Kunst, Rückblick, Veranstaltung

Zwischen Abwasch und Aufstand: Kitchen Politics

Von Lea Dora Illmer. Ein Rückblick auf die Veranstaltung kitchen politics im Rahmen der Ausstellung Fun Feminism.

Auf dem Boden liegen Küchentücher, angerichtet wie ein Flickenteppich oder eine Patchwork-Decke. Vorne, mittig platziert, steht ein Küchentisch, die Ablagefläche ist rot. Hinter uns, dem Publikum, ist eine lange Tafel angerichtet, überhäuft mit allerlei Gegenständen, von der Schöpfkelle bis zum Kondom. Auf einem Schild steht mit Kreide geschrieben: «Alphabet der Arbeit Basel’22»

Bild von der Veranstaltung «kitchen politics». ©Privat.


Am 5. Oktober, dem Auftakt des Begleitprogramms zur Ausstellung Fun Feminism vom Kunstmuseum Basel Gegenwart und art of intervention, laden die Künstler*innen und Performer*innen Lucie Ortmann, Katrin Ribbe und Mary Maggic zum Aufstand aus der Küche ein. Sie wollen nicht weniger als die Weltökonomie zum Zusammenbruch zu bringen und die Pharmaindustrie zu untergraben. Ihr Humor geht über «Fun» hinaus und hat einen subversiven Charakter. Er ist ungemütlicher, als das heimische Küchensetting es vielleicht vermuten lässt. Er irritiert, er stört.

Die Prominenz der Re-Inszenierung von Küchen in feministischer Kunst als Orte des «Weiblichen», der Care- und Reproduktionsarbeit ist nicht zu übersehen. Auch in der Ausstellung Fun Feminism. Es entsteht ein Moment der Inkongruenz, wenn die Küche plötzlich im Museum ist. Wenn der Mixer etwa von der Decke hängt. Es ist gerade die Trivialität, das Alltägliche des Kochens und Essens oder auch Nicht-Essens, welches mit der Kunstwelt bricht. Seit den 1970er Jahren wird Küchenarbeit zunehmend öffentlich inszeniert, sei es durch die Medialisierung von Food-Porn in den sozialen Medien oder durch Performance- und Videokunst, allem voran Martha Roslers «Semiotics of the Kitchen» (1975). Dass der Widerstand aus den Küchen auch heute noch aktuell ist, verdeutlicht etwa die Buchreihe «Kitchen Politics» von der Edition Assemblage, die queerfeministische Interventionen zum Ziel hat. Deren erster Band übersetzt Silvia Federicis Klassiker «Counter-Planning from the Kitchen» (1974) erstmals auf Deutsch.


A wie Arbeit

Ribbe und Ortmann interessieren sich für das Spannungsverhältnis zwischen Lohn- und Reproduktionsarbeit. Sie entwickeln seit 2014 das feministische Reenactment-Projekt «Aufstand aus der Küche», ein prozessorientiertes Langzeitprojekt mit Workshop. Darin arbeiten sie sich an Martha Rosler und der Stilisierung der Hausfrau ab, indem sie mit anderen Menschen zusammen körperlich und praktisch Performance üben. Ihre Nachstellung beginnt bei der Kleidung. Sie tragen blaue Küchenschürzen, die derjenigen von Rosler zum Verwechseln ähnlich sehen, wären da nicht die humoristisch-feministischen Aufnäher, die überall auf den Schürzen verteilt sind. Sie verwandeln die vermeintlich braven Hausfrauen in Küchen-Punks.

Bild von der Veranstaltung «kitchen politics». ©Privat.


Die Kleidung, die Gegenstände, die Tücher, die Fotografien an den Wänden – die gesamte Inneneinrichtung des heutigen Abends entstammt dem wachsenden Archiv der beiden Künstlerinnen. Inspiration für das Projekt schöpfen Ribbe und Ortmann aus den eigenen Realitäten als Eltern und Care-Leistende. Das Küchenalphabet wird bei ihnen zum Alphabet der Arbeit – der «Arbeit aus Liebe». Und heute Abend soll durch unsere Mithilfe ein neues Alphabet entstehen. Aus dem Publikum werden Performer*innen.


