Kunst, Rückblick, Veranstaltung

Wozu wir Sorge tragen oder: «Unarchivierbares» archivieren

Von Lea Dora Ilmer. Dieser Beitrag ist Teil der Blogserie «Heute Nacht geträumt» und nimmt Bezug aug die Veranstaltung «Heute Nacht geträumt».

Kann politische und gesellschaftskritische Kunst überleben? Könnten wir uns fragen. Oder aber die Frage umkehren: Können Museen im Jahr 2022 ohne feministische und kritische Positionen bestehen? Und viel wichtiger: Sollen sie?

Mit diesen Überlegungen startet Maja Wismer in die erste Veranstaltung der Kooperationsreihe zwischen dem Kunstmuseum Basel | Gegenwart und art of intervention in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Gender Studies, den African Studies und der Kunstgeschichte der Universität Basel, FHNW, Swiss Center for Social Research und Pro Helvetia.

Die Ausstellung «Heute Nacht geträumt» der Aotearoa neuseeländischen Künstlerin Ruth Buchanan fordert uns auf, das Museum anders zu träumen und unsere Utopien publik zu machen. Die Kuratorin Maja Wismer spricht an diesem Abend mit den Künstlerinnen und Aktivistinnen Muda Mathis, Chris Regn und Andrea Saemann (Revolving Histories) sowie dem Kurator und Kunsttheoretiker Michael Birchall (Migros Museum) über künstlerische und kuratorische Strategien zur Sichtbarmachung von Alternativen. Ein kritisches Befragen der Institution Kunstmuseum müsse nicht gleich in einer Revolution enden, stellt Dominique Grisard von art of intervention klar, aber es dürfe unangenehm werden. Und das ist gut so.

Für Wismer hat alles in dem Raum begonnen, in dem wir an diesem Abend sitzen. Und mit Joseph Beuys: Das Kunstmuseum Gegenwart hat 1980 eröffnet, seither werden darin Werke von Beuys inszeniert, ab den 90er Jahren wurde die oberste Etage ein exklusives Beuys-Stockwerk. Ein toter Künstler in einem Museum für Gegenwartskunst? Für Wismer war das Provokation und Metapher zugleich: «Über der Gegenwart, im Dachboden, thront Beuys». Ihre erste Amtshandlung vergleicht Wismer mit dem Kompostieren: Es galt, Beuys abzutragen. Den Raum «aufzutauen». Auch wortwörtlich: Bisher verschlossene Fenster sind heute offen.

Ruth Buchanan ist – wie das Kunstmuseum Gegenwart – 1980 geboren. Ein schöner Zufall. Wismer kannte Buchanan bereits und ist mit ihrer Praxis vertraut. Sie schätzt Buchanans frischen Blick auf Architektur und den Fokus auf Tatorte: Wo hat was stattgefunden? Wo gibt es Netzwerke, wo Komplizenschaft? Die Ausstellung «Heute Nacht geträumt» gleicht einem räumlichen Gang durch die Institution. Die Sammlungsgeschichte wird mit der Geschichte der Menschen, dem gelebten Alltag, in Verbindung gebracht.

Scan des Kalenderblatts «Tatorte» (Januar) aus dem KAP Kalender 2022 von Revolving Histories (Nicole Boillat, Lena Eriksson, Martina Gmür, Martina Henzi, Chris Hunter, Chris Regn, Carlota Ribi). ©Die Künstler*innen.


«Revolving Histories» – Nicht die Hardware eines Museums

Auch das Projekt «Revolving Histories» fordert die Institution Museum heraus. Es will dasjenige dokumentieren, was üblicherweise im Museum keinen Platz hat. In diesem Fall die Performance-Kunst der Schweiz. Als Folgeprojekt einer Performance Chronik der Stadt Basel haben die Künstlerinnen und Aktivistinnen ihren (Ein-)Sammlungs- und Sichtungsprozess in Form eines Open Calls auf die gesamte Schweiz ausgeweitet. Der Akt des Bewahrens ist gestalterisch geprägt, gearbeitet wird vor allem mit Maps und Timelines, aber auch mit Interviews und Oral History. Von Juni bis August 2022 findet das recherchebasierte Ausstellungsprojekt mit dem Titel «Bang Bang» im Tinguely-Museum statt.


