

Die Veranstaltung ist kostenlos.

Postcapitalist Flow (Neo)koloniale Verstrickungen und
Konturen einer Gesellschaft jenseits globaler Ausbeutung
26. März, 18.15-20.00 Uhr, Kunstmuseum Gegenwart

ACHTUNG: DIE VERANSTALTUNG WURDE LEIDER ABGESAGT!
Falls möglich, werden wir die Veranstaltung nachholen. Wir werden hier zu gegebener Zeit informieren. Wir wünschen euch alle eine gute Gesundheit!

Zwar sehen immer mehr Menschen den Kapitalismus als Ursache und nicht als Lösung der grossen Krisen des 21. Jahrhunderts, doch die Frage nach konkreten Alternativen scheint schwierig zu beantworten. Ausgehend von der Analyse globaler und neokolonialer Ausbeutungsstrukturen und intersektionaler Ungleichheiten wagen wir es in dem Panel, eine andere Ökonomie und eine solidarische Lebensweise, hin zu einer demokratischen, sorgsamen und bedürfnisorientierten Gesellschaft, zu denken.

Es diskutieren:
Friederike Habermann (freie Wissenschaftlerin & Aktivistin, Berlin)
Andreas Siekmann (Künstler, Berlin)
Mira Koch (Sozialanthropologie und Projektleiterin bei Cooperaxion, Bern)
Tina Bopp (Sozialwissenschaften, G3S, Basel)
Moderation: Sarah Schilliger (Soziologie, Bern/ Fribourg)
In Kooperation mit Art of Intervention und dem Doktoratsprogramm G3S (Graduate School of Social Science).

Die Veranstaltung ist kostenlos.

Eine Kooperation des Kunstmuseum Basel mit Art of Intervention und dem Doktoratsprogramm G3S (Graduate School of Social Science), Universität Basel. Hier geht es zum Programm und weiteren Veranstaltungen im Überblick (PDF).


Bild: Richard Mosse, Grid (Moria), 2016-2017, 16 channel video installation. © Courtesy the artist

Art and Politics, Empfehlung, Veranstaltung / Event

Empfehlung: Tropenliebe im Theater Basel

Gleich dreifach lockt das Theater Basel diesen Winter mit Denkfutter:

Mit Wiederauferstehung der Vögel befasst sich der Regiesseur Thiemo Strutzenberger, mit dem Buch Tropenliebe von Bernhard C. Schär, welches sich mit Fritz und Paul Sarasin, zwei Basler Patriziersöhnen die vor ungefähr hundert Jahren zusammen die Welt bereisten und viel zur Sammlung des Museums der Kulturen Basel beitrugen.

„Es ist der Versuch, in der privaten Lebensgeschichte der beiden Basler Grosscousins nach den Bedingungen und Konsequenzen ihrer imperialen Verstrickung zu suchen, ihr Leben mit einer Geschichte des Geldes, des Wissens, der Herrschaft und der Gewalt in Verbindung zu bringen“ – Thiemo Strutzenberger

Stimmen aus einer archivierten Stille (bis Mai 2020) ist eine dazu gehörende Rechercheausstellung zur Basler Kolonialgeschichte, basierend auf Schärs Buch. Die beiden Ausstellungsmacherinnen Vera Ryser und Sally Schonfeldt begaben sich in den Basler Archiven auf die Suche nach dem Erbe der beiden Naturforscher. Zusammen mit Künstler_innen aus Sri Lanka und Indonesien ist ein alternatives Archiv entstanden, das den Blickwinkel der Herkunftsländer miteinbezieht und einen erweiterten Interpretationsraum für die damals entstandenen Forschungsergebnisse eröffnet.

Schliesslich findet zudem noch eine Diskussionsreihe zur Thematik statt. Die nächste befasst sich mit der Frage, Wie werden rassistische Denkweisen tradiert?. Es diskutieren:
Tarek Naguib, Jurist mit Schwerpunkt Diskriminierungsschutz
Ruveni Wijesekera, Case Managerin Schweizerisches Roten Kreuz SRK
Bernhard C. Schär, Historiker ETH Zürich und Autor der Studie «Tropenliebe»
Moderation: Serena Owusua Dankwa, Sozialanthropologin und Geschlechterforscherin

Hier finden Sie das Porgramm (PDF).

