Art and Politics, Veranstaltung / Event

Klage um Queen Kagiso Maema in der Basler Theodorskirche

Zur Performance Elegy von Gabrielle Goliath im Rahmen der Dokumentartage It’s the real thing von der Kaserne Basel.

Der Eintritt in die Theodorskirche ist frei, beim Einlass wird jeder Person ein Dokument ausgehändigt. Es ist ein ungewöhnliches Format und dickes Papier. Gleichzeitig wird dazu aufgefordert, sich möglichst weit nach vorne zu setzen. Ich wähle einen seitlichen Platz in der ersten Reihe.

Das ausgeteilte Blatt ist im schummrigen Licht schwer zu lesen, weshalb ich es erst nach der Performance eingehend lese. Die eine Seite ist mit einem Text von Wilhelmina Maema bedruckt, in dem sie Kagiso Maema gedenkt. Auf der anderen Seite werden das Projekt und dessen Anliegen erläutert, darunter Informationen zu Kagiso Maemas Tod. Es ist jedoch nicht möglich alles durchzulesen, da bald das Licht in der hohen Kirche ausgeht und nur noch ein Scheinwerfer den Saal erhellt. Er ist auf ein Podest gerichtet, welches das Licht grell reflektiert. Ein hölzernes Podest auf dem Holzboden der Kirche.

Die Plätze der Zuschauer*innen sind hufeisenförmig um das Podest angeordnet. Das Publikum verstummt, Blicke suchen fragend die Kirche ab, wann und woher die Performer*innen die Bühne wohl betreten. Diese lassen sich jedoch Zeit, bevor dann sieben Personen durch eine Türe durch das Dunkel auf den Lichtkegel beim Podest zusteuern. Sie gehen hintereinander in einer Reihe, der Boden knarrt laut unter ihren Schritten.

Die Performerinnen* tragen verschiedene Kostüme, manche Hosen, manche Kleider, welche jedoch alle schwarz sind. Alle Kostüme unterscheiden sich voneinander und verbinden die Performerinnen* doch in dem trauernden schwarz. Bereits in dieser Kostümwahl wird das Zusammenspiel von Individualität und Kollektiv hervorgehoben, welches sich als Thema durch die Performance zieht.

Die erste Person betritt das Podest und beginnt einen hohen Ton zu singen, wendet sich dann vom Publikum ab und tritt vom Podest, dabei beendet sie den Gesang. Gleichzeitig steigt die nächste Person auf das Podest, wobei sie den Ton der Vorgängerin* bereits aufgenommen hat und denselben Ton auf ihre Art zu singen beginnt. Und so wird der Ton weitergereicht von Perfomerin* zu Performerin*. Nach dem Verlassen des Podests reihen sich die Performerinnen* jeweils wieder in die Schlange vor dem Podest ein.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung.

Dieser Ablauf, welcher an ein Ritual erinnert, wiederholt sich etliche Male, etwa eine Stunde lang, bis eine der Personen vom Podest weggeht und sich auf eine Bank im Dunkeln niederlässt. Das Ritual geht weiter, der Ton bleibt konstant in den Ohren der Zuschauer*innen schwingend. Nach und nach, sehr langsam folgen vereinzelt die weiteren Performerinnen*, bis nur noch eine Person auf dem Podest steht und den Ton ausklingen lässt. Zu siebt verlassen sie den Kirchsaal durch dieselbe Tür, durch die sie herein gekommen sind. Der Applaus verhallt über der leeren Bühne, das Licht in der Kirche wird wieder heller, die Zuschauer*innen verlassen ihre Plätze.

Die Performance schafft einen intimen Raum der Verwundbarkeit, viel geht in mir vor. Meine Gedanken können nicht davon ablassen, ständig nach Bedeutung und Interpretationsansätzen zu suchen, sich zu fragen, um der Situation weniger ausgeliefert zu sein. Ob ich wohl etwas Wichtiges verpasst habe, was zum besseren Verständnis der Performance verhelfen würde? Die Bedeutung verliert sich in meiner ständigen Suche nach Bedeutung, denn vermutlich könnte ich mehr von der Mitteilung begreifen, wenn ich davon ablassen würde, ständig nach Anhaltspunkten für eine allfällige Interpretation zu suchen.

Die bedeutungsschwangere Kirche und die Kleidung der Performerinnen* kreieren eine schwere und dunkle Stimmung. Der gesungene Ton und die Beleuchtung auf dem Podest bilden dazu einen grellen und hellen Kontrast. Der Vibrato im Gesang einiger Stimmen nimmt einen aufrüttelnden und fast schon alarmierenden Klang an.

