Kunst, Literatur

10 gründe und ein vorbehalt, Verena Stefan neu zu lesen

Von Lea Dora Illmer. Dieser Text ist Teil der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» im Rahmen von «Schreibweisen, Genres und die Verhältnisse der Geschlechter» von Art of Intervention.

1. bücher kommen dann zu uns, wenn eine neue lebensphase anfängt, glaubte Verena Stefan. „Das sind diese komischen Zufälle, die keine sind“, erzählt sie in „Erlebte Geschichten.[1]

es ist das frühjahr 2020, ich bin am feminist futures festival, es fröstelt mich am nacken. ich hab mir einen tag zuvor die haare kurz geschnitten. ich stehe am bücherstand mit klassiker*innen. allesamt gebrauchte, gelesene bücher. die werke tragen farbige punkte, die den preis anzeigen. ich greife ins regal und halte „Häutungen[2] in der hand. ein oranger zwei-franken-punkt klebt darauf. natürlich hab ich schon davon gehört, in der feministischen germanistik kommt frau nicht um sie herum. sie habe eine neue sprache erfunden, die écriture feminine des deutschsprachigen raumes. wahrscheinlich drücke ich mich deswegen vor der lektüre. ich erwarte eine schwere und verwobenheit wie bei Kristeva oder Irigaray. was bringt mir eine neue sprache, denke ich, wenn ich sie nicht verstehe?

also landet das buch auf dem stapel der ungelesenen. eine schwere kost verlangt nach einer leichten umgebung. so eine, wie im darauffolgenden Sommer. ich bin im burgund. das haus würde Stefan gefallen. es ist abgelegen, im nirgendwo, von ziegen umgeben. der feigenbaum wächst beinahe durchs schlafzimmerfenster hinein. in der nachmittagshitze beginnen die anderen zu spielen, es wird wein serviert. ich hab fast alle mitgeschleppten bücher schon gelesen und nehme Häutungen mit in den liegestuhl. drei stunden später bin ich durch mit dem schmalen buch, das so viele sagen umwebt. da sitze ich nun, überrascht, schockiert, euphorisiert, radikalisiert, wenn man so will. ich habe die grösste lust, auszubrechen. aber woraus? und worein? es mag pathetisch klingen, aber: ich bin seit dieser lektüre nicht mehr dieselbe.

2. als Verena Stefan 2017 in montreal an brustkrebs stirbt, titelt so manche zeitung: „Die Autorin von ‚Häutungen‘ ist gestorben.“[3] ebendiese ist sie weitgehend geblieben, auch wenn die veröffentlichung ihres debüts unterdessen 48 jahre zurückliegt. obwohl ich lese, dass „Häutungen“ „Pflichtlektüre in feministischen Germanistikseminaren“[4] sei und in jeder überblicksvorlesung vorkomme[5], gehört es – wenn überhaupt – zu einem feministischen gegenkanon. in meinem germanistikbachelor kamen weder die autorin noch ihre werke vor.

der Fischer Verlag publizierte 2015 einen re-print vierer werke von Stefan, darunter das zuvor bloss antiquarisch erhältliche „Häutungen“. die noch unbekannteren, wie „Wortgeträu ich träume“ und „Mit Füssen mit Flügeln, sind bis heute vergriffen. das Schweizerische Literaturarchiv hat 2007 das archiv von Verena Stefan erworben. darin finden sich etwa notizen, typoskripte, traumnotizen, tagebücher, briefe, fotografien, audio- und videokassetten, rezensionen. bisher ist meines wissens noch nicht viel damit passiert. 2021 erschien in kooperation mit der SRF Sternstunde Kunst der erste dokumentarfilm überhaupt über Verena Stefan.[6] er wird an den diesjährigen 57. Solothurner Filmtagen zu sehen sein.

3. Verena Stefan wird 1947 in bern geboren. ihre mutter ist schweizerin, „sie hat Berndeutsch erzählt“[7] und ihr vater stammt aus dem sudetenland. ihre sprache lässt hie und da ihre herkunft durchblicken, vor allem kulinarisch: die torte aus der Confiserie Sprüngli, eine tüte voller Chrömli, Bündnerfleisch oder Ovomaltine.[8] geflucht wird auf berndeutsch, zumindest als verteidigungsstrategie gegen aufdringliche männer, die die tochter von der mutter gelernt hat:

Zweimal habe ich mir so geholfen wie sie, als ich bedroht wurde, […] habe jedesmal berndeutsch geflucht wie sie damals in Prag, du verflüemerete Soucheib, du! Beide Male hat es wie ein Zauber gewirkt“.[9]

bald wird die schweiz Stefan zu eng:

Die Wege sind kurz, die Hecken gestutzt, die Bäume wachsen nicht in den Himmel. (Der liebe Gott sorgt schon dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.)“[10]

sie begeht mit 20 jahren „Landesflucht“, „raus aus der hinterwäldlerischen Schweiz“[11], denn sie weiss „hinter den Bergen und hinter den Landesgrenzen gibt es wirkliche Städte.“[12]

4. in eine solche möchte sie. also geht Stefan 1968 nach berlin. sie macht eine physiotherapeutische ausbildung und arbeitet auf ihrem beruf, später studiert sie für eine weile religionswissenschaften und soziologie an der Freien Universität. in westberlin formiert sich derweil die Neue Frauenbewegung, Stefan wird durch ihre mitbewohnerin politisiert. sie lernt die filmemacherin Heike Sanders kennen, zusammen mit anderen frauen[13] gründen sie 1972 die feministische gruppierung „Brot & Rosen[14]. sie schreiben das erste Frauenhandbuch[15], ein ratgeber für abtreibung und verhütung. Stefan erzählt:

Eines der wichtigsten Wörter, die wir uns Anfang der siebziger Jahre beibrachten, war, so glaube ich, Expertin. Wir stellten fest, eines Tages, dass wir davon ausgingen, von jetzt an, dass wir Expertinnen waren. Expertinnen für unseren Körper, unsere Sexualität und die Interpretation unserer Sexualität, unseren Geist, unsere Psyche, unsere Träume und die Interpretation unserer Träume; Expertinnen für unsere Kreativität und unsere Produkte. So begannen wir, miteinander zu sprechen.“[16]

5. 1974 fährt Stefan für mehrere monate nach nordamerika und mexiko. sie klappert dort alle feministischen institutionen ab, die es damals in westberlin noch nicht gibt: abtreibungskliniken, frauenbuchläden, frauenverlage. macht einen grosseinkauf, darunter Monique Wittigs „Les Guérillères. „Und dann hab ich bis 83 nur gelesen.“[17] Stefan kramt in dieser zeit auch ihre tagebücher wieder hervor und studiert sie sorgfältig. sie dienen als ausgangsmaterial für ihr debüt „Häutungen“, das 1975 im verlag Frauenoffensive erscheint. „Ein beunruhigendes Buch“, befindet die erste rezension im Spiegel.

Stefan zieht mit ihrer partnerin aufs land, in den ort „mit der komischen Postleitzahl“[18], widmet sich zunehmend der natur, dem garten und der spiritualität: „Wir haben gelesen, gelesen, wir haben [Tarot-]Karten gelegt, wir haben Astrologie studiert, alles mögliche.“[19] die nachbar*innen empören sich darüber, dass die frauen dort alleine leben:

Bei den Frauen, sagt die Briefträgerin, hängt jetzt ein Efeukranz an der Tür. Einen Mann, sagt die Bäuerin, haben sie ja nicht dabei. Sie haben Bücher und Gewürze, sagt die Briefträgerin, sie machen das ganz allein.“[20]

sie schreibt „Mit Füssen mit Flügeln“ und „Wortgetreu ich träume“, in dessen einband steht:

Dies ist weder Fortsetzung noch Wiederholung eines Buches, das ein Kultbuch wurde. Dies ist ein poetisches Buch in einer unpoetischen Welt.“[21]

sie arbeitet als übersetzerin, unter anderem an werken von Monique Wittig. 1999 entschliesst sie sich zum umzug nach montreal, kanada, wo ihre neue lebenspartnerin wohnt. Stefan arbeitet als dozentin für kreatives schreiben. 2002 erhält sie eine brustkrebsdiagnose, an deren folgen sie 2017 stirbt. bis zu ihrem tod schreibt, doziert und veröffentlicht sie.

Portrait von Verena Stefan © Yvonne Böhler

6. „Meine Bücher sind körperliche Bücher“[22], sagt Stefan. körpern gleich nehmen sie mannigfache formen an. autobiographische aufzeichnungen, handbücher, romane, berichte, gedichte, sachbücher, übersetzungen. sie schreibt auf deutsch und später auf englisch. überrascht hat mich „Rauh, wild & frei, ein analytisches werk über mädchengestalten in der literatur. Stefan denkt mädchen darin als eigenmächtige figuren, die keinem mann zugeordnet sind. sie haben in der patriarchalen ordnung noch keinen endgültigen platz. Deswegen sind sie frei.