E wie Einweghandschuh

Jede Person erhält einen Zettel, auf dem ein Buchstabe steht. Wir suchen uns einen Gegenstand mit dem jeweiligen Anfangsbuchstaben von der langen Tafel aus, mit dem wir anschliessend – Martha Rosler gleich – performen sollen. Auf meinem Zettel steht «E», ich schwanke zwischen Einweghandschuh und Eimer. Ersterer gewinnt. Ungleich Rosler, die ihre Küchengegenstände nicht gänzlich zweckentfremdet, sondern bloss überzeichnet vorführt, entscheide ich mich für die Entfremdung. Ich blase den Handschuh auf, verknote die Öffnung, werfe ihn in die Luft. Ich bin unverhältnismässig nervös, schäme mich ein wenig, habe Angst, zu lachen, mich lächerlich zu machen. Die Überwindung, die es kostet, schlägt nach getaner Arbeit in Euphorie um. Die Erfahrung bleibt verkörpert zurück, ich fühle mich verbunden mit Rosler und den anderen Performer*innen.


Ö wie Östrogen

Auch Mary Maggics Küche dient dem Aufstand – gegen den «Industrial Pharma Complex». In «Houswifes making drugs» – das wir uns gemeinsam ansehen – performt der*die Künstler*in und Biohacker*in einer Kochshow gleich wie das Geschlechtshormon Östrogen im DIY-Verfahren hergestellt werden kann. Die Absicht ist, Transitionen für alle zugänglich zu machen und dem medizinischen, pathologisierenden Blick zu entkommen. Maggic wird anschliessend live per Zoom zugeschaltet. They spricht von «radical body autonomy» und von «existential knowledge». Das Ethos des Teilens und Verbreitens von Wissen rühre daher, dass Wissen Macht darstelle. Oder anders ausgedrückt: «Anyone can do this in the kitchen». Kurz nach der Veröffentlichung des Videos wurde Maggic aufgefordert, dieses mit einem Disclaimer zu ergänzen. Obwohl offensichtlich ist, dass es sich um eine Parodie handelt, musste Maggic vor der Nachahmung zuhause warnen. Das Potenzial des Videos liegt in seiner utopischen Kraft. Es gehe darum, so Maggic, sich zu fragen «What if it was real?». Sich eine Welt vorzustellen, in der trans Menschen Hormone in ihren Küchen mischen und Rezepte mit der Community teilen. Allein durch das Kreieren dieser Welt stellen wir in Frage, was in unserem derzeitigen System nicht funktioniert. Maggics Kunst ist im Gesundheits- und trans-Aktivismus angesiedelt, aus «do it yourself» wird «let’s do it together». They bedient sich humoristischen Stilmitteln wie Drag und Parodie, um Widerstand zu üben und der Unsichtbarkeit etwas entgegenzusetzen. Maggic führt aus:

Humor is a way to push against the stage of the norms, for example by making fun of heteronormativity»

Am Ende helfe ich Ortmann und Ribbe, den Küchentücherflickenteppich aufzuräumen. Sie erzählen mir, dass sie die Tücher von unterschiedlichen Menschen zugeschickt bekommen haben. Und während wir sie mit Sorgfalt voneinander lösen, denke ich darüber nach, was die Küchen dieser Welt so mächtig macht. Ich komme zum Schluss: Hier wird allem voran eine Gemeinschaft gebraut, hier entsteht entgegen der Vereinzelung ein Miteinander.

Lea Dora Illmer studiert Geschlechterforschung, Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Basel. Ihre Masterarbeit hat sie zur sogenannten Frauengesundheitsbewegung in der Schweiz geschrieben. Daneben schreibt sie für die an.schläge und andere Magazine und arbeitet als freie Lektorin. Sie ist Mitbegründerin des Vereins FKK (Feministische Kulturkritik). Demnächst wird Lea Dora Illmer im Rahmen des feministischen salons basel über die Erkenntnisse ihrer Master-Arbeit sprechen.

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