Zwischen den Performerinnen* findet keine direkte Interaktion statt, jede* ist für sich, der Blick ist meist gesenkt. Die einzige Begegnung findet statt im gegenseitigen Abnehmen des Tones und im Sich-wieder-in-die-Reihe-Stellen. Auch zum Publikum wird kein (Augen-) Kontakt aufgenommen, die Verbindung besteht lediglich in der Übertragung des Tones, im Teilen des Raumes. So wirken die Performerinnen* nicht wie ein Chor, der gemeinsam ein Trauerlied anstimmt, sondern es sind einzelne Personen, die um einzelne Personen trauern, die Individualität tritt in den Vordergrund.  Auch das ungleichzeitige Aufhören der Performerinnen* deutet auf die unterschiedlichen Kapazitäten und individuellen Körper hin, denn jede Person performt, solange sie möchte und kann.

Durch das Zirkulieren und den jeweiligen ‚Soli‘ der Performerinnen* kommt die Assoziation mit einem Vorsingen für eine Prüfung. Dieses Bild wird gestützt durch das Fehlen eines Gemeinschafts- oder Chor-Gefühls, jedoch ist die Stimmung auch keineswegs kompetitiv. Dennoch hinterlässt es einen starken Eindruck der Austauschbarkeit und gleichzeitig der Einzigartigkeit der Performerinnen*.

Auch der Ton wird auf ganz verschiedene Weisen gesungen, sodass die Performance von einem Ton durchzogen wird, welcher zwar immer auf derselben Tonhöhe bleibt, jedoch aus vielen verschiedenen, individuellen Tönen besteht. Das Ende des Gesanges ist nicht absehbar, es gilt, auf Veränderung zu warten und zu wünschen, dass sich was tut. Wann endet der Ton, wann endet die Trauer, wann endet die Gewalt, die hier betrauert wird? Auch der Ton unterstreicht also die Gleichzeitigkeit von Individualität und Kollektiv und verbietet es, Verhältnisse einfach hinzunehmen, ohne sich Veränderung zu wünschen.

In meinen rastlosen Gedanken tauchen Fragen über Fragen auf. Die Form des Quadrates scheint eine Rolle zu spielen, liege ich da richtig? Wenn ja welche? Welchen Ton singen sie und welche Bedeutung hat er? Was spüren die Performerinnen*? Sind sie wütend, traurig oder vorwurfsvoll? Weshalb scheint die Stimmung der meisten so neutral? Wie fühle ich mich? Wer sind die Performerinnen*? Auf der Wange einer Person ist gegen Ende der Performance eine Träne zu sehen. Hat sie Queen Kagiso Maema gekannt? Kennen sie sie alle? Ist die Performance, ist der Ton ein Vorwurf? Eine Strafe?  Entzieht sich eine Performance wie diese jeglichen Analyserastern und Interpretationsversuchen?

Das Rätseln über die Performance und das Sehnen nach dem Ende oder der Veränderung des Tones, welcher sich nach späterer Recherche (vermutlich) als ein h herausstellt, ist vielleicht analog zu denken zur Verständnislosigkeit der Femizide und Gewalt an LGBTQI+ Menschen und der Wunsch nach einer gewaltloseren Welt.

So fühlt sich das grausame Klagelied an, als wäre es keine Aufführung sondern eine Aufforderung. Durch die Anwesenheit werden die Zuschauer*innen Teil von einem Trauerritual, sie werden miteingeschlossen und partizipieren durch ihr gemeinsames Gedenken. Die Performance nimmt durch ihr Format mit verschiedenen Auftritten in verschiedenen Städten ein Ritual von gewisser Globalität an. So nehmen Menschen aus aller Welt an der Trauer teil, welche der Ton der Performance transportiert.

Bei erneutem Durchlesen des Handouts (PDF) nach der Performance verstehe ich ihre Intention ein wenig besser, zugleich ergeben auch gewisse Worte im Text nach der Erfahrung mehr Sinn. Beispielsweise wird die Performance als physisch herausforderndes Stück beschrieben, was mir erst einleuchtet, nachdem ich etwa 75 Minuten mit dem hohen h konfrontiert wurde. Oder:

„Die Performances öffnen einen alternativen, intersektionalen Raum, in dem das Trauern als sozial und politisch konstruktive Kraft wirkt – nicht im Sinne einer Heilung oder eines ‚Abschluss-Findens‘, sondern als notwendige und anhaltende Behauptung einer Unauflösbarkeit.“

Darin wird mein Eindruck des Gesanges als gleichzeitiges Anklagen und Beklagen bestätigt.

