Kunst

«Wir konnten damals nicht mitentscheiden, ob es wieder eine Uniform geben sollte»

Von Sabrina Boss. Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Seminars «Wessen Wissen? Wessen Kunst? Situiertheit, Materialität und Kritik» bei Dominique Grisard verfasst. Er ist Teil der Blogserie «Heute Nacht geträumt» und nimmt Bezug aug die Veranstaltung «Wer sind alle?».

Kunstinstitutionen sind in kolonialen Macht- und Kontrollstrukturen verankert und inszenieren diese alltäglich. So die These von Linda Tuhiwai Smith, Professor*in an der Universität Waikato. Wie steht es mit dem Kunstmuseum Basel? Im Rahmen der Ausstellung «Heute Nacht geträumt» von Ruth Buchanan begebe ich mich auf Spurensuche. Selbst als Aufsicht in einem neueren Museumsbetrieb am Rheinknie tätig, statte ich den Berufsgenoss*innen vom altbekannten Museum für Gegenwartskunst (MGK) einen Besuch ab. Unser Gespräch vertieft sich an den Themen: Uniform, Hierarchie und Mitbestimmung.

Collage von Sabrina Boss, 2022.


Ein kompetenter Look

SB: Werdet ihr eigentlich in jedem der drei Häuser des Kunstmuseums eingesetzt oder arbeitet ihr nur im MGK?

Aufsicht 1: Wir werden immer überall eingesetzt.

SB: Arbeiten die Aufsichtspersonen auch an der Kasse oder wird das getrennt?

Aufsicht 1: Nein. Kasse und Aufsicht sind getrennt.

SB: Du arbeitest demnach nur an der Kasse?

Aufsicht 1: Ja genau.

SB: Und machst du deinen Beruf gerne?

Aufsicht 1: Ja, ich bin gerne hier. Ich bin aber nicht sehr gerne fünfmal am gleichen Ort. Ich brauche schon etwas Action.  

SB: Dass ihr alle eine Uniform trägt, ist sehr auffallend. Ich muss keine Uniform tragen und gehe immer ziemlich casual angezogen zur Arbeit. Wer entscheidet denn hier über die Uniform? Die Institution?

Aufsicht 1: Ja, ja. Das ist die Institution. Aber bei dieser Uniform war es so, dass drei oder vier Menschen sie vorher getestet haben. Die mussten dann ein Feedback geben und danach wurden die Kleider in einem Kleidergeschäft für Business im grossen Stil eingekauft.

SB: Und trägst du die Uniform gerne oder würdest du lieber was anderes tragen?

Aufsicht 1: [schmunzelt] Die jetzige Uniform könnte schlimmer sein. Sie ist ok. Ist schon etwas altmodisch, dass wir eine Uniform tragen müssen, aber ist halt ein staatliches Museum. Es wurde aber schon um einiges freier. Vorher war es sehr bestimmt. Von oben bis unten, alles gesetzt. Bei dieser Uniform können wir zwischen einem schwarzen, blauen oder weissen T-Shirt entscheiden. Es muss aber natürlich uni und anständig sein und sollte auch nicht verwaschen sein.

SB: Und wie findest du das, dass du eine Uniform tragen musst? Ich muss an Polizist*innen denken. Geht dir das auch so?

Aufsicht 1: [verdutzt verlegen] Die Uniform ist halt für die Erkennung. Die Wachmeister*innenrolle sollte vielleicht deshalb so sein. Mhm [überlegt ein bisschen] aber Wachmeister*in hört sich schon etwas hart an. Es ist ein kompetenter Look und das wird schlussendlich auch erwartet in diesem Museum.

SB: Kompetent seht ihr wirklich aus. Ich hab’ das Gefühl, dass ich viel mit meiner Haltung arbeiten muss, damit die Menschen verstehen für was ich eigentlich im Ausstellungsraum stehe. Da ist eine Uniform schon praktisch. […]

SB: Wie ist es denn bei euch, wenn ihr eine Kritik an die Verwaltung oder den Betrieb anbringen möchtet, wird euch zugehört?

