Geschlechterforschung, Literatur

Audre – Ich – Resonanzen

Von Lois Wanja Stettler. Der folgende Text ist im Zusammenhang mit Texten von Audre Lorde entstanden (s.u.), für ein erweitertes Verständnis empfiehlt x die Lektüre des ersten in der Bibliografie aufgeführten Texts. Dieser Artikel entstand im Rahmen des Seminars «Audre Lordes Krebstagebuch. Intersektionalität in Theorie und Praxis» bei Dominique Grisard, Frühjahrsemester 2021.


Worte, die sich wie von selbst aneinanderreihen, eine Melodie, die sich selbst und mich vorantreibt. Audre nimmt mich mit, ich lasse mich mitziehen von ihrem Text und verliere, finde mich darin.

Da ist diese Angst davor, übersehen zu werden. Diese Wut darüber, dass Audre nur über Frauen spricht, über die Frauenbewegung, die «Sisters». Dieser reflexive Widerstand: Sie predigt, ohne selbst ihre Hausaufgaben zu machen. Wo bin ich? Wo sind die genderqueeren, nichtbinären, two spirit, inter BIPoC[1] in ihrem Kampf? Wo ist die Auflösung der Binarität, die bell hooks so treffend als «the central ideological component of all systems of domination in Western Society» beschreibt und die bezüglich Geschlecht von Audre so grosszügig übersehen wird?

Und doch, es klingt an. Audres Worte lösen etwas bei mir aus. Als Mensch, als Mensch mit Unterdrückungserfahrungen, als Mensch, dx die an meinen nicht geschlechtsnormativen Ahn:innen ausgeübte Gewalt nicht genetisch, aber doch sehr existenziell eingeschrieben ist. Als Mensch, dx immer wieder aufklären, erklären, klären muss. Als Person, dx die eigene Kreativität an die Angst verloren hat. Als Mensch ohne Worte für mich selbst.

Audre schreibt, dass wir lernen können, trotz und mit der Angst zu schreiben, genauso wie wir lernen können zu schreiben, wenn wir müde sind. Das Zögern sei ein Zögern, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das hier ist ein zögerlicher Versuch, wenigstens eine Sprache zu finden – «to turn Silence into Language and Action».

Da ist diese Angst. Angst, Audres Schmerz als meinen zu verstehen. Die Angst, Audres Schmerz des täglichen Lebens und Sterbens als Schwarze Frau zu vereinnahmen als weisses Enby[2]. Die Angst, schon wieder weisse Geschichten in den Vordergrund zu stellen, meine Geschichte. Ist Anteilnahme immer Nehmen? Kann ich Anteil-geben?
Mein Trotz. Ich nehme den Texten von Audre nichts weg, wenn ich sie lese, studiere, in mir trage. Es ist genug Audre für alle da.

Und doch, die Frage stellt sich, wenn ich Audres Gedanken in die Welt zurücktrage. Welche Teile habe ich verstanden? Welche vielleicht überlesen, weil sie nicht in meine Lebensrealität passen? Und mache ich sie damit unsichtbar, die Teile, und damit auch Audre, weil sie zu ihr gehören? Und bringt mich die Angst, Audre zum Schweigen zu bringen, nicht selbst auch zum Schweigen – in einer Art, die weder Anteil nimmt noch gibt?
Schweigen angesichts einer weissen Vorherrschaftskultur und der Gewalt, die diese gegenüber BIPoC ausübt, ist keine Option. Vielleicht ist dies ein Versuch, eine Sprache des Zuhörens zu finden.

Audre Lorde fotografiert von Elsa Dorfman. Zugänglich über Wikimedia.
Lizenzen CC BY-SA 3.0 und CC BY 2.5. Stand: 29.11.2021

Es klingt an, misstönig, scharf. Die Akademie, sie vernachlässigt Schwarze Frauen. Ich bin Teil davon. Die weisse Mittel- und Oberschicht, sie stellt direkt oder indirekt Schwarze Frauen an, um bezahlt oder unbezahlt die Arbeit zu machen, die sie nicht verrichten will. Ich komme aus dieser Schicht. Ich habe unter anderem bei meinem Vater gewohnt, bei ihm putzt eine Frau. Sie ist nicht Schwarz. Sie ist ein migrantisierter weisser Mensch. Macht es das besser? Nein. An die Konferenz, von der Audre erzählt, wurden nur zwei Schwarze Personen eingeladen, last minute, wie Audre sagt, und sie sollen sich äussern zum Thema Differenz. Ich bin Teil davon. Vielleicht nicht von dieser Konferenz, aber ich kenne diese Organisationsformen nur allzu genau. Der Critical Whiteness (!) Workshop etwa, den wir organisierten und dabei viel zu spät realisierten, dass es einen Rückzugsort für BIPoC bräuchte. Eine Schwarze Person ist eingesprungen, ohne Mitsprache und Vorbereitungszeit. Das ist eine meiner Konferenzen. Ich hoffe wirklich, dass wir weissen Menschen daraus gelernt haben. Gleichzeitig geht unser Lernen schon wieder auf Kosten einer Schwarzen FINTA-Person.