Die beschriebene Unauflösbarkeit erkenne ich auch in dem Ton, welcher auch nach Ende des Gesanges in meinem Kopf nachhallt. Zurück bleibt ein hilfloses, aufgewühltes Gefühl. Nach der Performance bin ich seltsam konzentriert. Zudem habe ich eine Zeile eines Ska-Liedes im Ohr, welche mich von der Kirche bis nach Hause und ins Bett verfolgt: No, I won’t be the one who’s gonna suffer.

Text von Andrina Imboden.

Foto: Elegy / Eunice Ntombifuthi Dube, Centre for the Less Good Idea, Johannesburg, 2018. © Stella Tate

Politics, Veranstaltung / Event

Auf zum Streik!

Morgen findet der zweite nationale Frauen*streik in der Schweiz statt! Ihr wollt dabei sein, wisst aber nicht was wo wie abgeht oder wie ihr euch am besten beteiligen könnt? Hier ein paar wichtige Eckdaten im Raum Basel:

Ab 10 Uhr finden die ersten Aktionen statt. Hier gehts zum Überblick.
Um 11 Uhr sind Mitarbeiterinnen* der kantonalen Verwaltung dazu eingeladen, sich zu einer gemeinsamen Pause mit kurzen Ansprachen im Hof des Rathauses einzufinden.
Um 15:24 Uhr sind alle Frauen* dazu aufgefordert, ihre Arbeit niederzulegen und sich auf den Theaterplatz zu begeben.
Um 17 Uhr beginnt die Demo ab Theaterplatz.

Weiterführende Links:
Website des nationalen Frauen*streiks
Website des feministischen Streiks in Basel
◉ Was sagt die Basler Verwaltung? Hier können Sie es nachlesen
◉ Was geschah morgen vor genau 28 Jahren? Das Schweizerische Sozialarchiv wirft einen Blick zurück

Empfehlung, Veranstaltung / Event

Wildwuchs Festival 2019: We Bodies

Dominique Grisard und Andrea Zimmermann moderieren heute das Publikumsgespräch im Anschluss an We Bodies.

Wann: Montag, 27. Mai 2019, 20 Uhr
Wo: Kaserne Basel, Rossstall 1

We Bodies setzt sich mit der Figur des Monsters auseinander. Denn das Monster kann Vorstellungen von Normalität ausser Kraft setzen und gleicht damit dem Wunder. Auch ein Wunder stellt durch sein Auftreten unsere natürliche Ordnung in Frage. Ein Monster ist ein Mischwesen: Weder Mann noch Frau, weder Tier noch Mensch, weder natürlich noch künstlich.
Teresa Vittucci, Michael Turinsky und Claire Vivianne Sobottke erschaffen in ihrer Performance, ausgehend von ihren eigenen Einschränkungen und Zuschreibungen, eine neue Bewegungssprache. Das vermeintliche Scheitern wird zur Möglichkeit und die Begegnung der drei wird zum politisch-sozialen Forschungsfeld.

Empfehlung

Ab heute Abend: çok basel!

Ab heute Abend finden den gesamten Monat hindurch Veranstaltungen im Rahmen von çok basel! transnational memoryscapes switzerland – turkey statt:

Wer erinnert? Was wird erinnert? Wie wird erinnert? Wo wird erinnert?
Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen sind Studierende der Universität Basel im Rahmen eines Seminars den Erinnerungsspuren der Migration aus der Türkei nach Basel gefolgt. Daraus sind sechs Video- und Audioarbeiten entstanden, in denen die Porträtierten nicht nur die Türen zu ihren Lebensgeschichten öffnen, sondern vor allem zu den Quartieren, Strassen und Schulen, die sie geprägt haben.

Ab 18.30 Uhr auf der Lyss, Spalenvorstadt 2, Basel.
Weitere Informationen finden sie auf dem Flyer oder auf der website von çok basel.

Art and Politics, Empfehlung

Herzliche Einladung: Wir stellen Kinderbücher vor!

Am 17. Mai ist IDAHOT, der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. Aus diesem Anlass findet in Basel vom 11.-18. Mai 2019 die Themenwoche Bunt! Basel divers statt. In diesen Tagen werden Reihe von Veranstaltungen zum Thema LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual) im Raum Basel stattfinden. Unterschiedliche Institutionen und Organisationen partizipieren mit einem Beitrag – so auch wir:

Am Mittwoch, den 15.5.19, findet um 18:00 die Veranstaltung Bunt & vielfältig. Kinderbücher Heute in der Alten Markthalle Basel statt.
Die moderne Lebensrealität von Kindern sieht bunt aus. Doch was macht diese Vielfalt aus? Und wie kann es gelingen, mit Kindern auf möglichst vorurteilsbewusste, gendersensible Art über Zuschreibungen, Ideale und Identifikationen zu sprechen sowie vielfältige Lebensweisen und Familienmodelle zu thematisieren – ohne diese besonders hervorzuheben? «The Art of Intervention» stellt ausgewählte Bücher für Kinder im Vorschulalter vor, welche die Vielschichtigkeit von Rollenmodellen für Kinder und von Lebens- und Familienentwürfen beinhalten.

