Kunst, Rückblick, Veranstaltung

Take back the night! Take back the museum?

Von Sofia Valderrama (sie/ihre oder keine). Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Seminars «Wessen Wissen? Wessen Kunst? Situiertheit, Materialität und Kritik» bei Dominique Grisard im Frühjahrsemester 2022 verfasst. Er ist Teil der Blogserie «Heute Nacht geträumt» und nimmt Bezug auf die Veranstaltung «Where does my body belong?».


Der Neubau des Kunstmuseums Basel bei Nacht. ©Privat.


Mit der Frage: Where does my body belog? klettere ich am 13. April erneut die Treppen ins Turmzimmer des Kunstmuseum Basel Gegenwart hinauf. In den «Dreamspace», wie die Künstlerin Ruth Buchanan es getauft hat. Im Reader zur Ausstellung stehen die Sätze:

Wie das Museum ist auch das Reich der Träume voller Widersprüche, wird ihm doch eine ganze Reihe an Funktionen in der Gesellschaft zugeschrieben. In einigen kulturellen Kontexten sind Träume tief mit einem grundlegenden Verständnis von Geschichte, Identität und schöpferischer Tätigkeit verwurzelt»

Ruth Buchanan 2022. S. 1

Diese Widersprüchlichkeit findet sich bereits in der Bedeutung des Worts Traum wieder: Er kann einem passieren, eher passiv, im Schlaf, kann Verarbeitungsprozess, oder Fenster zu Seele sein. Er wird auch immer wieder als Zugang zu Unterbewusstem verstanden, das in der Nacht an die Oberfläche gespült wird. Gleichzeitig liegt dem Traum auch die Bedeutung der Utopie, des Wunschszenarios oder der Zukunftsvision zugrunde. Was ist er also nun, dieser Dreamspace? Eher imaginativ träumerisch oder doch visionär?

Ich steige also in die Höhe, wo vielleicht ein freieres Denken möglich sein kann und bin gespannt darauf, wie die Frage nach der Zugehörigkeit von Körpern in diesen Dreamspace an diesem Abend besprochen wird. Geladen sind Gäste der African Studies der Universität Basel, der Hochschule der Künste FHNW und ZHDK , die über Fragen der Körperlichkeit im musealen oder breiter: künstlerischen Kontext nachdenken und uns für einen Moment in ihre Gedanken- und Forschungswelt eintreten lassen. Alle drei Beiträge erlebe ich als stark und emotional aufwühlend, ich bin nachdenklich, als ich die Treppen wieder Richtung Boden, Richtung Wasser hinabsteige.

Ohne die Kraft der anderen Beiträge schmälern zu wollen, hat es mir ein Ausschnitt des Abends besonders angetan: Henri-Michel Yéré lädt uns ein, seinem Gedicht «the night, the poet» zu lauschen, welches er uns vorträgt. Bevor er beginnt, gibt er uns die Anweisung: «Do not rationalize! Surrender!» (Dt. rationalisiere nicht! gib auf! Oder vielleicht eher: gib dich hin!). Diesem Auftrag folge zu leisten fällt mir gar nicht so leicht, bin ich doch getrimmt auf eine rationale Interpretation von Sprache, suche sogleich nach der Information in den Wörtern, stolpere, verheddere mich in meiner inneren Übersetzung, höre körperlich angespannt zu und frage mich, ob ich dem, was bei mir ankommt, Sinnhaftigkeit geben kann.

Langsam lasse ich mich auf den Klang der Stimme ein, die den ganzen Raum zu füllen vermag und gebe mich einer mehr assoziativen Wahrnehmung des Gesagten hin. Ich höre auf, jedes Wort verstehen zu wollen und lasse die Bilder, die Henri-Michel Yérés Vortrag in mir evozieren, wirken.

Zuvor hat uns Henri-Michel Yéré erklärt, was er mit der Nacht assoziiert. Dass er die Verbindung der Nacht mit Dunkelheit, Gefahr, Angst und Unvorhersehbarem in einer negativen Bedeutung, wie sie zum Beispiel Frantz Fanon mit Kolonialismus im Sinne der langen Nacht des Kolonialismus verbindet, nicht so verstanden haben möchte. Viele eher versteht er die Nacht als Transformationsmoment, als Moment der Kraft für diejenigen, die nicht zu den Mächtigen gehören, also als Zeitraum der Subversion, der gefüllt werden kann mit neuen Erinnerungen, neuen Geschichten und eben auch neuen Träumen.

Zwischen den Tagen, die hell erleuchtet und damit vielleicht auch die Bedeutung der Erleuchtung im Sinne eines humanitären Begriffs der Vernunft versinnbildlichen, kehren die Nächte wieder, in der «deine Stimme frei» (Yéré 2015) sein kann. Es geht im Gedicht um eine Wiederaneignung der Nacht, sie kehrt «zurück von ihrer Wanderschaft» (ebd.), geplagt jedoch noch immer mit Alpträumen von Ausgrenzung und Vertreibung. Sie plagt mit der Erinnerung an die Leiden des Kolonialismus und wirkt weiter als Kolonialität, die von Aníbal Quijano beschrieben wird als:

the new pattern of world power that was based on the idea of ‘race’ and the ‘racial’ social classification of world population – expressed in the ‘racial’ distribution of work, in the imposition of new ‘racial’ geocultural identities, in the concentration of the control of productive resources and capital, as social relations, including salary, as a privilege of ‘Whiteness’ […]»

Aníbal Quijano 2000, S. 218

Wie Qujano hier die rassifizierende Klassifizierung von Menschen in der Welt erklärt, können diese geschaffenen Dualismen zwischen vermeidlich Menschlichem und Nicht-menschlichen als Konstrukt versanden werden, welche Ausgrenzungen zu legitimeren suchen, sie aber nicht benennen wollen, sondern als ordnende Struktur absichtlich unsichtbar machen. Der Begriff der Kolonialität stellt die Wirkmacht des Kolonialismus zur Debatte, welche er über die historische Zeitspanne bis ins Heute hat, wo seine Strukturen und Narrative noch immer wirksam sind.