Symbolbild von Pixabay.

Art and Politics, Veranstaltung / Event

Die schönste Liebe ist die unerfüllte

Es geht weiter mit der nächsten Veranstaltung von GRRRLS GRRRLS GRRRLS und diesmal geht es um Liebe. Anna Gien, Schriftstellerin, und Fleur Weibel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Gender Studies, führen ein Gespräch über die Liebe und ihre vielfältigen und oftmals widersprüchlichen Bedeutungen in Zeiten von Tinder, cooler Unverbindlichkeit sowie von romantischen weissen Hochzeiten und grossen Liebesversprechen.
Moderation: Dominique Grisard.

Wann: Donnerstag, 12.12.2019, 20 Uhr. Wo: Monkey Bar, Theater Basel.

Bild: grrrls grrrls grrrls. © Theater Basel

Empfehlung, Veranstaltung / Event

Heute Abend: Vernissage Circular Flow!

Circular Flow. Zur Ökonomie der Ungleichheit

Heute Abend im Kunstmuseum Gegenwart, 18.30 Uhr

Welche ethischen, sozialen und politischen Konsequenzen hat die fortschreitende Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche für unser individuelles und kollektives Leben? Und inwieweit ist Subjektivität selbst zu einer ökonomischen Konstellation geworden?

Die Gruppenausstellung im Kunstmuseum Gegenwart nimmt künstlerische Arbeiten aus Vergangenheit und Gegenwart auf, um sich mit der Frage zu befassen, wie die Ökonomie, bzw. der Kapitalismus, als (globales) System unsere Wahrnehmung und Darstellung der Wirklichkeit kontinuierlich prägt. Weitere Informationen finden Sie hier.

Empfehlung, Veranstaltung / Event

Bald: Podiumsdiskussion

Der Theaterbetrieb – Spielräume für die Geschlechter?

5. Dezember, 18 Uhr: Welche Rolle spielen die Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb?

Dieser wichtigen Frage geht im Rahmen der Vorstudie Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb ein Team von Wissenschaftlerinnen am Zentrum Gender Studies der Universität Basel, in Kooperation mit Pro Helvetia und dem Swiss Center for Social Research (CSR), seit Oktober nach. In einem ersten Schritt nimmt die Studie den Theaterbetrieb in den Blick. Und so laden wir mit einem Podium dazu ein, gemeinsam zu diskutieren, inwiefern Geschlecht nach wie vor eine zentrale Rolle spielt: Bei Gagenverhandlungen, in der Ausbildung, bei der Spielplangestaltung, bei Besetzungsfragen, bei Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei der Besetzung von Leitungspositionen usw.

Aus der Perspektive verschiedener Theaterschaffender versuchen wir eine erste Bestandsaufnahme zu leisten, die den Status Quo und das Unbehagen mit diesem sichtbar macht, der aber auch einen Blick wirft auf alternative Modelle und Handlungsspielräume. Es werden diskutieren: Die Schweizer Theaterautorin Darja Stocker, die designierte Co-Leiterin des Schauspiels Theater Basel Inga Schonlau, die Schauspielerin und Videokünstlerin Ariane Andereggen, die Theatermacherin Marielle Schavan des Kollektivs Henrike Iglesias, der Dramaturg und Dozent des Mozarteums Salzburg Christoph Lepschy, der Regisseur Patrick Gusset, die Leiterin Theater/ Tanz Kaserne Basel, Hannah Pfurtscheller, eine Vertreterin von Female Act sowie Regula Düggelin von Pro Helvetia und die Geschlechterforscherin Dominique Grisard, Direktorin des CSR. Moderiert wird das Gespräch von Andrea Zimmermann, der Projektleiterin der Vorstudie.

Das Podium findet statt in Kooperation mit dem Zentrum Gender Studies der Universität Basel, der Kaserne Basel sowie mit Art of Intervention.