7. warum ist in diesem text alles kleingeschrieben? werden sie sich bis hierhin gefragt, schlimmstenfalls geärgert haben. das ist ein einblick in Verena Stefans sprache, eine „neue weibliche ästhetik“[23]. diese ist radikal, allem voran in „Häutungen“. sie hält sich an nichts, weder an form noch funktion. sie schreibt alles klein, ausser namen. sie mischt autobiographisches erzählen mit gedichten, liedern, traumtagebüchern. „Häutungen“ wird meist als roman bezeichnet. im katalog der Schweizerischen Nationalbibliothek ist es jedoch als sachbuch eingetragen. andere schreiben Stefan zu, damit eine neue gattung geprägt zu haben: den erfahrungsbericht[24]. eine einigung besteht also nicht mal bezüglich genre. geschweige denn darüber, ob „Häutungen“ überhaupt literatur sei, oder bloss ein „Bekenntnisroman“[25].

Stefan spielt mit der sprache, zersetzt sie, arbeitet sich an ihr ab. im vorwort zu „Häutungen“ reflektiert sie ihren schreibprozess, während dessen sie „wort um wort und begriff um begriff an der vorhandenen sprache angeeckt“[26] sei. die sprache versage, sobald wir über neue erfahrungen berichten wollen. deswegen zerstört Stefan vertraute zusammenhänge. nimmt wörter auseinander, schafft so distanz und schärft den blick, wie etwa „unter leib“ oder „büsten halter“. „Jedes wort“, so Stefan, „muss gedreht und gewendet werden, bevor es benutzt werden kann – oder weggelegt wird.“[27] welch radikalität! welch knochenarbeit!

8. Stefans bücher sind phänomenologisch. sie verhandeln spezifische körpererfahrungen aus einer ich-perspektive, geben leiblichkeiten raum oder, wie Stefan sagt, der „körpergebundenen Wirklichkeit“[28]. geprägt durch die sogenannte Frauengesundheitsbewegung[29], der Stefan angehörte, nehmen sie erfahrung ernst. als legitime wissenskategorie. sinnes- und naturerfahrungen spielen eine grosse rolle. Stefan vermag diese bildhaft und doch ohne umschweife einzufangen:

Ich hüpfte durch den bereits angelegten Garten und hängte mein Herz an jede Blume, bevor ich etwas von ihr wusste, ich warf irgendwie Saat auf die Beete und freute mich närrisch, wenn etwas aufging, ich kämpfte jedes Jahr mit dem Abfallhaufen, aus dem Kompost werden sollte, und kapitulierte.“[30]

dabei ist es ihr ein anliegen, den vermeintlichen natur-kultur-gegensatz aufzubrechen, etwa wenn sie schreibt: „Zwischen den Bäumen umhergehen wie zwischen den Buchstaben. In den Schichten der ausgebreiteten Blätter einschlafen am Boden. Die Bäume lieben wie die Buchstaben.“[31] als konsequenz davon stellt sie auch die trennung zwischen leib und seele in frage: „So gehst du in die Welt hinein, so bist du in der Welt. Das ist die Anspannung, die du brauchst, um einen Standpunkt einzunehmen, um aufzutreten, mehr nicht.“[32]

wie wir in der welt sind, wie wir einen standpunkt einnehmen – denken, fühlen, erleben – ist immer erstmal körperlich und hängt damit zusammen, wie wir uns orientieren und raum einnehmen. mit ebendiesem wachen blick gibt Stefan auch spezifische körpererfahrungen wieder, wie etwa das kranksein, das sich-unwohl-fühlen:

Niemand sagte, die Mutter ist unglücklich und krank geworden, weil sie aufgehört hat zu malen, weil sie keinen Schreibtisch gehabt hat, kein Zimmer für sich allein, weil die Tür zur Welt sich in eine andere Welt geöffnet hat als in die von ihr geträumte. Weil ihre Wünsche aus verschiedenen Jahrhunderten stammten, weil sie sich in ihr bekämpften. Weil sie mit zu vielen Körpern beschäftigt war, weil ihre hohen Fragen und Ideale zu keinem Körper passten und sie ruhelos umstellten. Sie fühlt sich nicht wohl, sie ist unwohl.[33]

ja, daraus liesse sich gewiss eine phänomenologie knüpfen!

