Geschlechterforschung, Kunst

Die Vulva: Ein Tabu auflösen

Von Ava Slappnig mit Auszügen aus der Diplomarbeit Vulva Art Graffiti: A Digital Archive von Frances Lucas.

What does it mean for a woman not to be able to use the only word that can accurately denote her genitalia? How has the word become ‘socially unacceptabe’? What does it mean that in many cultures, the most terrible insult is the word for a woman’s sexual organs?

Emma Rees 2013

Die Vulva umfasst den Venushügel, die Klitoris-Vorhaut und die Klitoris-Eichel, die äusseren und die inneren Labien, das Vestibül, die Harnröhrenöffnung und die Vaginalöffnung. Die Vulva ist der sichtbare Teil der weiblich konnotierten Geschlechtsorgane. Und die Vulva wird nach wie vor tabuisiert. Im Rahmen des Seminars „The Art of Intervention. Queer-Feministische Kritik herrschender Geschlechterverhältnisse in den Künsten“ im Herbstsemester 2018 an der Universität Basel, geleitet von Dr. Andrea Zimmermann, habe ich zwei damals aktuelle Projekte untersucht, die visuell intervenieren, den Diskurs öffnen und so dafür kämpfen, das Tabu rund um die Vulva aufzulösen: Der Ursprung der Welt (2014) von Liv Strömquist und Womanhood: Bare Reality (2019) von Laura Dodsworth.

Die Vulva wird dank der Klitoris-Eichel häufig mit weiblichem Begehren assoziiert – und hier beginnt bereits das erste Tabu: die Lust von Frauen. Im Europa des 19. Jahrhunderts wurden die sexuellen Bedürfnisse einer Frau nicht als solche eingeordnet, sondern galten als Krankheit und wurden „behandelt“. Die Forschung zum Lustempfinden von Frauen blieb lange aus und auch die Erforschung von Vulva und Vagina hinkte jener zu männlicher Lust und den Sexualorganen Penis und Hoden hinterher. Die Klitoris – übrigens das einzige menschliche Organ, welches nur für das Lustempfinden verantwortlich ist – wurde in ihrer Vollständigkeit, Grösse und Funktion erst (!) im Jahr 1998 vollständig beschrieben.

Im Schulunterricht fehlen Vulven in vielen Fällen noch heute, weil sich die sexuelle Aufklärung in der Regel auf das Thema Reproduktion beschränkt. Wir lernen also über die Ejakulation und den männlichen Orgasmus (weil das der notwendige Teil zum Zeugen eines Babys ist), nicht aber über die Klitoris, die Vulva und den weiblichen Orgasmus. Und das Tabu manifestiert sich in der Sprache: Sehr oft wird der Begriff „Vagina“ fälschlicherweise synonym zum Begriff „Vulva“ verwendet. Als dieser Artikel entstand, war meine jüngste Schwester dreizehn – in der Aufklärungsbroschüre, die ihr in der Schule verteilt wurde, stand kein einziges Mal das Wort «Vulva». Kann etwas denn überhaupt existieren, wenn wir es sprachlich nicht greifen können?

I VIEWER / REMOVAL
Viewer interactions with Vulva Art graffiti, like its removal, give suggestions of public views and awareness, and can alter the graffiti’s impact. This is important for feminist graffiti artists, as visibility and recognition of vulva owners public presence (via high material presentation) helps their protest message and subversion of patriarchal structures. Partly removed or fully removed examples tended to be in central areas with higher footfall and visibility. This is both a positive and negative. Clearly a more prominent position incites more viewer interaction and impact, yet content censorship also erases the graffiti’s messages, as well as visible and conceptual presence of vulva owners.
All Photographs ©Frances Lucas, 2021

Eine weitere treibende Kraft in der Unsichtbarmachung der Vulva ist die plastische Chirurgie: „Labiaplasty – surgery for reshaping or resizing the inner labia – is the fastest-growing type of plastic surgery in the world“ erklärt Lynn Enright, Journalistin und Autorin des Buches Vagina, a Reeducation (2019). Hier gilt: je unsichtbarer, desto schöner. Vulven mit grossen, inneren Lippen sind diejenigen, welche operiert werden.

Interessant ist, dass das Tabu rund um die Vulva nicht immer da war. Gerade in der bildenden Kunst gibt es zahlreiche mittelalterliche Beispiele aus ganz Europa, wo Vulven explizit dargestellt wurden. Und, noch besser: In verschiedenen Mythologien sind sie Quellen der Macht, können den Teufel in die Luft schlagen oder die Ernte retten. Die Tabuisierung der Vulva ist also Teil der jüngeren Geschichte und wurde bewusst etabliert.