Aufsicht 1: Grundsätzlich können wir schon Kritikpunkte anbringen, aber das wird eher selten gemacht. Wenn dann eher weiter oben, wo es auch viel direkter ist. Aber wer ein Anliegen hat, wird meistens schon gehört oder ernst genommen. Aber es ist schon ab und zu vorgekommen, dass nicht mitgeredet werden konnte.

SB: Und denkst du, dass ihr eine Entscheidungsmacht habt, beziehungsweise könnt ihr was ändern, wenn ihr das wollt?

Aufsicht 1: Also es gibt das System der Arbeitsgruppen. Und wenn jemensch in einer AG ist, ist Mitreden schon möglich. Ich bin auch bei einer dabei. Und das kommt dann von unten. Aber viele von hier finden es hierarchisch. Ich finde, dass das hierarchische Empfinden individuell ist. Manche regen sich halt mehr auf. Aber in der Verwaltung, da sagen gewisse auch nichts. Aber es wird in der Verwaltung thematisiert, weil schon immer wieder was kritisiert oder angemerkt wurde. Es bewegt sich schon was. Bei der Kasse und der Aufsicht ist das AG System eher neu. Die Verwaltung und der Besucher*innendienst hatten das Bedürfnis und den Wunsch, dafür eine AG zu gründen. Und vom Direktor kommt auch immer mehr Betonung und Lob für die Aufsicht. Er bedankt sich via Mail vor und nach einer Ausstellung. Sogar namentlich. Es kommt immer wie mehr. Auch weil sie öfters gehört haben, dass sich der Besucher*innendienst nicht wertgeschätzt fühlt.

[kurze Unterbrechung, da eine Person ins Museum wollte]

Ah, und was es auch noch gibt, sind die Mitarbeiter*inneninformationen, die dreimal im Jahr stattfinden. Da können fast alle gehen, ist aber nicht obligatorisch. Vom Besucher*innendienst kommen aber nicht viele, da die meisten entweder nicht können aber auch zum Teil nicht wollen. Von der Verwaltung sind aber immer alle da. Ich geh auch immer. Ich finde das fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Wertschätzung.

SB: Was passiert denn bei diesen Informationsveranstaltungen?

Aufsicht 1: Also die Kurator*innen präsentieren die neue Ausstellung. Und alle neuen Mitarbeiter*innen werden vorgestellt. Es wird dann ein Foto und der Name mit einem Beamer übertragen. Und mensch geht dann auch nach vorne und stellt sich selbst vor. Das ist dann eine Möglichkeit für eine Wertschätzung. Aber es sind halt immer die gleichen Gesichter dort.


Für Ordnung, Kunstwerke und einen geringen Lohn

Aufsicht 2: Ich fühle mich weniger wie ein*e Polizist*in. Die Menschen wissen, dass sie nichts anfassen sollten. Klar, manche nicht. Aber es braucht schlussendlich eine Uniform, es geht halt um Kunstwerke. Und ich finde 90% der Menschen machen eh nichts. Aber eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Und eigentlich bräuchte es gar keine Aufsicht, wenn sich alle respektvoll verhalten würden. Aber warum gibt es die Polizei? Warum gibt es das Gericht? Aus den gleichen Gründen gibt es die Aufsicht. Es muss Regeln geben, sonst gibt’s ganz verrückte Dinge. Dann würde wilde Natur herrschen.

SB: Und trägst du gerne diese Uniform?

Aufsicht 2: Ja, schon. Ich finde sie passt zu mir. Aber ich weiss schon. Du bist mit einer ganz spezifischen Vorstellung hierhergekommen. Aber die Uniform gehört zum Bild des Hauses, dass Menschen wissen, dass wir hier arbeiten und die Ansprechspersonen sind. Das ist ein Geschäftsmodell. Und das ist einfach so. Das muss so sein. Du musst erkennbar sein. Das ist wie im Spital. Da weisst du ja auch sofort, wer dort arbeitet und wer nicht. [überlegt] Cool wäre aber schon zum Beispiel ein Polo mit gutem Design. Es gab Zeiten, als es gar keine Uniform gab. Da gingen sie in ihre Privatkleidung zur Arbeit. Als es den Chefwechsel gab, kam dann die designte Uniform vom Künstler. Die war sehr farbig. Wäre schon noch cool, aber vielleicht nicht zu farbig. […]

SB: Das Museum, in dem ich arbeite, ist relativ klein. Und mein Vorgesetzter trägt sehr dazu bei, dass die Strukturen möglichst flach bleiben. Hier ist das schon anders. Wie nimmst du das wahr?