Veranstaltungsort: Kaserne Basel. Der Eintritt ist gratis!
Im Anschluss um 20 Uhr: Les Reines Prochaines mit Let’s Sing, Arbeiterin! in der Kaserne Basel.



Foto © Ariana Andereggen.

Politics, Veranstaltung / Event

BOYS DON’T CRY

Ein Gespräch mit Matthias Luterbach, Männlichkeitsforscher, wissenschaftlicher Assistent und Doktorand am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Text als PDF lesen.

Es scheint, als würde die Geschlechterzugehörigkeit auch heute noch das am meisten identitätsstiftende Merkmal sein – kann Identität ohne Geschlechterzugehörigkeit gedacht werden?

Es gibt sicherlich auch andere Dimensionen, die ebenso zentral Lebensläufe und Selbstverständnisse formen. Diese sind mit Geschlecht oft konstitutiv verbunden. Ich denke da insbesondere an Sexualität, Ethnizität/Race und Klasse. Wobei sich diese Gewichtungen je nach Kontext verschieben können. Geschlecht gehört aber sicherlich als ein sehr zentrales Verhältnis dazu und zieht sich durch die Verhältnisse hindurch.

Wie Sie richtig sagen, ist das nicht nur Effekt eines Verhältnisses, das von aussen auf die Menschen wirkt, sondern auch ein Ergebnis eines Verhältnisses, das Personen zu sich selber haben, etwa weil sie wichtige Aspekte ihrer Identität an Geschlecht festmachen. Nicht nur, dass wir Identität an Geschlecht festmachen, sondern vor allem auch, wie wir Geschlechtszugehörigkeit denken und nach wie vor denken müssen, nämlich als binär, heterosexuell und hierarchisch strukturiert, engt ja die Möglichkeiten, wie wir überhaupt existieren können, extrem stark ein.

Ihre Frage weist darauf hin, dass es eine bestimmte Offenheit geben könnte, welche Rolle die Geschlechtszugehörigkeit für das Selbst in Zukunft haben wird. Damit nimmt diese Frage gegenwärtige Debatten auf. Transorganisationen wie beispielsweise das Transgender Network Switzerland (TGNS) setzen sich nicht ohne Erfolg dafür ein, dass man das Geschlecht einer Person unabhängig von medizinischen und körperlichen Eingriffen oder psychopathologischen Zuschreibungen anerkennt, also das Geschlecht anerkennt, als das eine Person sich selbst fühlt. Damit existieren offiziell Männer mit Klitoris und Vagina und Frauen mit Penissen. Das bedeutet eine grosse Infragestellung und Erweiterung des Denkhorizonts von Geschlechtszugehörigkeit.

Nicht zuletzt würde ich sagen, dass sich mit dieser Infragestellung und Vervielfältigung nicht unbedingt eine abnehmende Bedeutung von Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit feststellen lässt. Diese nimmt vielmehr gegenwärtig eher zu. Gleichzeitig ist die Frage der Zugehörigkeit und inhaltlichen Bestimmung komplexer geworden, und die Möglichkeiten haben sich erweitert. Vielleicht verändert sich zudem derzeit auch der Bezug des Selbst zur Identität, und wir denken uns zunehmend fluider und veränderlicher, was ich einen mindestens ebenso grundlegenden Aspekt finde.

Die Reaktionen auf die zunehmende Emanzipation der Frau sind unterschiedlichster Natur: Zuspruch, aber eben auch Verunsicherung oder Aggressivität. Was ist so provokant an dem Bild einer starken und unabhängigen Frau?

Das muss man aus den Veränderungen im Geschlechterverhältnis in den letzten fünfzig Jahren verstehen. Unter anderem durch die Emanzipation der Frauen, die Sie ansprechen, stellen sich ja ganz viele Fragen der sozialen Organisation und des alltäglichen Zusammenlebens neu. So wird inzwischen die familiale Arbeitsteilung – also wer wovon wie viel macht, bezogen auf die Kinderbetreuung oder den Haushalt – gemeinsam entschieden. Auch der Umgang in der Beziehung und der Sexualität, bis hin zur Frage, wie überhaupt Familie gelebt wird, muss neu verhandelt und gestaltet werden.

