Kunst, Rückblick, Veranstaltung

Nicht nur hahaha

Von Lea Dora Illmer. Ein Rückblick auf die Veranstaltung laughing-lachen-rire im Rahmen der Ausstellung Fun Feminism.

Was bringt mich zum Lachen? Wann (be-)lächle ich? Wem verweigere ich mein Lachen? Und wer lacht über meine Witze? Die Beschäftigung mit der Ausstellung «Fun Feminism» hat bei mir einige Fragen aufgeworfen. Insbesondere solche, die das Lachen in den Blick nehmen. Humor ist mehr als das, was uns zum Lachen bringt. Und doch hängt beides zusammen. Ich zitiere nicht ohne Widerwillen Max Frisch, musste aber anlässlich der Veranstaltung «laughing-lachen-rire» an eine seiner berühmten Fragebogen-Fragen denken:

Wenn sie von einem Menschen sagen, er habe Humor: Meinen sie damit, daß er sie zum Lachen bringt oder daß es ihnen gelingt, ihn zum Lachen zu bringen? [1]

Ich gestehe mir ein, dass letzteres für mich durchaus auch eine Rolle spielt. Lachen hat – so scheint mir – viel mit unserem Selbstbild und Selbstverständnis zu tun. Deswegen nehme ich mir vor, darauf zu achten, worüber ich lache. Ich habe begonnen, ein Lachbuch zu führen. Ein Einblick:

10. Oktober 2022

  • Die übertrieben lange Goethe-Fussnote im Blutbuch von Kim de L’Horizon.
  • Eine Mutter sagt in der «Fun Feminism» Ausstellung zu ihrer Tochter: «Die Guerrilla-Girls, das ist so eine Künstlergruppe».
  • Die Autorin Verena Stefan beantwortet eine Anfrage bezüglich einer Verfilmung ihres Romans «Häutungen» mit den Worten: «[…]ich glaube nicht, dass ein Mann über die ‘Häutungen’ der andern Hälfte der Menschheit arbeiten kann. Männer haben lange genug über Frauen und mit dem Material von Frauen gewirtschaftet. Warum nehmen Sie nicht Ihre eigenen Häutungen zum Thema?»

Was sagt mein Lachbuch über mich aus? Und lache ich immer gleich? Wie viele Arten von Lachen kenne ich? Meine Freundin sagt, ich habe ein «Feuerwerkslachen», böse Zungen behaupten, ich lache wie eine Hyäne. Mein Exfreund schämte sich manchmal, wenn ich zu laut lachte. «Das ist jetzt dein gemeines Lachen», weisen mich Freund*innen hin und wieder zurecht. Nur sehr selten muss ich vor lachen weinen. Eher verschlucke ich mich daran.


«Nicht nur hahaha»

Die zweite Veranstaltung des Begleitprogramms zur Ausstellung Fun Feminism vom Kunstmuseum Gegenwart und art of intervention beleuchtet das Lachen aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive. Dabei sollen ganz unterschiedliche Aspekte des Lachens in den Blick genommen werden, betont Dominique Grisard, «nicht nur hahaha». Die Theaterwissenschaftlerin Jenny Schrödl ist aus Berlin angereist, um uns – unter anderem – zum Lachen zu bringen. Der Abend ist durch Fragen strukturiert: Lachen scheint ein körperlicher, «natürlicher» Prozess zu sein – ergibt es Sinn, von einer «Technik» oder «Arten» des Lachens» zu sprechen? Was macht Lachen performativ aus? Welche Rolle spielt Geschlecht? Und hat Lachen das Potenzial zur Intervention? Schrödl hat nebst Antworten auch Beispiele aus der Performance-Kunst mitgebracht.

Foto der Veranstaltung laughing-lachen-rire am Kunstmuseum Basel | Gegenwart. ©Privat.


Partitur und Parodie

Lachen ist vergleichbar mit der Stimme. Mit beidem kennt sich Jenny Schrödl aus. Sie hat 2012 das Buch Vokale Intensitäten. Zur Ästhetik der Stimme im Postmodernen Theater publiziert. Auch unser Lachen ist erlernt und hat eine soziale Dimension. Lachen, so Schrödl, präge unsere Identitäten mit. Das zeigt auch ihr erstes Beispiel: «Lachen» von Antonia Baer, «ein Stück über das Lachen als solches.»[2] Baer untersucht darin das Lachen als eigenständige Ausdrucksform, ohne Ursache, ohne Kontext. Das heisst: Sie lacht kleine Partituren, die ihre Familie und ihr Freund*innenkreis für sie geschrieben haben. Sie lacht also in der Haltung einer Musikerin vom Notenblatt. Dadurch treten die Techniken des Lachens und seine Herstellungsweisen in den Vordergrund. Lachen wird zu einem mechanischen Vorgang. Der Fokus liegt plötzlich auf dem pulsierenden, rhythmischen Element. Das Video ist nicht per se lustig, aber ansteckend. Manch eine Partitur erinnert an Tiergeräusche, andere muten abgründig, ja grotesk an.