Die Kunst ermöglicht es, mehr als jeder andere Gegenstand, einige Einstellungen, Routinen, Denkgewohnheiten, die in der soziologischen Tradition verankert sind – oder zumindest in einer bestimmten Art, diese Disziplin zu praktizieren –, zu überdenken und manchmal auch aufzugeben oder umzustürzen.

Dagmar Danko, 2012

Wie die Soziologin Dagmar Danko erläutert, kann Kunst einen erfrischend spielerischen und persönlichen Zugang zur Neubetrachtung von und Reflexion über gesellschaftliche Strukturen bieten. Kunst kann vermitteln, aufrütteln und im besten Fall einen Diskurs über tabuisierte Themen eröffnen. Durch mein Interesse für Kunst und Kultur und die Beschäftigung mit der Vulva als kulturhistorisches Phänomen, lernte ich den Comic von Liv Strömquist und die Fotoarbeit von Laura Dodsworth kennen.

II ENVIRONMENT / PLACEMENT USAGE
As graffiti takes place in public space, environment also plays a key factor in the impact and subversion of the Vulva Art graffiti. Placement on specific buildings such as a Christian bookstore, labour unions or lingerie store could add extra socio-political statements. These could include comments on body agency (e.g. access to contraception or open discussions of menstruation in religious faiths), access to labour markets or economic gender equality, or challenges to capitalistic sexualizations of vulva owners’ bodies. These messages can be enhanced by other nearby political graffiti.
All Photographs ©Frances Lucas, 2021

Liv Strömquists Der Ursprung der Welt ist ein Sachcomic, der den kulturhistorischen Hintergrund der Vulva informativ und humorvoll aufrollt. „Was ist das überhaupt? Und warum verbindet die Menschheit eine so extrem unentspannte, borderline-mässige Hassliebe mit diesem Körperteil?“ fragt sich Strömquist. Sie arbeitet mit einem grossen Fundus an historischen Quellen, stellt Bezüge zwischen Gegenwart und Vergangenheit her, kritisiert und kombiniert neu.

Ihre Illustrationen sind mehrheitlich schwarz-weiss, mit Ausnahme einzelner Kapitel oder Komponenten in den Bildern – rotes Menstruationsblut, zum Beispiel. Liv Strömquists Illustrationsstil ist naiv und einfach. Die Texte sind fast alle handschriftlich gesetzt, manchmal umrahmen sie die Illustrationen, manchmal ergänzen sie die Sprechblasen, manchmal sind sie besonders fett, variieren in der Grösse und werden so selbst zu Bildern. Die Intertextualität in Strömquists Comic fällt auf: Immer wieder greift sie auf Bestehendes zurück und bezieht sich auf Quellen in Sachbüchern oder dem Internet. Diese werden in Kontext gesetzt und kritisch kommentiert.

Trotz der immensen Dichte an Informationen wirkt der Comic weder belehrend noch langweilig, weil Strömquist mit Gestaltungsbrüchen und wuchtiger Typografie spielt und die Themen mit viel Witz und Scharfsinn aufgreift. Oft machen die Figuren zynische Bemerkungen oder die Autorin wirft in fetten Lettern eine Frage mit mehreren Ausrufzeichen zwischen die Illustrationen. Stilistisch und inhaltlich besonders effektvoll ist Strömquists Spiel mit der Umkehrung von Geschlechterstereotypen. Die Journalistin Nadja Schlüter meint dazu:

Der Rollentausch ist ein sehr einfacher Weg, um zu zeigen, wie unterschiedlich wir Männer und Frauen betrachten. Es gibt eine Seite im Buch [von Strömquist], auf der eine Männerrunde über den Orgasmus spricht, und sie sagen so Sachen wie: „Denkst du, es ist wichtig, einen Orgasmus zu haben?“ Ein Gespräch eben, wie es unter Frauen geführt wird, aber bei Männer wirkt das total absurd. Daran sieht man, dass das männliche Verhältnis zu ihrer Sexualität viel weniger kompliziert ist.

Nadja Schlüter 2017

Strömquist macht sich sanft, aber bestimmt über cis männliche Wissenschaftler, Philosophen und Autoren lustig und gibt den cis Frauen in ihren Sprechblasen eine starke und selbstbewusste Stimme. Der Ursprung der Welt ist ein geordneter Haufen von Quellen, temporeichen Bild-Text-Kombinationen und viel Humor. Ganz anders befasst sich Laura Dodsworth mit demselben Tabu: Sie widmet der Vulva eine ernsthafte und intime Fotoarbeit.