9. den begriff „Frauenliteratur“ gab es in Stefans epoche noch nicht. glücklicherweise, befindet sie. in einer rede, die sie zum fünfzehnjährigen bestehen von Lillemor’s Frauenbuchladen in münchen hielt (dem ersten deutschen frauenbuchladen – und es gibt ihn immer noch![34]), reflektiert sie die zeit ohne frauenbuchläden, frauenverlage und feministische texte: „es war eine schreckliche Zeit.“[35] Stefan hat bezogen auf literatur früh ein feministisches unrechtsbewusstein entwickelt. von einer Virginia Woolf, Marieluise Fleisser oder Christa Reinig hatte sie nie gehört, geschweige denn von einer Schwarzen autorin oder einer autorin of Color. Stefan und ihre mitstreiter*innen stellten fest, wie „ausgehungert“ sie waren. Denn „wir wollten vorkommen, als Subjekte, nicht als die Beschriebenen aus männlicher Sicht.“[36] also machten sie sich auf die suche, solange, bis es plötzlich wieder bücher gab.

Stefan erscheint mir wie ein bindeglied in der kette feministischer literaturwissenschaften. ihr war die bedeutsamkeit feministischer genealogien und die sichtbarmachung dieser bewusst; deswegen knüpfte sie an zahlreiche autorinnen und werke an, die sie auch immer bestrebt war, sichtbar zu machen. Etwa: „die Glasglocke,die Fahrt zum Leuchtturm, „Annie John, „Christa T., „Zami, „das SCUM Manifesto und „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. und an Stefan wiederum wird ebenfalls angeknüpft. Ruth Schweikert schreibt in „Frauen erfahren Frauen“ über „Häutungen“:

Ich war zu jung, um das Buch damals gleich zu lesen, aber wenige Jahre später trug ich es in der rechten Manteltasche stets bei mir wie einen Talisman, in der vergeblichen Hoffnung, es möge mich beschützen vor ‚Selbstaufgabe‘ und eilfertiger Anpassung an die Wünsche und Vorstellungen der Männer, in die ich mich mit Haut und Haaren verliebte.“[37]

Jessica Jurassica erzählt im literaturpodcast „eins.sieben.drei“ wie sie sich vor erscheinen der ersten rezensionen ihres debüts „Unkaputtbar kaputt“ ein bullshit bingo zurechtlegte; etwas davon war „insert random popliteratur dude aber als Frau“ und kurz darauf prompt mit Christian Kracht verglichen wurde. sie sagt:

Irgendwo durch ist das absurd. Ich sehe mich schon ein bisschen in einer anderen Tradition. […] Mit dem autofiktionalen Schreiben muss man mich nicht mit einem Kracht vergleichen, sondern kann man mich auch mit einer Verena Stefan vergleichen oder mit einer Dora Koster oder mit einer Annie Ernaux […]. Aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass die ganzen Literaturkritiker*innen ihre Verena Stefans nicht gelesen haben und darum einfach als Referenzmaterial diese random popliteratur dudes ausgraben müssen.“[38]

in diesem sinne, liebe literaturkritiker*innen, hört auf Jessica Jurassica und lest eure Verena Stefans!

10. schreiben ist politisch. genau wie die bedingungen des schreibens. also nicht nur was wir schreiben, sondern ob wir überhaupt schreiben. das macht stefan mir bewusst. sie bricht mit dem künstlernarrativ des genies, schreibt stattdessen über schaffenskrisen, depressionen, ängste, selbstzweifel. „Häutungen“ wurde ein erfolg. kaum beworben und im damals neu gegründeten verlag Frauenoffensive publiziert, wurde es nach einem jahr bereits in fünfter auflage gedruckt. 1980 hatte es eine auflagenzahl von 200‘000 exemplaren erreicht (bis heute eine halbe million). das debüt wurde gelobt und verrissen. es spaltete die feministische bewegung in lager: „Bist du dafür oder dagegen? Dass es Literatur ist? Dass es lesbisch ist?“ eine „grosse innere Lähmung“ setzt bei Stefan ein. sie leidet darunter, als repräsentantin der bewegung zu gelten, denn „was ist das schon, die Bewegung?“[39] vor schreck habe es ihr die sprache verschlagen.

später erkannte sie, dass ein grossteil ihrer schreibblockade einer inneren zensur gleichkam: „Wer glaubt an dich, wenn du jahrelang schweigst oder wenn du zehn Jahre für ein Buch brauchst?“ und „Wenn du es nicht schaffst, was machst du dann?[40] bevor sie wieder schreiben konnte, musste sie zuerst mühsam alles vergessen, was über sie und „Häutungen“ geschrieben wurde.