Organisiert wird Bunt! Basel divers vom Verein BAS3L.org, der sich für den Austausch zu aktuellen gesellschaftlichen Themen einsetzt. Ziel von BAS3L.org ist es, Plattformen zu schaffen, die gegenseitiges Wissen und Verständnis für unterschiedliche Positionen generieren und dadurch einen breiten Diskurs ermöglichen.

Weitere Informationen und Links
Programm Bunt! Basel divers als PDF und als Facebook-Event.
Veranstaltungsdetails Bunt & vielfältig. Kinderbücher Heute kompakt auf GayBasel.org.

Ein Argument in Bildern: read feminist books von Caroline Frett (2019).


Empfehlung

Empfehlung: Mimesia (Miriam Coretta Schulte)

Vom 16.-20.3.2019 findet in der Kaserne Basel Mimesia von Miriam Coretta Schulte statt und verspricht fünf Abende, die sich ganz der Kraft der Imitation widmen. Um es in den poetischen Worten des Programms der Kaserne Basel wieder zu geben:

Sie schaffen in neuer Konstellation Anleitungen und Muster, um sich gegenseitig zu beeinflussen. Sie schauen sich um und imitieren. Sie bauen Podeste für andere statt für sich selbst. Sie tanzen auf der Grenze von Unkontrollierbarkeit und radikaler Entschiedenheit, um ihre und unsere Identitäten zu erweitern. Das kann danach weitergehen – auf der Bühne und im realen Leben. Wir werden uns also verändern, aber sicher nicht allein.

Am 18.3.2019 um 19.30 Uhr findet zudem eine Einführung mit dem Titel Das Spiel der Mimesis – Einführende Überlegungen zu einer Kritik der Geschlechterordnungvon Dominique Grisard (Swiss Center vor Social Research) und Andrea Zimmermann (Zentrum Gender Studies, Universität Basel) statt.

Weitere Informationen finden Sie hier.

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Kino ist etwas aus dem Leben – „Art War Displacement“

Im folgenden Eintrag wird die Arbeit der Film Akademie und Film Kommune Rojava beleuchtet an welcher der Drehbuchautor und Filmproduzent Önder Çakar beteiligt ist und auch unterrichtet. Dabei wird vor allem auf das Selbstverständnis und die Werte dieser Filmschaffenden eingegangen. In einem weiteren Schritt wird versucht die Praktiken der Rojava Film Kommune mit Ausschnitten aus Hito Steyerls Buch Duty Free Art (2017) in einen grösseren Kontext des globalen Kapitalismus und seiner Kunstwelt zu stellen.

Die letzte Veranstaltung vom 29.11.18 trägt den Titel „Art War Displacement“. An dem Abend ist die Künstlerin, Filmemacherin und Schriftstellerin Hito Steyerl anwesend, die sich in vielen ihrer Arbeiten mit Krieg, Postkolonialismus und Feminismus auseinandersetzt. Mit ihr gekommen sind die Kultur- und Kunstschaffenden Heja Netrik, Önder Çakar und Şener Özmen. Sie alle stehen in einer gewissen Beziehung zu Steyerl. Sie stellt uns die Kulturschaffenden kurz vor und beschreibt sie als ihre Freund*Innen, aber auch als das Netzwerk, in das ihre eigenen Arbeiten und sie selbst verwoben sind. Daher finden sich ihre Namen in den Krediten unterschiedlicher Arbeiten. Sie selbst steht also an diesem Abend nicht im Vordergrund. Sie gibt vielmehr den Rahmen, den Hintergrund, welcher von den anwesenden Kulturschaffenden mit ihren Erzählungen, Filmen und ihrer Musik bespielt wird.