Viele Männer wachsen mit der Vorstellung auf, dass sie ein Anrecht auf eine bestimmte Normalität haben.

Dabei sind eine ganze Reihe von früheren Ansprüchen von Männern nun infrage gestellt. Einige Aspekte, woran Männlichkeit im 20. Jahrhundert festgemacht wurde, wie etwa Familienoberhaupt oder Familienernährer zu sein oder heterosexuell, haben inzwischen praktisch und normativ an Selbstverständlichkeit verloren. Mir ist an dieser Stelle auch wichtig zu sagen, dass viele Männer, wie wir in unseren Forschungen feststellen konnten, etwa die Zeit mit ihren Kindern für sich als wichtigen Gewinn an Lebensqualität formulieren und diese Veränderungen nicht nur erleiden, sondern auch von sich aus, anders als früher und oft in expliziter Abgrenzung zu ihren Vätern, wollen.

Auch in anderen Feldern wie dem Beruf oder der Politik hat wachsende Präsenz und das Selbstbewusstsein von Frauen zu Veränderungen geführt. Ich verstehe die Reaktionen also als Ergebnis, dass bisherige Lebensweisen und Selbstverständnisse infrage gestellt sind und einige Männer verunsichert sind.

Allerdings beschäftigt es mich schon sehr, warum so viele Männer auf diese Herausforderungen des sozialen Wandels eigentlich eher negativ und auch ziemlich dysfunktional reagieren. Sie weigern sich ja geradezu, gesellschaftlich Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und versuchen, sich dieser zu entziehen, gleichzeitig beanspruchen sie eine gewisse Führungsrolle. Das erscheint ja paradox. Momentan gehe ich davon aus, dass dies mit bisherigen Anforderungen an Männlichkeit zu tun hat. Viele haben diese sowohl als notwendig zu erfüllen, aber auch als eine Art Anrecht verinnerlicht.

So wachsen viele Männer mit der Vorstellung auf, dass sie ein Anrecht auf eine bestimmte Normalität haben. Diese besteht u. a. aus einem Job, der ihnen erlaubt, eine Familie zu haben, einer Frau, die sich vornehmlich um Kinder und Haushalt kümmert, regelmässigem Sex usw. Wenn sich diese Dinge nicht wie in ihrer Vorstellung erfüllen, fühlen sie sich betrogen. Ich denke also, dass die aggressiven Reaktionen auch mit einer sehr geschlechtsspezifischen Konformität zu tun haben, die die Männer als Zwang verinnerlichen und der sie sich und andere unterwerfen. Wenn sie diese nicht erfüllen, fühlen sie sich in ihrer Männlichkeit infrage gestellt. Die Vorstellung von Gestaltbarkeit ist an dieser Stelle gerade auch für jene Männer in Machtpositionen klein.

Bilder: Eindrücke von der Veranstaltung Männlichkeit – am Ende ihrer Performance? Ein Gespräch mit Matthias Luterbach, Matthias Köhler und Jonas Gillmann (Moderation Andrea Zimmermann) vom 14. November 2019 in der Monkey Bar (Theater Basel). © Privat.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um Männlichkeit fällt häufig der Begriff «toxische Männlichkeit». Was ist darunter genau zu verstehen?

Ich verstehe den Begriff «toxische Männlichkeit» als Ausdruck gegenwärtiger gesellschaftlicher Veränderungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Perspektive auf Männlichkeit. Zunehmend werden gesellschaftlich die negativen Folgen oder eben die «toxischen», giftigen/vergiftenden Aspekte der vorherrschenden Anforderungen an Männlichkeit diskutiert.

Der Begriff wird zwar schon mindestens seit den Siebzigerjahren gebraucht, aber erst jetzt ist er sehr zentral geworden in der Debatte, nicht zuletzt auch, weil Männer selber diesen Begriff als Kritik an traditioneller Männlichkeit benutzen. Unter anderem prägte ja der Autor Jack Urwin mit seinem international gut verkauften Buch «Boys don’t cry» den Begriff. Darin setzt er sich nach dem Tod seines Vaters an einer Herzattacke u. a. damit auseinander, dass Männer deutlich weniger oft medizinische Hilfe für sich in Anspruch nehmen und für sie gilt, stets stark und mutig zu sein.