11. zum schluss mein vorbehalt. es könnte sein, dass Verena Stefan manch eine*r leser*in das leben und lieben mit cis männern madig macht. oder es zumindest in frage stellt. ich erinnere mich an einen vortrag von Franziska Schutzbach an der Frauensession in solothurn, sie sagte so etwas wie: die angst vor feministischen bewegungen und davor, was sie alles ins wanken bringen, ist nicht ganz unberechtigt. in einer utopischen, feministischen gesellschaft wären wahrscheinlich viele menschen ein bisschen weniger hetero, ein bisschen queerer.

ich musste daran zurückdenken, nachdem ich „Häutungen“ zum zweiten mal gelesen habe. das buch lässt uns gewohnte scripts, codes und muster hinterfragen, es ist nicht bequem, es ist unangenehm. es rüttelt auf, lässt uns unsicher zurück. es hat kein happy end. es zeigt gewalt und abhängigkeit in heterosexuellen beziehungen auf, die weit über physische gewalt hinausgehen.

ich lese es aber auch als kampfschrift für frauenbeziehungen und solidarität, im sinne eines „lesbischen kontinuums“ wie bei Adrienne Rich[41]. das färbt ab: „Ich höre Verena Stefan aus dir heraus“, sagen plötzlich freund*innen zu mir, etwa als ich ein plädoyer für das wohnen ohne cis männer halte. ich ertappe mich jedenfalls hin und wieder, auch während gesprächen mit anderen frauen, dabei, an die eine stelle aus „Häutungen“ zu denken: „‘Aber warum‘, frage ich sie, ‚Warum hast du eine verbindung mit einem mann, wenn du mit frauen besser reden, wohnen und leben kannst?‘“[42]

Lea Dora Illmer studiert Geschlechterforschung, Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Basel. Ihre Masterarbeit schreibt sie zur sogenannten Frauengesundheitsbewegung in der Schweiz. Daneben schreibt und lektoriert sie Texte mit feministischem Blickwinkel. Sie ist Mitbegründerin des Vereins FKK (Feministische Kulturkritik).

«10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen»

Warum werden runde Geburtstage von Frauen so oft vergessen? Und warum werden diese Jubiläen, wenn überhaupt im bescheidenen Rahmen begangen, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt?
Wie kommt es, dass Schriftstellerinnen vergessen werden? Dass ihre Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen aufliegen? Dass ihre Stimmen aus dem Feuilleton verschwinden?
Es ist nicht wahr, dass es früher keine schreibenden Frauen gab, und es waren auch nicht wenige, wie die feministische Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten zu zeigen nicht müde wird. Aber wie lässt sich der Zirkel des Vergessens und «Wiederfindens» durchbrechen?

Bis heute werden Bücher von Frauen seltener und deutlich kürzer besprochen, erhalten Frauen weniger Vorschuss für die nächste Neuerscheinung als Männer. Und das, obwohl die gesamte Kette des Literaturbetriebs von der Verlegerin über die Buchhändlerin bis hin zur Leserin vorwiegend weiblich ist.
Diese Mechanismen entbehren jeglicher Logik. Und sie zu durchbrechen, kostet viel Mühe und Arbeit – auch viel unbezahlte Arbeit, die zumeist von Frauen geleistet wird.

Mit der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» wollen wir uns auf diesem Blog an Autorinnen erinnern, sie bekannt machen und Bewusstsein schaffen für Geschlechter-ungleichheiten im Literaturbetrieb. Dafür haben wir verschiedene Autor*innen, Akademiker*innen und Künstler*innen eingeladen, über eine Autorin zu schreiben, die ihnen viel bedeutet. Kennst auch DU eine Autorin, die dir viel bedeutet und an die du gerne erinnern möchtest? Hier findest du eine Anleitung (PDF). Bei Fragen schreib uns hier: info@theartofintervention.blog


[1] WDR 5. 2018. Verena Stefan, Publizistin und Feministin. In: Erlebte Geschichten. 30.03.2018.

[2] Verena Stefan. 1975. Häutungen. München: Verlag Frauenoffensive.

[3] Z.B. Der Tagesspiegel Online. 2017. Verena Stefan, die Autorin von “Häutungen”, ist gestorben. 1 Dezember 2017.

[4] Der Tagesspiegel Online. 2017.

[5] Vorlesungsverzeichnis FU Berlin. 2018. Autobiografisch, poetisch, radikal? Schreiben im Kontext von Feminismus und Gender Studies am Beispiel von Verena Stefan.

