Kunst, Literatur

10 Gründe, Antje Rávik Strubel zu lesen

Von Andrea Zimmermann. Dieser Text ist Teil der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» im Rahmen von «Schreibweisen, Genres und die Verhältnisse der Geschlechter» von Art of Intervention.

1. Es ist zwei Jahre her, dass ich Antje Rávik Strubel kennenlernen durfte. Die Leiterin des Literaturhauses Basel, Katrin Eckert, fragte mich, ob ich ein Gespräch mit ihr moderieren wolle. Strubel hatte gerade den Preis der Literaturhäuser erhalten. Und ich musste gestehen, dass mir diese Autorin bisher nicht ins Auge gefallen war. Aber was für eine Entdeckung! In der Vorbereitung auf den Abend im Literaturhaus habe ich alle Bücher dieser Autorin mit ihrer beeindruckenden Schreibweise verschlungen. Und auch die persönliche Begegnung und das Gespräch mit ihr haben mich sehr inspiriert.

Ich finde es bemerkenswert, dass sich die Leitungen der Literaturhäuser damals auf diese Autorin geeinigt haben, die zwar schon lange schreibt, aber dennoch nicht von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Literaturhäuser nehmen auf diese Weise eine wichtige Rolle der Literaturförderung ein: Auszeichnungen und Lesungen sind ein zentraler Verdienst für Autor*innen und unterstützen somit auch diejenigen, die von den Verkaufszahlen und Stipendien kaum ihr Weiterschreiben finanzieren können.

2. Im vergangenen Jahr hat Antje Rávik Strubel den Deutschen Buchpreis erhalten. «Blaue Frau» (2021) wurde als Roman des Jahres ausgezeichnet. Zu Recht. Für mich ist diese Juryentscheidung auch ein Anzeichen dafür, dass im Literaturbetrieb ein Wandel festzustellen ist: Es lässt sich ein Bemühen erkennen, den Kanon diverser zu gestalten. Und damit meine ich nicht nur Vielfalt im Hinblick auf die Positionierung der Schreibenden, sondern auch thematische und ästhetische Vielfalt – ein Anliegen, für das sich die Autorin auch selbst einsetzt.

Und so erhält diese Autorin endlich die ihr gebührende Aufmerksamkeit. Zurzeit ist sie wieder in vielen Städten auf Lesereise, diesmal als Preisträgerin des Deutschen Buchpreises. Am 28. März wird sie in Basel sein – eine Gelegenheit, diese Autorin und ihr wirklich eindrückliches Buch näher kennenzulernen.

3. Eine kleine Besonderheit dieser Autorin: Rávik ist ein von ihr selbst gewählter Bestandteil ihres Namens. Sie formulierte es im Gespräch mit mir so: Es gibt eine «Identität, die einer Person während des Schreibens zukommt». Und so trägt auch die Protagonistin der «Blauen Frau» verschiedene Namen in verschiedenen Beziehungen und Konstellationen. Zudem ist das Schreiben auch sonst im Werk Strubels oftmals mit dem Leben und Überleben der Protagonist*innen verbunden. In «Blaue Frau» dreht sich viel um das innere Ringen damit, die entscheidende Nachricht zu senden an eine Organisation, die sich an Frauen in Not richtet. Adina, die Protagonistin des Romans, muss dafür eine «Aussage» machen. Eine ungeheuerliche Aussage, die mit der Möglichkeit verbunden ist, die erfahrene Gewalt zu überleben. Sprechen zu können, wird hier sichtbar als Akt der Selbstvergewisserung und der Selbstermächtigung. Über Sprache lässt sich in einer Situation, in der alle Gewissheiten verloren gegangen sind, eine Ordnung (wieder-) herstellen:

Das sind die Geräusche.» «Das sind die Gegenstände.»

Antje Rávik Strubel, «Blaue Frau», S. 9 und 10.

4. Über «Blaue Frau» wurde nun anlässlich des Deutschen Buchpreises viel geschrieben, daher nur ein paar Worte aus der persönlichen Leseerfahrung: Was für mich die Lektüre so besonders macht, ist zum einen die gelungene Thematisierung komplexer Machtverhältnisse und zum anderen die Figur der Blauen Frau selbst. Strubel gelingt es, anhand der Erzählung das oftmals verdrängte Machtgefälle zwischen Ost und West zu verbinden mit den Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Wie gewaltsam dieses Machtgefälle ist und wie wichtig eine Erneuerung von Erinnerungspolitiken ist, wird bei der Lektüre schmerzlich und geradezu körperlich spürbar. Und die Aktualität der daraus entstehenden Konflikte ist angesichts des Krieges in der Ukraine leider unbestreitbar.