III AUTHOR / COLOUR
Feminist graffiti artists use many visual techniques to translate messages or subvert patriarchal structures. One powerful one is colour. The collected Vulva Art graffiti showed warm colours like pink and red were highly common. Pink could be used to signify both the subject (e.g. reflecting flesh tones, though this lacks ethnic diversity) and gender. As pink is a highly gendered feminine signifier, it may have been appropriated to re-own harmful stereotypes and expectations, thus claiming vulva owners presence in graffiti practice and public space. Red could be used to reference and celebrate menstruation. Various cultural taboos have led to an avoidance of accurate colour depiction in menstruation (e.g. use of blue in period commercials), thus red may be used to encourage acceptance and de-stigmatise. This is enhanced by written messages and visual details like inserted tampons and body hair.
All Photographs ©Frances Lucas, 2021

Laura Dodsworth ist Journalistin und Fotografin. Sie kombiniert in ihren Arbeiten Fotografie und Text und bezeichnet sich selbst als „Storyteller“. In Womanhood: The Bare Reality zeigt Dodsworth mit Fotografien von einhundert Vulven die grosse Vielfalt von Frauenkörpern und erzählt dazu die Geschichten der Menschen, denen sie gehören. Diese Fotoarbeit ist Teil einer Trilogie, eingebettet in Bare Reality: 100 Women, Their Breasts, Their Stories (2015) und Manhood: The Bare Reality (2017). Alle drei Bände beschäftigen sich durch das Medium der Kamera mit körperlichen Tabuthemen.

In Womanhood: The Bare Reality werden jeweils auf zwei bis vier Seiten Frauen und ihre Vulven vorgestellt. Die Porträts sind immer identisch choreografiert. Direkt unter dem Titel folgt eine Fotografie der porträtierten Frau; sie wird nackt frontal vom Bauchnabel bis über die Knie abgebildet. Der autobiografische Text umfliesst eine Nahaufnahme ihrer Vulva und als zusätzliche Infos werden am Ende des Texts jeweils Alter und manchmal Anzahl Kinder angegeben. Die Fotografien sind farbig und unzensiert, allein Tattoos und Muttermale wurden teilweise auf Wunsch der Fotografierten im Nachhinein entfernt. Trotz der enormen Körpervielfalt folgt die Gestaltung des Buches einem klaren Konzept und es entsteht eine Homogenität durch die formalen Übereinstimmungen der Fotografien und des Layouts.

In den autobiografischen Texten wird von persönlichen Erfahrungen, Ängsten und Wünschen erzählt. Diese grosse Intimität erzeugt bei den Lesenden eine Betroffenheit, die den Zugang zu den abgebildeten Körperteilen erleichtert. In Womanhood: The Bare Reality wird über Lust, Sexualität, Schmerzen, Trauma, Freude, Mutterschaft, Geburt, Menstruation, Menopause, Geschlechtsanpassungen, Gender und Geschlechtsverkehr gesprochen. Eine der Frauen äussert sich zum Beispiel folgendermassen:

Part of me is pissed off that I’ve had to figure all this out so late. It takes women so long to let go of embarrassment and shame that’s ingrained in us. I’m pissed off that we’re not having these kinds of conversations about the body and the possibilities, and that I’ve potentially missed out on years of great pleasure because it’s been smothered by tension or embarrassement or shame.

Aus Laura Dodsworth 2019

Im Gegensatz zu vielen anderen Publikationen bildet Dodsworth die Vulven in einer neutralen Umgebung und nicht in Zusammenhang mit Pornografie, Sex oder Geburt ab. Mit der visuellen Kontextlosigkeit wird den Vulven Individualität zugesprochen und dank der realitätsgetreuen Abbildung ihrer Vielfalt wird auch das Schönheitsideal, welchem mithilfe plastischer Operationen nachgeeifert wird, hinfällig. Die Publikation vermittelt also sowohl Diversität wie auch eine neue, beziehungsweise oft nicht wahrgenommene Normalität in Bezug auf Geschlechtlichkeit. Womanhood: The Bare Reality leistet Aufklärungsarbeit.