[6] Christian Walther. 2021. Der Mensch meines Lebens bin ich. Dokumentarfilm. Insertfilm Ag & SRF Sternstunde Kunst.

[7] Verena Stefan. 2015 [1993]. Es ist reich gewesen: Bericht vom Sterben meiner Mutter. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 43.

[8] Allesamt Beispiele aus Es ist reich gewesen. 2015.

[9] Ebd., S. 66.

[10] Ebd., S. 94.

[11] Beide Zitate aus: Monika Mengel. 2017. Zum Tod der Schriftstellerin Verena Stefan. In: L.Mag.

[12] Ebd., S. 54.

[13] Dass Verena Stefan bloss von Frauen spricht und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch bloss cis Frauen damit meint, ist nur einer der Ausschlüsse, die sie – wie auch ein Grossteil der Neuen Frauenbewegung – begeht. Auch gewichtet Stefan – zumindest in Häutungen – Sexismus vor Rassismus, statt Diskriminierungen intersektional zu denken. Diese Kritikpunkte gilt es vor Augen zu haben.

[14] Lisa Szemkus. 2019. Brot und Rosen. In: Digitales Deutsches Frauenarchiv.

[15] Brot und Rosen. 1972. Frauenhandbuch Nr. 1. Berlin.

[16] Verena Stefan. 1994 [1975]. Häutungen. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 8.

[17] WDR 5. 2018. Minute 10:50.

[18] Verena Stefan. 1987. Wortgetreu ich träume. Geschichten & Geschichte. Zürich: Arche Verlag, S. 46.

[19] WDR 5. 2018. Minute 18:21.

[20] Verena Stefan. 1987, S. 9.

[21] Ebd.

[22] Verena Stefan. 1994, S. 29.

[23] Literapedia Bern. 2011. Stefan, Verena.

[24] Siehe etwa Luzia Stettler. 2017. Verena Stefan – eine sensible Revolutionsführerin. In: SRF Kultur.

[25] Monika Mengel. 2017. Nachruf auf die Autorin Verena Stefan: Das Privileg, selbstbestimmt zu leben. In: taz. 30. November 2017.

[26] Verena Stefan. 1994, S. 33.

[27] Ebd., S. 34.

[28] Verena Stefan. 1987, S. 23.

[29] Die sogenannte Frauengesundheitsbewegung formierte sich – inspiriert durch the women’s health movement in den USA – ab den 70er Jahren aus der Neuen Frauenbewegung heraus. Als Ausgangspunkte dienten der Kampf für das Recht auf Abtreibung, Selbstuntersuchungen und die Hilfe zur Selbsthilfe. Mehr dazu findet sich z.B. auf Das Feministische Archiv FFBIZ.

[30] Verena Stefan. 1987, S. 83.

[31] Ebd., S. 118.

[32] Verena Stefan. 1993. Es ist reich gewesen. Bericht vom Sterben meiner Mutter. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 95.

[33] Ebd., S. 98.

[34] Lillemors Frauenbuchladen. München.

[35] Verena Stefan. 1994, S. 9.

[36] Beide Zitate ebd.

[37] Ruth Schweikert. 2021. Und dann plötzlich diese Wut. In: Jil Erdmann (Hrsg.) Frauen erfahren Frauen. Zürich: Verlag sechsundzwanzig, S. 23.

[38] Eins. sieben. drei – der literaturpodcast. Folge 16. Unkaputtbar kaputt – mit Jessica Jurassica. 2021, Minute 35:10. Übersetzung aus dem Schweizerdeutschen von der Autorin, Lea Dora Illmer.

[39] Alle Zitate aus Verena Stefan. 1994, S. 10ff.

[40] Ebd., S. 25.

[41] Danke für den Hinweis auf diese tolle Textstelle, Franca Schaad:
«I mean the term lesbian continuum to include a range—through each woman’s life and throughout history—of woman-identified experience; not simply the fact that a woman has had or consciously desired genital sexual experience with another woman. If we expand it to embrace many more forms of primary intensity between and among women, including the sharing of a rich inner life, the bonding against male tyranny, the giving and receiving of practical and political support; […] we begin to grasp breadths of female history and psychology that have lain out of reach as a consequence of limited, mostly clinical, definitions of ‘lesbianism.’»
Aus dem Essay: Adrienne Rich. 1991. Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence.

[42] Verena Stefan. 1994, S. 113.

Bild: Portrait von Verena Stefan (Ausschnitt) © Yvonne Böhler

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