Kunst, Literatur

10 Gründe, Aglaja Veteranyi neu zu lesen

Von Gabriel Anwander. Dieser Text ist Teil der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» im Rahmen von «Schreibweisen, Genres und die Verhältnisse der Geschlechter» von Art of Intervention.

1. Vor langer Zeit sah ich im Zirkus Knie eine Nummer, die mich stärker beeindruckte, als der Rest der Darbietungen. Eine Frau trat in die Manege und zeigte der Bande entlang schreitend, uns, dem Publikum, ihre langen pechschwarzen Haare. Zum Greifen nah. Sie waren am Scheitel beginnend mit einem ledernen Band zu einem dicken Strang geformt.

Ein Mann führte die Frau in die Mitte, befestigte ein Seil am Ende des Strangs, und schon wurde die Dame begleitet von einem Trommelwirbel an ihrem Haarschopf in die Kuppel hinaufgezogen. Sie jonglierte Kegel, Bälle und Ringe mit den Händen und Beinen, und wirbelte an Schluss wie ein Taifun um ihre eigene Achse – allein an den Haaren hängend. Ich hockte auf meiner Bank, starrte zu der Frau hinauf und vergass zu schlucken, zu atmen, zu denken und zu blinzeln.

Einige Jahre später schrieb die Tochter dieser Akrobatin ein Buch mit dem Titel: »Warum das Kind in der Polenta kocht.« In einer Rezension stand, der skurrile Titel beziehe sich auf die Mutter und ihre riskanten Auftritte im Zirkus.

2. Aglaja Veteranyi hiess die junge Autorin. Ich fand ihr Buch in der nächsten Buchhandlung ohne lange zu stöbern: Es lag bei den Empfehlungen. Innerhalb von drei Tagen hatte ich den schmalen Band gelesen (die alte dtv-Ausgabe hat 188 Seiten). Am Ende war ich ergriffen und erbost zugleich. Ergriffen vom ungewöhnlichen Schreibstil der Autorin, von ihrer abwegigen Geschichte, ihrer überbordenden Fantasie und ihrem spindeltrockenen Humor. Erbost war ich, weil der Rezensent schrieb, Veteranyi sei ein hoffnungsvolles Talent, ihr Buch ein beachtliches Debut. Das Buch ist mehr als das, es ist ein literarischer Meilenstein.

3. Aglaja Veteranyi kam am 17. Mai 1962 in Bukarest zur Welt. Ihr Vater trat im Rumänischen Nationalzirkus als Clown auf, ihre Mutter als Akrobatin. 1967 floh die Familie aus Rumänien in den Westen. Sie tingelten während zehn Jahren in Europa und Nordafrika umher, dadurch konnte Aglaja Veteranyi keine reguläre Schule besuchen. Im Alter von 15 Jahren war sie praktisch Analphabetin. Seit 1977 lebte sie in der Schweiz und eignete sich, wie sie im Buch schreibt, die geschriebene und gesprochene deutsche Sprache selbst an.

Sie begann zu schreiben, wirkte an diversen Theaterprojekten mit, war Mitglied des Deutschschweizer P.E.N.-Zentrums und nahm 1999 am Ingeborg Bachmann Wettbewerb teil. Im Alter von 39 Jahren geriet Aglaja Veteranyi in eine tiefe Lebenskrise und nahm sich am 3. Februar 2002 in Zürich das Leben.

4. Aglaja Veteranyi verfasste zwei Romane, zahlreiche Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke. Die Romane sind autobiografische Texte, sie verarbeitete darin auf eine ungewohnte Weise ihre schwere Kindheit. Der zweite Roman »Das Regal der letzten Atemzüge« blieb unvollendet und wurde posthum veröffentlicht.

Portrait von Aglaja Veteranyi, aufgenommen im Dezember 1999 in Zuerich. Quelle: Keystone / Ayse Yavas.

5. Aglaja Veteranyis Sprache ist lakonisch, kunterbunt, expressiv und immer wieder erschreckend direkt. Ihr Debut wirft Fragen auf, illustriert aber vor allem ihre existentiellen Ängste und Nöte, die sie als Kind von verarmten Eltern und als junge, von Männern bedrängte Frau in der Zirkusgemeinschaft durchzustehen hatte.