Aufsicht 2: Mir ist es egal, ob es Hierarchien gibt.

SB: Ein*e Kollege*in von dir hat mir vorhin von den Mitarbeiter*inneninformationen erzählt. Gehst du dort hin?

Aufsicht 2: Ich gehe immer wieder hin aber schon nicht jedes Mal, da ich die Informationen sowieso bekomme. Und für die Aufsicht hat es schon nicht so viel dabei.

SB: Und hast du das Gefühl, dass dir zugehört wird?

Aufsicht 2: Die anderen sagen nein. Ich hatte aber noch nie ein Anliegen.

SB: Ich habe erzählt bekommen, dass es Arbeitsgruppen gibt.

Aufsicht 2: AG’s gibt es bei der Aufsicht nicht. Und Austausch gibt es auch wenig. Es ist sehr getrennt. Wir haben zum Beispiel nichts mit den Kurator*innen zu tun.

SB: Ich habe gelesen und gehört, dass der Besucher*innendienst mit der Künstlerin Ruth Buchanan zusammen T-Shirts und Vorhänge gefärbt hat. Hast du auch daran teilgenommen?

Aufsicht 2: Nein, dieses Mal nicht. Es gibt immer wieder solche partizipativen Aktionen.

SB: Und gefällt dir das?

Aufsicht 2: Ja, ja. Das ist super. […]

SB: Wie sind denn die Arbeitsbedingungen als Aufsicht hier im Haus?

Aufsicht 2: Also es herrscht keine Gefahr deiner Gesundheit. Du bist nicht draussen oder so. Aber das [artikuliert mit dem Daumen und dem Zeigefinger symbolhaft Geld] könnte mehr sein. Es ist unter dem Mindestlohn.

SB: Ah ja. Das ist bei mir auch so. Aber mit der Argumentation, dass wir an unseren eigenen Dingen arbeiten dürfen.

Aufsicht 2: Ich habe kein Verständnis dafür, dass ein kantonaler Betrieb von dieser Grösse einen so geringen Lohn auszahlt. Und das vor allem in Basel.


Ein Teil der Innenausstattung

SB: Habt ihr das Gefühl, dass manche Menschen auch abgeschreckt sind durch eure Uniform und Präsenz?

Aufsicht 3: Also die Uniform ist ja dafür da, um Autorität auszustrahlen. Ich erlebe aber sehr unterschiedliche Reaktionen. Ich fühl mich auch oft wegen der Uniform und meiner Haltung nicht als Mensch wahrgenommen und das gibt mir das Gefühl, eher ein Objekt zu sein.

Aufsicht 4: Ich nehme auch sehr unterschiedliche Reaktionen wahr.

SB: Und wie fühlt es sich für euch an, Menschen zurechtzuweisen?

Aufsicht 4: Also eigentlich kann mensch viel über die Präsenz ausstrahlen. Wir nehmen ja auch eine andere Position ein. Und eigentlich muss mensch einfach die Personen anschauen, dann kann mensch sie einschätzen. Die Aufsicht muss sozial sensibel sein.

Aufsicht 3: Ja genau.

Aufsicht 4: Aber die Präsenz muss doch dezent sein. Und diese Mischung muss jede*r selber herausfinden.

Aufsicht 3: Mir ist aufgefallen, dass Menschen seit der Covid-19 Pandemie aggressiver geworden sind. Ich nehme immer mehr Gegenreaktionen wahr.