Vier Dimensionen des Lachens

Der Lachvorgang hat den Theaterwissenschaften zufolge vier Dimensionen: Erstens, eine materielle Dimension, die sich auf den körperlichen Vorgang bezieht. Auch das Visuelle wird hierzu gezählt. Zweitens, das Semiotische, also die Bedeutung des Lachens, samt seiner sozialen und kulturellen Aspekte. Drittens, eine ästhetische Dimension: Hierzu gehören die Techniken des Lachens. Viertens seine Medialität, bspw. die Kopräsenz bei einer Aufführung mit Publikum.

Schrödl hält fest, dass die Performance-Kunst seit den 70er Jahren daran arbeitet, die Konstruiertheit scheinbar natürlicher Vorgänge wie etwa des Lachens offenzulegen. Ansteckendes Lachen werde jedoch nach wie vor durch psychoneuronische Faktoren erkärt, allem voran durch die Aktivität von Spiegelneuronen. Die Arbeit von Antonia Baer queert diese binäre Trennung von «künstlich» oder «natürlich», da beide Aspekte in ihrer Auseinandersetzung mit dem Lachen eine Rolle spielen.


Krise der Komik

Ist Lachen vergeschlechtlicht? Schrödl ist der Ansicht, dass Geschlecht eine Rolle spiele, der Kontext aber miteinbezogen werden müsse. So schlägt sie den Bogen zur Komik als Lach-Anlass. Am Beispiel des Genres Komik lassen sich zwei Aspekte verdeutlichen, die den Zusammenhang von Lachen und Geschlecht aufzeigen. Zum einen stellt die Komik selbst ein «männlich» konnotiertes Genre dar, das es aufzubrechen gilt. Zum anderen können spezifische Formen der Komik (vergeschlechtlichte) Erwartungen unterlaufen, etwa indem sie diese verweigern.

Weil es noch immer deutlich mehr Komiker gibt als Komikerinnen, hat Vanessa Stern 2010 das Krisenzentrum für weibliche Komik gegründet. Dieses bildet die Basis des Projekts «Heulen kann jede. Weibliche Komik in der Krise», in dem sie «die Dauerkrise des Komischen, in der Frauen sich befinden»[3] untersucht. «Frauen, die sich mit ihrer Komik in der Krise befinden oder die Krisen ihres Lebens komisch bearbeiten wollen oder Lust haben, politisch aktiv zu werden», können sich an das Krisenzentrum wenden. Dort bietet Stern auch Fortbildungen an. Schrödl zeigt uns schliesslich, um den zweiten Aspekt – also eine spezifische Art der Komik – zu verdeutlichen, den Trailer von Sterns Stück «Die Umschülerinnen oder die Komödie der unbegabten Kinder». Darin begleiten wir die Darstellerinnen in einer Alphütte bei einem Prozess der «Verhässlichung» (nach gängigen Schönheitsstandards), der ihnen grossen Spass zu machen scheint. Dazwischen werden Zitate eingespielt, die sich wie antikapitalistische Pendants zu Yogi-Tee-Weisheiten lesen. Etwa:

Wir hören auf, irgendeine Begabung in uns zu suchen.

Oder:

Wir stellen unsere Muße in den Dienst der Apathie.



Subversives Lachen

Komik funktioniere, so Schrödl, über eine Kontextualisierung von Werten und Normen in einer bestimmten Kultur. Als Beispiel dafür nennt sie die Umkehrung der Verhältnisse, etwa das Karnevaleske nach Mikhail Bakhtin. Karneval bezieht sich dieser Theorie zufolge auf die mittelalterliche Lachkultur und nicht etwa auf die Fasnacht wie wir sie heute kennen. Dem Karnevalesken sind anti-hierarchische Tendenzen eigen, die sich für eine begrenzte Zeit gegen Autorität und Macht wenden. Die herrschende Ordnung wird vorübergehend umgestülpt und ins Lächerliche gezogen. «Die da oben» sind für diesen Moment jene, auf die hinabgeschaut wird. Eine solche Umkehrung und das dadurch ausgelöste Lachen können für den Moment zwar entlastend wirken, die herrschende Machtverhältnisse längerfristig jedoch sogar festigen. Denn nach dem Ausnahmezustand kehrt alles wieder zur gewohnten Ordnung zurück.

Auch in Bezug auf die (leider nach wie vor) vorherrschenden Geschlechterverhältnisse und -normen gibt es eine Kultur der Komik, die eine spezifische Form der Kritik mit einem ekstatischen Gefühl der Befreiung zu kombinieren weiss: die Geschlechterparodie. Weil meine Kollegin Christina Zinsstag sich damit besser auskennt, habe ich sie um eine Erläuterung gebeten. Der folgende Abschnitt ist von ihr verfasst.