6. Aglaja Veteranyis Buch änderte meine, unter anderem aus Kinderbüchern übernommene romantische Sicht auf den Zirkus radikal. Ihre Texte tilgten meine Vorstellungen von einer grandiosen Welt, bestehend aus Musik, Glitzer, Akrobaten, Elefanten, gebändigten Löwen, einem dummen August und ganz viel Applaus unter einer erhabenen Kuppel restlos.

7. Aglaja Veteranyi hat mehrere Literatur-Förderpreise erhalten, zum Beispiel im Jahre 2000 den der Stadt Zürich.

8. Aglaja Veteranyi beschreibt in ihrem Debut, worauf sich der skurrile Titel »Warum das Kind in der Polenta kocht« bezieht:

»Während meine Mutter in der Kuppel an den Haaren hängt, erzählt mir meine Schwester das Märchen vom Kind, das in der Polenta kocht, um mich zu beruhigen. Wenn ich mir vorstelle, wie das Kind in der Polenta kocht und wie weh das tut, muss ich nicht immer daran denken, dass meine Mutter von oben abstürzen könnte. (…) Dann weine ich. Und meine Schwester hält mich fest und tröstet mich.«

9. Der Penguin Verlag hat im Jahre 2019 einen Sammelband mit den wichtigsten Texten von Aglaja Veteranyi herausgebracht. Das ist die Gelegenheit, die Autorin neu zu lesen.

10. Welche Vorbilder Aglaja Veteranyi hatte, weiss ich nicht, ihre Texte sind unverwechselbar. Möglicherweise wäre Olga Nawoja Tokarczuk, die polnische Schriftstellerin und Psychologin, die 2019 rückwirkend fürs Jahr 2018 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, heute eine von Veteranyis Vorbildern. Wer weiss? Ich schliesse aus ihren Texten, dass beide Autorinnen ähnliche Ansichten haben, beziehungsweise hatten. Sie sind, nebenbei erwähnt, auch beide im selben Jahr (1962) zur Welt gekommen.

Gabriel Anwander ist in der Ostschweiz geboren und aufgewachsen. Er hat nach der Fachhochschule Agronomie in verschiedenen Berufen in St. Gallen, Kanada, Indien, Kamerun und Bern gearbeitet. Heute lebt er in Langnau im Emmental und schreibt Kurzgeschichten, Kolumnen und Kriminalromane. Hier geht es zu seiner website.

«10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen»

Warum werden runde Geburtstage von Frauen so oft vergessen? Und warum werden diese Jubiläen, wenn überhaupt im bescheidenen Rahmen begangen, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt?
Wie kommt es, dass Schriftstellerinnen vergessen werden? Dass ihre Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen aufliegen? Dass ihre Stimmen aus dem Feuilleton verschwinden?
Es ist nicht wahr, dass es früher keine schreibenden Frauen gab, und es waren auch nicht wenige, wie die feministische Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten zu zeigen nicht müde wird. Aber wie lässt sich der Zirkel des Vergessens und «Wiederfindens» durchbrechen?

Bis heute werden Bücher von Frauen seltener und deutlich kürzer besprochen, erhalten Frauen weniger Vorschuss für die nächste Neuerscheinung als Männer. Und das, obwohl die gesamte Kette des Literaturbetriebs von der Verlegerin über die Buchhändlerin bis hin zur Leserin vorwiegend weiblich ist.
Diese Mechanismen entbehren jeglicher Logik. Und sie zu durchbrechen, kostet viel Mühe und Arbeit – auch viel unbezahlte Arbeit, die zumeist von Frauen geleistet wird.

Mit der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» wollen wir uns auf diesem Blog an Autorinnen erinnern, sie bekannt machen und Bewusstsein schaffen für Geschlechter-ungleichheiten im Literaturbetrieb. Dafür haben wir verschiedene Autor*innen, Akademiker*innen und Künstler*innen eingeladen, über eine Autorin zu schreiben, die ihnen viel bedeutet. Kennst auch DU eine Autorin, die dir viel bedeutet und an die du gerne erinnern möchtest? Hier findest du eine Anleitung (PDF). Bei Fragen schreib uns hier: info@theartofintervention.blog


Bild: Porträt von Aglaja Veteranyi, aufgenommen im Dezember 1999 in Zuerich. Quelle: Keystone / Ayse Yavas.

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