Ich kann und möchte keine BIPoC belehren über Audres Werk. Gleichzeitig möchte ich auch keinen Menschen davon ausschliessen, meine Gedanken zu teilen und weiterzutragen. Schliesslich produziert es auch wieder Ausschlüsse, wenn ich von meinen Texten als Bildungsmaterial für ein weisses Publikum ausgehe und überhaupt kann (und will) ich gar nicht bestimmen, wer meine Texte liest. Vielleicht ist es einfach wichtig, von wo aus ich schreibe. Differenzen benenne. Auch das habe ich von Audre gelernt:

In our world, divide and conquer must become define and empower»

Aus Lorde’s Essay «The Master’s Tools Will Never Dismantle the Masters House»

Was gilt es zu benennen? Vielleicht die Dinge, in denen ich mich von Audre unterscheide. Ich bin weiss. Ich bin keine Frau, aber teile gewisse Erfahrungen von weiblich sozialisierten und gelesenen Personen. Eine Mastektomie hat für mich eine gänzlich andere Konnotation als für Audre, für mich trägt sie die Möglichkeit zur Selbstbestimmung in sich. Die Umstände sind gänzlich andere. Trotzdem teile ich Aspekte von Audres Angst- und Gewalterfahrungen in medizinischen Einrichtungen. Ich lerne von ihr, damit umzugehen. Mutter bin ich definitiv nicht, nicht mal Elter. Mit dem lesbisch Sein ist das schon deutlich komplizierter.

Weiss ich nun mehr? Irgendwie schon, irgendwie überhaupt nicht. Vor allem merke ich, dass ich nicht benennen kann, was mich von Audre trennt. Gewisse unserer Unterschiede verstärken auch unsere Gemeinsamkeiten. Ich denke, es ist gut zu wissen, welche Aspekte von Audres Erfahrungen ich nicht verstehe, vielleicht (noch) nicht sehen kann. Es gibt mir die Möglichkeit, aktiv nach ihnen zu suchen. Ich finde Gemeinsamkeiten in ihrer Beschreibung der Erfahrung ihrer Mastektomie, die für mich, dx ich eine Mastektomie in meinem Leben positiv besetze, schwer zu lesen ist. Vielleicht bin ich einfach Resonanzraum. Spiegelkabinett für Audre, die von meiner inneren Landschaft verändert wieder aus mir heraustritt. Ist das ein Dialog?

Misstöne, es gibt sie überall in unseren Leben. Ich bin dazu erzogen worden, sie nicht wahrzunehmen. In den letzten Jahren habe ich angefangen, sie zu hören. Mein Gehör ist ungeschult, ungelernt. Es kann trainiert werden. Nach und nach nehme ich die Misstöne besser wahr. Später – und jetzt – lerne ich, dass es gar keine Misstöne sind. Es sind Melodien. Nicht nur ihr Klang wurde vor mir verborgen, sondern auch das System – und vor allem: die Gefühle – die mit ihnen einhergehen. Sie sind mir fremd. Wenn ich ganz tief in mir suche, finde ich ein Gesicht, das mir Angst macht. Und ich finde eine misstönende Melodie, die ganz unsere ist. Sie klingt an.

Lois Stettler (x/keine) studiert Geschlechterforschung und Politikwissenschaften im Bachelor an der Universität Basel. Ausserdem arbeitet x als Performance-Künstler:in und bietet Workshops und Vorträge rund um gender_queer_sensibles Gestalten von Räumen an. Lois Stettler ist Mitbegründer:in von TINte Bühnenliteratur, ein Projekt, das trans, inter und nichtbinäre Menschen auf Bühnen unterstützt.


Bibliografie

Lorde, Audre (1977): The Transformation of Silence into Language and Action. In: Audre Lorde: Sister Outsider. Essays & Speeches. The Crossing Press Feminist Series: 1994, S. 40-44

Lorde, Audre (1979): The Master’s Tools Will Never Dismantle the Masters House. In: Audre Lorde: Sister Outsider. Essays & Speeches. The Crossing Press Feminist Series: 1994, S. 110-113

Audre Lorde (1980): The Cancer Journals. Penguin Classics: 2020


Fussnoten

[1] BIPoC steht für Black, Indigenous, People of Color und ist eine politische Selbstbezeichnung

[2] Enby bezeichnet die Abkürzung der Buchstaben n und b für nonbinary. Ich verzichte bewusst auf die Abkürzung dieser zwei Buchstaben alleine, weil diese für rassistische Ausschlussmechanismen (nb = «no blacks») diente und dient.


Bild: Audre Lorde fotografiert von Elsa Dorfman, zugeschnitten. Zugänglich über Wikimedia. Lizenzen CC BY-SA 3.0 und CC BY 2.5. Stand: 29.11.2021.

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