Die Figur der Blauen Frau ist für mich beispielhaft für eine besondere Ebene in Strubels Schreiben: eine Ebene, die sich nicht endgültig aufschlüsseln lässt, die jedoch Innehalten und Reflexion erforderlich machen und den Akt des Lesens als besonders aktive Beteiligung zu einem wichtigen Bestandteil des Buches selbst werden lässt.

Antje Rávik Strubel. Foto ©Philipp von der Heydt.

Wenn ich schreibe, versuche ich, mir das eigene Denken (nicht das Wissen) sehr genau anzusehen. Um dann Sätze zu bilden. Und zu hoffen, daß die Sätze tragen.»

5. Diese Selbstreflexion zum eigenen Schreiben findet sich auf Strubels Homepage. Und ich denke, dass ein solcher radikaler Zweifel als grundlegende Bewegung für das Schreiben Strubels gelten kann. Immer wieder mache ich als Leserin die Erfahrung, dass scheinbar klare Gegebenheiten nur auf meinen eigenen, durch meine Erfahrungen geprägten, Vorannahmen beruhen. Immer wieder gelingt es Strubel, mir diese scheinbaren Gewissheiten abhanden kommen zu lassen. Diese Bewegung vom Verschwinden der Sicherheiten, der Ent-Selbstverständlichung, macht Strubels Schreiben aus.

6. Für mich ist das Schreiben Strubels eine besondere Bewegung der Kritik, die sich gerade auch auf Geschlechterverhältnisse, Identitäten, Liebe und Begehren richtet. Das macht ihr Schreiben auch zu einem queer-feministischen Schreiben im besten Sinne: Es versetzt in Bewegung, macht die eigenen Vorannahmen sichtbar und öffnet Räume für neue Konzepte und Konstellationen. Dazu passt auch das Zitat von Ilse Aichinger, das Strubel in ihrem Roman aufgreift:

Im Unerkundbaren kommen wir einander nah.»

Antje Rávik Strubel, «Blaue Frau», S. 293.

Besondere Bedeutung kommt in allen Büchern Strubels Momenten der Begegnung zu. Diese können Lebens- und Liebeswege entscheidend beeinflussen. Strubel schildert mit feinem Gespür das Aufeinandertreffen ihrer Figuren: wie sie voneinander fasziniert sind, was sie beieinander suchen und zu finden hoffen, und wie Identitäten sich aufgrund von Begegnungen neuformieren und verändern.

7. Strubels Schreiben knüpft für mich an die Tradition der écriture feminine. Es ist ein sinnliches Schreiben, das die symbolische Ordnung durchquert und von innen heraus hinterfragt und aufbricht. Und in dieser Bewegung des Rekonstruierens und Auseinandernehmens entstehen Orte der Heterotopie. Das sind oftmals Orte, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen, oder Orte, die sich ausserhalb der Gesellschaft zu befinden scheinen und auf besondere Weise mit Natur verbunden sind. Es sind Orte, die oftmals auch Strubels Liebe zu Skandinavien spürbar machen. Auf jeden Fall sind es Orte mit einer besonderen Atmosphäre, in die ich als Leserin hineingezogen werde und die mir Zuversicht geben, dass sich die gegenwärtigen Verhältnisse verändern lassen.

Gewidmet ist die «Blaue Frau» Strubels Mentorin Silvia Bovenschen, die 2017 verstorben ist. Deren 1979 erschienenes Werk «Die imaginierte Weiblichkeit» ist nach wie vor zentral für feministische Literaturwissenschaft. Wie Bovenschen herausarbeitete, ist die Darstellung des Weiblichen in der Literatur geprägt von Idealisierung oder Dämonisierung. Bovenschen schreibt:

Sie [die Frau] wird zugleich erhoben und erniedrigt, und zwar so hoch und so tief, daß sie in den gesellschaftlichen Lebenszusammenhängen keinen Platz mehr findet.»

Silvia Bovenschen «Die imaginierte Weiblichkeit», S. 31f.

In der Tradition dieser kritischen Auseinandersetzung mit dem literarischen Kanon sind es andere Frauenfiguren, die wir bei Strubel lesen und erfahren dürfen. Es sind weder zur Madonna noch zur femme fatale stilisierte Figuren, sondern Frauen, die sich mit sehr realistischen Machtverhältnissen auseinandersetzen müssen und mit diesen ringen.