IV AUTHOR / LEVEL OF REALISM
Another visual technique graffiti artists use is level of realism. The collected Vulva Art graffiti showed abstraction was the most popular. Abstraction could artistically represent gender and sex ambiguity or body diversity and fluidity. This in turn may be used to encourage body positivity and acceptance, and possibly incite more trans and intersex inclusion.
All Photographs ©Frances Lucas, 2021

Liv Strömquist und Laura Dodsworth finden in ihren Projekten für dieselbe Idee völlig unterschiedliche Ansätze. Dodsworths Arbeit hat mich dabei um einiges mehr berührt; die intimen autobiografischen Erfahrungen gingen mir sehr nah. Das Buch ist eine Ode an die Sexualität, den Körper und die Diversität von Frauen mit Vulva. Liv Strömquists Comic mag aber wegen seiner Verspieltheit, den frechen Texten und prägnanten Illustrationen für viele leichter zugänglich sein. Ihr gelingt ein kulturhistorisches Lehrbuch, das gleichzeitig kritisch und witzig ist. Gerade mit diesen unterschiedlichen Vermittlungsstrategien schaffen es die beiden Künstlerinnen, ein weitreichendes Publikum zu erreichen und anzusprechen. Und einmal mehr zeigt sich, wie viel Potential in der bildenden Kunst steckt: Visuelle Umsetzungen sind vielfach niederschwellig und sprechen eine grosse Öffentlichkeit an, können Individuen persönlich und emotional berühren und zu gewissen Themen sensibilisieren.

Während ich 2018 / 2019 an meiner Arbeit schrieb, wurde in London das Vagina Museum eröffnet. Ein ganzes Museum, das sich Vulven und Vaginen widmet und sich zum Ziel setzt, „the stigma around the body and gynaecological anatomy“ aufzulösen. Das Tabu rund um die Vulva ist strukturell verankert und wird immer wieder reproduziert, aber es tut sich etwas. Es wird bemerkt, sich empört, darüber gesprochen, erklärt, dargestellt und vermittelt. Und den Zug nach London habe ich mir damals sogleich gebucht. In diesem Sinne:

Viva la Vulva!

V AUTHOR / WRITTEN MESSAGES
The collected Vulva Art graffiti showed written messages as part of the graffiti piece, were fairly uncommon. This may add ambiguity, freedom of interpretation or fluidity of gender identification, allowing the viewer to associate their own personal meaning and identity onto the graffiti. If written messages did feature, these seemed to be used to indicate the subject (e.g. by expressly writing ‘vulva’) or subvert oppressions via clear slogans about sexual freedom, general equality and body autonomy. Messages that seek to de-construct the gender binary, encourage body diversity and highlight its malleability also featured.
All Photographs ©Frances Lucas, 2021

Ava Slappnig hat im Bachelor Gender Studies und Germanistik an den Unis Basel und Bern studiert und absolviert zurzeit den Master Kulturpublizistik in Zürich. Nebenher arbeitet sie mit jungen Menschen für eine Kommunikationsagentur in Bern und schreibt als freie Journalistin im Kulturbereich.

Frances Lucas (she/her) is a graphic designer based in London. Vulva Art Graffiti: A Digital Archive (2021) served as her Master Thesis while studying at the HGK, FHNW in Basel. She has an interest in design research and the social impact sector, specifically how design can be applied to incite positive social, cultural and political change. Contact: franceslucasdesign@hotmail.com

About Vulva Art Graffiti: A Digital Archive (2021)
Feminist protest often has used the body and its visual translations, to represent, challenge and de-construct patriarchal systems and people’s lived experiences within them. For example, feminist graffiti artists have used the popular practice of Vulva Art graffiti, and its ability to translate many layered messages via author, viewer and environment to embody and challenge patriarchal structures and empower vulva owners. This project examined this practice through a documentation of Vulva Art graffiti around the Swiss city of Basel. This was displayed in a digital archive with an interactive map at its centre. By showcasing this usually unseen practice, the aim was to provide a visible and accessible platform to a marginalised group, helping to deconstruct negative body images of vulva owners and the patriarchal spatial social divisions they can face within public space.

View of the digital archive of Vulva Art graffiti in Basel. ©Frances Lucas

Primärliteratur
Strömquist, Liv (2017): Der Ursprung der Welt. Berlin.
Dodsworth, Laura (2019): Womanhood: The Bare Reality. London.

Sekundärliteratur
Danko, Dagmar (2012): Kunstsoziologie. Bielefeld.
Enright, Lynn (2019): Vagina. A reeducation. London.
Rees, Emma (2013): The Vagina: A Literary and Cultural History. New York.
Sanyal, Mithu M. (2009): Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Berlin.
Schlüter, Nadia (2017): Die Kulturgeschichte der Vulva. Jetzt, München, 03.07.2019.
Sheldon, Naomi/ Patel, Anand (2019): Laura Dodsworth: Womanhood and 100 Vulvas. The Pleasure Podcast, 03.06.2019.


Bild: Aus der Serie Vulva Art Graffiti: A Digital Archive (2021) von Frances Lucas. Copyright the artist.

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