Ich bin der festen Überzeugung, dass mit der zunehmenden Kritik an der herrschenden Geschlechterordnung auch Männer noch vermehrter formulieren werden, wie sie sich durch die geschlechtsspezifischen Anforderungen unter Druck gesetzt fühlen und unter ihnen leiden.

Der Begriff zeigt, dass die Diskussion über Männlichkeit inzwischen in der Mitte der Gesellschaft geführt wird. Inhaltlich werden damit sehr unterschiedliche Gesichtspunkte angesprochen: Mit der Debatte um #MeToo wurde ja öffentlich noch mal sehr deutlich, dass sexuelle Belästigungen und sexuelle Gewalt sehr verbreitete Erfahrungen von Frauen sind, und dieses Problem ein strukturelles, eng mit herkömmlicher Männlichkeit verbundenes ist, es also einen sozialen Ursprung hat. Männlichkeitsvorstellungen sind dabei allemal sehr zentral.

Mit dem Begriff «toxische Männlichkeit» wird aber auch thematisiert, wie herkömmliche Anforderungen an Männlichkeit auch für die Männer selbst «toxisch» sind. Etwa, was ihren Umgang mit Gesundheit und mit ihrem eigenen Körper betrifft. Auch wird kritisiert, dass sich ein grosser Teil der Gewalt von Männern unter Männern abspielt, vom Mobbing auf dem Schulhof bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Auch die Rigidität der Anforderungen und damit die bereits angesprochenen Konformitätszwänge werden thematisiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass mit der zunehmenden Kritik an der herrschenden Geschlechterordnung auch Männer noch vermehrter formulieren werden, wie sie sich durch die geschlechtsspezifischen Anforderungen unter Druck gesetzt fühlen und unter ihnen leiden.

Allerdings hat der Begriff «toxische Männlichkeit» die Tendenz, die ganze Frage der Männlichkeit als gesellschaftlicher Norm und auch als Machtverhältnis unter Männern, wie es in der kritischen Männlichkeitsforschung seit Längerem untersucht wird, zu wenig ernst zu nehmen und es als Problem der individuellen Lebensweise und des Lebensstils zu diskutieren, statt als strukturelles Problem.

Die eigentliche Bedrohung liegt doch nicht in der Aufweichung von Geschlechterstereotypen, sondern vielmehr in dem Leidensdruck, «so oder so sein zu müssen». Was können wir als Gesellschaft tun, damit die gegenwärtig stattfindenden Veränderungen als das gesehen werden, was sie sein könnten – eine Chance sich von dem Gefängnis heteronormativer Zuschreibungen freizumachen. Wäre zum Beispiel ein Fach «Gender» bereits in der Schule ein möglicher Schritt?

Ja, das wäre ein wichtiger Schritt, in der Schule vermehrt Fragen um Geschlecht zu thematisieren – wenn das auch nicht einfach ist. Ich denke, dass die Schulen darum über kurz oder lang ohnehin nicht mehr herumkommen werden. Fragen um Sexualität und Geschlecht werden für Kinder und Jugendliche inzwischen immer früher ein zentrales Thema. Die Schule wird daher einen Umgang mit diesem Thema finden müssen, damit die Kinder diesen vielen Geschlechterbildern aus den Medien, der Werbung und der Pornografie nicht mehr unkommentiert und ohne systematische Reflexion ausgesetzt sind. Allerdings kann sich die Geschlechterordnung nicht nur an einem Ort verändern. Es ist – wie anfangs gesagt – eine Struktur, die alles durchzieht. Entsprechend müssen wir die Fragen von Geschlecht auch in anderen Bereichen thematisieren.

Interview mit Matthias Luterbach aus dem Begleitheft zu GRRRLS GRRRLS GRRRLS, S.48-53.


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