8. Es war an der Zeit, dass diese Autorin nun endlich auch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Dafür sind Literaturpreise eben wichtig. Zum Weiterlesen empfehle ich «Kältere Schichten der Luft» (2007) sowie «In den Wäldern des menschlichen Herzens» (2016). Zwei Romane, die eindrücklich vom Begehren jenseits der vorherrschenden Geschlechternormen erzählen. Hier eine kleine Passage aus «In den Wäldern des menschlichen Herzens», welche zwei der Protagonist*innen vorstellt und mit Humor die Geschlechterordnung auf die Schippe nimmt:

Zwei schlanke Frauen in Hosenanzügen, von denen die eine sich die Lippen schminkte, die andere nicht, die ihr weißblondes, kurzgeschnittenes Haar mit Festiger zum Stehen brachte, zwei Frauen, die sich küssten und anfassten und auch sonst keinerlei Anstalten machten, ihr Zuneigung zu verbergen; es gab Menschen, die das irritierte. Selbst gebildete Leute hatten René schon fragen hören, ob Geschlechtsverkehr bei ihnen streng genommen überhaupt klappte. Idioten musste man einkalkulieren.»

Antje Rávik Strubel, «Blaue Frau», S. 13.

9. Ich kann nicht über Gründe schreiben, warum die Autorin vergessen wurde, sondern möchte meine Hoffnung formulieren, dass Strubels Schreiben sichtbar bleibt und Teil des sich ständig bildenden Kanons wird. Und das liegt ja letztlich auch an uns – denn wie Nicole Seifert deutlich gemacht hat, ist das Verschwinden von Autorinnen kein passiver Akt, sondern ein Akt des Unterlassens und des Verdrängens.

10. Bei Strubel gibt es viele intertextuelle Bezüge zu entdecken, die auf Mitstreiterinnen und Inspirationsquellen verweisen. Diese vielfachen Anknüpfungspunkte haben sicherlich nicht zuletzt mit ihrer Tätigkeit als Übersetzerin zu tun. Zuletzt hat sie Erzählungen von Virginia Woolf ins Deutsche übertragen: «Montag oder Dienstag» heisst die Neuübertragung der einzigen zu Lebzeiten Woolfs veröffentlichte Sammlung von Kurzprosa.

Damit eröffnet sich uns eine weitere Genealogie feministischen Schreibens, welche durch Strubels präzise und tiefgründige Formulierungen entsteht. Eine Erzählung in diesem Band scheint programmatisch zu sein: Sie handelt von einem Kreis von Frauen, die es sich zur Aufgabe machen, den Kulturkanon genauer zu untersuchen, der selbstredend von den «grossen Männern» geschaffen wurde. Letztlich und nach vielen Stunden der Auseinandersetzung kommen sie jedoch zum Schluss, dass sich dieser Kanon als recht armselig erweist. Wie gut also, dass es Autorinnen wie Antje Rávik Strubel gibt, die zu unserem Kanon etwas anderes, Neues und Nährendes beitragen können.

Andrea Zimmermann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Gender Studies an der Universität Basel. Sie war Leiterin der Vorstudie «Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb». Zusammen mit Dominique Grisard ist sie zudem Leiterin von art of intervention.

«10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen»

Warum werden runde Geburtstage von Frauen so oft vergessen? Und warum werden diese Jubiläen, wenn überhaupt im bescheidenen Rahmen begangen, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt?
Wie kommt es, dass Schriftstellerinnen vergessen werden? Dass ihre Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen aufliegen? Dass ihre Stimmen aus dem Feuilleton verschwinden?
Es ist nicht wahr, dass es früher keine schreibenden Frauen gab, und es waren auch nicht wenige, wie die feministische Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten zu zeigen nicht müde wird. Aber wie lässt sich der Zirkel des Vergessens und «Wiederfindens» durchbrechen?

Bis heute werden Bücher von Frauen seltener und deutlich kürzer besprochen, erhalten Frauen weniger Vorschuss für die nächste Neuerscheinung als Männer. Und das, obwohl die gesamte Kette des Literaturbetriebs von der Verlegerin über die Buchhändlerin bis hin zur Leserin vorwiegend weiblich ist.
Diese Mechanismen entbehren jeglicher Logik. Und sie zu durchbrechen, kostet viel Mühe und Arbeit – auch viel unbezahlte Arbeit, die zumeist von Frauen geleistet wird.

Mit der Reihe «10 Gründe, Frauen (wieder) neu zu lesen» wollen wir uns auf diesem Blog an Autorinnen erinnern, sie bekannt machen und Bewusstsein schaffen für Geschlechter-ungleichheiten im Literaturbetrieb. Dafür haben wir verschiedene Autor*innen, Akademiker*innen und Künstler*innen eingeladen, über eine Autorin zu schreiben, die ihnen viel bedeutet. Kennst auch DU eine Autorin, die dir viel bedeutet und an die du gerne erinnern möchtest? Hier findest du eine Anleitung (PDF). Bei Fragen schreib uns hier: info@theartofintervention.blog


Bild: Antje Rávik Strubel. Foto ©Philipp von der Heydt.

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