Önder Çakar ist Drehbuchautor, Schauspieler und Filmproduzent. Er unterrichtet derzeit an der Rojava Film Academy und ist Teil der Rojava Film Kommune. Çakar lebte in der Türkei als der Angriff auf den kurdischen Kanton Kobanê in der selbstverwalteten Region Rojava stattfand – für ihn ein Ereignis das die ganze Welt betrifft. Çakar machte sich auf den Weg in die betroffenen Gebiete und wurde schwer verletzt. Nachdem er von Erfolgen des Wiederstandes hörte während er in der Türkei behandelt wurde, kehrte er nach Kobe zurück und beteiligte sich am Aufbau einer Kunst und Filmschule und an der Etablierung einer alternativen Kino- und Filmkultur. Aufgrund der Dringlichkeiten der dortigen Gegebenheiten erscheint dies im ersten Moment etwas zweitrangig. Doch Çakar erzählt von den Wünschen und Träumen der Leute dort und ihrem Kampf, der nicht nur Kobanê betrifft, sondern eine neue Welt vor Augen hat. Und Träume können nicht ohne Kunst erreicht werden, so Çakar. Auf einer Webseite, welche die Kommune beschreibt, steht: „[…] the Commune aims to reclaim cinema and film as a central space of reimagining society: democratising and revolutionising imagination itself.[1] Die Kunst soll dabei die Gesellschaft zum Thema haben. Es geht nicht um ein elitäres Kino, sondern um ein populäres. So findet sich auf dem alternativen Medienportal ANF News ein Interview mit einem weiteren Kommunenmitglied Alberto Garcia. Dieser sagt zum Kino: „Kino ist etwas aus dem Leben. Es macht das Leben zum Thema. Es sollte darauf fokussiert sein, den Menschen die Gelegenheit zu geben, sich einander und ihre Geschichten kennenzulernen und eine gute Zeit zu verbringen.“[2] Das Kino verbindet und bildet Netzwerke, zwischen Kunst- und Kulturschaffenden aber auch zwischen Kunst- und Kulturkonsumierenden.

Foto: Visible, 2017. Source.

Die Rojava Film Akademie und Kommune öffnet einen Diskurs, der nach Aufgaben und Möglichkeiten der Kunst fragt. In diesem Diskurs treffen sich Steyerl und Çakar wieder, wie sie es auch schon in Nordsyrien gemacht haben. In ihrem Buch Duty Free Art beschäftigt sich Hito Steyerl mit den Verknüpfungen zwischen Kunst, KünstlerInnen, KuratorInnen, dem neoliberalen Kapitalmarkt und dem weltweiten Bürgerkrieg. Im Kapitel „If You Don`t Have Bread, Eat Art! Contemporary Art and Derivative Fascisms“ beschreibt sie das Verkommen der Kunst zu einer alternativen Währungsform: „In times in which financial institutions and even whole political enteties may just dissolve into fluffy glitter, investment in art seems somehow more real.“[3] Sie beobachtet dadurch eine Entfremdung der Kunst von ihren eigentlichen Werten und Netzwerken und appelliert:

Ask yourself: Do you want global capitalism with a facist face? Do you want to artwash more insane weather, insane leaders, posionous and rising water, crumbling infrastructures, and brand-new walls? How can people geuinely share what they need? […] How can artistic (and art-related) autonomy evolve from haughty sovereignty to modest networked devolution? How can platform cooperatives contribute to this? Can art institutions follow the lead of new municipialist networks and alliances of “rebel cities“? In the face of deriviate fascisms, can local forms of life be reimagined beyond blood, soil, nation, and coroption, as networks of neighborhoods, publics, layered constituencies?“[4]

Folgt man dieser Passage ist auch für Hito Steyerl die Re-Organisierung von Netzwerken und die Re-Imaginierung von Zusammenleben der Schlüssel zu einer neuen Welt. Und genauso wie bei der Rojava Film Kommune verschmelzen dabei die Sphären der Kunst mit jenen der Gesellschaft. So könnten also Kunst-Projekte, wie die Film Kommune Rojava, einerseits helfen die Kunstwelt aus den Zwängen des globalen Kapitalismus zu befreien und in neue Netzwerke zu integrieren, andererseits bilden sie gleichzeitig auch Austauschplattformen, auf denen neue Gesellschaftsmodelle und Formen von Zusammenleben ausgehandelt werden können.

Text von Noah Lopez.


[1] Visible 2017

[2] ÇAKSU 2018

[3] Steyerl 2017: S. 182.

[4] Steyerl 2017: S. 188-189.Q

Literatur
Çaksu Ersin: Film-Kommune von Rojava: Alternative zum elitären Kino. ANF News 2018. URL [eingesehen am 01.12.18].
Steyerl, Hito: Duty Free Art. Art in the Age of Planetary Civil War. London, New York 2017.
Visible. Rojava Film Academy – Rojava Film Commune, 2017. URL [eingesehen an 01.12.18].