Der Autor Mark Booth beschrieb Camp 1999 wie folgt:

to be camp is to present oneself as being committed to the marginal with a commitment greater than the marginal merits [4]

Der Humor von Camp und/oder Drag kennzeichnet sich demnach dadurch, dass das Marginalisierte, das scheinbar Lächerliche, Unanständige, zu Bedauernde mit absoluter Hingabe performt wird – und in seiner Ernsthaftigkeit scheitert. Anders als beim Karnevalesken wird dabei jedoch nicht etwas, das üblicherweise «da oben ist», lächerlich gemacht, sondern etwas, das üblicherweise unterdrückt wird, gefeiert. Susan Sontag schreibt hierzu in «Notes on Camp» (1964):

In […] Camp, the essential element is seriousness, a seriousness that fails. Of course, not all seriousness that fails can be redeemed as Camp. Only that which has the proper mixture of the exaggerated, the fantastic, the passionate, and the naïve

Dabei entsteht ebenfalls eine Umkehrung gesellschaftlicher Verhältnisse. Doch die Kritik stellt nicht nur deren gesellschaftliche Legitimität in Frage, sondern auch deren «Naturgegebenheit». Ist es wirklich «natürlich», dass nur Frauen gerne Röcke tragen oder ist es nicht vielmehr so, dass Männern die Freude am Tragen eines Rocks vermiest wird? Und wenn die Freude am Tragen von Röcken keine Frage des Geschlechts ist, ist sie dann eine Frage des ästhetischen Geschmacks? Und wenn die Freude am Tragen von Röcken also keine Frage des Geschlechts ist, geht es dabei schlussendlich nicht um eine Frage des ästhetischen Geschmacks? Und entlarvt sich «Natürlichkeit» dann nicht als Frage des Stils?[5] Darin liegt das nachhaltig Subversive im Camp: Das, wofür wir gelernt haben uns zu schämen, weil es nicht den gesellschaftlichen Erwartungen (etwa an unser Geschlecht) entspricht, kann als wahrhaftig, als ernst, als zugehörig, als begehrenswert und als wunderbar erfahren werden – genauso wie das Scheitern beim Versuch, einer Norm zu entsprechen.


Lachen als Intervention

Jenny Schrödl lädt uns zuletzt dazu ein, das Gelernte in die Ausstellung «Fun Feminism» hineinzutragen. In Kleingruppen befragen wir jeweils ein Kunstwerk auf verschiedene Aspekte hin. Meine Gruppe widmet sich Jana Euler’s «From the perspective of the margarine» von 2021. Es erzeugt bei der Mehrheit einen Überraschungsmoment, der sich in einem verblüfften Lachen äussert. Kurz und impulsiv. Wir befinden den absurden Perspektiven- und Kontextwechsel als humorvoll. Die Einladung zur Indentifikation mit der Margarine sorgt für Irritation. Das Alltägliche, Gewöhnliche, was dem Backen, dem Mixen der Margarine anhaftet und klassischerweise zur Sphäre des Weiblichen gehört, erhält hier Raum. Am Ende sind wir thematisch also wieder bei der ersten Veranstaltung dieser Reihe angelangt, bei der Küche als Ort des feministischen Auf- und Widerstands. Die Frage, ob Lachen eine Intervention darstellen könne, bejahe ich nach diesen Abenden – seien es das Ver-lachen der hegemonialen Ordnung mittels Parodie oder humoristische Verfahren, die Erwartungen an Geschlecht verweigern. «Warum scheuen Revolutionär*innen den Humor?»[6], erinnere ich mich an eine andere Frage Frischs. Ich muss ihm hier wohl widersprechen.

«From the Perspective of the Margarine» von Jana Euler, 2021. Ausstellungsansicht, Fun Feminism, Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Foto: Gina Folly. Courtesy of Peric Collection.


Lea Dora Illmer studiert Geschlechterforschung, Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Basel. Ihre Masterarbeit hat sie zur sogenannten Frauengesundheitsbewegung in der Schweiz geschrieben. Daneben schreibt sie für die an.schläge und andere Magazine und arbeitet als freie Lektorin. Sie ist Mitbegründerin des Vereins FKK (Feministische Kulturkritik).


[1] Frisch, Max (2019): Fragebogen. Erweiterte Ausgabe. Berlin: Suhrkamp.

[2] https://www.reactfeminism.org/nr1/artists/baehr.html

[3] https://www.udk-berlin.de/forschung/graduiertenschule/stipendiatinnen/2010/vanessa-stern/

[4] Booth, Mark. 1999. «Campe-Toi! On the Origns and Definitions of Camp». In Camp: Queer Aesthetics and the Performing Subject: a Reader, edited by Fabio Cleto, pp. 66–79. Triangulations. Ann Arbor: University of Michigan Press.

[5] Um es mit Oscar Wilde in «An Ideal Husband» zu sagen: «To be natural is such a very difficult pose to keep up».

[6] Die gendersensible Formulierung ist die Schreibweise der Autorin.


Bild: Ausschnitt von «From the Perspective of the Margarine» von Jana Euler, 2021. Ausstellungsansicht, Fun Feminism, Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Foto: Gina Folly. Courtesy of Peric Collection.

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