SB: Wie empfindet ihr eure Möglichkeiten mitzuwirken, zum Beispiel bezüglich der Uniform?

Aufsicht 3: Wir konnten damals nicht mitentscheiden, ob es wieder eine Uniform geben sollte. Aber sie waren an einer dran, die qualitativ sehr gut gewesen wäre. Die war halt etwas teurer, aber es wären sehr gute Arbeitskleider gewesen. Dann kam aber der Neubau und die Architekten arbeiteten mit einem weltbekannten Zürcher Printdesigner zusammen. Ja, die entwickelten dann diese Uniform, die sehr unbequem war. Das andere Uniformprojekt wurde damit natürlich ersetzt.

Aufsicht 4: Und die jetzige Uniform sieht aus wie die Kleidung des Direktors.

[alle lachen]

SB: Wart ihr bei der Aktion mit Ruth Buchanan dabei?

Aufsicht 4: Ich hatte damals frei. Aber du hast mir ein T-Shirt mitgefärbt, gell?

Aufsicht 3: Ja genau. Wir haben ein paar mehr gemacht für diejenigen, die an dem Tag nicht gearbeitet haben. Das hat sehr gut getan, da es auch sehr persönlich mit der Künstlerin war. Ich hab’ zum Beispiel mein T-Shirt gerade an.

Aufsicht 4: Du hast doch das mit den weissen T-Shirts gestartet?

Aufsicht 3: Genau, das habe ich vorgeschlagen, dass wir auch ein weisses T-Shirt tragen dürfen. Das ist auch heller und bringt ein bisschen Abwechslung rein. Es ist ja schlussendlich auch Sommer. Das wurde zum Glück jetzt bewilligt.

SB: Was ich von den anderen Gesprächen mitgenommen habe, ist, dass es schon einige Hürden gibt, wenn ihr etwas zu kritisieren habt. Wie empfindet ihr das?

Aufsicht 4: Ja, das ist eher schwierig.

Aufsicht 3: Wir arbeiten von 9:30-18:15 Uhr und haben 45 Minuten Pause, die nicht bezahlt ist. Und wann wir Mittagspause haben, erfahren wir erst zu Beginn unserer Schicht. Das ist sehr dumm. Ich weiss zum Beispiel nicht, ob ich um 11 Uhr oder um 14 Uhr Mittag habe. Dann weiss ich auch nicht, wie viel ich frühstücken soll.

Aufsicht 4: Das wurde jetzt schon mehrfach angesprochen, aber bisher blieb es immer erfolglos.

Aufsicht 3: Die Verwaltung wuchs massiv. Es hat sich sehr viel verändert in den letzten 28 Jahren. Und es ist überaus schwierig, Informationen hochzutragen. Das Kommunizieren ist einfach schwer, weil der Betrieb so gross ist.

Aufsicht 4: Es ist wirklich sehr schwierig, dass Anliegen respektiert werden. Zum Beispiel mit den Stühlen. Die gibt es ja noch nicht so lange, stimmt’s? Da weisst du bisschen mehr Bescheid als ich.

Aufsicht 3: Ja, genau. Wir haben tatsächlich noch nicht so lange Stühle zum Sitzen während unserer Schicht. Davor waren wir immer froh, wenn es Kunstwerke in der Ausstellung gab, für die Sitzmöglichkeiten hineingestellt wurden. Wenn dann gerade keine Person im Raum war, haben wir uns dann immer auf diese hingesetzt. Ja, da mussten wir uns echt lange ins Zeug legen, damit das umgesetzt wurde.

Sabrina Boss (sie/ihre/keine) studierte Architektur an der ETH Zürich bevor sie 2021 mit ihrem Masterstudium Critical Urbanisms an der Universität Basel begann. Sabrina interessiert sich für politische und sozial-kritische Diskurse, Praktiken und Projekte in der Architektur, im Städtebau und der Stadtforschung sowie deren Interdisziplinarität. Nebst dem Studium ist sie aktives Mitglied im Verein «Eine Stadt für Alle» in Basel.


Bild: Collage von Sabrina Boss, 2022.

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