Im Gedicht von Yéré sehe ich Momente der Auflehnung, des Aufbruchs und des Widerstands gegen diese unausgesprochene und zugewiesene Ausgrenzung. Schaffen wir es «einen Blick in ihren Bauch zu werfen» (Yéré 2015), die Narrative von Ein- und Ausschluss zu verstehen, steht die Nacht plötzlich «nackt» (ebd.) vor uns. Die Vorstellung des «Blick in den Bauch» stellt die hierarchisierende Binarität des aufgeklärten, hellen Tags und der archaischen, dunklen Nacht, Geist und Körper, Menschlichem und Nicht-menschlichem grundlegend in Frage, indem das (Erfahrungs-)Wissen verkörpert und als sinnlich und affektiv verstanden wird. Yéré zeigt auf, dass das Dunkle (des Bauchs, des Bauchgefühls) kein Ort des Unwissens und Intransparenz oder gar der Gefahr ist.

Fragen nach Gleichheit und Ursprung, nach Zugehörigkeit und Geschichte lese ich in den Fragen:

Wir kommen aus derselben Rinde, von denselben Bäumen. Die Blätter rascheln mit demselben Lied. Nur, woher kommt der Samen? Und wer hat den Boden bearbeitet, aus dem sich der Stamm erhebt?»

Henri Michel Yéré 2015

In der Transformation der Nacht finden die von der Macht ausgeschlossenen ihre Stimme. Dennoch, «meistens müssen wir uns die Lunge aus dem Leib schreien und auf das Echo warten» (ebd.). Es handelt sich also bei der Nacht um ein Aktionsfeld, das umkämpft scheint. Subversion scheint möglich abseits der hell erleuchteten Tage, aber die Mächtigen werden ihre Macht nicht freiwillig abgeben und versuchen denjenigen, die abseits der Macht stehen, Angst einzujagen, um sie stumm zu machen und klein zu halten.

Wie können wir das nun auf den musealen Kontext übertragen? Welchen Körpern wird es erlaubt sich im Museum aufzuhalten? Wer fühlt sich wohl im Museum? Und wie sieht eine Praxis im Museum aus, das sich seiner Rolle als Teil von kolonialen Machtstrukturen bewusst ist?

Im Dreamspace denke ich über diese Fragen nach, erlebe sie körperlich und frage mich, wie aus einem so belasteten Raum eine andere Praxis entstehen könnte, eine explizit verkörperte Praxis, da der vermeintlich intellektuelle Zugang, welcher das Augenmerk auf die Analyse legt, erneut Ausschlüsse produziert. Wie kann Macht aktiv abgegeben werden? Wie können nachhaltige Zugänge geschaffen werden, die nicht auf strukturellem Ausschluss beruhen? Wie können sich Körper, die so lange ausgegrenzt und abgewertet wurden, in den Räumen des Museums überhaupt wohlfühlen?

Auch wenn das Turmzimmer nun Dreamspace heisst, fühlt es sich für mich noch immer nicht sehr subversiv an. Zu clean. Zu wenig lebendig, zu normativ erlebe ich diesen Ort. Doch die Menschen, die ihn füllen, vermögen mir Visionäres zuzuflüstern. Begegnungen mit denjenigen, die die Ordnung nicht mehr hinnehmen wollen, sich auflehnen und weiterdenken, inspirieren mich.

Anfänge sind immer schwierig und manchmal passieren Prozesse in so kleinen Schritten, dass es sich nicht nach Bewegung anfühlt. Dennoch passiert etwas. Die Sonne verschwindet langsam hinter dem Horizont, der Himmel färbt sich von blau zu orange zu lila und irgendwann bricht die Nacht auch im Museum herein.


Anmerkung: Das Gedicht wurde uns als englische Übersetzung vorgetragen. Die Originalsprache ist Französisch. Ich habe mir erlaubt, für die Einbettung in mein Essay eine weitere Übersetzung auf Deutsch vorzunehmen, im Bewusstsein dass Übersetzungen den Inhalt des Gesagten verändern.


Bibliographische Angaben

Aníbal Quijano (2000): Coloniality of Power and Eurocentrism in Latin America. International Sociology, 15(2). London. S. 215-232.

Buchanan, Ruth (2022): Reader zur Ausstellung: Heute Nacht geträumt. Wismer, Maja (Hg.). Basel.

Yéré, Henri Michel (2015): The night the poet, in: Mil neuf cent quatre-vingt-dix. Dakar.



Bild: Der Neubau des Kunstmuseums Basel bei Nacht (Ausschnitt). ©Privat.

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