«Radical care» – Sorge als kuratorische und künstlerische Praxis

Michael Birchall gewährt uns Einblicke in erste Überlegungen über eine Ausstellung zum Thema «radical care», die er derzeit für das Migros Museum vorbereitet. Birchall stellt dabei wichtige Fragen: «Wie manifestiert sich Sorgearbeit im Museumskontext? Wie stellen wir sicher, dass niemand ausgebeutet wird? Auf welche Weise kümmern wir uns um die Besucher*innen? Und was bedeutet Sorge als künstlerische Praxis?» Konkret bedeutet das etwa, sich als Museum zu fragen, ob und wie den Besucher*innen und ihren Bedürfnissen räumlich Sorge getragen wird. Gibt es beispielsweise einen Ort innerhalb der Ausstellung, um zu verweilen, nachzudenken, sich auszuruhen? Einen Begegnungsort, der Menschen abholt, Hilfestellungen bietet? Und was, wenn es dem Museum selbst dazu an Expertise und Kapazitäten fehlt? Eine Künstlerin von Revolving Histories möchte wissen, was mit «radical care» gemeint ist: «Was genau ist radikal an diesem Konzept?» Eine Stimme aus dem Publikum weist ausserdem darauf hin, dass «radical care» bedeutet, Aktivist*innen und Initiativen zum Thema Care und Pflegearbeit sowie bereits existierende alternative Formen von Care, etwa «caring masculinities» einzubinden. Was bietet sich hier besser an als die Pflegeinitiative? Gerade dann, wenn – wie Birchall betont – der Anspruch bestehe, die Ausstellung lokal zu verorten. Wie das Migros Museum auf diese kritischen Nachfragen antwortet, wird sich in den nächsten zwei Jahren zeigen.


Dreamspaces, Tag- und Nachtträume

Die Arbeit im Museum ist auch insofern Care-Arbeit, als dass sie das Sorgetragen für eine Kunstform umfasst. Archivieren und Bewahren ist eine Form des Sich-Kümmerns. Die drei Projekte eint das Sorgetragen, im Falle von Revolving Histories gerade für das «Unarchivierbare», die eigene aktivistische Arbeit. Alle Projekte haben Interesse an einer Öffnung von Kunst und ihren Institutionen gegenüber explizit gesellschaftspolitischen Themen. Können und sollen Museen im Jahr 2022 ohne feministische und kritische Positionen bestehen? Der Abend formuliert ein klares «nein». Offen bleibt: Haben wir heute Nacht geträumt? Dominique Grisard stellt zum Schluss die Frage nach den Dreamspaces, die in den kommenden Veranstaltungen immer wieder auftauchen wird. Gibt es sie bereits? Zeichnen sie sich ab? Oder braucht es noch Zeit? Für Wismer sind Dreamspaces fassbar, anfassbar und füllbar. Sie machen Lust und erlauben unerwartete Begegnungen mit Kunst. Sie ermöglichen es, Lücken wahrzunehmen und auszuhalten. Und nicht etwa, Lücken zu füllen. Denn das würde etwas Komplettes voraussetzten. Und das, so das vorläufige Schlusswort, gibt es nicht.

Lea Dora Ilmer studiert Geschlechterforschung, Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Basel. Ihre Masterarbeit schreibt sie zur sogenannten Frauengesundheitsbewegung in der Schweiz. Daneben schreibt sie für die an.schläge und andere Magazine. Sie ist Mitbegründerin des Vereins FKK (Feministische Kulturkritik).


Bild: Ausschnitt eines Scans des Kalenderblatts «Tatorte» (Januar) aus dem KAP Kalender 2022 von Revolving Histories (Nicole Boillat, Lena Eriksson, Martina Gmür, Martina Henzi, Chris Hunter, Chris Regn, Carlota Ribi). ©Die Künstler*innen.

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