Empfehlung, Kunst, politics, Rückblick

Bosom Buddies. Die diesjährige Art Basel im Nachgefühl

Sarah Thorntons Bericht über das Treiben an der Art Basel im Artforum ist voll von scharfzüngigem Humor und koketter Doppeldeutigkeit, einem anthropologischen Sinn für Gruppendynamiken und einem scharfen Auge für Brüste und Busen aller Art. Im Folgenden eine kurze Replik und Leseempfehlung. Von Christina Zinsstag, Redaktion Dominique Grisard.


Seit den 1970ern hat sich die Kunstwelt rasant verändert und mit ihr die Art Basel – vor allem in Bezug auf ihre Grösse. Schnelllebig wie die Kunstwelt allgemein ist, erscheint diese Rückschau bereits spät, folgte doch bereits letzte Woche die Frieze in London, die FIAC in Paris beginnt diese Woche, dann die Art Basel Miami im Dezember und die Art Basel Hongkong im März 2022. Fest steht: Die Covid-19 Pandemie hat einen nachhaltigen Einfluss auf jene Messe, die dafür sorgt, dass Basel in einem Atemzug mit London, Paris, Miami und Honkong genannt wird und die Stadt zu einem unverzichtbaren «Wallfahrtsort» für Kunstliebhabende, Sammler:innen, Gallerist:innen und diverse Promis macht. Während die internationale Messe letztes Jahr ihren fünfzigsten Geburtstag lediglich online feiern konnte, fehlten dieses Jahr zahlreiche Händler:innen und Klient:innen aus den USA und Asien – dafür traten die europäischen Akteur:innen stärker hervor.

Die Pandemie hat auch verstärkt sichtbar gemacht, was bereits seit langem latent vor sich hin schwelt: Die Art Basel ist zwar ein zentraler Gatekeeper für alle, die zum «primary art market» gehören wollen, doch die hohen Preise für einen Stand an der Messe, sowie all die überteuerten Kosten, welche an jede noch so kleine zusätzliche Notwendigkeit gehängt werden, schüren die Ressentiments all jener, die den «Zirkus» mit zahlreichen Überstunden und gekonntem Smalltalk am Laufen halten. Die Art Basel ist zu einer babylonischen Unternehmung der Extra-Regeln und Extra-Wünsche geworden, die sich weder finanziell noch zeitlich oder logistisch wirklich rechtfertigen lässt. Das Prestige der Bescheinigung, «dazu zu gehören», leuchtet nicht mehr so doll und vielversprechend wie auch schon. Die Forderung nach mehr Fairness und Transparenz ist deutlicher zu spüren als zuvor.

Elmgreen & Dragset ‹The Outsiders›, 2020. Foto © Dominique Grisard

So etwa bei der Installation The Outsiders (2020) des skandinavischen Künstler-Duos Elmgreen & Dragset, die draussen vor dem Eingang zur Art Unlimited zu besichtigen war: Sie zeigt zwei hyperreale junge Männerfiguren, die in einem älteren Mercedes-Kombiwagen-Modell mit russischem Kennzeichen aneinander gekuschelt schlafen. Sie mussten auf ein teures Hotelzimmer verzichten. Das Duo verweist damit auf die Zweiklassengesellschaft an der Art selber, sprich: auf die nicht sehr feinen Unterschiede zwischen denjenigen, die möglichst unbemerkt hinter den Kulissen und zu Randzeiten die (kapital-)schwere Kunst auf- und abhängen, und denjenigen, die diese auf der Bühne der Art für die Sammler:innen und das interessierte Publikum in Szene setzen und verkaufen.

Laut der Financial Times kostet die Installation $365’000 – ein verhältnismässig günstiger Preis, vor allem wenn man bedenkt, dass laut The Art Newspaper ein Ausstellungsstand pro Quadratmeter zwischen CHF 706-905 kostet. Der Rest der Infrastruktur ist hier, wie gesagt, noch nicht inkludiert, genauso wenig wie Kosten für das Personal und den Versand. Zudem gibt es je nach dem wo ausgestellt wird zusätzliche Gebühren, eine Teilnahme in der ‹Statements-Section›, welche Solo-Projekte aufkommender Künstler:innen zeigt, kostet CHF 10’000, eine in der ‹Features-Section›, die etablierten und historischen Künstler:innen gewidmet ist, CHF 20’000.

Ein Fest für Busenfreund:innen

Und doch, die Szene ist vertraut, das internationale who-knows-who in prunkvoller Selbstdarstellung verbindet sich wie gewohnt nahtlos mit dem protestantischen Kleinstadt-Flair Basels. Die Atmosphäre aus Menschen, die nach wie vor die Verquickung von Bohème und Finanzkapital und aus bitterer (Selbst-)Prekarisierung und luxuriösen Dinners feiern, ist nach wie vor deutlich zu spüren. Über das «Kunsthalle Basel Fundraising Dinner 2021», bei welchem es jährlich Kartoffeln überhäuft mit Kaviar zu essen gibt (ein bewusstes Spiel zwischen der ‹Einfachheit› der Kartoffeln und der Dekadenz der Fischeier), schreibt Thornton:

The event felt like a happy family gathering, full of bankers born in Basel who now live in Zurich, and biotech investors born in Zurich who now live in Basel»

Alles «bosom buddies» halt. Die vordergründig «neutrale» Schweiz der Rohstoff- und Pharma-Konzerne bietet mit ihrer diskreten Art einen Rahmen, in welchem sich alle Widersprüche in einer seltsam subversiv-kritischen und gleichgültig-hedonistischen Art die Hände reichen. «Unforgettable» bleibt die Devise.

Slideshow und Beitragsbild: Thorntons Humor schimmert hier durch, ist es ihr doch gelungen, einige der bekanntesten Vertreter:innen der Art Basel mit Variationen des immer gleichen Motivs abzulichten. So viele vielfältige Brüste! Alle Bilder ©Sarah L. Thornton, 2021.


Sarah L. Thornton (geboren 1965) ist Autorin, Anthropologin, Geschlechterforscherin und Kultursoziologin, die mit ihren Analysen zum internationalen Kunsthandel bekannt wurde. Sie hat drei Monographien und zahlreiche Artikel verfasst, u.a. ethnographische Studien zum Kunstmarkt, zur Musik- und Clubkultur sowie zum Phänomen der Subkulturen. Zurzeit schreibt sie ein Buch über die Brust mit dem treffenden Titel: Uplifting Sagas: The Top Half of Women’s Liberation.

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